Osterwochenende vorbei

Es war noch länger, weil ich am Donnerstag Freizeitausgleich hatte. Es war als Erholung vom Sonntag vor zwei Wochen gedacht, als ich den ganzen Tag bei der Arbeit verbracht hatte. Ich konnte mich am letzten Wochenende schon halbwegs erholen, aber durch den Tod meiner Katze war dieser zusätzliche freie Tag dringend nötig. Mir ging’s echt mies. Vielleicht hat es damit zu tun, aber ich habe auf einmal keine Lust mehr, in meiner aktuellen Stelle zu bleiben. Ich sehne mich nach einer ganz normalen Arbeit, mit ganz normalen Arbeitszeiten, wo es nicht von einem erwartet wird, dass man sicht am Wochenende kaputt arbeitet, wo man stattdessen spontan Wochendeausflüge machen kann, und wo man nicht alle vier Wochen Rufbereitschaft machen muss, um nachtsüber telefonisch erreichbar zu sein… Kurz gefasst: Ich habe wieder angefangen, mich zu bewerben. Und wenn sich etwas ergibt, bin ich weg. Möglichst nicht mehr in der Forschung.

Ich habe noch zu Hause geputzt und eingekauft. Martin ist von Freitag auf Samstag bei Freunden für ein Osterfeuer unterwegs, wie jedes Jahr. Mir war es diesmal nicht danach. Stattdessen habe ich mich erholt. Und vor der Glotze gesessen. Das mache ich sonst nie! Nur Martin schaltet den Fernseher an. Mir ist es zu aufwendig. Drei Steckdosen muss man anschalten, eine Festplatte, die Playstation, warum auch immer, und so viele Fernbedienungen… In meiner Jugend war’s viel einfacher. Knopf drücken, das war’s. Man konnte sogar direkt am Fernseher das Rad drehen, um das Programm zu wechseln, ohne eine Fernbedienung zu brauchen (die war eh nur was für faule Säcke). Jetzt nicht mehr. Es hat sich einiges geändert, in meinem langjährigen Leben ohne Fernsehen, seidem ich fürs Studium umgezogen bin.

Am Samstag war es mir zu schwindelig, um etwas zu unternehmen. Ich dachte schon, ich wäre schwanger (das hat seit der Bauchhöhlenschwangerschaft nicht mehr geklappt), aber nein, meine Periode ist heute wieder da. Gestern ging es mir besser, und ich habe uns ein tolles Osteressen gemacht, wie meine Mami es früher immer gemacht hatte. Lammrücken im Backofen mit ganzen Knoblauchzehen im Fleisch gedrückt, Thymian und Rosmarin, Kartoffeln und Flageolets… Obwohl ich es selber gemacht habe, muss ich sagen, es war so was von lecker! Der Schwiegervater in spe war auch eingeladen. Es war ein gemütliches Mittagessen, wir haben das schöne Wetter genoßen und auf der Terrasse gegessen.

Heute morgen war das Wetter toll. Wir haben offiziell die Fahrrad-Saison eröffnet und sind zum botanischen Garten gefahren. Danach habe ich mir Vorlesungen von meinem aktuellen MOOC angehört. Ich habe die letzten zwei Wochen verpennt, jetzt gab es viel nachzuholen. Es geht um Statistik mit R. Der Kurs ist auf Französisch und endet diese Woche. Die Prüfungen sind aber nicht jede Woche zu liefern, wie beim openHPI, sondern nur bis zum Ende vom Kurs. Die sind viel flexibler, also kann ich es noch schaffen und eine Urkunde bekommen. Vielleicht hilft es bei meiner Jobsuche. Vielleicht auch nicht.

Es geht nicht weiter

Chipie

So schnell ging das. Ich habe heute ganz früh die Arbeit verlassen. Zu Hause angekommen, habe ich die Mieze in ihre Tasche gepackt. Sie war zu schwach und hat keinen Widerstand geleistet. Gegessen hatte sie gar nichts. Sie musste für die Untersuchung nüchtern sein, weil sie wieder eine Narkose bekommen musste. Ich dachte, wir würden länger brauchen, um fertig zu sein.

Da es zu früh war, sind wir zu Fuß zur nächsten Bushaltestelle gegangen. Also, ich bin gegangen und habe ihre Tasche getragen, sie hat durch die Löcher der Tasche um sich herum geschaut und die Luft geschuppert. So schön war es nicht, weil wir entlang einer viel befahrenen Straße gegangen sind. Die laute Autos haben sie erschreckt. Im Nachhinein denke ich, ich hätte besser den ruhigen Weg hinter dem Haus entlang gehen sollen, und mit der S-Bahn statt mit dem Bus fahren sollen. Wir sind wieder von einem älteren Paar an der Haltestelle angequatscht worden, und mir war es echt nicht danach, Small-Talk zu leisten. Die Ergebnisse von gestern waren nicht gut.

