Meine musikalischen Nachbarn

Unmittelbar nach dem Umzug ist es mir aufgefallen. Im Nachbarhaus haben wir Musikanten. Ich kenne die Nachbarn nicht persönlich, außer dass wir uns manchmal auf dem Balkon grüßen. Eine Familie mit zwei Teenagers, ein Junge, ein Mädchen. Wer von den beiden spielt, weiß ich nicht, aber fast täglich hört man Klavier und Flöte aus deren Wohnung. Nie gleichzeitig und wenn beide, dann immer nacheinander, und ich denke deshalb, dass die gleiche Person beide Instrumente spielt. Zu zweit wäre die Versuchung doch groß, zusammen zu spielen. Wir hören Musik vor allem in meinem Arbeitszimmer und im Schlafzimmer. Da es tagsüber ist und nie lange dauert, ist es kein Problem. Nichts im Vergleich zu meinem ehemaligen Nachbar.

Das „Problem“ ist, dass seit November immer wieder das gleiche Stück gespielt wird, mit sehr geringen Fortschritten. Es würde mich sehr frustrieren. Und ich habe erst jetzt gemerkt, woran es liegt. Die Person spielt nur das Stück, ohne Technik-Übung. Teile, die einwandfrei gespielt werden können, werden bevorzugt gespielt, ohne gezielt dort zu üben, wo es Probleme gibt. Als ich bis vor zwanzig Jahren Klavier gespielt hatte, hatte ich mich immer mit Technik warm gespielt. Ich hatte ein Heft, der nur solche Übungen enthielt. Neue Stücke hatte ich stets für jede Hand getrennt gelernt, bevor ich beide zusammengefügt hatte. Und ich war fleißig. An Mittwochnachmittage und in den Schulferien konnte ich locker vier oder fünf Stunden lang am Klavier sitzen und üben. Ich habe nur aufgehört, als ich mit der Uni angefangen habe. Es war gut, dass wir damals in einer Villa gelebt hatten. Das hätte sonst keiner aushalten können.

Wie auch immer. Ich freue mich echt auf den Tag, an dem ich Für Elise endlich fehlerfrei aus der Nachbarwohnung hören werde.

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Eine Woche im Krankenhaus

Sie hatte gut angefangen, diese Woche. Am Montag war ich mit dem Kurs sehr beschäftigt. Studenten empfangen, Vorlesungen gehalten, Führung durch unsere Labore (ein großes Lob an unsere Verwaltung, die alle Studenten noch rechzeitig anmelden konnte)… Die Gruppe war toll, die Studenten haben viele interessierte Fragen gestellt. Ich habe mir nur eine halbstündige Mittagspause gegönnt und ein Bagel auf die Schnelle gegessen. Nachmittags konnte ich mich kurz entspannen, während Winfried zum Schluß seine Vorlesung gehalten hat.

Als ich am Ende der Vorlesung von meinem Stuhl aufgestanden bin, habe ich plötzlich Schmerze im unteren Bereich vom Bauch gespürt. Es hat sich wie ein Verdauungsproblem angefühlt. Toilette besucht, ohne Ausscheidung. Merkwürdig. Zurück in meinem Zimmer, hatte ich den Eindruck, Messerstiche im Unterleib zu haben. „Cola trinken,“ meinte Winfried. Da der erster Kurstag vorbei war, habe ich beschlossen, Feierabend zu machen und bin von Martin mit dem Auto abgeholt worden. Bei den Bauchschmerzen hatte ich keine Lust auf eine lange Fahrt mit der S-Bahn. Zu Hause habe ich mich hingelegt. Um dem Verdauungstrakt zu helfen, habe ich eine Kürbissuppe gegessen. Es hat nicht geholfen, und die Schmerze haben nicht nachgelassen. Selbst urinieren war schwierig geworden. Konnte es sich um ein Uterusprolaps handeln? In meinem Alter? Vielleicht war es ein Darmverschluss? Es war schon recht spät. Ich habe beschlossen, am nächsten Morgen direkt zum Arzt zu gehen.

