Die lieben Kollegen

Die kann ich gerade nicht mehr aushalten. Fangen wir von vorne an.

Heute Morgen war ich um halb neun bei der Arbeit. Im Büro war ich die erste. Ich habe zuerst Fenster und Tür breit geöffnet. Die Rechner bleiben nachtsüber an, und am nächsten Morgen merkt man es. Zum Glück hat es nur danach gerochen. Vor drei Wochen war Tomasz, mein Nachfolger, in den Urlaub gefahren und hatte seine Frischhaltedose im Büro vergessen. Irgendwas gekochtes hatte er sich von zu Hause aus mitgebracht. Die Essensreste haben ganz schnell angefangen zu vergammeln und zu stinken. Ekelhaft. Die Dose haben wir mit Kate in einen Müllbeutel gepackt und entsorgt. Denn es ist nicht das erste Mal. Auf seinem Schreibtisch stappeln sich benutzte Teller. Bei seiner Rückkehr hat er sich immerhin entschuldigt.

Aber zurück zu heute. Ich saß am Rechner und las meine Emails, wie schon gesagt bei offenen Fenster und Tür. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung, die ich häufig im Flur treffe, ist an das Zimmer vorbei gegangen und hat mich begrüßt. Dann hat sie das Innere des Zimmers genauer wahrgenommen und staunend gefragt, „Sitzen Sie wirklich zu viert da drin?“ Ich: „Tja, ja.“ Sie: „Ist es nicht zu hart?“ Ich: „Schon, aber wir verstehen uns gut, zum Glück.“ Sie musste zu einem Termin und ist weiter gegangen. Wie hart es doch sein kann, habe ich heute festgestellt.

Eine Stunde Ruhe konnte ich genießen. Halbwegs. Ein Kollege, der meistens in einem anderen Gebäude sitzt, ist kurz vorbei gekommen, „um ein bisschen zu quatschen“. Gut, ich sehe ihn kaum. Dann sind die anderen Kollegen gekommen. Alle Postdocs, wie ich. Aber die sind viel jünger als ich und kommen alle frisch von der Promotion. Pawel war zuerst da und meinte, mir die Ergebnisse von seinem Studenten zeigen zu müssen, die er gerade zugeschickt bekommen hatte. Ich habe zugeschaut, da es für meine Arbeit relevant sein könnte. Ich entwickle Programme, die den Anspruch haben, komplexe wissenschaftliche Auswertungen automatisch durchzuführen. Heute habe ich aus Pawels Ergebnisse nichts neues gelernt, habe ihn aber für die tolle Fünde gratuliert und mich wieder zu meinem Bildschirm gewandt. Mr Keen hat mich wegen Hilfe für seine Reisekosten besucht. Warum ich?

Dann kam Kate. Wie sie so ist, macht sie immer den Mund auf, bevor sie nachdenkt, und hat mich ständig bei meiner Arbeit unterbrochen, um mich etwas zu fragen. Pawel hat sich dazu ermutigt gefühlt und meinte, da ich gerade gestört worden wäre, könnte ich ihm auch behilflich sein. Ich habe das Pech, dass ich die einzige im Raum bin, die programmiert, und daher meinen die Kollegen, sie müssten sich nichts merken, sie könnten mich jeder Zeit fragen. Ich saß sowieso nur da und starrte bloss auf den Bildschirm, ja? Dass ich den Bildschirm starre, ohne augenscheinlich irgendwas zu machen, bedeutet aber lange nicht, dass ich allen für alberne Fragen zur Verfügung stehe. Mein Gehirn läuft auf hohen Touren, bevor ich anfange, meine Ideen in Code umzusetzen. Das konnte mir heute Morgen nicht gelingen. Ich sollte mir Notizen machen, wie häufig die Kollegen mich rufen, um etwas zu fragen, das sie selber heraus finden könnten. Wozu habe ich die Optionen --help in meinen Programmen eingebaut und die Dokumentationen geschrieben? Und für den Rest, wozu gibt’s Google?

Ich habe mich gereizt gezeigt, und nach einiger Zeit musste Pawel ins Labor. Tomasz ist spät gekommen und hatte auch praktische Arbeit vor. Kate hat sich in ihrer Arbeit vertieft und ich konnte endlich produktiv werden. Es hat zehn Minuten gedauert, und dann wurde es Mittagszeit. Nach meiner Pause habe ich ein bisschen was geschafft. Kate hat sich gegen drei wegen Migräne verabschiedet und ist nach Hause gefahren. Kurz danach ist Pawel mit Mr Keen ins Zimmer gekommen. Mr Keen, den ich immer noch nicht leiden kann, hat vor Kurzem beschlossen, einen Crash-Kurs in Datenauswertung bei Pawel zu absolvieren. Warum auch immer, das gehört nicht zu seinen Tätigkeiten. Die Beiden haben sich dermaßen laut unterhalten, dass ich mich beschweren musste. Gut, sie haben dann viel leiser gesprochen. Tomasz ist kurz erschienen und hat angefangen, mit den Beiden zu scherzen. Ich musste ihn daran erinnern, dass auch ich in dem Zimmer arbeite. Er hat sich entschuldigt und den Raum verlassen. Das tat mir Leid, da er mich in der Regel am wenigsten stört.

Ich war gereizt. Das war heute eine extreme Belästigung. Als ich um fünf im Zimmer endlich alleine war, habe ich noch eine Stunde weiter gearbeitet, statt Feierabend zu machen. Sonst wäre ich heute zu fast nichts gekommen. Mein IT-Kollege wird uns demnächst leider verlassen. Mein Traum ist es jetzt, zu seinem Schreibtisch zu wechseln und mir den Besenkammer mit der anderen Informatikerin zu teilen. Sie würde mir sicherlich nicht zum x-ten Mal fragen, wie man ein komplettes Verzeichnis vom Terminal aus kopiert. Sie lässt sich kaum blicken, ist an Feierlichkeiten in der Gruppe nicht interessiert und redet nicht viel, mit ihr würde ich eine königliche Ruhe haben (letzteres ist eine direkte Übersetzung aus dem Französischen, ich habe es auf Deutsch nie gehört).

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2 Gedanken zu “Die lieben Kollegen

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