Wir waren noch zu früh bei der Praxis. Die Tierärztin, die die Ultraschall-Untersuchung machen musste, war verspätet. Die Mieze war genervt, wieder so lange in ihrer Tasche bleiben zu müssen. Wir sind eine Stunde im Warteraum geblieben. Sie hat ihre Narkose bekommen, und wir haben sie zu einem anderen Behandlungsraum gebracht. Wir haben nicht so lange gewartet wie gestern, und sie hat noch gefaucht und gegrollt, als sie aus ihrer Tasche geholt wurde. Aber sonst konnte sie sich nicht mehr wehren, die Assistentin hat ihre dicke Schutzhandschuhe doch nicht gebraucht.

Ihr Bauch ist rasiert worden. Ein beeindruckender Anblick, bei ihrer Haarlänge. Sie hat einen Gel auf der Haut bekommen, sich leicht darüber beschwert, und die Tierärztin hat die Untersuchung begonnen. Ich habe auf ihrem Bildschirm geschaut, aber ich konnte gar nichts davon verstehen. Am Ende hat sie mir gesagt, dass es sich um einen Tumor handelte. Ein enormer Tumor, knapp 5 mal 8 cm groß, am Anfang vom Darm, und in Kontakt mit anderen vitalen Organen. Operieren oder irgendwie sonst handeln konnte man den schon nicht mehr.

Ich hatte es geahnt, aber gehofft, dass es doch nicht so schlimm wäre. Die Masse auf dem Röntgenbild gestern war doch riesig, und die Ärztin hat nur bestätigt, was ich befürchtet hatte. Und so richtig gut vorbereitet war ich doch nicht, weil ich zusammengebrochen bin. Die Tierärztin und ihre Assistentin haben mich zum Warteraum mit meiner Mieze geschickt, bis der Tierarzt von gestern mit mir sprechen konnte. Der Tumor muss schon lange da gewesen sein. Sie hat sich nichts anmerken lassen, und als die Symptome erschienen sind, war es schon zu spät.

Es war klar, dass ihr Krebs so fortgeschritten war, dass nichts mehr zu machen ist. Es war klar, dass es ihr nur noch schlechter gehen könnte. Nur zuzuschauen, wie sie vor sich hin leidet, wäre einfach blöd gewesen. Als sie gestern Abend auf ihrem Lieblichsteppich ruhig lag, hat sie immer wieder kleine Miau von sich gegeben. Ich bin geblieben, als er ihr die letale Injektion verabreicht hat. Sie war noch unter Narkose und hat nichts mitbekommen, hoffe ich. Ich habe gesehen, wie ihr kleiner Kopf zwischen ihren Pfoten gesackt ist. Es ging so schnell.

Ihr Körper bleibt erstmal in der Praxis. Ich muss überlegen, was aus ihr wird. Gläubig bin ich nicht, dass ich viel Wert auf eine Beerdigung lege, aber die Vorstellung, sie einfach lieblos zu entsorgen, ist mir zu grausam. Ich bin zurück nach Hause mit ihrer leeren Tasche und ihrer Pflüschente gegangen. Sehr langsam. Die kleine Pflüschente hatte ihr meine Mami als Spielzeug geschenkt, als sie noch ein Kätzchen war, und sie hat sie immer noch so gerne überall mit sich herum geschleppt.

Als ich unten die Haustür geöffnet habe, habe ich mich dabei ertappt, wie ich gelauscht habe, ob sie dabei war, an die Wohnungstür ganz oben zu kratzen. Ich habe ihre Tasche im Flur gelassen. Ihre Ente ist noch drin. In der Küche ist ihr leerer Napf am Boden neben dem Kühlschrank. Ihr Lieblingsteppich ist noch voller Haare, aber ich habe ihn nicht staubsaugen wollen. In einer Ecke steht ihr neuer Transportkäfig, den wir am Samstagnachmittag besorgt haben, weil die Tierärztin meinte, es wäre viel besser als die Tasche, aus der sie entkommen könnte (was ich nicht für möglich gehalten habe). Ich habe die Tasche weiter benutzt, weil sie Zeit braucht, um sich an neue Gegenstände zu gewöhnen. Sie ist noch nicht mal drin gewesen.

Die Wohnung ist verdammt leer. Martin kommt erst morgen Abend zurück.

Morgen geht’s weiter

Wir sind heute Morgen zurück zum Tierarzt gegangen. Am Samstag hatte die Mieze noch ein bisschen gegessen (viel weniger als sonst). Gestern ging wieder nichts rein. Sie miaut ums Essen, aber wenn sie es riecht, wendet sie sich geekelt ab.

