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Ich habe heute ausnahmsweise früh Feierabend gemacht. Nach einem kurzen Stadtbummeln in meinem Viertel bin ich mit leeren Händen nach Hause gefahren. Doch nicht in Kaufstimmung. Es war mir zu aufwendig, Schuhe oder Kleidung anzuprobieren. Keine Lust. Ich habe es mir stattdessen zu Hause bequem gemacht und warte nun, dass der Liebster von seiner Arbeit zurück kommt.

Denn er hat jetzt eine Arbeit gefunden. Die, die nicht so gut bezahlt wird. Das Arbeitsamt hat dem Arbeitgeber Geld gegeben, um das Gehalt aufzustocken. Nicht gerade wenig: Ein Drittel von dem, was der Arbeitgeber ursprünglich angeboten hatte. Gut für ihn, da er dadurch die Stelle angenommen hat, aber ich bin nicht überzeugt, dass es eine so gute Idee ist. Der Arbeitgeber ist auf Bewertungsportalen dafür bekannt, dass er mit Gehältern ziemlich geizig ist. Wenn er vom Arbeitsamt profitiert, um günstiger an qualifizierten Mitarbeitern zu kommen, klingt es für mich wie Ausbeutung von öffentlichen Geldern, um private Firmen zu finanzieren, statt um Arbeitslosen zu helfen. Aber anscheinend wird es häufig gemacht. Das wusste ich gar nicht.

Dadurch, dass wir jetzt beide wieder arbeiten, habe ich viel weniger Zeit. Die Hausarbeit muss geteilt werden. Ich bin letzte Woche häufig abends einfach von lauter Müdigkeit ins Bett gefallen. Es kann auch an die Zeitumstellung liegen. Wir haben es doch einmal geschafft, zu einer Cocktail-Bar zu gehen. Das letzte Mal war lange her. Wir haben auf seinen neuen Job angestoßen. Und dann hat er mich gefragt, ob ich ihn heiraten wollte. Eigentlich wollte ich ihn länger gefragt haben. Ich wusste sogar, wo und wie ich ihn fragen wollte. Es gibt einen tollen Ort, gar nicht so weit weg von Berlin, der so wunderschön aussieht und zu dem ich mit ihm für ein Wochenende fahren wollte. Wir sind noch nicht dazu gekommen, und er hat mich nun vorher gefragt. Wir heiraten im Frühling. In dem Dorf, in dem ich groß geworden bin und wo meine Mami noch wohnt. Der Termin im Rathaus ist schon vereinbart. Ich freue mich.

Rufbereitschaft

„Also, wenn sie dich fragen, ob du Rufbereitschaft machen willst, sag nein!“ Das waren Martins Worte, als ich letztes Jahr offiziell der Gruppe beigetreten bin. Rufbereitschaft heißt, dass man während einer bestimmten Zeit für auftretende Probleme bei unseren Geräten zuständig ist, und unsere Nutzer uns jeder Zeit anrufen dürfen (sollen), um den Betrieb möglichst schnell wieder herstellen zu können, was meistens nachtsüber geschieht. Vorher durfte ich nicht mitmachen, weil es dafür eine Sondervergütung gibt, die bei meinem früheren Arbeitgeber nicht vorgesehen war.

Ich habe es trotz Warnung angenommen. Falls es für eine Dauerstelle helfen könnte, obwohl der Vorfall von Juni bei Winfried zu einer Meinungsänderung geführt haben könnte. Als ich noch auf dem OP-Tisch lag, hatte er Martin angerufen und so von der schief gelaufenen Schwangerschaft erfahren. Ich hätte es lieber für mich behalten und nicht in der Gruppe erwähnt. Das Thema einer Dauerbeschäftigung ist nicht mehr angesprochen worden.

Wir sind mittlerweile genug Leute in der Gruppe, um nicht zu häufig Rufbereitschaft machen zu müssen. Mein erstes Mal war im Juli. Ich wäre wieder in September dran gewesen, aber ich wurde krank. Diese Woche hat es mich wieder erwischt. Die zwei ersten Nächte waren toll. Kein Anruf, keine Alarmmeldung. Ich habe das Handy mehrmals nach verpassten Nachrichten geprüft.