Nachtsüber konnte ich nicht gut schlafen. Die Suppe ist lange im Magen geblieben und hat mir neue Magenschmerze verursacht. Am ganzen Brustkorb, sowie seitlich. Ich muss auch schlecht gelegen haben, weil meine Schulter fürchterlich geschmerzt haben. Hätte ich die Symptome bloss gegoogelt. Der Arztbesuch am nächsten Morgen hat nicht mal zwei Minuten gedauert. Ich habe mich hingelegt. Er hat am Bauch leicht gedrückt. Der Schmerz in den Schultern wurde so stark, dass ich angefangen habe, unkontrolliert zu heulen. „Sie gehen sofort zum Krankenhaus“, meinte er, und wir sind zu seiner Sekretärin gegangen, um die Überweisung zu vorbereiten. Als Martin zu uns kam, meinte er, es wäre wahrscheinlich eine Eileiterschwangerschaft. Das habe ich nicht geglaubt. Ich war doch wegen Darmprobleme gekommen, und hatte keine frühe Anzeichen von einer Schwangerschaft wahrgenommen. Auf der Überweisung hat er jedoch „v.a. Appendizitis“ eintragen lassen.

Wir sind zu einem Krankenhaus in der Nähe gefahren, nachdem wir schnell zu Hause eine Tasche zusammengepackt haben und ich meine restliche Vorlesungen für den Kurs an Uschi und Winfried weitergeleitet habe. Die Kollegen mussten für mich einspringen. Beim Krankenhaus bin ich keine zwei Stunden geblieben. Mir ist Blut abgenommen worden. Eine Echographie wurde gemacht. Der Mann, der sie durchführte und kein Gynäkologe war, meinte, es wäre keine Appendizitis, weil mein Bauch nicht hart war, und ich wäre nicht schwanger. Er hatte aber große Mengen an Flüssigkeiten und Blut gesehen, die gar nicht normal waren. Er hat mich zu einem anderen Krankenhaus geschickt, der eine Gynäkologieabteilung besitzt, mit dem Hinweis, dass keine Notwendigkeit für eine stationäre Aufnahme gefunden wurde. Gleichzeitig stand auf dem Überweisungszettel, dass der β-hCG Test positiv war, gefolgt von drei Ausrufezeichen. Vielleicht ein Rest von dem früheren Spontanabort am Anfang des Jahres, meinte der Mann (Arzt kann er definitiv nicht gewesen sein).

Im zweiten Krankenhaus haben wir erneut eine Echographie gemacht, diesmal mit einem Gynäkologen, und ja, da, anscheinend in einer Eileiter, war etwas eingenistet. Ohne Zweifel der Grund für die große Menge an Blut, die bei der ersten Echographie gesehen wurde. Oh Mist. Es passiert nicht nur Anderen. Natürlich musste es möglichst schnell operiert werden, und zwar direkt am Nachmittag. Zum Glück hatte ich morgens nichts essen können, denn ich musste dafür nüchtern sein. Meine allererste OP. Alles, was ich nach der Beruhigungspille noch mitbekommen habe, war, dass jemand sagte, ich hätte gerade eine Sauerstoffmaske bekommen und ich müsste jetzt atmen, tiefer atmen, atmen Sie doch

Beim Aufwachen war ich in einem Raum voll mit anderen Patienten, die zurück aus einer OP waren. Hinter meinem Kopf hat etwas ständig gepiepst. Mir war unglaublich kalt, aber das Zittern hat schnell aufgehört, und das Piepsen ist langsamer geworden. Ich habe gehustet: Ich hatte die ganze Zeit wohl einen Schlauch für eine künstliche Beatmung, habe ich erklärt bekommen. Ich bin zu meinem Zimmer im Bett zurück gerollt worden. Ich war ziemlich benommen, habe aber noch mit Schrecken festgestellt, dass eine transparente Tasche mit einer roten Flüssigkeit neben mir im Bett lag und durch einen Schlauch mit meinem Bauch verbunden war. Letzteres habe ich nur vermutet, weil ich mir meinen Bauch gar nicht anschauen wollte. Die Tasche auch nicht, aber die Krankenschwester meinte, ich müsste sie immer vorsichtig tragen, wenn ich mal aufstehen müsste. Die rote Flüssigkeit drin war kein reines Blut, wie ich gedacht hatte, sondern die Spülflüssigkeit, die noch durch die Drainage langsam entfernt werden musste. Und an beiden Handgelenken hatte ich Katheter. Mir ist erzählt worden, dass ich sehr viel Blut verloren habe, und dass die Schwangerschaft doch nicht in einer Eileiter war, sondern, noch seltener, in der Bauchhöhle. Gute Nachricht, beide Eileiter sind intakt (falls ich mich jemals vom Schreck erholen sollte), aber der Gedanke an einem Baby irgendwo im Bauch ist sehr beunruhigend.