Diesmal war ihr Tierarzt ein Mann. Er ist von seiner Kollegin am Samstag gewarnt worden und hatte gleich zwei Helferinen dabei. Sie haben sofort meine fauchende Mieze in ihrer Tasche festgehalten und er hat ihr die Narkose durch die kleinen Öffnungen verabreicht. Es hat keine zwei Minuten gedauert. Wir sind dann zu einem anderen Behandlungsraum gewechselt, und ich habe gewartet, bis die Mieze eingeschlafen ist. Das Licht wurde gedimmt und ich habe mit ihr ganz leise geredet, damit sie sich in Sicherheit fühlt. Wenig später hatte sich schon ihr Atem beruhigt, und sie lag mit dem Kopf unter den vorderen Pfoten.

Nach zehn Minuten sind wir zum ersten Raum zurück gegangen. Ich war überrascht, als sie die Tasche geöffnet haben, und meine Mieze mit geöffneten Augen noch leicht gefaucht hat. Ich dachte, sie würde jetzt tief schlafen. Der Tierarzt hat erklärt, dass es keine Vollnarkose war. Die Katze konnte sich nicht mehr wehren, aber trotzdem alles mitbekommen. Ich weiß nicht, ob es eine so gute Idee ist. Ich stelle mir vor, wie sie innerlich vor Wut gekocht haben muss, während sie regungslos so viel durchmachen musste.

Der Tierarzt hat ihren Rachen untersucht. Er hat eine Art Zwinge in ihrem Maul gesteckt, um ihren Kiefer möglichst offen zu halten. Er hat unglaublich viel an ihre Zunge gezogen, ich hätte nie gedacht, dass sie so lang war. Mit einem kleinen Spiegel wie beim Zahnarzt hat er dann ihren Rachen untersucht und nichts Verdächtiges gefunden. Ihre Temperatur ist gemessen worden, und Blut ist ihr abgenommen worden. Sie haben zuerst an der rechten vorderen Pfote probiert, aber es ging nicht gut, deswegen sie noch mal links die Nadel eingesteckt bekommen hat. Es hat geklappt. Sie hat noch Nährmittel am Tropf bekommen. Anschließend würde sie geröntgt.

Wir haben im Warteraum fünf Minuten auf die erste Ergebnisse gewartet. Der Tierarzt hat mir das Röntgenbild gezeigt. Im Magenbereich liegt eine dicke Masse. Es ist noch nicht klar, was es ist. Ein Tumor ist nicht ausgeschlossen. Für die Ergebnisse aus der Blutuntersuchung wollte er mich heute Abend anrufen, es würde noch dauern. Insgesamt war’s ganz schön teuer. Am Samstag hatte ich nach einer Schätzung der Kosten für heute gefragt: 140€. Ich musste doch 213€ irgendwas blechen, und dabei haben wir nichts gemacht, was nicht vorher vereinbart war. Wir haben noch einen Termin für eine Ultraschalluntersuchung morgen Abend gemacht, um die Masse genauer zu untersuchen.

Und da die Mieze noch unter Narkose war und nicht alleine bleiben sollte, habe ich sie zur Arbeit mitgenommen. Der Weg dahin war unglaublich. Ich bin mit der S-Bahn gefahren, wie jeden Tag. Normalerweise wird man immer ignoriert und in Ruhe gelassen. Heute Morgen bin ich die ganze Zeit wegen der Mieze in ihrer Tasche angequatscht worden. Dazu hatte ich keine Lust, weil der möglicherweise Tumor mir einen Kloß im Hals machte. Bei der Arbeit ging’s. Sie ist den ganzen Tag ganz ruhig geblieben und hat keinen Ton von sich gegeben, obwohl es total langweilig sein musste. Ein bisschen Trockenfutter hat sie gegessen. Trinken wollte sie nicht.

Kurz nach sieben hat uns Martin mit dem Auto abgeholt. Die Katze hat gefaucht. Er hatte das Dienstauto dabei, weil er morgen früh nach Polen muss. Der Geruch vom neuen Leder hat ihr bestimmt nicht gefallen. Sie ist immer lauter und lauter geworden. Der Tierarzt hat mich während der Fahrt angerufen. Die Blutwerte sind in Ordnung, außer dass sie Anämie hat. Kein Wunder, sie isst quasi nichts mehr seit einer Woche. Ihre Leber und Nieren scheinen gut zu funktionieren. Der Verdacht auf ein Tumor wird größer. Morgen wissen wir mehr.

Im Waschsalon

Wir haben letzte Woche neue Kopfkissen gekauft. Bevor wir sie benutzen, wollten wir sie heute waschen. Unsere Waschmachine war leider nicht in der Lage, sie richtig zu schleudern, deswegen ist Martin zum Waschsalon gefahren, während ich das Abendessen gekocht habe.

