Zerstörerische Triebe

Eigentlich würde ich mich als eine psychisch normale Person beschreiben. Aber manchmal bekomme ich Gedanke oder Triebe, die völlig durchgeknallt sind und die ich bis jetzt (fast) immer unterdrücken konnte. Ich finde es beängstigend, mir vorzustellen, was passieren könnte, wenn sie die Oberhand gewinnen könnten. Nicht, dass ich es zulassen möchte.

Es ist mir als Kind passiert. Ich war fünf oder sechs Jahre alt. Ich saß am Wohnzimmertisch. Meine Mami hatte Näharbeit zu tun und ich wollte ihr zuschauen. Aus irgendeinem Grund hat mich meine Mami kurz alleine am Tisch gelassen. Ich durfte die Nadel nicht anfassen, also habe ich gleich die Gelegenheit ausgenutzt. Und irgendwas in meinem Kopf meinte, es wäre lustig, die Nadel ins Ohr zu stecken. Keine gute Idee. Es hat sau weh getan. Ich habe die Nadel wieder raus bekommen. Als meine Mami zurück gekommen ist, habe ich ihr nichts davon erzählt. Sie wäre bestimmt sauer gewesen. Ein anderes Mal, in der zweiten Klasse, habe ich eine Kameradin aus einer niedrigen Treppe im Pausenhof geschubst. Sie ist auf die Knien gelandet. Ich habe bis jetzt keine Ahnung, warum ich das gemacht habe. Es hat mir auch direkt danach Leid getan, weil ich die doch mochte und es so bösartig war. Es war, als ob jemand anders die Kontrolle über mich hatte.

Viel später, als ich Postdoc in meinem früheren Institut war, erinnere ich mich, dass ich ab und zu den starken Trieb gespürt habe, Leute den Augen mit einem Löffel herauszuziehen. Ich habe bei Kaffeepausen bewusst beide Hände unter meinem Schoss fest gehalten, und mich immer bewusst dazu gezwungen, die Löffel nicht anzustarren und an etwas anderes zu denken. Ich weiß nicht, warum sich dieser widerliche Gedanke immer wieder in meinem Kopf gesetzt hat. Ich habe dabei an einem Biologie-Unterricht in der Oberstufe gedacht, bei dem wir die optischen Nerven von einem Fisch uns angeschaut hatten (und dafür die Augen heraus ziehen mussten). Ich weiß noch wie Peggy, eine befreundete Punk aus meiner Klasse, das Ganze lustig fand. Dieser Trieb ist irgendwann von selbst verschwunden, und weil ich ihm nicht nach getrauert habe, weiß ich nicht so recht, wie lange er mich geplagt hat.

Ein anderes Mal, gar nicht so lange her… Es war letztes Jahr, als wir ins Erzgebirge gefahren sind. Wir sind auf der Autobahn gefahren. Ich saß als Beifahrerin und schaute aus dem Fenster. Ich habe die Leitplanke gesehen und mich plötzlich gefragt, wie es sich anfühlen würde, jetzt bei 130 km/h die Tür zu öffnen und zu springen. Ob ich gegen die Leitplanke geschleudert und enthauptet werden könnte? Gleichzeitig habe ich mich sehr über die Idee erschreckt und wollte sie auf keinen Fall ausprobieren. Trotzdem ist der Gedanke bei der Fahrt eine Weile geblieben.

Ich habe noch nie mit jemandem darüber geredet. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass ich nicht die einzige bin, die solche absurden und gefährlichen Gedanken bekommt, da ich nicht auffällig bin und als normal gelte. Zum Beispiel hatte mir eine Kommilitonin in der Oberstufe erzählt, sie hätte ihre Finger zu Hause in der Steckdose gesteckt, nur um zu schauen, was passieren würde. Nichts schlimmes, wie es sich herausgestellt hat, zum Glück. Ich bin froh, dass ich eine Bremse im Kopf habe, die jetzt aufpasst, dass keine Dummheit passiert. Ich hoffe, die hält an.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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5 Gedanken zu “Zerstörerische Triebe

  1. Ich kenne diese Triebe. Es ist wie ein Zwang. Früher hatte ich ich den Drang an einer laufenden Fräsmaschine, den Fräser anzufassen, oder meinem Vater, welcher gerade kniend am Auto herumschraubte, den Schraubenzieher über den Kopf zu hauen.

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    • Es ist gruselig, aber wahrscheinlich doch normal… Gruselig, weil ich mich frage, was durch die Leute geht, mit denen ich täglich zu tun habe. Solange man es unterdrückt, ist alles gut. Sollte man sich einmal nicht beherrschen, kann etwas furchtbares passieren. Ich könnte mir denken, dass es der Grund ist, warum z.B. einige Leute manchmal unbekannte Personen am Bahnhof vor dem kommenden Zug schubsen. Das passiert in Berlin immer wieder. Das finde ich erschrekend und deswegen bleibe ich am Gleis möglichst mittig vor den Werbeplakaten oder Mauern, um am wenigsten Angriffsfläche anzubieten.

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      • Ja das ist krass. Ich bin froh, dass ich nie diesen Zwängen nachgegeben habe. Da wäre vermutlich schon Tod oder im Rollstuhl…..

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