Mr Keen

Seit vier Wochen hat der Nachfolger von Martin in unserer Gruppe angefangen. Ich werde ihn als Mr Keen bezeichnen.

Bei seinem Vorstellungsgespräch dachte ich, er hätte gar keine Chance. Die Stellenanzeige richtete sich an Biologen mit Kenntnissen in Spektroskopie. Als Physiker im Bereich Materialwissenschaften passte er nicht zum Profil. Na gut, ich habe selber auch Physik studiert und nichts mit Biologie zu tun gehabt, bevor ich in die Gruppe gekommen bin. Bei mir wurde aber explizit jemanden mit Programmiererfahrung gesucht, was meine Mitkandidaten nicht bringen konnten. Bei ihm waren alle seine Mitkandidaten besser für die Jobbeschreibung. Und er war der einzige Bewerber aus Berlin, und ich weiß, wie Uschi es diskriminierend suspekt findet, wenn jemand sich in seinem Wohnort bewirbt, weil er die Person dann für nicht so motiviert wie die anderen hält (dabei hat Uschi nie Berlin verlassen).

Was ich nicht wusste war, dass Uschi und Winfried doch nicht unbedingt einen Biologen wollten. Auch nicht mal jemanden mit Kenntnissen in Spektroskopie. Sie wollten eine Person, die Ingenieurtätigkeiten für unsere Geräte übernehmen kann. Das hätten sie gleich in der Stellenanzeige schreiben können. Damit waren beide Frauen von den vier Bewerbern raus. Die eine war viel zu theoretisch angelegt und hatte vorwiegend mit Simulationen gearbeitet (bei der Vorstellung ihrer bisherigen Tätigkeiten in ihrem Vortrag habe ich mich gefragt, wie sie überhaupt für die Stelle eingeladen werden konnte). Die andere hatte nur über das Thema ihrer Doktorarbeit geforscht, was sehr begrenzt war,  und hatte zwar unsere Methoden schon angewendet, aber wirkte sehr unsicher im technischen Umgang mit den Geräten. Der dritte Kandidat aus Spanien wäre Nummer 1 auf meiner Liste gewesen. Leider hat Uschi uns erzählt, dass im Laufe des ersten Gespräches sich heraus gestellt hatte, dass sein Lebenslauf nicht ganz der Wahrheit entsprach, was ihn aus Prinzip gleich disqualifiziert hatte. Daher haben wir Mr Keen bekommen.

Mr Keen hat alles gemacht, um die Stelle zu bekommen. Er hat sich sehr begeistert gezeigt, und sogar betont, wie toll er es findet, nur auf befristeten Stellen zu arbeiten, weil man dabei so vieles unterschiedliches lernt. Mag sein, aber es hatte bei ihm sehr übertrieben gewirkt, vor allem, weil er noch älter als ich ist, und ich weiß, wie ich die Schnauze voll von befristeten Verträgen habe. Selbst Kate musste danach über seine Äußerungen lachen. Am Ende hat er die Stelle bekommen, weil er der einzige der vier eingeladenen Bewerbern war, der für die in der Stellenausschreibung nicht angegebenen Tätigkeiten halbwegs gepasst hat. Am Ende waren seine Behauptungen beim Vorstellungsgespräch nur Augenwischerei.

Beim ersten Tag wollte er alles von uns wissen. Wie die Biologen ihre Proben herstellen, wie man sie auf unseren Geräten untersucht, wie man die Daten auswertet… Wir haben ihn gebremst, weil er drohte, sich gleich für ein zweites Studium vorbereiten zu wollen, das für seine Tätigkeit gar nicht relevant gewesen wäre. Gleichzeitig hat er sich verhalten, als ob es für ihn sowieso ein Klacks wäre, sich unsere Methode anzueignen. Er hat ja Festkörperphysik studiert und weiß alles. Uschi hat ihm erklären müssen, dass jeder in der Gruppe Expert in seinem Gebiet ist und Jahre gebraucht hat, um seine Tätigkeit ausführen zu können, und dass er nicht hoffen könnte, im Rahmen seines kurzen Vertrages ein Expert über alle unsere Methoden zu werden. Er hat sowieso eine ganz andere Aufgabe. Bei mir hat also Mr Keen beim ersten Tag schon ziemlich protzig gewirkt. Auch, weil er versucht, sich mit mir herablassend zu verhalten, obwohl er Jahre später als ich promoviert hat.