Ich bin selber seit über zehn Jahren nicht mehr in einem Waschsalon gewesen. Als ich in Aachen wohnte, bevor ich meine letzte Wohnung dort gefunden hatte, war ich regelmäßig Kundin. Es gab zwei von der gleichen Kette in der Nähe vom Hauptbahnhof, die ich relativ einfach mit dem Bus erreichen konnte.

Ich war einmal im Waschsalon an der Normaluhr. Es war Anfang Frühling, glaube ich. Ich hatte mir ein Buch mitgenommen und las, während meine Maschine lief. Auf einmal ist ein schwarzer Mann mit einem Auto super schnell angekommen und hat direkt vor dem Waschsalon geparkt. Er ist mit einem Korb aus seinem Kofferraum zu einer Maschine gerannt, die schon fertig war, hat alle Kleider raus gepackt und ist genau so schnell mit dem Korb wieder verschwunden. „Der hat’s aber eilig,“ habe ich gedacht. Ich habe weiter gelesen.

Eine knappe Viertelstunde später kam ein Paar herein. Ich war noch am Lesen und habe nicht auf sie aufgepasst, bis ich ihre Aufregung mitbekommen habe. Sie standen vor der Maschine, die der Mann vorher geleert hatte. Sie haben mich gefragt, ob jemand gekommen war, und ich konnte nur das oben Geschriebene schildern. Ein Autokennzeichen hatte ich mir nicht gemerkt. Wieso auch, ich hatte mit so etwas gar nicht gerechnet.

Das Paar ist entrüstet mit leeren Händen aus dem Waschsalon gegangen. Vermutlich sind ihre Kleider irgendwo auf einem Flohmarkt verkauft worden.

Eine Wutbestie

Wir waren heute Morgen in der Tierarztpraxis. Ich war noch nie dort, seitdem wir umgezogen sind. Sie ist als neue Patientin gekommen. Es war aber gar kein Problem, zur Sprechstunde zugelassen zu werden. Ich habe für mich selbst bei Fachärzten in Deutschland häufig genug den Gegenteil erlebt. Katze muss man sein.

Martin war gestern Abend sehr spät zurück nach Hause gekommen und ist mit uns zur Praxis gegangen. Es war voll, obwohl wir kurz vor Beginn der offiziellen Sprechzeiten angekommen sind. Es gab einen Notfall und wir mussten eine gute Stunde warten. Ich hatte es nicht anders erwartet. Während der Wartezeit hat sich die Mieze ganz ruhig verhalten, selbst als ein großer Hund mit seinem Herrchen vorbei gegangen ist. Das zeigt, wie schlecht sie sich fühlte.

Sie hatte mich bei unserem ersten Besuch bei einem Tierarzt sehr überrascht. Ich saß mit ihr im leeren Wartezimmer. Ein Mann ist mit einem Hund zu uns gekommen. Ich habe dann plötzlich ein tiefes Geräusch gehört, als ob jemand draußen mit einem Presslufthammer am Werk wäre. Eine Baustelle war mir auf dem Weg nicht aufgefallen. Ob es hinter dem Haus war? Ich fand die Idee nicht schön, weil ich nur ein paar Häuser weiter in der gleichen Straße wohnte. Als ich aufgestanden bin, um durch das Fenster zu schauen, habe ich gemerkt, dass das Geräusch vom Transportkäfig kam, und dass meine Mieze am Grollen war, während sie den Hund die ganze Zeit anstarrte. Der Hund hat sich nicht beeindrucken lassen und hat am Boden vom Wartezimmer weiter geschlafen.

Heute Morgen war sie also auffällig ruhig. Es war schon ziemlich einfach, sie in ihre Tasche zu stecken. Normalerweise hätte sie dabei großen Widerstand geleistet. Ich war trotzdem nicht ganz sicher und als wir dran waren, habe ich die Tierärztin gewarnt, dass meine Mieze im normalen Zustand zur wahren Tigerin beim Tierarzt wird. Beim Impfen muss man mindestens zu zweit sein und ganz dicke hohe Handschuhe tragen, um sie fest zu halten, während die Spritze möglischt schnell gemacht wird. Sie hat eine Assistentin in den Raum gebeten und sie sind näher zur Tasche auf dem Tisch gekommen, wo die Katze sich noch befand.

