Krankgeschrieben

Ich bin gestern zu Hause geblieben. Die Erkältung vom Wochenende war zu viel. Ich habe kein Fieber und keine Migräne, die Gliederschmerzen sind vorbei. Trotz niedrig eingestellter Helligkeit kann ich schwer den Bildschirm gucken, und Nachdenken ist mühsam. Ich bin ständig am Niesen und mein Hals ist gereizt. Besser, nicht zur Arbeit zu fahren.

Ich war beim Arzt. Ein älterer Arzt. Ich frage mich, ob er das Renten-Alter schon überschritten hat. Seine Praxis ist direkt gegenüber von meinem Haus, auf der anderen Seite der Straße. Er arbeitet ohne Termine. Die Praxis war ziemlich leer, als ich ankam. Ich habe nicht mal zehn Minuten warten müssen. Alle anderen Patienten waren kerngesund aussehende Studenten. Faule Säcke. Es ist Klausur-Zeit. Auf einem Bewertungsportal für Ärzte hatte ich ja gelesen, dass dieser Arzt dafür berühmt ist, um Atteste zu bekommen. Einige Schulen sollen sogar keine Atteste mehr von ihm annehmen. Diese Art vom Weglaufen von Klausuren war mir in Frankreich völlig fremd. Das habe ich erst hier als Dozentin kennen gelernt. Tss-tss. Aber zurück zum Thema.

In der Praxis hat mich zuerst ein gewaltiger Geruch von kaltem Tabak empfangen. Igitt. War’s beim letzten Mal auch so? Ich habe es vergessen. Ich glaube, in der Praxis wird viel geraucht. Gut, dass ich so schnell dran kam. Sein Verdikt: Grippaler Infekt. Ein anderer Begriff für Erkältung. Es klingt nur dramatischer. Ich soll mich also ausruhen, viel trinken und Paracetamol schlucken. Er hat mir einen Attest für eine Woche schreiben wollen. Eine Woche?? Das ist mir viel zu lang. Morgen will ich wieder bei der Arbeit sein. Mal schauen, ob es klappt. Sonst muss ich zurück zur Praxis gehen.

Ich hatte auch meinen Impfpass mitgebracht. Im Fall einer Schwangerschaft will ich sicher sein, dass ich keine gefährliche Krankheit bekomme, die ich durch eine Impfung vermeiden könnte. Seine Reaktion fand ich sehr enttäuschen. Er kam mir gar nicht so fachlich vor. „Was soll denn groß passieren?“, meinte er. „Sie können erstmal froh sein, überhaupt schwanger zu werden.“ Ich weiß nicht, ob er mein Alter meinte oder ob es einfach so zum Spaß gemeint war. Ich habe nicht den Eindruck, dass er das Problem von Krankheiten in der Schwangerschaft ernst nimmt. Sabrina hatte letztes Jahr Ringelröteln bei ihrer zweiten Schwangerschaft bekommen. Ihrem Kind geht’s jetzt zum Glück gut, aber das hätte schlimm enden können. Ich werde mich an meine Frauenärztin wenden. Immerhin haben wir gestern meine Kombi-Impfung gegen Tetanus usw. erfrischt.

Vielleicht ist es der Grund für die hohe Anzahl für Studenten, die keine Klausur schreiben wollen. Zu etwas anderes als Atteste schreiben kann man ihm nicht viel trauen. Andererseits habe ich vor der Praxis meine alte Nachbarin vom Erdgeschoss getroffen, die vom Gebäude raus ging. Bestimmt eine langjährige Patientin.

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Verstopft

Ich habe mich erkältet. Das ist vielleicht kein Wunder, da ich so wenig bei der Tagung schlafen konnte. Ich habe mich noch nicht richtig erholt. Bei den Vorträgen sind wir auch gefroren. Ich habe mich immer besser gefühlt wenn ich in der Pause das Gebäude verlassen habe. Die Klimaanlage im Hörsaal war furchtbar stark, ständig hat man einen kalten Zug ins Gesicht bekommen. Meine Schulter waren deswegen so gespannt, dass ich am letzten Tag Schmerzen im Nacken bekommen habe. Gestern habe ich mich schlecht gefühlt, habe ständig geniest und generelles Muskelkater gespürt. Kein Fieber, aber jetzt ist meine Nase verstopft.