Bei seinem zweiten Tag bei uns habe ich mitbekommen, wie er sich bei meiner älteren Kollegin Mieke über permanente Stellen in der Gruppe erkundigt hat. So viel zum Thema „befristete Stellen sind toll“. Letzte Woche hat er sich bei mir beschwert, weil er als promovierter Physiker Kabel verlegen musste. Über seine Aufgabe hier muss er aber schon mit Uschi diskutiert haben, bevor er den Vertrag unterschrieben hat, es kann nicht überraschend gekommen sein.

Mal schauen, wie lange er bei uns bleibt.

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Nach Hause geradelt

Heute bin ich zum dritten Mal seit letzter Woche mit dem Fahrrad nach der Arbeit gefahren. Ich bin frustriert, dass ich jedes Mal um die zwei Stunden gebraucht habe, obwohl zwischen Arbeit und Wohnung 21 km liegen. Letzte Woche dachte ich, es läge daran, dass ich den Weg noch nicht kannte. Und mit Martin sind wir viel am Ufer entlang gefahren, was nicht die schnellste Route ist.

Am Freitag habe ich mir nach dem Vorschlag von einem Kollegen eine neue Route mit BBBike rechnen lassen. Ich habe schon am Anfang eine gute halbe Stunde verloren, weil ich eine Straße auf Anhieb nicht gefunden habe und auf dem Handy suchen musste. Blöderweise gab es zwei Straßen mit dem gleichen Namen im Umkreis von 3 km, beide genau so weit entfernt von meiner vorherigen Straße, und ich habe zuerst in der falschen Straße nach dem weiteren Weg gesucht. Danach gab es einfachere Strecken, wo ich nur gerade aus fahren musste. Das erste Stück am Wildmeisterdamm war aber durch eine grüne Fläche mit vielen Kleinkindern überall, schnell fahren kam nicht in Frage. Das zweite lange Stück an oder nach der Marienfelder Chaussee will ich auch nicht mehr machen, es war mir zu gefährlich. In einem Industriegebiet waren rechts vom Radweg nur Gewerbeflächen mit riesigen Parkplätzen, links die Straße mit schnell fahrenden Autos, und Parplätzen zwischen Straße und Radweg. Alle Parkplätze waren mit riesigen Anhängern oder LKWs belegt. Kurz vor einer Tankstelle wäre ich fast von einem abbiegenden Auto erfasst worden, weil ich durch die parkenden LKWs von der Straße aus nicht zu sehen war. Ich konnte selber nicht sehen, ob Autos von hinten kamen. Es war auch insgesamt zu laut, um kommende Autos zu erkennen. Ich habe richtig Angst bekommen. Nie wieder fahre ich da lang. Danach habe ich mich noch verfahren, ein Straßenschild war gedreht und ich habe eine Straße rechts verpasst, was dazu führte, dass ich ein langes Stück zurück fahren musste. Insgesamt habe ich zwei Stunden und zwanzig Minuten gebraucht. Noch länger als mit Martin.