Heute Nacht bin ich kurz vor fünf aus dem Schlaf gerissen worden. Automatische Alarmmeldung von unserer Anlage. Nutzer angerufen, Maßnahmen am Telefon diskutiert, kurz vor sechs habe ich beschlossen, mich schon auf dem Weg zur Arbeit zu machen, um das doch größere Problem vor Ort zu klären. Ich bin kurz vor sieben angekommen. Und was mich angekotzt hat, ist, dass ich den Raum wo unsere Geräte stehen nicht betreten durfte, weil mein persönliches Strahlenschutzmessgerät nicht mehr da war, wo ich es am späten Abend davor gelassen hatte. Ohne es darf ich nicht rein. Ich habe im Laufe des Tages erfahren, dass es aufs Versehen von einem anderen Mitarbeiter unserer Arbeitssicherheitsabteilung genommen und in seinem Büro gesperrt wurde. Ich konnte so meine Tätigkeit nicht ausführen und musste die Nutzer im Stich lassen, bis meine anderen Kollegen aufgetaucht sind. Ein echt beschissener Start in den Tag. Von der Frau Schnurelitz, die mir mein Strahlenschutzmessgerät zurückgegeben hat, habe ich allerdings nicht mal eine Entschuldigung für den Vorfall bekommen. Stattdessen hat sie mir den Eindruck ermittelt, ich sei ganz schön unverschämt, mich darüber zu beschweren, bei allem, was sie tut, passieren halt ab und zu Fehler. Ab jetzt habe ich beschlossen, trotz Wünsche der Arbeitssicherheitsabteilung mein Strahlenschutzmessgerät in meinem Büro zu verstecken und nur bei der Auswertung rauszurücken.

Eine erfrischende Begegnung

Treptower Park, auf dem Weg nach Hause. Ich steige um, geistesabwesend. Der Nachfolger in spe von Uschi war heute bei uns, um sich mit einem Vortrag vorzustellen. Oder vielleicht wird Winfried unser neuer Chef, und er wird Winfrieds Nachfolger. Die Stellenaufschreibung, falls es eine gab, habe ich nicht gesehen. Die Entscheidung ist schon gefallen, bevor wir überhaupt in Kenntnis davon gesetzt wurden, dass Uschi uns verlässt. Wie auch immer. Der Nachfolger wirkt nett. Sein Vortrag war gut, aber nicht überragend. Sehr sachlich, leider ohne die Begeisterung, die ich von Uschi kenne. Er verkauft nicht sein Ding, er erzählt nur. Vielleicht, weil er aus einem ähnlichen Forschungszentrum kommt und sich nicht als Konkurrent darstellen wollte?

Ich denke noch darüber nach, als ich aus dem Zug aussteige und in Richtung Treppe gehe, um zum anderen Gleis zu gelangen. Ein junger Mann, links von mir, fragt mich, wohin ich will. Er zögert, anscheinend, weil er mir den Weg nicht sperren will. Deutsch ist er also nicht. Ich lasse ihn vor. Er geht die Treppe runter, ich folge ihm. Wir laufen die nächste Treppe hoch, da wir hören, wie ein Zug gerade ankommt. Vielleicht ist es schon die Ringbahn. Nein. Die S8 steht da. Es verwirrt mich. Ich habe sie noch nie an dem Gleis gesehen. So häufig fahre ich über Treptower Park nicht.

Der junge Mann ist ebenfalls neben mir stehen geblieben und wartet auf die Ringbahn. Er fängt an, mit mir zu reden. Normalerweise bin ich misstrauisch, aber er wirkt sympatisch. Er redet spontan und versucht gar nicht, mich anzubaggern. Es gefällt mir. Wir machen Bekanntschaft. Er kommt aus Marokko und arbeitet in einem Restaurant in Mitte. Als ich sage, dass ich aus Frankreich komme, wechselt er die Sprache. Sein Französisch ist nicht so fließend, aber er nutzt anscheinend gerne die Gelegenheit, es zu üben. Er fragt, was mit meiner Wange los ist, und ich erzähle vom Zahnarztbesuch. Seitdem der Fleck gelb geworden ist, merkt man das Hämatom noch mehr. Wir steigen in die Ringbahn ein und quatschen weiter.