Kaum haben sie die Tasche berührt, dass man ein lautes Fauchen gehört hat. Als sie versucht haben, die Tasche zu öffnen, hat sie laut gegrollt und bedrohlich gemiaut. Sie ist in ihrer Tasche gewaltig gesprungen. Die Krallen konnte man zwischen den Löchern sehr gut sehen. Es wurde schnell klar, dass sie nicht zu untersuchen war. Um die Ursache von ihrem Zustand zu identifizieren, hätte man eine Blutprobe nehmen und sie mittels Radiographie untersuchen sollen. Auch ein bisschen abtasten, um heraus zu finden, wo sie genau ihre Bauchschmerzen hat. Nichts davon war möglich. Das einzige, was sie machen konnten, war, die Katze in ihrer Tasche extrem fest zu halten, während sie eine Spritze gegen Übelkeit durch die Löcher der Tasche bekommen hat. Sie hat dabei so laut gemiaut, dass selbst die Tierärztin erschüttert war und Tränen in den Augen bekommen hat. So ein Theater macht sie bei jedem Tierarztbesuch. Der Lärm war im Warteraum nicht zu überhören, obwohl der Behandlungsraum sich hinter einem Flur befand und die Tür geschlossen war.

Wir müssen deswegen am Montag früh zurück zur Praxis gehen. Sie wird zuerst unter Narkose gesetzt, und dann wird sie genau untersucht. Es war heute nicht möglich. Immerhin, als wir zurück zu Hause waren, hat sie sofort die Leckerlis gegessen, die sie vor dem Besuch noch völlig ignoriert hatte. Ich habe ihr eine neue Dose Sheba geöffnet, und sie hat dran geleckt. Sie hat auch viel getrunken. Ob vom Stress oder von der Spritze, weiß ich nicht. Ich hoffe, wir müssen nicht zwischendurch zu einer Klinik fahren und es geht ihr bis Montag gut genug.

Jetzt ist die Katze krank

Ich habe mich erschreckt, als ich sie gestern Abend zu Hause gesehen habe. Sie hat nicht an der Tür gekratzt, als ich im Treppenhaus hoch gegangen bin. Das macht sie sonst immer. Sie ist nicht zur Tür gekommen, als ich so spät abends in die Wohnung gekommen bin. Ich habe meine Reisetasche am Boden gelassen und wollte ihr Leckerlis geben, wie immer, wenn ich abends nach Hause komme. Sie hat daran gerochen, aber nichts angerührt. Es gab sogar andere Stücke, die ihr Martin gegeben hatte, bevor er gestern unerwartet für die Arbeit nach Rotterdam geschickt wurde. Sie hat nur am Boden gelegen, und aufstehen zu müssen war sichtlich mühsam. Sie hat ganz rau gemiaut und wirkte schwach. So war sie definitiv nicht, als ich am Montag weg gefahren bin. Sie kam mir gestern nicht besonders kalt oder warm vor. Ihre Nase fühlt sich vielleicht ein bisschen trockener als sonst an. Heute Nacht hat sie ganz dicht neben mir auf dem Bett geschlafen.

Martin hatte mir schon am Mittwoch geschrieben, dass sie sich übergeben hatte. Das passiert ab und zu und ist meistens nicht der Rede wert. Danach hat sie kaum etwas gegessen. Nicht mal ihre Leckerlis. Normalerweise bettelt sie ständig darum, jedesmal, wenn wir uns in der Nähe von ihrem Futterregal aufhalten. Das ist ihre große Leidenschaft, nur getoppt von der Sheba-Dose mit Meeresfrüchten. Wenn sie ihre Leckerlis nicht mehr frisst, heißt das, dass es etwas Ernstes ist.

Heute Morgen habe ich ihr Futter gegeben. Eine ganze Sheba-Dose habe ich geöffnet. So häufig kriegt sie das nicht, weniger als einmal pro Woche. Es war heute umsonst. Sie hat schwach begeistert gemiaut, in den Schalen geschnuppert, und plötzlich den Kopf gedreht, als ob sie angewidert wäre. Die Schale Trockenfutter war heute Abend genau so voll wie heute Morgen, und das Sheba ist vertrocknet. Getrunken hat sie, immerhin. Im Katzenstreu war ein Klumpen. Ich habe versucht, sie in die Arme zu tragen und zu schmusen, wie wir häufig schmusen, aber sie hatte dabei Schmerze und hat stärker gemiaut. Ich habe sie sofort wieder zum Boden gebracht. Sie liegt jetzt regungslos in der Küche. Wenn ich neben ihr am Boden sitze, schnurrt sie leise.

Morgen früh gehen wir zum Tierarzt. Sie ist nur elf Jahre alt, es kann noch nichts Schlimmes sein, oder? Das macht mich total fertig. Ich habe sie noch nie krank erlebt. Zum Glück hat Mr Keen doch den Einsatz von morgen übernommen. Ich glaube, es war ihm gestern Abend gar nicht klar, dass ich an Winfried und ihm zuerst eine Email geschickt hatte. Er hat viel später eine Antwort an uns beide geschrieben, und sein Ton drin war um einigen Größenordnungen gemäßigter als gestern am Telefon. Heuchler.