Meine heutige Strecke hatte ich angepasst, um die gefährliche Stelle mit den LKWs zu vermeiden. Ich habe mich diesmal nicht verfahren (ok, nur einmal kurz), musste aber zwischendurch halten, um meinen Standort zu prüfen. Ich war zwei Stunden unterwegs. Es gab wieder ein Stück am Ufer entlang, das ich von letzter Woche schon kannte. Blöd. Viele Promenaden mit Fußgängern, Kindern und Hunden. Schön, keine Frage, nur nicht gut, um schnell nach Hause zu fahren. Einige Radler sind trotzdem wie Bescheuerte zwischen den Fußgängern gefahren. Meine Route ging auch entlang schmale Straßen ohne Radwege, aber ich bin dem Rat von Radioeins gefolgt und bin mittig gefahren, wenn es zu eng war, um sicher überholt zu werden. Es gab einen Autofahrer, der anscheinend so genervt war, zehn Sekunden hinter einem Fahrrad auf reduziertem Tempo fahren zu müssen, dass er an der nächsten Ampel mit Vollgas über die Kreuzung gefahren ist. Ich bin auch vielen vorsichtigen und freundlichen Autofahrern begegnet. Und richtigen Idioten auf Fahrrädern, wie der junge Mann, der wie ein Pfeil aus einer Kreuzung gegenüber von mir geschossen kam, obwohl er wie ich rot hatte, und direkt auf eine andere Fahrradfahrerin aus meiner linken Seite fuhr, die gerade über die Kreuzung ankam. Er hat weder gebremst noch ausgewichen, das musste die Frau machen, was sehr gefährlich war, da Autos hinter ihr kamen. Natürlich hat sie geschrien und geschimpft. Der Mann hat daraufhin seine Richtung geändert, ist ihr vom Bürgersteig aus hinter mir gefolgt und hat angefangen, einen lauten dementen Lachen von sich zu geben. Mist, ich hätte zurück fahren sollen, falls er sie noch angreifen wollte. Daran habe ich in dem Moment nicht gedacht.

Am Wochenende aufgeschnappt

Es war schön sonnig am Samstagmorgen. Wir haben uns zum Frühstücken an der Terrasse einer Bäckerei in Friedenau hingesessen. Außer uns war an einem Tisch eine Gruppe von zwei Männern und einer Frau (alle Raucher). Ich genoss meine Spiegeleier mit Bacon, während einer der Männer am Rauchertisch die Diskussion fürhte, in der hauptsächlich die Rede von einer „Tussi“ war. Nachdem die junge Angestellte ihnen ihre Bestellung zum Tisch gebracht hatte, wechselte das Gespräch in Richtung Ernährungswissenschaft. Ungefähr so: „Wisst ihr, dass in einem richtigen Butter-Croissant 800 Kalorien stecken? Das glaubt man kaum, ist aber wahr“, fuhr der Mann mit der „Tussi“ fort. „Boah,“ war die allgemeine Reaktion.

Nein, das glaube ich nicht (annehmend, der Mann meinte Kilokalorien statt Kalorien, wie das Wort so häufig misbraucht wird). Nach einer schnellen Google-Suche kommt man für 100 g Butter-Croissant auf etwa 373 kcal (hier, auch bei Brigitte, und 381 kcal hier). In Frankreich haben die Croissants vielleicht ein bisschen mehr Butter, weil man dort auf 405 kcal pro 100 g kommt. Das sind längst keine 800 kcal. Dann muss man sich noch überlegen, wieviel ein Croissant wiegt. Der durchschnittliche französiche Croissant bringt 50 g auf die Waage. Wenn man dem ersten Link Glauben schenkt, von 50 g bis 100 g in Deutschland[1]. Also von 200 kcal bis 400 kcal. Natürlich, wenn man nichts drauf schmiert. Es ist schließlich kein Brot.

Ich glaube, die Kalorienanzahl vom Butter-Croissant hat den gleichen inflationären Wachstum erlitten wie die Größe von der selbst gefischten Forelle, die bei jeder Wiederezählung von meinem Bruder an Zentimetern gewonnen hatte.

[1] Portionen sind in Deutschland immer größer. Ich hatte zum Beispiel vor sechszehn Jahren als frisch zugewanderte Französin über die Größe der Joghurtbecher im Supermarkt gestaunt, 150 g statt die für mich übliche 125 g. Oder ich hatte den Fehler gemacht, bei meinem ersten Besuch eines grieschiches Restaurants einen Salat vorweg zum Spinat-Auflauf zu bestellen. Jetzt weiß ich Bescheid.