Unser neues Spülbecken in der Küche übrigens auch. Gestern nachmittags habe ich eine Waschmachine gestartet. Im Laufe des Waschgangs gab es ein merkürdiges Geräusch in der Küche, als ob Wasser rythmisch gegen etwas in der Leitung heftig stoßen würde. Das war mir neu, aber ich hatte noch nicht die Waschmachine gehört, seit Martin letzte Woche das Spülbecken in der Küche angeschlossen hat, und er meinte, es wäre normal. Doch nicht. Als ich später Tee machen wollte, sah das Becken ganz komisch aus, mit vielen Krümmeln auf seinem Boden. Beim genaueren Betrachten haben sich die Krümmel als Textilfasern entpuppt, und man konnte deutlich eine Linie im Becken erkennen, die zeigte, wie hoch das Wasser gestiegen war. Mist. Die Waschmachine ist von Martin und gerade zwei Jahre alt (von meiner musste ich mich beim Umzug trennen). Das Spülbecken ist neu. Das Rohr der Waschmachine ist mit dem Rohr in der Küche verbunden. Vermutlich lagen drin schon die ganze Zeit viele Fasern von den vorherigen Eigentümern, die erst gestern zu einer Verstopfung geführt haben. Wir konnten das Becken nicht mehr benutzen, das Wasser fließt sehr langsam wieder runter. Ein Glück, dass es nicht vorher passiert ist, da das ursprüngliche Spülbecken nicht so groß wie das neue ist.

Auf Tagung

Dafür habe ich schon wieder das ganze Wochenende gearbeitet, um meinen gestrigen Vortrag zu verbessern. Ich wollte neuere Ergebnisse zeigen. Es hat sich gelohnt, ich habe gute Rückmeldungen bekommen, aber jetzt bin ich ziemlich müde. Es liegt auch daran, dass ich aus irgendeinem Grund morgens extrem früh aufwache. Bestimmt ein Wecker in der Nachbarschaft.

Wir sind am Montag mit dem Zug zusammen gereist – Kate, Uschi, Winfried und ich. Andere Kollegen sind mit Auto gefahren. Vom Bahnhof aus dachten wir zuerst, dass man zu Fuß zum Hotel laufen könnte. Die Strecke war aber lang, es war warm, und Uschi und Winfried sind so schnell vor uns gelaufen, dass wir hinter ihnen mit Gepäck kaum mithalten konnten. Das war ihnen egal. Beim Hotel angekommen war mein erster Gedanke, zu duschen und mich umzuziehen, weil ich zu sehr verschwitzt war und bei dem Geruch nicht in einem Hörsaal sitzen wollte.

Natürlich haben Uschi und Winfried zuerst eingecheckt. Als Kate und ich an der Rezeption dran kamen meinte die Frau, es gäbe keinen freien Zimmer mehr. Es hätte plötzlich einen Ansturm an Gästen gegeben, und wir mussten warten, bis ein Zimmer frei geputzt wurde. Sie schien überrascht zu sein, dass wir da waren, obwohl wir schon seit Wochen reserviert hatten. Lange warten konnten wir nicht, da Kate gleich am Nachmittag einen Vortrag halten musste. Wir haben darauf gewartet, dass Uschi und Winfried aus ihren Zimmern zurück kamen. Unsere Versuche, sie anzurufen, haben sie völlig ignoriert. Zum Glück kamen noch zwei anderen Postdocs aus unserer Gruppe, die schon einen Zimmer hatten, und wir durften bei ihnen duschen und das Gepäck lagern, das sie noch so lieb für uns hoch getragen haben. Einchecken konnten wir erst am Abend.

Von dem Hotel bin ich völlig enttäuscht. Die drei Sterne verdienen sie sicherlich nicht. Im Eingang stehen auf jedem Tisch billige Stoffblumen, die in kleinen Gläsern in einem harten durhsichtigen Gel stecken. Das hätten sie sich sparen können. Auf meiner Etage hängt ein schwerer kalter Zigarettengeruch in der Luft. Der Türrahmen von meinem Zimmer trägt Spuren vom schweren Schlüsselträger, der dagegen schlägt, wenn man die Tür rücksichtlos öffnet. Der Schloss selbst ist sehr schwer zu bedienen. Einmal drin, sieht das Zimmer in Ordnung aus. Die Wände sind leider nicht so schalldicht, und ich habe einen Nachbar, der den ganzen Abend laut vor sich hin fürzt. So hört es sich jedenfalls an. Das freie WLAN funktioniert sonst kaum, ist extrem langsam und wird ständig unterbrochen. Dafür zahle ich knapp über 100€ pro Nacht. Es ist gerade Messezeit, daher die Preiserhöhung. Das hat die Frau an der Rezeption einer Kundin als Erklärung gegeben, als diese sich beschwert hatte, weil ihr Zimmer geöffnet war, als sie zurück kam. Und mein Kollege hat mehrmals nach einem Bügeleisen gefragt und diesen trotz Versprechungen nie gesehen. Auf Englisch. Die Frau an der Rezeption war völlig überfordert. Das einzige, was ging, war der Frühstück. Obwohl. Die Sauberkeit vom Geschirr fand ich mangelhaft. Astoria kann ich nun wirklich nicht weiter empfehlen.

Das hat mir heute nicht gefallen

Und das schreibe ich hier nieder.

