Eine Woche im Krankenhaus

Sie hatte gut angefangen, diese Woche. Am Montag war ich mit dem Kurs sehr beschäftigt. Studenten empfangen, Vorlesungen gehalten, Führung durch unsere Labore (ein großes Lob an unsere Verwaltung, die alle Studenten noch rechzeitig anmelden konnte)… Die Gruppe war toll, die Studenten haben viele interessierte Fragen gestellt. Ich habe mir nur eine halbstündige Mittagspause gegönnt und ein Bagel auf die Schnelle gegessen. Nachmittags konnte ich mich kurz entspannen, während Winfried zum Schluß seine Vorlesung gehalten hat.

Als ich am Ende der Vorlesung von meinem Stuhl aufgestanden bin, habe ich plötzlich Schmerze im unteren Bereich vom Bauch gespürt. Es hat sich wie ein Verdauungsproblem angefühlt. Toilette besucht, ohne Ausscheidung. Merkwürdig. Zurück in meinem Zimmer, hatte ich den Eindruck, Messerstiche im Unterleib zu haben. „Cola trinken,“ meinte Winfried. Da der erster Kurstag vorbei war, habe ich beschlossen, Feierabend zu machen und bin von Martin mit dem Auto abgeholt worden. Bei den Bauchschmerzen hatte ich keine Lust auf eine lange Fahrt mit der S-Bahn. Zu Hause habe ich mich hingelegt. Um dem Verdauungstrakt zu helfen, habe ich eine Kürbissuppe gegessen. Es hat nicht geholfen, und die Schmerze haben nicht nachgelassen. Selbst urinieren war schwierig geworden. Konnte es sich um ein Uterusprolaps handeln? In meinem Alter? Vielleicht war es ein Darmverschluss? Es war schon recht spät. Ich habe beschlossen, am nächsten Morgen direkt zum Arzt zu gehen.

Nachtsüber konnte ich nicht gut schlafen. Die Suppe ist lange im Magen geblieben und hat mir neue Magenschmerze verursacht. Am ganzen Brustkorb, sowie seitlich. Ich muss auch schlecht gelegen haben, weil meine Schulter fürchterlich geschmerzt haben. Hätte ich die Symptome bloss gegoogelt. Der Arztbesuch am nächsten Morgen hat nicht mal zwei Minuten gedauert. Ich habe mich hingelegt. Er hat am Bauch leicht gedrückt. Der Schmerz in den Schultern wurde so stark, dass ich angefangen habe, unkontrolliert zu heulen. „Sie gehen sofort zum Krankenhaus“, meinte er, und wir sind zu seiner Sekretärin gegangen, um die Überweisung zu vorbereiten. Als Martin zu uns kam, meinte er, es wäre wahrscheinlich eine Eileiterschwangerschaft. Das habe ich nicht geglaubt. Ich war doch wegen Darmprobleme gekommen, und hatte keine frühe Anzeichen von einer Schwangerschaft wahrgenommen. Auf der Überweisung hat er jedoch „v.a. Appendizitis“ eintragen lassen.

Wir sind zu einem Krankenhaus in der Nähe gefahren, nachdem wir schnell zu Hause eine Tasche zusammengepackt haben und ich meine restliche Vorlesungen für den Kurs an Uschi und Winfried weitergeleitet habe. Die Kollegen mussten für mich einspringen. Beim Krankenhaus bin ich keine zwei Stunden geblieben. Mir ist Blut abgenommen worden. Eine Echographie wurde gemacht. Der Mann, der sie durchführte und kein Gynäkologe war, meinte, es wäre keine Appendizitis, weil mein Bauch nicht hart war, und ich wäre nicht schwanger. Er hatte aber große Mengen an Flüssigkeiten und Blut gesehen, die gar nicht normal waren. Er hat mich zu einem anderen Krankenhaus geschickt, der eine Gynäkologieabteilung besitzt, mit dem Hinweis, dass keine Notwendigkeit für eine stationäre Aufnahme gefunden wurde. Gleichzeitig stand auf dem Überweisungszettel, dass der β-hCG Test positiv war, gefolgt von drei Ausrufezeichen. Vielleicht ein Rest von dem früheren Spontanabort am Anfang des Jahres, meinte der Mann (Arzt kann er definitiv nicht gewesen sein).

Im zweiten Krankenhaus haben wir erneut eine Echographie gemacht, diesmal mit einem Gynäkologen, und ja, da, anscheinend in einer Eileiter, war etwas eingenistet. Ohne Zweifel der Grund für die große Menge an Blut, die bei der ersten Echographie gesehen wurde. Oh Mist. Es passiert nicht nur Anderen. Natürlich musste es möglichst schnell operiert werden, und zwar direkt am Nachmittag. Zum Glück hatte ich morgens nichts essen können, denn ich musste dafür nüchtern sein. Meine allererste OP. Alles, was ich nach der Beruhigungspille noch mitbekommen habe, war, dass jemand sagte, ich hätte gerade eine Sauerstoffmaske bekommen und ich müsste jetzt atmen, tiefer atmen, atmen Sie doch