Java für Einsteiger

Morgen fängt es an, für vier Wochen. Danach kommt ein zweiwöchiger Workshop. Ich habe mir den Termin schon lange notiert. Diesmal mache ich den Kurs nicht alleine, Martin ist auch daran interessiert. Mit Java habe ich noch nie gearbeitet. Vor einigen Jahren hatte ich einen autodidaktischen Versuch gestartet, der erfolglos blieb. Vielleicht war es zu viel auf einmal. Ich kannte damals nur Fortran. C hatte ich längst vergessen, seitdem ich mit meinem (jetzt schon verstorbenen) Diplom-Vater gearbeitet habe, der nur Fortran 77 benutzen wollte. Von Objektorientierung hatte ich keine Ahnung. Zum Scheitern hat auch die Programmierumgebung einen großen Beitrag geleistet. Mit Fortran hatte ich ganz normal in einem Texteditor gearbeitet (Emacs) und in der Kommandozeile die Kompilierung gestartet. Selbst für LaTeX fand ich es mit Emacs bequemer als MikTeX zu benutzen. Mit Java kam Eclipse, und ich musste damit arbeiten, um die auf Internet gefundene Tutorials machen zu können. Ich habe es gehasst und aufgegeben. Es ist um die zehn Jahre her gewesen.

Es ist eigentlich unüblich, dass ein Kurs bei openHPI anfängt, bevor der vorherige Kurs zu Ende geht. Ich habe noch eine Woche Lernmaterial über Automated Visual Software Analytics zu bearbeiten. Es wird knapp. Wir wollten heute Abend mit Martin vor dem Fernseher entspannen. Aber da er noch eine Bewerbung fertig schreiben will (immer noch keine Aussicht auf einen neuen Job) und ewig zum Formulieren braucht, kann ich weiter lernen. Es ist sowieso sehr einfach, obwohl ich im Kurs schon eine Menge gelernt habe. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Veranstalter sich viel bemüht haben. Die Vorlesungen sind zwar gut und verständlich vorbereitet, aber die Tests sind sehr oberflächlich, und die Hausaufgaben enthalten teilweise genau dieselben Fragen. Die Herausforderung habe ich noch nicht gefunden.

Fahrrad-Saison eröffnet

Seit mindestens halb fünf bin ich schon wach. Nicht mehr müde. Die Katze hat genervt. Sie lag voll gestreckt am Ende des Bettes und ich hatte keinen Platz mehr für meine Füsse. Ich musste sie mehrmals schubsen, bevor sie sich einen anderen Schlafplatz gesucht hat. Diesmal hat sie wenigstens meine Beine nicht durch die Decke angegriffen. Martin hat leise geschnarcht. Er ist kurz aufgewacht, hat getrunken, und ist wieder eingeschlafen. Ich lag immer noch wach neben ihm. Um fünf bin ich aufgestanden. Ich verstehe das nicht.

Gestern bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Ich kann nicht gleich anfangen, jeden Tag die Strecke hin und zurück zur Arbeit mit dem Fahrrad machen, das wäre zu hart. Der Plan war, mit der Bahn morgens hin zu fahren und abends mit dem Fahrrad zurück. Dafür brauche ich einen Fahrausweis fürs Fahrrad. Am besten gleich eine Monatskarte, die lohnt sich schon ab fünf Fahrten. Am Automat geht es einfach, wenn man bar bezahlt. Ich wollte die EC-Karte benutzen. Ging nicht, obwohl der Bildschirm das Gegenteil behauptete. Nach drei Versuchen mit verschiedenen Fehlermeldungen (Karte nicht lesbar, Zahlvorgang nicht durchführbar…) und eine verpasste Bahn habe ich den Automat auf der anderen Seite probiert. Kein Problem. In die S1 gestiegen, in Schöneberg umgestiegen, falschen Aufzug benutzt (das Fahrrad ist mir zu schwer für die Treppe), zum nächsten Aufzug gerannt, am Gleis angekommen, Ringbahn verpasst. Nicht schlimm, sie fährt häufig genug. In Treptower Park musste ich wieder den Gleis wechseln. Ich hatte schon keine Lust mehr und habe beschlossen, den Rest mit dem Fahrrad zu fahren. Es tat so gut. Eigentlich hätte ich schon in Hermannstraße aussteigen können, ich wäre früher bei der Arbeit angekommen.

