Zum Krieg

Oder: „Vielleicht sollte ich aufhören, die Nachrichten spät abends zu lesen.“

Wir standen draußen mit meinem Vater und Martin vor einem großen Tor. Die Sonne schien, der Himmel war blau und wolkenlos. Wir unterhielten uns über alte Geschichten von der Bundeswehr. Martin erzählte, dass er dazu aufgefordert wurde, als Soldat an einem Krieg teilzunehmen, aber zum Glück hatte sich seine Uniform aus dem Dienst[1] nach all den Jahren derart umgeformt, dass er nicht mehr hin gehen konnte. Kurz danach eröffnete sich das Tor und ein Panzerwagen ging über die staubige Straße, voll mit jungen Soldaten. Ich war erleichtert, dass Martin nicht mit musste. Ich wollte ihn nicht verlieren.

Hinter dem noch geöffneten Tor war eine riesige Leinwand, auf der die Nachrichten zu sehen waren. Sie zeigte eine große Publikumsmenge in einem Stadion, wahrscheinlich beim Fußballspiel. Plötzlich explodierte eine Bombe inmitten von den dicht gepackten Zuschauern. Ich sah mit Entsetzen, wie abgetrennte Köpfe wie ein Feuerwerk in Richtung Spielfeld beschleunigt wurden. Kurz danach sagte eine Journalistin, dass der IS hinter dem Angriff am Stadion stecken würde. Dann ging es um ein fünfjähriges Mädchen, das von bewaffneten IS-Kämpfern entführt wurde. Ich war wütend, dass die Journalisten die Szene gefilmt hatten, in der man sah, wie zwei Männer das Kind an beiden Armen packten, und dem Mädchen nicht stattdessen zur Hilfe geeilt waren. Vermutlich würde es wie die anderen bis zur Pubertät gefangen gehalten, um danach den Nachschub an Kämpfern zu produzieren.

Ich habe mich plötzlich über mein Egoismus geschämt. Wie konnte ich mich darüber freuen, Martin für mich zu behalten, während so viel Elend in der Welt von blutdürstigen Fanatikern verursacht wird? Ich habe gedacht, da Martin nicht hin gehen konnte, würde ich selber die Waffen greifen und gegen Terroristen kämpfen.

In dem Moment wachte ich auf.

[1] Den hat er in Wirklichkeit nie gemacht.

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