Der erster Katheter ist am nächsten Tag entfernt worden, der zweite noch ein Tag danach. Die Tasche ist ebenfalls bis Donnerstag an meinem Bauch gebunden geblieben. Es war ziemlich ätzend, alles einhändig machen zu müssen. Schon beim Aufstehen hatte ich immer Angst, drauf zu drücken und den Schlauch weg zu reißen. Beim Toilettengang hatte ich immer einen schmerzenden Druck tief in der Blase gespürt. Ich habe nur darauf gewartet, die Tasche los zu werden. Beim Entfernen vom Schlauch bin ich vom Schmerz fast zur Decke gehüpft und habe laut „Putain“ geschrieen (auf Deutsch schimpfen kommt mir nicht natürlich). Den Schmerz habe ich zwei mal hintereinander bekommen. Warum kriegt man vorher keine lokale Betäubungsspritze? Ich habe mich aber danach total befreit gefühlt und keine Hinderung mehr beim Ausscheiden gehabt. Das einzige, was mir noch Sorgen gemacht hat, ist die Klammer an meinem Bauchnabel, die ich durch das Pflaster spüren konnte. Die Entfernung würde wie beim Schlauch bestimmt sehr schmerzhaft sein. Als ich dies einer Ärztin mitteilte, hat sie mich zuerst überrascht geschaut und die Wunde geprüft: Es gab keine Klammer. Ich hatte nur den Knoten gespürt, der von alleine weg gehen sollte.

Ich habe mich relativ schnell erholt. Gestern konnte ich schon mit Martin zwei mal draußen um das Gebäude spazieren gehen. Vielleicht auch, um die komische Frau aus irgendeinem Katho-Verein nicht zu sehen, die fest dazu entschloßen war, mich unbedingt zu besuchen, obwohl ich ausdrücklich gesagt hatte, dass ich keine Seelensorge haben wollte. Zwei Mal ist sie unangekündigt (und von meiner Sicht aus unerlaubt) in meinem Zimmer mit ihren lauten hohen Absätzen herein geplatzt, um ganz laut autoritär durch den Raum zu rufen, dass sie mich besuchen wollte. Jedesmal lag ich im Bett. Beim ersten Mal, kurz nach dem Mittagessen, habe ich sie raus geschickt (und habe ihr Angebot von einem Flyer abgelehnt). Beim zweiten Mal war’s gestern früh, um die unverschämte Uhrzeit von nicht mal 07:30: Ich habe getan, als ob ich noch schlafen würde und sie mich gerade geweckt hätte, und da meine Nachbarinnen sie sich komisch angeschaut haben, hat sie ganz schnell ohne Wort das Zimmer wieder verlassen. Als ich mich bei der Krankenschwester über sie beschwert habe, war sie sehr überrascht und hat mich nach einer Beschreibung der Frau gefragt. Was ich mich frage ist, woher kannte sie denn meinen Namen, und warum hatte sie gar nicht versucht, mit meinen Nachbarinnen im Raum sonst zu sprechen? Kurz danach, als ich beim Frühstück war, ist der Oberarzt mit seinem Team zu mir bekommen, um mir zu sagen, dass ich eine „Exote“ war. Bauchhöhlenschwangerschaften sind so selten. Wie sollte man auf sowas reagieren? Ich habe mich für ein „Ach?“ entschieden (ich hätte mir den Status gerne gespart), und er hat mich dann nach meinem Zustand gefragt.