Für die Rückfahrt hatte ich Martin angeboten, mit mir zu fahren. Wir haben uns kurz nach sechs getroffen. Ursprünglich wollte ich meiner Route von Google Maps folgen. Martin meinte, am Kanal entlang wäre es schöner. Man musste aber mehrmals die Seite vom Kanal wechseln, der Radweg war nicht durchgehend und wir mussten häufig halten, um den richtigen Weg zu finden. An einer Stelle, als es klar wurde, dass es am Ufer nicht weiter ging, war ich schon umgekehrt, jedoch ist mir Martin nicht gefolgt. Ich habe an der Brücke auf ihn gewartet, aber er war irritiert, dass ich nicht bei ihm geblieben war. Wozu denn? Es gab keinen Weg mehr. Er hatte sich umschauen wollen, ob man nach den steilen Treppen rechts weiter fahren könnte. Konnte man nicht. Und ich suche mir doch keine Route aus, bei der ich das Fahrrad in Treppen hoch schleppen muss, wenn ich täglich fahren will. Manchmal denkt er komisch. Am Ende haben wir eine Stunde und fünfzig Minuten gebraucht. Mir war kalt und ich war hungrig, meine Muskeln haben am Ende geschrien. Beim nächsten Mal fahre ich alleine. Auf meiner ausgesuchten Strecke meint Google, ich bräuchte eine Stunde fünfzehn Minuten. Wenn es stimmt, entspricht es ziemlich genau was ich mit der Bahn mache, da ich das letzte Stück immer laufe, statt die Tram zu benutzen.

Das ist trotzdem eine lange Strecke. Es reicht, wenn ich nur abends radle. Sonst muss ich noch Zeit für die Dusche bei der Arbeit planen. Zwei mal am Tag duschen ist nicht gut für meine Haut. Heute fahre ich erstmal wieder Bahn. Ich spüre zwar keinen Muskelkater, will mich aber nicht überanstrengen. Und meine übliche Bahn fährt ab heute wieder.

Echt die Schnauze voll von der Bahn

Heute war zu viel. Ich halte es nicht mehr aus.

Es fing heute Morgen im ersten Zug an. Nach der zweiten Station hat sich ein Mann mir gegenüber hingesessen. Ich war am Nachrichten lesen und habe ihn zuerst nicht beachtet. Er hat angefangen zu reden. In der Bahn passiert es häufig, dass Leute laut vor sich hin reden, ohne einen konkreten Ansprechspartner zu haben. Ich habe trotzdem zugeschaut. Er hatte sich anscheinend vorgenommen, mit mir zu reden. So ein Mist. Sein Aussehen wirkte nicht einladend. Er sah geistlich nicht ganz dicht aus und ich wollte nichts mit ihn zu tun haben. Ich habe mich also dabei ertappt, wie ich ihn aufgrund seines Aussehens für etwas so sinnloses wie ein Gespräch aussortiert hatte. Der Grund, warum er mich ansprechen wollte, war, dass ich eine Laptop-Tasche mit mir trug, mit der Inschrift von einer früheren Tagung über Materialwissenschaften[1]. Er wollte wissen, worum es dabei ging. Kurz überlegt, ob ich nicht einfach sagen sollte, „Sorry, I don’t speak German„. Ich hatte ja kein Bock, mit ihm zu reden. Andererseits ist es sehr unüblich, in der Bahn freundlich angesprochen zu werden. Obwohl er mir komisch vorkam, oder vielleicht genau deswegen, habe ich geantwortet. Es hätte sein können, dass ich ihn unterschätzt hätte. Er hatte zwar das Wort „Spektroskopie“ nicht benutzt, aber gesagt, dass er wusste, dass man Materie aufgrund ihrer wellenlängenabhängigen Absorption mit Licht untersuchen könnte… „Wow“, dachte ich. Vielleicht hat er Kinder, die in dem Bereich arbeiten. Und Steuerzahler sollen wissen, was mit ihrem Geld in Forschungsinstituten gemacht wird. Soviel zur Theorie von wissenschaftlicher Aufklärung. Blöderweise habe ich in meiner kurzen Erläuterung das Wort „Atom“ benutzt. Gleich fing er an, laut von Neutronen und Uranium zu monologisieren, und am Ende hieß es, ich würde Wasserstoff-Atombomben bauen. Dabei ist er aufgestanden und bei der nächsten Station ausgestiegen. Was für ein verrückter Typ. Obwohl ich es diskriminierend fand, hätte ich ihn doch vom Anfang an ignorieren sollen. Ich sollte aufhören, mein Bauchgefühl so bewusst zu missachten.

