In Israel

Von vorne rein: Ich war nicht so scharf drauf, dahin fliegen zu müssen. Ich hatte Bedenken. Das Land ist nicht sicher. Winfried hat mich eingeredet, damit ich zusage. Wie bei der Reise vor Weihnachten bin ich als Ersatz für ihn eingeladen worden. Der Ort sei relativ sicher, meinte er, nicht wie in Jerusalem, und man kann nach Tel’Aviv fliegen, was er mir als völlig harmlos schilderte. Hinzu kam, dass die Veranstalter mich für die anderthalbstündige Fahrt vom und zum Flughafen von einem Taxi abholen lassen wollten. Eine entspannte Reise, dachte ich. Bis ich festgestellt habe, dass es in Israel auf der Autobahn völlig normal ist,

  • die Geschwindigkeitsgrenze nicht zu beachten,
  • bei 130 km/h mit linker Hand aufs Lenkrad und dem Kopf nach unten rechts geneigt ins Innere vom Auto zu schauen, weil man gerade eine SMS eintippen muss (wenn mein erster Taxi-Fahrer nicht mit seinem Handy beschäftigt war, musste er ständig linkshändig in der Nase bohren),
  • die Autos ganz dicht vor einem mit Lichthupe zur Seite zu bitten,
  • am Rand der Autobahn zu halten (ich sehe noch vor Augen die Frau, die direkt nach einer Autobahneinfahrt rechts aus dem Auto ausstieg, um einem Mädchen die Hose runter zu ziehen, damit es seine Blase entleeren kann).

Das war alles aber nichts, im Vergleich dazu, wie stressig es war, überhaupt zum Flugzeug zugelassen zu werden. Wenn ich nochmal gefragt werde, nach Israel zu reisen, sage ich gleich nein. NEIN. Es hat mir am Flughafen schon gereicht.

Hinflug ab Schönefeld. Ich gehe wie gewohnt mit meinem Koffer zum Check-in-Schalter. Die Schlange links für Ryanair ist voll. Für meinen Flug mit EL AL / UP ist es noch leer. Ich tue mein Gepäck aufs Band. Der junge Mann schaut es sich nicht an. Mich auch nicht. Er quatscht die ganze Zeit mit seiner Kollegin am Schalter rechts von ihm. Bis er meine Dokumente prüft. Ich bin nicht eingecheckt. Die Veranstalter haben den Flug für mich gebucht, inklusiv Sitzplatz. Von einer Möglichkeit zum Online-Check-in bin ich gar nicht informiert worden und in unseren Emails habe ich keinen Link dazu gefunden. Hätte ich doch machen sollen, erfahre ich, Check-in macht man bei EL AL / UP grundsätzlich nur noch online. Bestimmt noch so ein Billigflieger. Die 9€ irgendwas extra muss ich am Schalter fürs Check-in bezahlen. Die Veranstalter werden es mir zurück erstatten. Hätte ich aber den Online-Check-in vorher gemacht, dann hätte ich es gewusst, mit dem Sicherheitscheck vorm Einchecken. Und ich hätte es auch gemacht. Dem jungen Mann am Schalter ist es nicht aufgefallen, so beschäftigt er beim Flirten mit seiner Kollegin war. Nicht mal Tschüß hat er erwidert.

Ich bin also nach dem Check-in mit meiner Bordkarte zur Sicherheitskontrolle gegangen. Rucksack aufs Band, Laptop raus, Jacken und Schuhe aus, ich bin ja dran gewöhnt. Es ging schnell. Ich habe inzwischen herausgefunden, welche BHs ich am besten kaufe, um nicht zu piepsen. Danach zur Passkontrolle. Gehe ich zur Frau oder zum Mann? Ich gebe meinen Pass dem Mann. Ich lächle nicht. Ich habe häufig genug gehört, man sollte es nicht tun. In manchen Fällen hat man es mir sogar sehr ausdrücklich befehligt. In Deutschland. Weil man einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie eine Gefängnistür auf dem Foto haben soll. Der Mann verhält sich aber freundlich mit mir. Außergewöhnlich. Er lächelt sogar und wirkt erstmal irritiert, dass ich es nicht erwidere. Und redet dann akzentfrei auf Französisch mit mir. Ach so. Deswegen. „Was treibt der denn hier?“, frage ich mich. Ich gehe weiter zum Aufenthaltsraum. Denke ich. Was mich erwartet ist wieder eine Personen- und Handgepäck-Kontrolle. Wieder Jacken und Schuhe ausziehen. Durch den Ganzkörper-Scan. Das bringt doch nichts, wenn die Frau hinter dem Gerät mich trotzdem überall abtastet und sogar meine Brust voll in die Hand presst. Am Ende darf ich gehen. Um noch eine Schlange für eine Passkontrolle zu entdecken. Direkt hinter dem Mann sehe ich den Aufenthaltsraum mit den Sitzplätzen. Ich habe noch Zeit und denke, ich könnte an meine Präsentation arbeiten.

