Echt die Schnauze voll von der Bahn

Heute war zu viel. Ich halte es nicht mehr aus.

Es fing heute Morgen im ersten Zug an. Nach der zweiten Station hat sich ein Mann mir gegenüber hingesessen. Ich war am Nachrichten lesen und habe ihn zuerst nicht beachtet. Er hat angefangen zu reden. In der Bahn passiert es häufig, dass Leute laut vor sich hin reden, ohne einen konkreten Ansprechspartner zu haben. Ich habe trotzdem zugeschaut. Er hatte sich anscheinend vorgenommen, mit mir zu reden. So ein Mist. Sein Aussehen wirkte nicht einladend. Er sah geistlich nicht ganz dicht aus und ich wollte nichts mit ihn zu tun haben. Ich habe mich also dabei ertappt, wie ich ihn aufgrund seines Aussehens für etwas so sinnloses wie ein Gespräch aussortiert hatte. Der Grund, warum er mich ansprechen wollte, war, dass ich eine Laptop-Tasche mit mir trug, mit der Inschrift von einer früheren Tagung über Materialwissenschaften[1]. Er wollte wissen, worum es dabei ging. Kurz überlegt, ob ich nicht einfach sagen sollte, „Sorry, I don’t speak German„. Ich hatte ja kein Bock, mit ihm zu reden. Andererseits ist es sehr unüblich, in der Bahn freundlich angesprochen zu werden. Obwohl er mir komisch vorkam, oder vielleicht genau deswegen, habe ich geantwortet. Es hätte sein können, dass ich ihn unterschätzt hätte. Er hatte zwar das Wort „Spektroskopie“ nicht benutzt, aber gesagt, dass er wusste, dass man Materie aufgrund ihrer wellenlängenabhängigen Absorption mit Licht untersuchen könnte… „Wow“, dachte ich. Vielleicht hat er Kinder, die in dem Bereich arbeiten. Und Steuerzahler sollen wissen, was mit ihrem Geld in Forschungsinstituten gemacht wird. Soviel zur Theorie von wissenschaftlicher Aufklärung. Blöderweise habe ich in meiner kurzen Erläuterung das Wort „Atom“ benutzt. Gleich fing er an, laut von Neutronen und Uranium zu monologisieren, und am Ende hieß es, ich würde Wasserstoff-Atombomben bauen. Dabei ist er aufgestanden und bei der nächsten Station ausgestiegen. Was für ein verrückter Typ. Obwohl ich es diskriminierend fand, hätte ich ihn doch vom Anfang an ignorieren sollen. Ich sollte aufhören, mein Bauchgefühl so bewusst zu missachten.

Ich bin später ausgestiegen. Die Ringbahn bringt mich auch nicht ans Ziel und ich muss meistens zwei mal umsteigen, um zur Arbeit zu kommen. Es gab kurz vor der Station die übliche Durchsage im Zug, dass Reisende nach Schönefeld hier aussteigen sollten. Nun, als ich ausgestiegen bin, gab es am Gleis eine andere Durchsage, weil es aufgrund von Bauarbeiten keine direkte Verbindung mehr gab und man mit der Ringbahn erstmal weiter fahren sollte. Zu spät gehört, auf die nächste Bahn gewartet, Umweg gefahren, spät angekommen. Die BVG ist zu dämlich, um automatische Meldungen im Zug auszuschalten, wenn sie mal nicht mehr zutreffen.

Heute Abend auf dem Weg nach Hause wurde es nicht besser. Überfüllte Bahn, da meine üblichen Züge wegen den Bauarbeiten nicht mehr fahren. Ich habe meine Überdosis an menschlicher Nähe erreicht. In einer Ecke vom Wagen saß ein Pack von übergepiercten Männern mit Bierflaschen. Ich habe mich kurz gefragt, ob sie auf dem Weg zum nächsten Asylbewerberheimbrand unterwegs waren. Beim nächsten Umsteigen ist mir die Bahn vor der Nase weggefahren. Zehn Minuten Wartezeit. Ich habe am vorderen Ende des Gleises eine Ecke ohne Zigarettenqualm gefunden. Eine Herausforderung. Als der Zug kam konnte ich immerhin einen Sitzplatz finden. Hinter mir standen mehrere jungen Frauen und ein Mann vor der Tür. Der Mann fing an, ihnen in einer merkwürdigen Stimme laut zu erzählen, dass rauchende Leute im Grunde nicht böse sind. Immer wieder durch kurze laute „Äh“ unterbrochen. Ich habe mich umgeschaut, falls die Mädels Hilfe brauchten. Die eine fühlte sich offenbar so belästigt, dass sie gleich den Wagenflur entlang geflohen ist. An der nächsten Station ist der Mann ausgestiegen. Er zuckte die ganze Zeit beim Gehen mit den Schultern. Vielleicht eine neurologische Krankheit, die das sehr eigenartige Sprechen erklären würde. Ich dachte, jetzt ist aber Ruhe, bis ich aussteige. Nein. Jemand hinter mir hat sich ein Brötchen mit Leberpastete rausgeholt. Schal vor der Nase. Über den Gestank von billiger Salami etc. habe ich mich hier schon häufig genug beschwert. Ich war so froh, endlich an die frische Luft auszusteigen, dass ich erstmal tief eingeatmet habe.

Mir hat es gereicht. Das will ich mir nicht jeden Tag antun. Jetzt ist es nicht mehr so kalt und es soll diese Woche nicht regnen. Es wird Zeit, mein Fahrrad wieder zu benutzen. Von zu Hause aus bis zur Arbeit brauche ich mit der Bahn knapp über eine Stunde, mit dem Fahrrad laut Google Maps auch. Keine Spinner mehr, und auch weg mit dem Winterspeck.

[1] Genauer gesagt, von dieser Tagung. Die Tasche habe ich vor Kurzem beim Umzug wieder gefunden. Sie sieht wie neu aus.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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5 Gedanken zu “Echt die Schnauze voll von der Bahn

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