Ich bin später ausgestiegen. Die Ringbahn bringt mich auch nicht ans Ziel und ich muss meistens zwei mal umsteigen, um zur Arbeit zu kommen. Es gab kurz vor der Station die übliche Durchsage im Zug, dass Reisende nach Schönefeld hier aussteigen sollten. Nun, als ich ausgestiegen bin, gab es am Gleis eine andere Durchsage, weil es aufgrund von Bauarbeiten keine direkte Verbindung mehr gab und man mit der Ringbahn erstmal weiter fahren sollte. Zu spät gehört, auf die nächste Bahn gewartet, Umweg gefahren, spät angekommen. Die BVG ist zu dämlich, um automatische Meldungen im Zug auszuschalten, wenn sie mal nicht mehr zutreffen.

Heute Abend auf dem Weg nach Hause wurde es nicht besser. Überfüllte Bahn, da meine üblichen Züge wegen den Bauarbeiten nicht mehr fahren. Ich habe meine Überdosis an menschlicher Nähe erreicht. In einer Ecke vom Wagen saß ein Pack von übergepiercten Männern mit Bierflaschen. Ich habe mich kurz gefragt, ob sie auf dem Weg zum nächsten Asylbewerberheimbrand unterwegs waren. Beim nächsten Umsteigen ist mir die Bahn vor der Nase weggefahren. Zehn Minuten Wartezeit. Ich habe am vorderen Ende des Gleises eine Ecke ohne Zigarettenqualm gefunden. Eine Herausforderung. Als der Zug kam konnte ich immerhin einen Sitzplatz finden. Hinter mir standen mehrere jungen Frauen und ein Mann vor der Tür. Der Mann fing an, ihnen in einer merkwürdigen Stimme laut zu erzählen, dass rauchende Leute im Grunde nicht böse sind. Immer wieder durch kurze laute „Äh“ unterbrochen. Ich habe mich umgeschaut, falls die Mädels Hilfe brauchten. Die eine fühlte sich offenbar so belästigt, dass sie gleich den Wagenflur entlang geflohen ist. An der nächsten Station ist der Mann ausgestiegen. Er zuckte die ganze Zeit beim Gehen mit den Schultern. Vielleicht eine neurologische Krankheit, die das sehr eigenartige Sprechen erklären würde. Ich dachte, jetzt ist aber Ruhe, bis ich aussteige. Nein. Jemand hinter mir hat sich ein Brötchen mit Leberpastete rausgeholt. Schal vor der Nase. Über den Gestank von billiger Salami etc. habe ich mich hier schon häufig genug beschwert. Ich war so froh, endlich an die frische Luft auszusteigen, dass ich erstmal tief eingeatmet habe.

Mir hat es gereicht. Das will ich mir nicht jeden Tag antun. Jetzt ist es nicht mehr so kalt und es soll diese Woche nicht regnen. Es wird Zeit, mein Fahrrad wieder zu benutzen. Von zu Hause aus bis zur Arbeit brauche ich mit der Bahn knapp über eine Stunde, mit dem Fahrrad laut Google maps auch. Keine Spinner mehr, und auch weg mit dem Winterspeck.

[1] Genauer gesagt, von dieser Tagung. Die Tasche habe ich vor Kurzem beim Umzug wieder gefunden. Sie sieht wie neu aus.

Osterwochenende

Wie letztes Jahr sind wir bei Gudrun zum Osterfeuer aufs Land eingeladen worden. Diesmal sind wir drei Tage bei ihr geblieben. Das war anstrengend.

Gudrun ist die Mutter von Axel, einem engen Schulfreund von Martin. Sie hat auch eine ältere Tochter, Sonia, die Teil unserer Tauchergruppe in den Seychellen war. Martin war viel mit der Familie zusammen seit der Kindheit, sogar im Urlaub. Wahrscheinlich, weil er seine Mutter so früh verloren hat und sein Vater sich nicht so gut um ihn kümmern konnte. Er hat jedenfalls jedes Osterwochenende mit ihnen verbracht.