Ich erzähle, dass ich aus der Nähe von Nizza komme (bei einer breiten genug Definition von „Nähe“, und ich habe dort studiert, und der Rest meiner Familie lebt in Nizza). Er meint, dass Nizza vorher italienisch war. Stimmt, die Stadt ist erst am Ende vom neunzehnten Jahrhundert französisch geworden. Es sagt, die Stadt wäre zu Frankreich gekommen, weil Frankreich Italien einen Gefallen gemacht hatte. War nicht damals eine Famine, und, nee, er weiß es nicht mehr, ob Frankreich nicht ein Schiff voller Spaghetti nach Italien geschickt hatte? Ich muss über seine Phantasie lachen, aber gleichzeitig zugeben, dass ich nicht genau weiß, warum es zu dem Wechsel kam. Ich hatte immer gedacht, es müsste in Folge eines Krieges sein, damals, als Napoleon der Neffe an die Macht war. An seine Haltestelle angekommen, verabschieden wir uns. Es war richtig nett, mit einem Fremder einfach so spontan zu plaudern. Das war mir früher in Frankreich viel häufiger passiert.

Ich habe es nachgegoogelt. Nizza ist wirklich zuletzt französisch geworden, weil Frankreich Italien geholfen hatte. Damals wollte sich Italien vereinen. Napoleon der Dritte hat seine Hilfe angeboten, weil Österreich drohte, eine zu starke Macht zu bekommen. Gleichzeitig sollte Italien auch nicht zu groß und potentiell gefährlich werden, deswegen Napoleon als Gegenleistung die Abgabe von Savoyen und Nizza verlangte. Boah. Der Junge hat mich jetzt echt beeindruckt. Ich habe auch nie richtig in der Schule im Geschichtunterricht aufgepasst.

Au Backe!

Heute hatte ich einen Termin beim Zahnarzt.

Obwohl ich fast vierzig bin, habe ich immer noch Milchzähne, vier oder fünf davon. Bei einem wurde vor etwa zehn Jahren eine Wurzelbehandlung gemacht, weil eine sehr schmerzhafte Karies sich entwickelt hatte. Mein damaliger Zahnarzt meinte, es wäre nach der Behandlung nur eine Frage der Zeit, bis der Zahn zerbröselt und entfernt werden muss. Wie lange, konnte er mir nicht sagen. Es könnte jetzt bald passieren. Schmerze habe ich nicht, aber eine sichtbare Lücke ist direkt vor dem Zahnfleisch enstanden. Der Zahn hat eine sehr dunkle Farbe bekommen. Zum Glück ist er tief genug im Mund, dass es gar nicht auffällt.

Bei meiner letzten Reinigung im Sommer hatte mein Zahnarzt vorgeschlagen, eine Krone für den kranken Milchzahn zu machen. Zuerst musste der Zahn geröngt werden, und der Termin dafür war heute. Auf dem Bild wurde klar, dass eine Krone jetzt keinen Sinn machen würde. Der Zahn hängt gerade noch so und wird bald entfernt werden müssen, maximal in zwei Jahren, schätzt der Arzt. Dann lasse ich mir ein Implantat einsetzen.

Doch keine Behandlung für den Milchzahn heute. Dafür hat der Zahnarzt überraschenderweise eine neue Karies entdeckt. Diese war mir gar nicht bewusst. Ganz tief im Mund, oben rechts neben dem Weisheitszahn. Er hat zuerst mit meinem Einverständnis versucht, ohne Betäubung zu bohren, aber eine Spritze wurde doch nötig. Die hat sau weh getan. Der Schmerz hat bis zum unteren Auge und zum Ohr gestrahlt. Dann wurde alles taub, und er konnte die Behandlung fortführen.

Die Wirkung der Spritze hat sehr lange gedauert. Mindestens sechs Stunden. Das Taubheitsgefühl unter dem Auge war sehr unangenehm. Ich konnte das Auge schwer schließen und es ist trocken geworden. Die rechte Schläfe war auch taub und hat mir den Eindruck gegeben, ich hätte leichte Kopfschmerze. Mir wurde nicht wirklich schwindelig, aber ich hatte Schwierigkeiten, beim Stehen das Gleichgewicht zu halten. Meine Wange ist geschwollen. In der ganzen Zeit konnte ich auch nichts essen, da die Gefahr zu hoch war, die Innenseite der Wange zu verletzen. Und morgens hatte ich schon nichts außer Kaffee zu mir genommen. Mit einer neuen Füllung hatte ich gar nicht gerechnet. Ich habe lange warten müssen, bis die Wirkung nachgelassen hat. Jetzt bleibt noch der Schmerz der Spritze, die nicht ohne war. Die Wange ist immer noch dick und tut weh, wenn ich sie nur ein bisschen berühre. Ich hoffe, dass es morgen vorbei ist.