Beim Aufwachen war ich in einem Raum voll mit anderen Patienten, die zurück aus einer OP waren. Hinter meinem Kopf hat etwas ständig gepiepst. Mir war unglaublich kalt, aber das Zittern hat schnell aufgehört, und das Piepsen ist langsamer geworden. Ich habe gehustet: Ich hatte die ganze Zeit wohl einen Schlauch für eine künstliche Beatmung, habe ich erklärt bekommen. Ich bin zu meinem Zimmer im Bett zurück gerollt worden. Ich war ziemlich benommen, habe aber noch mit Schrecken festgestellt, dass eine transparente Tasche mit einer roten Flüssigkeit neben mir im Bett lag und durch einen Schlauch mit meinem Bauch verbunden war. Letzteres habe ich nur vermutet, weil ich mir meinen Bauch gar nicht anschauen wollte. Die Tasche auch nicht, aber die Krankenschwester meinte, ich müsste sie immer vorsichtig tragen, wenn ich mal aufstehen müsste. Die rote Flüssigkeit drin war kein reines Blut, wie ich gedacht hatte, sondern die Spülflüssigkeit, die noch durch die Drainage langsam entfernt werden musste. Und an beiden Handgelenken hatte ich Katheter. Mir ist erzählt worden, dass ich sehr viel Blut verloren habe, und dass die Schwangerschaft doch nicht in einer Eileiter war, sondern, noch seltener, in der Bauchhöhle. Gute Nachricht, beide Eileiter sind intakt (falls ich mich jemals vom Schreck erholen sollte), aber der Gedanke an einem Baby irgendwo im Bauch ist sehr beunruhigend.

Der erster Katheter ist am nächsten Tag entfernt worden, der zweite noch ein Tag danach. Die Tasche ist ebenfalls bis Donnerstag an meinem Bauch gebunden geblieben. Es war ziemlich ätzend, alles einhändig machen zu müssen. Schon beim Aufstehen hatte ich immer Angst, drauf zu drücken und den Schlauch weg zu reißen. Beim Toilettengang hatte ich immer einen schmerzenden Druck tief in der Blase gespürt. Ich habe nur darauf gewartet, die Tasche los zu werden. Beim Entfernen vom Schlauch bin ich vom Schmerz fast zur Decke gehüpft und habe laut „Putain“ geschrieen (auf Deutsch schimpfen kommt mir nicht natürlich). Den Schmerz habe ich zwei mal hintereinander bekommen. Warum kriegt man vorher keine lokale Betäubungsspritze? Ich habe mich aber danach total befreit gefühlt und keine Hinderung mehr beim Ausscheiden gehabt. Das einzige, was mir noch Sorgen gemacht hat, ist die Klammer an meinem Bauchnabel, die ich durch das Pflaster spüren konnte. Die Entfernung würde wie beim Schlauch bestimmt sehr schmerzhaft sein. Als ich dies einer Ärztin mitteilte, hat sie mich zuerst überrascht geschaut und die Wunde geprüft: Es gab keine Klammer. Ich hatte nur den Knoten gespürt, der von alleine weg gehen sollte.

Ich habe mich relativ schnell erholt. Gestern konnte ich schon mit Martin zwei mal draußen um das Gebäude spazieren gehen. Vielleicht auch, um die komische Frau aus irgendeinem Katho-Verein nicht zu sehen, die fest dazu entschloßen war, mich unbedingt zu besuchen, obwohl ich ausdrücklich gesagt hatte, dass ich keine Seelensorge haben wollte. Zwei Mal ist sie unangekündigt (und von meiner Sicht aus unerlaubt) in meinem Zimmer mit ihren lauten hohen Absätzen herein geplatzt, um ganz laut autoritär durch den Raum zu rufen, dass sie mich besuchen wollte. Jedesmal lag ich im Bett. Beim ersten Mal, kurz nach dem Mittagessen, habe ich sie raus geschickt (und habe ihr Angebot von einem Flyer abgelehnt). Beim zweiten Mal war’s gestern früh, um die unverschämte Uhrzeit von nicht mal 07:30: Ich habe getan, als ob ich noch schlafen würde und sie mich gerade geweckt hätte, und da meine Nachbarinnen sie sich komisch angeschaut haben, hat sie ganz schnell ohne Wort das Zimmer wieder verlassen. Als ich mich bei der Krankenschwester über sie beschwert habe, war sie sehr überrascht und hat mich nach einer Beschreibung der Frau gefragt. Was ich mich frage ist, woher kannte sie denn meinen Namen, und warum hatte sie gar nicht versucht, mit meinen Nachbarinnen im Raum sonst zu sprechen? Kurz danach, als ich beim Frühstück war, ist der Oberarzt mit seinem Team zu mir bekommen, um mir zu sagen, dass ich eine „Exote“ war. Bauchhöhlenschwangerschaften sind so selten. Wie sollte man auf sowas reagieren? Ich habe mich für ein „Ach?“ entschieden (ich hätte mir den Status gerne gespart), und er hat mich dann nach meinem Zustand gefragt.

Heute Morgen bin ich endlich entlassen worden. Wie es aussieht muss ich einiges nachholen. Ich habe in der ganzen Zeit gar nicht ferngesehen. Über die schlimme Ereignisse von gestern weiß ich noch Bescheid, aber warum gibt es plötzlich überall auf Facebook Regenbögen? Und vor allem muss ich es schaffen, diese stinkende Wunde am Bauchnabel möglichst sanft zu reinigen. Jetzt kann ich mir wenigstens wieder meinen Bauch ohne Ekel anschauen. Mein Bauchfell schmerzt noch, aber die Ärztin meint, er wäre durch das Aufblasen mit Luft bei der OP normal und würde noch mehrere Tage dauern.

Advertisements

16 Gedanken zu “Eine Woche im Krankenhaus

Teile deine Meinung mit!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s