Heute Morgen bin ich endlich entlassen worden. Wie es aussieht muss ich einiges nachholen. Ich habe in der ganzen Zeit gar nicht ferngesehen. Über die schlimme Ereignisse von gestern weiß ich noch Bescheid, aber warum gibt es plötzlich überall auf Facebook Regenbögen? Und vor allem muss ich es schaffen, diese stinkende Wunde am Bauchnabel möglichst sanft zu reinigen. Jetzt kann ich mir wenigstens wieder meinen Bauch ohne Ekel anschauen. Mein Bauchfell schmerzt noch, aber die Ärztin meint, er wäre durch das Aufblasen mit Luft bei der OP normal und würde noch mehrere Tage dauern.

Eine stressige Dienstreise

Die Reise selbst war nicht stressig. Ich war drei Tage mit Kate unterwegs, in einer kleinen Stadt in Mittelhessen, die trotzdem mit einer Uni versehen ist. Dort sitzt eine Arbeitsgruppe, mit der wir beide zu tun haben. Es war ein sehr produktives Treffen.

Was mich geärgert hat, sind die Kollegen zu Hause. Wir haben nächste Woche einen gemeinsamen Kurs mit der Uni, den ich mittlerweile zum fünften Mal für unseren Teil organisiere. Es ist bis jetzt immer gut gelaufen. Alles, was ich machen muss, ist beinahe trivial: Termin finden, da die Nutzung unserer Geräte an einem Kalender gebunden ist, Raum buchen, was fast ein Jahr im vorraus geschieht, Zeitplan für den Kurs herstellen, da die Studenten manchmal gleichzeitig andere Veranstaltungen haben, und meine Vorlesungen und Skripte vorbereiten, es gibt immer Verbesserungsmöglichkeiten. Um die Online-Anmeldung der Studenten für die Nutzung unserer Geräte kümmern sich die Kollegen aus der Uni, die den Rest vom Kurs organisieren. Bis auf dieses Mal.

Vorgestern hat mich mein Gesprächspartner für den Kurs aus der Uni eine Email geschrieben, weil er gerade gemerkt hatte, dass er die Studenten bei uns nicht wie üblich anmelden konnte. Da ich den ganzen Tag beschäftigt war und meine Kollegen erst um halb zehn verlassen habe, konnte ich nur sehr spät antworten. Ungefähr so: „Bin nicht vor Ort, kontaktiere so schnell wie möglich unsere Verwaltung, ich weiß nicht, ob sie es noch schaffen können, rechzeitig den Studenten Zugang zu den Geräten zu ermöglichen.“ Mit CC an Uschi, damit er darauf reagieren kann: Vielleicht hat er eine Idee, wie man auf die Schnelle das Problem lösen kann. Es ist ja ein großer administrativer Aufwand, vor allem bei ausländischen Studenten, da Sicherheitsaspekte berücksichtigt werden müssen, und alle unsere Nutzer wissen eigentlich, dass sie sich spätestens eine Woche vor ihrer Messung bei uns anmelden müssen. Mein Kollege hat etwas massiv verpennt, wenn er erst zwei Werktage vor Anfang des Kurses merkt, dass er die Studenten nicht anmelden kann. Ich habe schon im Gedanke angefangen, den gesamten Kurs umzustrukturieren, damit wir trotzdem etwas Sinnvolles machen können, falls keine Experimente möglich sind.