Pustekuchen. Der Mann bei der Passkontrolle begrüßt mich mit „Shalom“ und sagt irgendwas, was ich nicht verstehe. Ich sage nur „guten Tag“. Ab hier wird aber schon nicht mehr Deutsch gesprochen. Er schaut sich meinen Pass an und fragt mich auf Englisch, wo der Zettel für mein Gepäck denn wäre. Ich zeige ihm den Zettel vom Check-in, aber das meinte er nicht. Dann fragt er, ob das mein einziger Pass wäre. „Yes„, sage ich, schon leicht verwirrt. Er sagt, ich hätte mein Gepäck nicht prüfen lassen. Davon hat mir keiner was gesagt. Der Trottel vom Check-in war nur mit seiner Kollegin beschäftigt. Ich muss also zurück gehen und mich bei der Sicherheit melden. Vor der Scan-Kontrolle wartet schon eine Frau auf mich. Sie bringt mich zum Flur vor der ersten Passkontrolle. Unter den Fenstern sind Sitzplätze angereiht. Sie sagt, ich sollte dort warten. Ich warte. Und warte.

Der Mann von der zweiten Passkontrolle kommt zu mir und fängt an, mir Fragen zu stellen. Kenne ich Israeli persönlich? Habe ich eine Krankenversicherung? Er will meine Karte sehen. Wo will ich übernachten? Warum reise ich nach Israel? Ein der Veranstalter hatte mir einen offiziellen Brief mit einer Einladung für die Sicherheitskontrolle geschickt. Ich bin froh, diesen Brief dabei gehabt zu haben. Dann wollte der Mann mehr wissen. Meine Emails wollte er lesen. Die, in der ich eingeladen wurde. Die kann ich vom Handy aus abrufen. Dabei frage ich mich, ob er überhaupt dazu berechtigt ist, sowas zu verlangen. Wann genau muss ich Präsentationen halten? Am Montag. Warum fliege ich dann nicht schon direkt danach zurück nach Deutschland? („Shalom and welcome„, höre ich später wenig belustigt im Flugzeug) Wer sind die anderen Leute, die an der Veranstaltung teilnehmen? Worüber werde ich reden? Ich schlage vor, ihm den Vortrag auf dem Laptop zu zeigen, aber er will nur eine grobe Idee haben. Ich beschreibe das Thema, und denke dabei daran, bestimmte Stichwörter zu vermeiden. Es scheint ihn zu überzeugen. Meinen Rucksack will er aber noch prüfen lassen. Er nimmt ihn zu einem geschlossenen Raum, während ich im Flur zu warten habe.

„Was ist, wenn ich doch nicht fliegen darf?“, frage ich mich. Ich spiele mit dem Gedanke, die Veranstalter zu fragen, ob sie bis zum nächsten Tag eine Skype-Verbindung vorbereiten können, damit ich den Vortrag von zu Hause aus halten kann. Skype habe ich selber noch nie benutzt. Für den praktischen Teil hatte ich geschriebene Anweisungen vorbereitet, das könnte im Notfall ohne mich gehen. Es wäre nicht tragisch. Vor allem nach den jüngsten Ereignissen in Tel’Aviv. Doch nicht nötig. Am Ende kriege ich meinen Rucksack mit einem Aufkleber zurück und darf durch die drei letzten Kontrollpunkte noch mal durch. Vorher prüfe ich, dass nichts im Rucksack fehlt. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass ich eigentlich den Flieger verpasst hätte. Aber der hat auch Verspätung. Wegen mir? Ich sehe andere Leute mit einem Aufkleber aufs Handgepäck nach mir in den Warteraum kommen. Ich bin nicht die einzige.