Wie konnte ich so blöd sein

Ich habe mich in letzter Zeit völlig überarbeitet. Das ist eigentlich ein Dauerzustand, seit Dezember. Ich bin dienstlich rumgereist wie noch nie, habe viel dafür gearbeitet, und musste nebenbei meinen üblichen Tätigkeiten nachgehen — Programmierung, Nutzerbetreuung, Rufbereitschaft, eigene wissenschaftliche Projekte voran treiben… Ich habe ab und zu vereinzelt Tage frei genommen, aber es war nicht so erholsam.

Zwischendurch gab es ein Marathon-Wochenende bei meiner Mami in Südfrankreich, da wir den ganzen Papierkramm für die Hochzeit persönlich abgeben mussten — die Hochzeit wird dort stattfinden. Freitagabend weg geflogen, Mietwagen in Nizza geholt (und dafür Dreiviertelstunde in einer super langen Schlange bei Hertz mit nur zwei Mitarbeitern gestanden), um zwei Uhr morgens bei meiner Mami angekommen. Am Samstagvormittag im Rathaus, Friseurin und Kosmetikerin besucht, Details für die Feier diskutiert. Mein Bruder und seine Freundin sind auch zu meiner Mami gekommen, um die Gelegenheit zu nutzen, uns wieder zu sehen. Am Sonntagabend waren wir wieder in Berlin.

Direkt danach hatte ich Rufbereitschaft. Letzte Woche. Ich bin fast jeden Abend angerufen worden. Einmal musste ich sogar von zu Hause aus zurück zur Arbeit fahren, weil es eine Hardware-Kollision gab. Ich konnte das Problem beheben. Als ich dann fast wieder zu Hause war und vor der Haustür stand, haben die Nutzer wieder angerufen. Es roch nach gebrannten Kabeln. Darum haben sich Techniker vor Ort gekümmert. Von der elektrischen Anlage habe ich zu wenig Ahnung, um selber etwas zu machen. Zum Glück konnte ich nachtsüber durchschlafen, die Probleme sind immer am Abend aufgetaucht. Ich habe aber lange Abende vor dem Rechner gesessen, um sie aus der Ferne zu lösen.

Am Samstag hatte ich Einsatz, und am Sonntag gab es unerwartete Messzeit, die ich nutzen konnte. Messzeit ist bei uns so knapp geworden. Ein von unseren Geräten ist seit mehreren Monaten in Wartung, und unsere Nutzer haben Vorrang. Ich habe am Sonntag die Gelegenheit genutzt und selber Experimente gemacht. Den ganzen Tag. Ich bin nicht fertig geworden, und für morgen war ein Gerät noch frei, also habe ich es gebucht.

Am Montag bin ich extrem früh aufgewacht, weil ich einen Zug um sieben Uhr morgens nehmen musste, um zu einer Tagung zu fahren. Da Pawel und Winfried mitgefahren sind, hatte ich letzte Woche angekündigt, morgen die Nutzerbetreuung zu übernehmen. Meine verbleibenden Kollegen sollten nicht unnötig überlastet werden. Vor allem Kate, die auch viel um die Ohren hat. Da ich morgen wieder Experimente mache, passte es wunderbar. Winfried hatte noch vorher kommentiert, dass Mr Keen halt zwei Mal diese Woche dran sein musste, weil er schon für Samstag geplant war. Ich habe mich also noch am Sonntagabend in der wöchentlichen Tabelle für morgen eingetragen. Dachte ich. Ich habe mich aber um eine Zeile vertan und für Samstag eingetragen. Das habe ich erst heute gemerkt.

Ich habe am Montagabend versucht, das Protokoll von unserem wöchentlichen Meeting zu lesen, um zu schauen, ob ich tatsächlich morgen Nutzerbetreuung mache. Es hätte sein können, dass die Kollegen es sich anders überlegt hätten. Obwohl ich normalerweise von überall aus darauf Zugriff habe, konnte ich am Montag das Protokoll nicht lesen. Die Seite konnte nicht geladen werden. Am Dienstag und gestern auch nicht. Als ich heute nachmittag im Zug saß, habe ich eine Email von unserer IT-Kollegin gelesen, die sagte, dass das Protokoll wieder zugänglich wäre. Ich habe also die Seite geladen und erst dann mein Fehler gemerkt.

Samstageinsätze werden eigentlich ganz klar Wochen im Vorraus verteilt, und Mr Keen war für übermorgen geplant. Und nicht in der wöchentlichen Tabelle, sondern in einem dafür vorgesehenen Kalender. In der wöchentlichen Tabelle steht jetzt Kate für morgen. Am Dienstag war sie schon dran. Im Kalender ist der Einsatz von Samstag schon auf meinem Namen geändert worden. Ich habe Winfried und Mr Keen eine Email geschrieben, um die Sache zu klären. Winfried hat gleich geantwortet, dass er es am Samstag nicht machen konnte, was ich auch nicht von ihm erwartet hatte, da Mr Keen eigentlich geplant war. Er hat explizit in seiner Antwort auf Mr Keen hingewiesen, der keine Antwort von sich gegeben hat.