Gestern habe ich ganz früh Uschi angerufen, als er noch unterwegs zur Arbeit war. Er hatte den Email-Austausch vom späten Abend nicht mitbekommen. Seine Antwort an meinem Kollegen fing mit „Warum merkt ihr das erst jetzt?“ an, aber er hat tatsächlich eine Notlösung gefunden. Dafür mussten die Kollegen an der Uni tätig werden: Wir dürfen selber keine Teilnehmer zu einem Experiment eintragen, obwohl wir Experimente für die Nutzer buchen können (warum auch immer, das versteht nur unsere Verwaltung). Daraufhin kam eine Antwort vom Chef meines Kollegen, der leitender Professor seiner Arbeitsgruppe, der bis jetzt in die Diskussion nicht involviert war aber uns gleich anschuldigen musste, in dem Stil „Ich sehe nicht ein, warum wir uns darum kümmern sollten, seit Frau Dingsbums[1] nicht mehr da ist, klappt irgendwie einiges nicht mehr, wenn es nicht geht werden wir in Zukunft ohne euch den Kurs machen“. Ich glaube, ich spinne. Zum Glück hat Uschi die Situation vorbildlich unter Kontrolle gebracht. Er hat den Vorgang bei den letzten Kursen geprüft und deutlich gemacht, dass die Anschuldigungsversuche an uns völlig unbegründet waren, da die Studenten immer von den Kollegen aus der Uni angemeldet wurden. Der Professor hat keinen Ton mehr von sich gegeben, mein Kollege hat plötzlich geschrieben, dass er die Studenten gerade angemeldet hatte (obwohl er es angeblich nicht vor dem Nachmittag machen konnte), und Uschi hat es geschafft, die Leute aus unserer Verwaltung zu überzeugen, den Vorgang für die Studenten zu beschleunigen. Das alles innerhalb von zwei Stunden nachdem ich ihn angerufen habe. Es ist nicht sicher, dass es gelingt, aber er hat alles dafür gemacht. Das schätze ich sehr an Uschi. Wenn ein Problem auftaucht, ist er zwar geärgert, aber statt einen Prügelknabe zu suchen, versucht er in erster Linie, das Problem zu lösen.

[1] Die Vorgängerin meines Vorgängers.

Fahrradklingel

Heute, auf dem Weg nach Hause. Es ist spät, ich bin bis halb acht im Büro geblieben. Um die Uhrzeit ist das Radeln entspannt. Sehr wenige Autos auf der Straße. Die meisten Leute sind beim Abendessen. Die Radwege vor den Läden sind ungewöhnlich frei. Selbst der Bahnhof Lichterfelde Ost wirkt ruhig. Kurz danach fahre ich die Königsberger Straße herunter. Von weitem sehe ich zwei älteren Herren im Anzug nach einer Bushaltestelle, die in aller Ruhe auf dem Radweg spazieren gehen (neben dem noch viel breiterem Gehweg). Sie sehen beide über 70 Jahre alt aus. Ich denke, besser ganz früh klingeln, damit sie Zeit haben, darauf zu reagieren. Sie sind gut 30 Meter vor mir entfernt, wenn ich die Klingel betätige. Keine Reaktion. Ein bisschen schwerhörig, die Opas. So alt ist meine Klingel nicht. Ich verlangsame mein Tempo und fange an, ununterbrochen Radau zu machen. Irgendwann werden sie doch die Klingel hören müssen. Nein. Ich bin jetzt schon ganz nah hinter ihnen, vielleicht knapp zehn Meter. Zum heftigen Klingeln rufe ich noch laut „Haaallooo!“, während ich weiter bremse. Beide Herren zucken plötzlich und gehen zur Seite. Der Radweg ist wieder frei. Ich überhole sie. Hinter mir ruft dann ein der beiden Herren in einem vorwurfsvollem Ton: „Klingeln!“ Marktlücke: Fahrradklingel mit tieferen Tönen für Hörgeschädigte. Bei der immer älter werdenden deutschen Bevölkerung wird es dringend nötig.

Letzte Woche hatte ich eine ganz andere Erfahrung. Ich fuhr in Britz schon einige Zeit hinter einer Frau mit Kopftuch auf dem Radweg. Sie selbst fuhr hinter einem etwa dreijähriges Mädchen auf einem pinken Fahrrad. Sie waren extrem langsam. Ich war nicht in Eile und habe gewartet, dass es genug Platz zum überholen gab, bevor ich meine Absicht mit einem Klingelton ankündigte (ich hatte am Abend davor einiges über Verkehrsrecht auf der Seite vom ADFC gelesen). Ganz langsam geklingelt, damit es nicht zu schrill und erschreckend wirkt. Die Frau hat eine völlig unerwartete Reaktion gezeigt: Vollbremse gemacht, mitten im breiten Weg gehalten, sich böse umgedreht und etwas gesagt wie ich sollte nicht so drängeln, sie wäre ja mit einem Kleinkind zusammen. Ich habe sie beruhigen müssen (mit Lächeln, ganz wichtig) und erklärt, dass es nicht böse gemeint war, sondern zu den Regeln fürs Fahrradfahhren gehört. Sie hat sich etwas entspannt und zugegeben, dass sie den Klang sehr stressig findet. Ich will nicht wissen, was man erlebt haben muss, um so panisch auf eine Fahrradklingel zu reagieren.