Im Flugzeug fand ich die Flugbesatzung merkwürdig. Ich bin dran gewöhnt, dass das Personal alle Gäste beim Einsteigen begrüßt. Das haben sie auch bei den Gästen vor und nach mir gemacht. Nicht bei mir. Die waren plötzlich anderweitig beschäftigt. Das kann passieren. Ich habe es als besonders seltsam empfunden, als die Stewardessen mehrmals den Gang rauf und runter beim Service gegangen sind und niemals in meine Richtung geschaut haben. Echt niemals. Nicht mal ein Glas Wasser haben sie mir gegeben, was die anderen Gäste sonst am Anfang vom Flug angeboten bekommen haben. Meine Sitznachbarn haben auch ein bekommen. Dabei hat die Stewardess keinen Blickkontakt mit mir gemacht. Ob es daran liegt, dass ich Französin bin? Oder hat es mit der zusätzlichen Sicherheitskontrolle zu tun? Woher sollen sie das wissen? Ich habe eine solche offensichtliche Missachtung in einem Flugzeug noch nie erlebt. Ich habe beschlossen, kein Geld bei dieser Gesellschaft auszugeben. Selbst wenn es heißt, vier Stunden lang nichts zu essen oder zu trinken. Beim Verlassen des Flugzeuges hat sich das Personal auch nicht bei mir verabschiedet.

In Tel’Aviv habe ich mich noch zwanzig Minuten in eine Schlange anstellen müssen, um meinen Pass wieder kontrollieren zu lassen. Ich bin nochmal gefragt worden, was mich nach Israel treibt. Als ich endlich raus war und meinen Koffer wieder hatte, war mein Taxi-Fahrer zum Glück noch da, mit einem A4-Blatt in der Hand, auf dem mein Name handschriftlich geschrieben wurde. Er hat fast eine Stunde auf mich warten müssen.

Bei der Rückreise habe ich gehofft, es würde besser klappen. Ich habe den Check-in vorher auf deren Webseite gemacht. Ich bin mit meinem Koffer zur ersten Sicherheitskontrolle gegangen. Dabei ist mein Koffer gar nicht geprüft worden. Ich bin nur Fragen gestellt worden, bevor ich einen Aufkleber auf dem Koffer bekommen habe und zum Schalter gehen durfte. Danach bin ich zur Personen- und Handgepäck-Kontrolle gegangen. Es war aber nicht ganz klar, wo ich hin gehen musste. „Links“, meinte der Mann am Eingang der Kontrolle. Ich bin zur Schlange am linkesten gegangen. Es war falsch. Als ich dran kam, hat eine Frau auf meine Bordkarte geschaut und mich woandershin geführt. Dort hat ein Mann entschieden, eine Gruppe von Leuten zu einer neuen Schlange zu führen. Ich musste mit, meinte er. Die Schlange wurde für uns geöffnet. Wir waren vielleicht zehn Personen, ich war die letzte. Wir haben eine gute Viertelstunde da gestanden und gewartet. Leute sind hinter mir zur Schlange gekommen. Es gab Angestellte, die an den Röntgengeräten saßen, und andere, die hinter den Personendetektoren standen. Sie haben ausgesehen, als ob sie beschäftigt wären. Was die wirklich getrieben haben, keine Ahnung. In der Zeit ist keiner der Reisende durch die Kontrolle gekommen. Danach ging’s. Sehr langsam. Bei jeder Person wurde der Inhalt vom Handgepäck genau geprüft. Ständig hat ein Mann die Bordkarten der Leute in der Schlange geprüft und diejenige zum Anfang der Schlange gebracht, die sonst zu spät zum Flieger kommen würden. Solange konnte ich nicht gut stehen. Mein Ischias hat sich gemeldet und ich habe mich in der Schlange wo ich konnte hingesessen. Es hat fast eine Stunde gedauert, bis ich durch war. Wir sind noch mit einer Stunde Verspätung abgeflogen. War ich froh, als ich endlich aus dem Flughafen in Schönefeld rausgegangen bin!

Aber sonst war mein Aufenthalt dort toll. Die Veranstalter haben uns ziemlich das beste Hotel der Stadt gebucht, die Temperaturen waren sehr angenehm, auch wenn es meistens regnerisch war (die Leute dort haben sich bei 15°C beschwert, wie kalt es dieser Winter ist), das Essen war fantastisch, und ich habe bei der Veranstaltung sehr gute Beiträge geliefert, die Teilnehmer waren begeistert. Ich habe neue Leute kennen gelernt. Eine Teilnehmerin hat mich um Hilfe gefragt, um ihren durchaus komplizierten Datensatz auszuwerten. Es hat etwas gebracht. Und ich bin heil zurück gekommen. Ich muss aber echt nicht nochmal hin.

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2 Gedanken zu “In Israel

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