Ich habe Mr Keen angerufen. Und die Art, wie er sich verweigert hat, am Samstag zu arbeiten, obwohl er schon lange dafür vorgesehen war, hat mich total sauer gemacht. Er war am Montag für das Meeting zuständig, weil Winfried und ich nicht anwesend waren. Der Arsch ist gerade von einem langen Urlauch zurück gekommen, und hat die schon überlastete Kate diese Woche zweimal bei der Nutzerbetreuung eingetragen, obwohl ich Kate über meine Absicht informiert hatte. Er war einfach zu froh darüber, so eine gute Ausrede zu haben, um sich vor seiner Arbeit zu drücken. Er hat jeden Argument vehement abgestritten, und meinte, er wäre überzeugt gewesen, dass ich wirklich zweimal hintereinander freiwillig meinen Samstag opfern wollte. Der „Arme“ ist diese Woche so häufig bei der Rufbereitschaft angerufen worden, dass er am Samstag nicht arbeiten will. Dabei sind wir alle in Rufbereitschaftswochen für Samstageinsätze geplant, genau wie ich letzte Woche. Habe ich mich deswegen geweigert, meine Arbeit wahrzunehmen? Außerdem müssen wir bei Rufbereitschaftseinsätzen elektronische Formulare ausfüllen, und es gibt diese Woche noch keine von ihm zu lesen.

Damit bin ich also am Samstag vierzehn Tage pausenlos am Arbeiten gewesen. Ich schöre, ich werde es ihm nie vergessen. Vor allem, weil er letzte Woche schon den ganzen Sonntag für Rufbereitschaft geplant war, und mich gefragt hatte, ob ich erst am Abend mit ihm wechseln könnte. Er wollte nicht seinen Sonntag versauen. Ich blöde Kuh hatte nichts dagegen, weil ich selber für meine Experimente vor Ort war. Beim nächsten Mal schicke ich ihn zur Hölle.

Ein bisschen Trost habe ich dadurch, dass sein Verhalten von Winfried jetzt wirklich nicht übersehen werden kann. Ich habe schon lange gemerkt, dass er sich gerne vor den Chefs als arbeitswillig ausgibt, aber jede Gelegenheit nutzt, um seine Arbeit bei anderen zu verlagern. Er hat sich auch nicht für die Nachfolge von Uschi beworben, und das sagt mir, dass Winfried ihm gesagt hat, dass er sehr schlechte Aussichten dafür haben würde. Da bin ich beruhigt. Dass ich aufgrund vom Wissenschaftszeitvertragsgesetzt nicht drauf eingestellt werden kann, ist inzwischen auch klar. Aber es ist jetzt nicht mehr so schlimm.

Apokalypse

Ich war mit Martin zu einer privaten Veranstaltung gegangen. Es fand in einer Wohnung statt. Viele Leute saßen in einem dunklen Raum und wollten einen Vortrag hören. Wir mussten sie davon abhalten, weil die Veranstalter etwas Schlimmes vor hatten. Sie wollten aus einem satanischen Buch lesen, um die Leute umzubringen und so das Ende der Welt zu starten. Wir sind leider zu spät angekommen, um die Leute retten zu können.

Wir standen plötzlich im All und haben gesehen, wie Monster aus einem schwarzen Loch in unserer Galaxie heraus gespuckt wurden. Sie haben angefangen, ganze Planeten zu fressen.

Zurück zur Erde. Wir waren am nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit. Wir haben Leute auf der Straße angesprochen und gefragt, ob sie gemerkt hätten, dass unser Sonnensystem angegriffen wurde. Es war den Leuten aber egal. Dann haben wir gesehen, dass riesige schwarze Monster auf der Straße unterwegs waren. Ein hatte mit beiden Händen Menschen gepflückt und stopfte sich damit den Mund voll.

Ich habe mich umgeschaut, um ein Versteck zu finden. Unter dem weißen Transporter am Bürgersteig schien mir keine gute Idee zu sein.

Ein Auto ist an uns vorbei gefahren. Drin war ein Paar, das wir doch von der Veranstaltung hatten retten können. Das Paar hat uns weg von den Monstern gebracht. Die Frau meinte, sie hätte das satanische Buch geklaut und wüsste, wie man die Welt retten könnte. Sie wollte eine Arche bauen. Dabei hat sie mich und Martin mit einem Lächeln geschaut. Ich habe ihr erklärt, dass ich schon zu alt war, um Kinder zu bekommen. Wir haben kurz überlegt, wer dann auf die Arche kommen sollte. Mir ist die Freundin von meinem Bruder eingefallen.