Eingedeutschtes Tomaten-Bredie mit Lamm

In Südafrika nennt man Eintöpfe „Bredie“. Ich war noch nie dort, habe aber ein Rezeptbuch über südafrikanische Küche, und gerade dieses Rezept ausprobiert. „Eingedeutscht“, weil viele der in Bredie normalerweise benutzten Gewürze wie Zimt oder Kardamom gar nicht benutzt werden, Kartoffeln sind dazu gekommen, scharf ist es auch nicht. Lecker war’s trotzdem.

Die Zutaten (für 4 Personen)

  • 2 Esslöffel Olivenöl
  • 1/2 Teelöffel Zucker
  • 1 Teelöffel Thymian
  • 1 Lorbeerblatt
  • 4 große Zwiebeln
  • 3 Knoblauchzehen
  • 4 Lammkoteletts
  • 1 Teelöffel Salz
  • Pfeffer
  • 100 mL Fleischbrühe
  • 5 große Tomaten
  • 4 Kartoffeln

Die Zubereitung

  • Öl, Thymian und Zucker in einem Topf erhitzen. Zwiebeln in Ringe schneiden und mit den kleingeschittenen Knoblauchzehen andünsten.
  • Lammkoteletts mit Salz, Pfeffer, Lorbeer und Brühe dazugeben und 10 Minuten zugedeckt köcheln lassen.
  • Grob zerkleinerte Tomaten und gewürfelte Kartoffeln hinzufügen, weitere 10 Minuten garen lassen. Fertig.

Nährwertangaben

pro 100 g pro Portion fürs Rezept
Energie (kcal) 141,3 700 2800
Eiweiß (g) 5,9 29,2 116,6
Kohlenhydrate (g) 4,3 21,5 86
Fett (g) 10,9 54 216,1
Ballaststoffe (g) 12,1 6 24

Kaffee

Ich trinke gerne Kaffee. Morgens, bevor ich die Wohnung verlasse. Eine zweite Tasse morgens bei der Arbeit. Mittags meistens noch ein Espresso nach dem Essen. Danach nichts mehr.

Erst als Doktorandin hatte ich wirklich angefangen, Kaffee zu trinken. Der Kaffeeraum (offiziell „kleiner Seminarraum“) war ein gerne benutzter Treffpunkt. Manchmal haben wir noch vor abends Kaffee gemacht (es war nicht ungewöhnlich, wenn ich nach 22:00 das Institut verlassen hatte). Die Gewohnheit habe ich als Postdoc behalten, obwohl ich nicht mehr so lange bei der Arbeit geblieben bin.

Irgendwann kam es mir merkwürdig vor, dass ich nicht mehr richtig schlafen konnte. Wenn ich es jetzt in einem Beitrag namens „Kaffee“ erzähle, ist es klar, woran es lag, aber damals war es mir ein Rätsel. Mehrmals konnte ich bis 04:00 oder 05:00 keinen Schlaf finden, habe dann sehr unruhige Träume gehabt und bin völlig erschöpft aufgewacht, als der Wecker um 08:00 geklingelt hat (ich wohnte ganz nah am Institut). Es war noch vor der Geschichte mit dem nächtlichen Klavierspieler. „Magnesiummangel“, dachte ich. Das hatte ich einmal im Studium gehabt, im vierten Jahr, und der Arzt hatte mir Magnesium verschrieben. Es hatte gut gewirkt. Diesmal nicht.

