Fahrradklingel

Heute, auf dem Weg nach Hause. Es ist spät, ich bin bis halb acht im Büro geblieben. Um die Uhrzeit ist das Radeln entspannt. Sehr wenige Autos auf der Straße. Die meisten Leute sind beim Abendessen. Die Radwege vor den Läden sind ungewöhnlich frei. Selbst der Bahnhof Lichterfelde Ost wirkt ruhig. Kurz danach fahre ich die Königsberger Straße herunter. Von weitem sehe ich zwei älteren Herren im Anzug nach einer Bushaltestelle, die in aller Ruhe auf dem Radweg spazieren gehen (neben dem noch viel breiterem Gehweg). Sie sehen beide über 70 Jahre alt aus. Ich denke, besser ganz früh klingeln, damit sie Zeit haben, darauf zu reagieren. Sie sind gut 30 Meter vor mir entfernt, wenn ich die Klingel betätige. Keine Reaktion. Ein bisschen schwerhörig, die Opas. So alt ist meine Klingel nicht. Ich verlangsame mein Tempo und fange an, ununterbrochen Radau zu machen. Irgendwann werden sie doch die Klingel hören müssen. Nein. Ich bin jetzt schon ganz nah hinter ihnen, vielleicht knapp zehn Meter. Zum heftigen Klingeln rufe ich noch laut „Haaallooo!“, während ich weiter bremse. Beide Herren zucken plötzlich und gehen zur Seite. Der Radweg ist wieder frei. Ich überhole sie. Hinter mir ruft dann ein der beiden Herren in einem vorwurfsvollem Ton: „Klingeln!“ Marktlücke: Fahrradklingel mit tieferen Tönen für Hörgeschädigte. Bei der immer älter werdenden deutschen Bevölkerung wird es dringend nötig.

Letzte Woche hatte ich eine ganz andere Erfahrung. Ich fuhr in Britz schon einige Zeit hinter einer Frau mit Kopftuch auf dem Radweg. Sie selbst fuhr hinter einem etwa dreijähriges Mädchen auf einem pinken Fahrrad. Sie waren extrem langsam. Ich war nicht in Eile und habe gewartet, dass es genug Platz zum überholen gab, bevor ich meine Absicht mit einem Klingelton ankündigte (ich hatte am Abend davor einiges über Verkehrsrecht auf der Seite vom ADFC gelesen). Ganz langsam geklingelt, damit es nicht zu schrill und erschreckend wirkt. Die Frau hat eine völlig unerwartete Reaktion gezeigt: Vollbremse gemacht, mitten im breiten Weg gehalten, sich böse umgedreht und etwas gesagt wie ich sollte nicht so drängeln, sie wäre ja mit einem Kleinkind zusammen. Ich habe sie beruhigen müssen (mit Lächeln, ganz wichtig) und erklärt, dass es nicht böse gemeint war, sondern zu den Regeln fürs Fahrradfahhren gehört. Sie hat sich etwas entspannt und zugegeben, dass sie den Klang sehr stressig findet. Ich will nicht wissen, was man erlebt haben muss, um so panisch auf eine Fahrradklingel zu reagieren.

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