Letzter Urlaubstag

Morgen fliege ich zurück nach Berlin.

Der Urlaub war super. Vor allem, die Überraschungsfeier für den Geburtstag meiner Mami, die den Anlass für den Urlaub überhaupt gegeben hat, ist gut gelungen. Es hat ihr sehr gefallen und sie hat sich riesig gefreut, dass wir anwesend waren, obwohl sie es gar nicht erwarten konnte (ich hatte sie am Tag davor aus Prag angerufen). Mein Bruder hatte es sogar geschafft, meine Schwester zu überzeugen, vorbei zu kommen. Es muss das erste Mal seit über zehn Jahren sein, dass alle ihre Kinder zusammen mit ihr waren. Es gab auch Cousins und Cousinen, die ich kaum bis gar nicht kannte (meine Mutter hat sechs Geschwister). Wir haben aber nicht viel Gemeinsames, und ich habe mich meistens mit meinem jüngsten Cousin unterhalten, den ich seit seiner Geburt kenne und der jetzt Medizin studiert — er versteht sogar, wenn ich von meiner Arbeit erzähle.

Wir sind sonst viel unterwegs gewesen. Autofahren mag ich nicht wirklich, selbst als Beifahrerin. In meiner Gegend noch weniger, weil es so viele Kurven gibt, und mir wird es schnell übel. Es gab aber viele Orte, die Martin noch nicht kannte, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich ihm zeigen wollte. Manchmal, in den langen kalten Wintern in Deutschland, frage ich mich, wie ich diese Gegend verlassen konnte. Ach ja, des Studiums wegen. Und Berlin mag ick ooch.

Ursprünglich sollte ich morgen nicht alleine zurück fliegen, aber Martin hat ein Vorstellungsgespräch für heute bekommen und musste auf gestern umbuchen. Wir hatten uns am Freitag die Bus- und Bahn-Verbindungen angeschaut, damit er zum Flughafen in Nizza ankommt. Dann gab’s die Ereignisse vom Wochenende. Hier im Var haben wir am Samstag nur starken Regen bekommen. Angesichts der Wetterwarnung hatten wir beschlossen, zu Hause zu bleiben. Erst als wir am Sonntag nach dem Spaziergang in Moustiers zurück gekommen sind, haben wir im Fernseher das Ausmaß der Überflutungen im Nachbardépartement begriffen — und erfahren, dass es zur Zeit keine Züge nach Nizza gibt (wie auch?). Meine Mami hat sich gleich angeboten, um Martin mit dem Auto zum Flughafen zu fahren. Ich bin natürlich mitgekommen. Im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass ich hätte fahren können. Wenn ich nicht über fünfzehn Jahre her zum letzten Mal ein Auto gefahren hätte.

Die Fahrt war lang. Wir haben anderthalb Stunden mehr als sonst gebraucht. Die Autobahn hatte schon wieder alle ihre Spuren frei, aber es gab viele Staus ab Mandelieu. Und Google Maps zeigte noch mehr Staus in die andere Richtung, eigentlich war die Autobahn kontinuierlich rot ab Nizza. Wir haben gesehen, wie alle Vehikel in die Gegenrichtung hinter einander standen. Wir haben beschlossen, für die Rückfahrt erst ab Mandelieu die Autobahn zu benutzen. Durch Cannes zu fahren war aber keine gute Idee. Ich habe diese Stadt nie gemocht, weil es mit dem Auto immer die Hölle war. Dazu kamen die Umleitungen und Absperrungen wegen den Notmaßnahmen, um Matsch, Kies und komisch gelandete Autos zu entfernen. Auf dem Rand einer Landstraße hinter Cannes waren komplette Bäume mit dem Schlamm den Hügel herunter gerutscht. Auf die sonst gut befahrbaren Straßen hat man kilometerlang die rotbraunen Spuren der hiesigen Erde gesehen. Die Straßenarbeiter haben seit dem Wochenende ordentlich geschuftet.