Bis ich verstanden habe, dass es am Kaffee lag, hat es lange gedauert. Ich wollte es am Anfang nicht glauben. Es ist aber wirklich so, dass ich sehr lange nicht einschlafen kann, wenn ich ab dem späten Nachmittag Kaffee trinke. Mit einer Korrelation von 1. Oder beim Cola (trinke ich sowieso extrem selten), oder Tee, oder sogar Orangensaft. Ich bin halt überempfindlich. Auch andersrum. Einmal hatte mir mein Kollege Sebastian im Hochsommer vorgeschlagen, frisch gemachten kalten Lindenblättertee zu trinken. Nachdem er meine Bedenken weg gelacht hat (er hatte nie Wirkungen davon gehabt), habe ich es probiert und fand es lecker. Kurz danach habe ich angefangen, ununterbrochen zu gähnen und musste anschließend ganz früh nach Hause, weil ich nicht mehr in der Lage war, zu arbeiten.

Jetzt haben wir eine Nespresso-Maschine, und ich finde es toll, abends eine koffeinfreie Tasse Kaffee zu trinken. Na ja, bis Anfang dieser Woche. Bei der letzten Benutzung hat sie einen komischen Geräusch gemacht, vermutlich ist ein Schlauch fürs Wasser geplatzt oder ähnliches, jetzt ist es vorbei mit den Espressi abends. Schade. Es passte hervorragend zum Zitronensorbet. Gestern haben wir bei einem Italiener in der Nähe gegessen. Ich habe gefragt, ob sie Decaf haben, und der (eigentlich immer unfreundliche) Kellner sagte ja. Ich habe also ein entkoffeiniertes Espresso bestellt. In der Espresso-Tasse war aber definitiv kein Espresso. Es hat furchtbar nach Filterkaffee geschmeckt. Ich habe es trotzdem getrunken. Und bin bis halb drei hell wach im Bett geblieben, während Martin fest schlief, obwohl ich vor dem Essen beim Fitness-Studio gewesen war. Blöder Typ. Ich hätte kein Trinkgeld auf dem Tisch lassen sollen.

Auf Entzug

Heute wollte ich zu Hause entspannen. Ich war gestern wieder arbeiten und am frühen Nachmittag nach Hause geradelt. Eingekauft. Geputzt. Gekocht. Martin ist seit Mitte der Woche bei ehemaligen Kollegen in Frankreich. „Nur zu“, habe ich gesagt. Wenn er wieder arbeitet, wird er nicht so leicht die Möglichkeit haben, so spontan zu reisen (und ich genieße auch meine Ruhe alleine, obwohl es schwieriger ist, ohne ihn einzuschlafen). Er kommt heute Abend zurück. Ich habe seinen Vater zum Essen eingeladen, da er ihn vom Flughafen abholt.

Heute also Pause. Warum nicht vor dem Rechner sitzen und spielen? Oder die Sonne auf der Terrasse geniessen? Komisch, ich habe mein Laptop von der Arbeit mitgebracht, um an Vorlesungen für unseren nächsten Kurs in zwei Wochen zu arbeiten, aber ich denke erst jetzt wieder dran. Egal. Lange sitzen konnte ich nicht. Die Beine haben angefangen. Die Oberschenkel haben leicht gezittert. Die Waden wurden unruhig. Der Po hat sich als gelangweilt erklärt. Ich bin aufgestanden. „Au ja, endlich“, haben die Abduktoren gejubbelt. Zum Fitness-Studio wollte ich eigentlich nicht. Meine Periode fängt wieder an. Ich habe trotzdem den Inhalt meiner Sporttasche geprüft. „Hey, wie wär’s mit ein paar Wiederholungen beim Butterfly reverse?“, meinte plötzlich mein oberer Rücken. Was soll’s. Ich habe nachgegeben und die Wohnung für zwei Stunden verlassen. Jetzt sind alle glücklich.

Wie es aussieht, ist mein Körper nach nur einigen Wochen Radfahren schon nach Sport süchtig geworden.

Wind

Ich hasse es. Seit gestern weht es aus dem Westen durch Berlin in starken Böen. Ich kriege massiven Gegenwind auf dem Weg nach Hause. Ich merke, wie schnell meine Geschwindigkeit sinkt, wenn ich kurz nicht mehr trete. Heute Abend an der Ampel hätte mir der Wind fast den Lenker auf den Händen gedreht. Und die Leute sind gereizt.

