Ich habe mich beworben

Endlich ist die Stellenanzeige für die Nachfolge von Uschi veröffentlicht worden.

Es hat gedauert, weil Winfried zuerst einen Wunschkandidat hatte, mit dem er schon gearbeitet hatte, bevor er nach Berlin gekommen ist. Den hatte er zum Vorstellungsvortrag bei uns eingeladen. Die zur Zeit leider angespannte Personalsituation in der Gruppe hatte ihn doch erschreckt, da mein IT-Kollege nur noch ein Tag pro Woche bei uns ist, ohne Aussicht auf einen Nachfolger, und Miekes Vertrag alle paar Monate erst im letzten Moment verlängert werden kann — dabei ist sie zuständig für unser ganzes Labor.

Unsere Verwaltung hat die Stelle frei gegeben. Als Nachfolge von Uschi ist sie allerdings gar nicht zu erkennen. Sie ist als banale befristete Postdoc-Stelle ausgeschrieben worden. Immerhin für drei Jahre, was eine Seltenheit ist. Die Begründung von Winfried war, dass er seinem Wunschkandidat sofort eine Dauerstelle angeboten hätte. Eine andere Person müsste sich aber zuerst beweisen, daher die Befristung.

Damit sind meine Chancen, für die Stelle in Frage zu kommen, gleich null. Ich habe schon die maximale Beschäftigungsdauer auf öffentlichen befristeten Stellen erreicht, und kann nur noch über Drittmittelprojekte finanziert werden (DFG und BMBF ausgenommen). Außerdem zieht mich eine Führungsaufgabe nicht so richtig an. Dann hätte ich viel weniger Zeit für meine wissenschaftliche Arbeit, die doch so viel Spaß macht. Wozu denn die Bewerbung?

Vor einigen Wochen hatte uns Winfried beim Gruppenmeeting erzählt, dass die Stellenausschreibung bei der Verwaltung liegen würde. Ich saß gegenüber von ihm. Mr Keen saß neben ihm. Ich habe auf einmal gehört, wie Mr Keen plötzlich laut geatmet hat. Ich hatte schon lange den Verdacht, dass er sich gerne als Chef bei uns sehen würde, seitdem Uschi über seine Kündigung gesprochen hatte. Winfried hat die Stellenausschreibung beschrieben und ausdrücklich einen Punkt erwähnt, der ausschlaggebend war. Der erfolgreiche Bewerber sollte ein Expert in einem bestimmten wissenschaftlichen Gebiet sein. In der Gruppe bin ICH eigentlich DIE Expertin in dem Gebiet. Mr Keen hat da überhaupt keine Erfahrung. Am Ende vom Meeting habe ich absichtlich als letzte den Raum verlassen, während Mr Keen und Winfried noch am Tisch saßen. Als ich an der Tür war, habe ich gehört, wie er ihn „leise“ gefragt hat, ob er wegen seinen fehlenden Kenntnisse in dem Gebiet als Kandidat nicht geeignet wäre. Winfried hat tief eingeatmet. Länger bin ich nicht geblieben, um nicht aufzufallen.

Es wird bestimmt bessere Bewerber geben. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Aber was ist, wenn Mr Keen sich bewirbt, und die anderen Bewerber doch nicht passen? Eine Zukunft mit ihm als Chef kommt mir sehr grauenhaft vor. An eine Weiterbeschäftigung in der Gruppe wäre ich sicherlich nicht mehr interessiert. Wer will denn so einen protzigen Typ als Chef haben, der gerne seine Kollegen klein redet, weil er ein bisschen älter ist, und grundsätzlich frauenfeindliche Meinungen mit sich trägt? Er hat sich noch sichtlich für besonders hinterlistig gehalten, als er mir danach gesagt hat, er wäre gespannt, wer zu uns in der Gruppe als Nachfolger von Uschi kommt. Obwohl ihm seine Aufregung im Meeting nicht zu überhören war. Das alleine ist für mich schon ein Ausschlusskriterium. Ein Chef sollte nicht so leicht durchzuschauen sein.

Meine Bewerbung ist also hauptsächlich ein Schutz gegen seine. Denn Winfried kann ihn nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn meine Kandidatur daneben liegt. Und Forschungsinstitute sind nicht so starr wie Unis, was Stellen angeht. Wenn er meint, mich einstellen zu wollen, kann er vielleicht trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen Weg finden.

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4 Gedanken zu “Ich habe mich beworben

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