Im Gegenteil zum letzten Jahr war Axel dabei. Er ist meistens mit seiner eigenen Familie so beschäftigt, dass wir ihn kaum sehen, obwohl wir ziemlich nah zu einander wohnen. Er ist mit Frau und Kindern gekommen. Zwei Jungen, sechs und vier, ein Mädchen, gerade über ein Jahr alt. Das Wochenende hat sich wie ein ständiges Geschrei angefühlt. Wenigstens haben sie in ihrem neuen Wohnanhänger übernachtet. Gestern sind wir von der ganzen Truppe geweckt worden. Geheul, Streit, Gelächter. Mit dem heftigen Kater vom Osterfeuer am Abend davor nicht besonders toll. Ich hätte auch aufpassen können, ich hasse Kater. Ich habe zwei Aspirin-Tabletten gebraucht, um mich für den Tag fit genug zu fühlen.

Nach dem Frühstück haben wir einen langen Spaziergang gemacht. Die Kinder sind eigentlich pflegeleicht. Sie wären sicherlich viel ruhiger gewesen, wenn die Mutter nicht ständig ihnen gesagt hätte, was sie tun sollten und was nicht. Selbst im Garten durfte die Kleine keine zehn Meter von ihr entfernt spielen, obwohl überall Erwachsene waren, die im Notfall helfen konnten. Ich habe später den Ältesten beim Tischdecken damit beschäftigt, Seerosen aus Pappservietten zu basteln. Er war begeistert. Die Mutter war überrascht zu sehen, wie ruhig und konzentriert er an einem Tisch sitzen konnte.

Der jüngere Bruder wirkt dagegen häufig deprimiert und kränklich. Ich habe den Verdacht, dass er eine harte Zeit damit hatte, seitdem seine Schwester geboren wurde und er nicht mehr der Jüngste der Familie ist. Bei jeder Mahlzeit ging es ihm nicht gut und er wollte nur noch auf der Couch liegen bleiben, statt mit uns zum Tisch zu gehen. Es passiert anscheinend häufig. Wahrscheinlich, weil die Eltern nur noch damit beschäftigt sind, die Kleine zu füttern. Heute morgen saß er verkrochen auf einem Stuhl und weinte leise, als wir den Frühstück vorbereitet haben. Er hat es aber nicht zugeben wollen und meinte nur, dass er Schnupfen hatte. Ich habe seine Schwester zu ihm geschickt, mit der Aufgabe, ihm ein Küsschen zu geben. Es hat wie ein Wunder gewirkt. Plötzlich hat er gestrahlt und ist aufgestanden, um mit uns zu essen. Süßes Kerlchen.

Wir sind relativ früh nach Hause zurück gefahren. Ich bin müde vom Wochenende. Und habe Kopfschmerz. Schon wieder beim Eisprung. Aber nach dem Wochenende finde ich es sowieso hart, mich für eigenen Nachwuchs zu begeistern.

Möhren-Ingwer-Suppe

So lecker und einfach.

Die Zutaten

  • 6 Möhren
  • 1 kleine Knolle Ingwer
  • 3/4 Liter Wasser
  • Sesamöl
  • Salz

Die Zubereitung

  • Wasser in einem Topf erhitzen.
  • Möhren und Ingwer schälen, in Stücken schneiden und ins Wasser kochen.
  • Nach etwa 20 Minuten, alles mit dem Pürierstab gut pürieren.
  • Salz und ein bisschen Sesamöl hinzufügen.

Mit Buchweizen am Ende der Kochzeit nach dem Pürieren hätte es bestimmt auch gut geschmeckt.

Nährwertangaben

pro 100 g fürs Rezept
Energie (kcal) 21,4 300
Eiweiß (g) 0,4 5,4
Kohlenhydrate (g) 3,2 44,9
davon Zucker (g) 3 42,4
Fett (g) 0,5 6,7
Ballaststoffe (g) 1,4 19,1