Heute morgen wäre ich kurz vor Lichterfelde West von einem abbiegenden weißen Transporter aus der anderen Richtung überfahren worden, wenn er nicht im letzten Moment mitten auf der Kreuzung notgebremst hätte. Es war merkwürdig. Ich bin an der Kreuzung bei Gelb gefahren. Die Ampel ist gerade gelb geworden, als ich (rechts von einem Auto) noch ziemlich schnell auf dem Radweg vorbei gefahren bin. Kein Grund, plötzlich zu bremsen, es wäre eher gefährlich gewesen. Die Kreuzung ist aber lang, und ich bin langsamer als das Auto links von mir gefahren. Ich vermute, es wurde hinter mir rot, als der Transporter nach dem Auto mit vollem Schwung angefangen hat, abzubiegen, und mich (absichtlich?) „übersehen“ hat. Obwohl es kein Fehler war, bei Gelb nicht zu halten, weil es so kurzfristig gewechselt hatte, habe ich mich geärgert. Und noch mehr, als der Transporter-Fahrer angefangen hat zu brüllen, weil er offensichtlich dachte, ich wäre bei rot gefahren. Vielleicht sollte man anregen, an der Kreuzung eine separate Ampel für Radfahrer anzubringen, die früher rot wird.

Später bin ich wie immer am Lidl in der Gutschmidtstraße vorbei gefahren. Es war noch früh. Sehr wenige Leute waren unterwegs. Kein Mensch auf dem Parkplatz rechts von mir, keine Fußgänger auf dem geteilten Rad- & Gehweg. Ich konnte gut fahren. Plötzlich habe ich aus der hinteren Ecke vom Parkplatz einen beeindruckenden Staubwirbel mit Blättern wahrgenommen, der sich schnell zu mir bewegte. Ein Zusammentreffen schien unvermeidlich. Ich habe den Kopf leicht nach links gedreht und die Augen gekneift, um nichts davon zu bekommen. Meine Augen sind mit dem Wind zur Zeit genug gereizt. In dem Moment ist ein Auto von der Straße aus zum Lidl abgebogen. Ich war im Weg, der Fahrer musste warten, dass ich vorbei fahre. Es schien Grund genug zu sein, um ihn aufzuregen. Weil irgendwas angemeckert werden musste, aber doch nicht, dass ich auf dem Radweg war, wie es sich gehört, meinte er durch sein Fenster, ich sollte rechts und nicht links beim fahren schauen. Äh? Rechts war Funkstille. Stimmt. Kate hatte mir erzählt, die Berliner müssen einen immer belehren, selbst wo kein Bedarf / Anlass besteht. Kann ich nur bestätigen. Vielleicht lag es auch daran, dass ich eine Frau bin, oder dass ich offensichtlich nicht deutscher Abstammung bin, oder was weiß ich. Der Berliner hält sich häufig für überlegen. Ich habe ihn reden lassen und bin weiter gefahren.

Heute Abend habe ich auf dem Rückweg gesehen, wie ein Radfahrer und ein (schon wieder) weißer Transporter sich gerade verpasst haben. Beide haben sich so unverschämt stur verhalten, es hätte krachen sollen, nur, um ihnen eine Lehre zu sein. Doch nicht. Es hätte für den Radfahrer ganz schlimm im Krankenhaus geendet. Ich stand an der roten Ampel, vor der Paul-Schneider-Straße. Links von der Kreuzung standen auch viele Autos. Es war gerade der Moment, wo niemand fuhr. Die Fußgänger-Ampel von links nach rechts vor mir war grün. Der Radfahrer ist wie ein Pfeil geschossen über die Zebrastreifen gekommen. In dem Moment ist der Transporter-Fahrer aus meiner rechten Seite über die Kreuzung gerast, um links abzubiegen. Keiner hat gebremst. Der Transporter-Fahrer hat sich böse umgeschaut, der Radfahrer hat geschimpft. Die sind mir beide aber echt bescheuert vorgekommen.