Dann hat der Wecker geklingelt und mich geweckt.

Ich habe mich beworben

Endlich ist die Stellenanzeige für die Nachfolge von Uschi veröffentlicht worden.

Es hat gedauert, weil Winfried zuerst einen Wunschkandidat hatte, mit dem er schon gearbeitet hatte, bevor er nach Berlin gekommen ist. Den hatte er zum Vorstellungsvortrag bei uns eingeladen. Die zur Zeit leider angespannte Personalsituation in der Gruppe hatte ihn doch erschreckt, da mein IT-Kollege nur noch ein Tag pro Woche bei uns ist, ohne Aussicht auf einen Nachfolger, und Miekes Vertrag alle paar Monate erst im letzten Moment verlängert werden kann — dabei ist sie zuständig für unser ganzes Labor.

Unsere Verwaltung hat die Stelle frei gegeben. Als Nachfolge von Uschi ist sie allerdings gar nicht zu erkennen. Sie ist als banale befristete Postdoc-Stelle ausgeschrieben worden. Immerhin für drei Jahre, was eine Seltenheit ist. Die Begründung von Winfried war, dass er seinem Wunschkandidat sofort eine Dauerstelle angeboten hätte. Eine andere Person müsste sich aber zuerst beweisen, daher die Befristung.

Damit sind meine Chancen, für die Stelle in Frage zu kommen, gleich null. Ich habe schon die maximale Beschäftigungsdauer auf öffentlichen befristeten Stellen erreicht, und kann nur noch über Drittmittelprojekte finanziert werden (DFG und BMBF ausgenommen). Außerdem zieht mich eine Führungsaufgabe nicht so richtig an. Dann hätte ich viel weniger Zeit für meine wissenschaftliche Arbeit, die doch so viel Spaß macht. Wozu denn die Bewerbung?

Vor einigen Wochen hatte uns Winfried beim Gruppenmeeting erzählt, dass die Stellenausschreibung bei der Verwaltung liegen würde. Ich saß gegenüber von ihm. Mr Keen saß neben ihm. Ich habe auf einmal gehört, wie Mr Keen plötzlich laut geatmet hat. Ich hatte schon lange den Verdacht, dass er sich gerne als Chef bei uns sehen würde, seitdem Uschi über seine Kündigung gesprochen hatte. Winfried hat die Stellenausschreibung beschrieben und ausdrücklich einen Punkt erwähnt, der ausschlaggebend war. Der erfolgreiche Bewerber sollte ein Expert in einem bestimmten wissenschaftlichen Gebiet sein. In der Gruppe bin ICH eigentlich DIE Expertin in dem Gebiet. Mr Keen hat da überhaupt keine Erfahrung. Am Ende vom Meeting habe ich absichtlich als letzte den Raum verlassen, während Mr Keen und Winfried noch am Tisch saßen. Als ich an der Tür war, habe ich gehört, wie er ihn „leise“ gefragt hat, ob er wegen seinen fehlenden Kenntnisse in dem Gebiet als Kandidat nicht geeignet wäre. Winfried hat tief eingeatmet. Länger bin ich nicht geblieben, um nicht aufzufallen.

Es wird bestimmt bessere Bewerber geben. Ich sollte mir keine Sorgen machen. Aber was ist, wenn Mr Keen sich bewirbt, und die anderen Bewerber doch nicht passen? Eine Zukunft mit ihm als Chef kommt mir sehr grauenhaft vor. An eine Weiterbeschäftigung in der Gruppe wäre ich sicherlich nicht mehr interessiert. Wer will denn so einen protzigen Typ als Chef haben, der gerne seine Kollegen klein redet, weil er ein bisschen älter ist, und grundsätzlich frauenfeindliche Meinungen mit sich trägt? Er hat sich noch sichtlich für besonders hinterlistig gehalten, als er mir danach gesagt hat, er wäre gespannt, wer zu uns in der Gruppe als Nachfolger von Uschi kommt. Obwohl ihm seine Aufregung im Meeting nicht zu überhören war. Das alleine ist für mich schon ein Ausschlusskriterium. Ein Chef sollte nicht so leicht durchzuschauen sein.

Meine Bewerbung ist also hauptsächlich ein Schutz gegen seine. Denn Winfried kann ihn nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, wenn meine Kandidatur daneben liegt. Und Forschungsinstitute sind nicht so starr wie Unis, was Stellen angeht. Wenn er meint, mich einstellen zu wollen, kann er vielleicht trotz Wissenschaftszeitvertragsgesetzes einen Weg finden.