Mr Keen

Seit vier Wochen hat der Nachfolger von Martin in unserer Gruppe angefangen. Ich werde ihn als Mr Keen bezeichnen.

Bei seinem Vorstellungsgespräch dachte ich, er hätte gar keine Chance. Die Stellenanzeige richtete sich an Biologen mit Kenntnissen in Spektroskopie. Als Physiker im Bereich Materialwissenschaften passte er nicht zum Profil. Na gut, ich habe selber auch Physik studiert und nichts mit Biologie zu tun gehabt, bevor ich in die Gruppe gekommen bin. Bei mir wurde aber explizit jemanden mit Programmiererfahrung gesucht, was meine Mitkandidaten nicht bringen konnten. Bei ihm waren alle seine Mitkandidaten besser für die Jobbeschreibung. Und er war der einzige Bewerber aus Berlin, und ich weiß, wie Uschi es diskriminierend suspekt findet, wenn jemand sich in seinem Wohnort bewirbt, weil er die Person dann für nicht so motiviert wie die anderen hält (dabei hat Uschi nie Berlin verlassen).

Was ich nicht wusste war, dass Uschi und Winfried doch nicht unbedingt einen Biologen wollten. Auch nicht mal jemanden mit Kenntnissen in Spektroskopie. Sie wollten eine Person, die Ingenieurtätigkeiten für unsere Geräte übernehmen kann. Das hätten sie gleich in der Stellenanzeige schreiben können. Damit waren beide Frauen von den vier Bewerbern raus. Die eine war viel zu theoretisch angelegt und hatte vorwiegend mit Simulationen gearbeitet (bei der Vorstellung ihrer bisherigen Tätigkeiten in ihrem Vortrag habe ich mich gefragt, wie sie überhaupt für die Stelle eingeladen werden konnte). Die andere hatte nur über das Thema ihrer Doktorarbeit geforscht, was sehr begrenzt war,  und hatte zwar unsere Methoden schon angewendet, aber wirkte sehr unsicher im technischen Umgang mit den Geräten. Der dritte Kandidat aus Spanien wäre Nummer 1 auf meiner Liste gewesen. Leider hat Uschi uns erzählt, dass im Laufe des ersten Gespräches sich heraus gestellt hatte, dass sein Lebenslauf nicht ganz der Wahrheit entsprach, was ihn aus Prinzip gleich disqualifiziert hatte. Daher haben wir Mr Keen bekommen.

Mr Keen hat alles gemacht, um die Stelle zu bekommen. Er hat sich sehr begeistert gezeigt, und sogar betont, wie toll er es findet, nur auf befristeten Stellen zu arbeiten, weil man dabei so vieles unterschiedliches lernt. Mag sein, aber es hatte bei ihm sehr übertrieben gewirkt, vor allem, weil er noch älter als ich ist, und ich weiß, wie ich die Schnauze voll von befristeten Verträgen habe. Selbst Kate musste danach über seine Äußerungen lachen. Am Ende hat er die Stelle bekommen, weil er der einzige der vier eingeladenen Bewerbern war, der für die in der Stellenausschreibung nicht angegebenen Tätigkeiten halbwegs gepasst hat. Am Ende waren seine Behauptungen beim Vorstellungsgespräch nur Augenwischerei.

Beim ersten Tag wollte er alles von uns wissen. Wie die Biologen ihre Proben herstellen, wie man sie auf unseren Geräten untersucht, wie man die Daten auswertet… Wir haben ihn gebremst, weil er drohte, sich gleich für ein zweites Studium vorbereiten zu wollen, das für seine Tätigkeit gar nicht relevant gewesen wäre. Gleichzeitig hat er sich verhalten, als ob es für ihn sowieso ein Klacks wäre, sich unsere Methode anzueignen. Er hat ja Festkörperphysik studiert und weiß alles. Uschi hat ihm erklären müssen, dass jeder in der Gruppe Expert in seinem Gebiet ist und Jahre gebraucht hat, um seine Tätigkeit ausführen zu können, und dass er nicht hoffen könnte, im Rahmen seines kurzen Vertrages ein Expert über alle unsere Methoden zu werden. Er hat sowieso eine ganz andere Aufgabe. Bei mir hat also Mr Keen beim ersten Tag schon ziemlich protzig gewirkt. Auch, weil er versucht, sich mit mir herablassend zu verhalten, obwohl er Jahre später als ich promoviert hat.

Bei seinem zweiten Tag bei uns habe ich mitbekommen, wie er sich bei meiner älteren Kollegin Mieke über permanente Stellen in der Gruppe erkundigt hat. So viel zum Thema „befristete Stellen sind toll“. Letzte Woche hat er sich bei mir beschwert, weil er als promovierter Physiker Kabel verlegen musste. Über seine Aufgabe hier muss er aber schon mit Uschi diskutiert haben, bevor er den Vertrag unterschrieben hat, es kann nicht überraschend gekommen sein.

Mal schauen, wie lange er bei uns bleibt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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