  • Bei unserem Donnerstag-Meeting habe ich gesehen, wie die Kaffeemaschine auf einmal die automatische Spülroutine vor dem Ausschalten gestartet hat, und drunter stand ausnahmsweise kein Glas, um die Flüßigkeit zu sammeln. Ich habe tatenlos von meinem Stuhl aus gesehen, wie das Wasser in den dafür vorgesehenen Behälter gefallen ist. Ok, nichts schlimmes. Aber man möchte die Kaffeemaschine doch nicht so häufig auseinander nehmen, um das Behälter zu leeren. Daher das Glas, das heute fehlte.
  • Unsere IT-Kollegin hatte heute angekündigt, um 15:00 unsere ganze Software-Installation zu einem anderen Server umzuziehen. Ab dann konnte man also vorraussichtlich nicht mehr mit den Programmen arbeiten. Ich war nicht begeistert zu merken, dass sie schon eine Viertelstunde vor der angegebenen Zeit mit dem Umzug angefangen hatte, wo ich doch dachte, bis 15:00 Zeit für meine Arbeit zu haben.
  • Ich bin kein bisschen weiter in meinem Vortrag für nächste Woche gekommen. Winfried wollte die Präsentation spätestens morgen sehen. Ich muss heute Abend zu Hause dran sitzen.
  • Auf dem Weg zur S-Bahn habe ich einen Fahrradfahrer übersehen. Ich war mit Kate. Wir haben gewartet, dass ein Auto von links an der kaum befahrenen Kreuzung abbiegt, und den Fahrer hinter dem Auto gar nicht bemerkt. Vielleicht war er gerade vom Rand meiner Brille versteckt gewesen. Kate war rechts von mir und hat anscheinend auch nichts gesehen. Ich bin nach dem Auto über die Straße gegangen und habe dann ein Gebrüll von links wahrgenommen. Eingentlich war der Fahradfahrer am Anfang doch nicht so nah gewesen. Er hatte wohl gemerkt, dass wir ihn übersehen haben. Außerdem war er bei dem schwer bewölkten Himmel und mit seiner grauen Kleidungsauswahl selbst beim genaueren Betrachten schwer vom Asphalt zu differenzieren. Statt Maßnahmen zu ergreifen, um uns zu vermeiden (ein wenig bremsen hätte schon gereicht) hat er sich lieber aufgeregt. Er war mehr damit beschäftigt, seine perfekte Kurve auf hohem Tempo hinzukriegen als vorsichtig zu fahren. Alle andere Verkehrteilnehmer sollen bitte schön zur Seite springen, wenn er vorbei fährt. Das Verhalten hat mich so genervt, dass wir einfach weiter gegangen sind. Den Ausweichbogen musste er doch machen.
  • In der Bahn habe ich eine Nachricht von O2 bekommen. Mein maximales Datenvolumen ist erreicht, ab jetzt habe ich für die kommenden 20 Tagen nur noch maximal 1% der maximal mögliche Geschwindigkeit für Datentransfer. Gut, dass ich zu Hause und bei der Arbeit auf WLAN zugreifen kann.

Aber um sich gut zu fühlen, sollte man in einem Tagesbuch eher über gute Erlebnisse schreiben. Das habe ich in 59 seconds gelernt. Ein Buch, das ich vor einigen Jahren entdeckt hatte und immer wieder gerne lese.

  • Heute Morgen auf dem Weg zur Bahn habe ich mir ein leckeres Croissant geholt. Wir haben ja die beste Bäckerei Berlins quasi um die Ecke.
  • Dank meiner IT-Kollegin bin ich früher als sonst zu Hause angekommen und es war noch hell. In meinem Stadtteil konnte man sogar die Sonne sehen.
  • In der Bahn habe ich eine weitere Vorlesung vom aktuellen openHPI-Kurs über Automatic visual software analytics hören können. Daher die Nachricht von O2, nehme ich an. Ich werde in Zukunft auf dem PC die Vorlesungen hören. Ein spannendes Thema. Der Kurs hat erst diese Woche angefangen und ich hoffe, ich kann bis zum Schluss mitmachen. Bei vorherigen Kurse hatte meine freie Zeit nicht immer gereicht. Nächste Woche bin ich schon wieder für eine Tagung unterwegs.
  • Zu Hause angekommen, habe ich gesehen, dass Martin heute das Spülbecken und die Spülmaschine in der Küche ans Wasserrohr angeschlossen hat. Endlich frei vom Geschirr spülen! Obwohl, ehrlich gesagt, das macht er jetzt selber, seitdem er arbeitslos ist. Er macht sogar das Staubsaugen, kümmert sich um die Wäsche und versorgt/verwöhnt die Katze nebenbei. Ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, wenn er wieder arbeitet. 😛

Nicht meine Woche

Nee. Zuerst die Migräne. Montag Abend angefangen, erst heute Morgen los geworden. Ich musste auf mein geplantes Training verzichten, weil ich nicht mehr in der Lage war, Sport zu treiben. Wahrscheinlich liegt es am Wetterwechsel. Ich hatte früher immer massive Kreislaufprobleme, wenn ein Gewitter sich näherte. Teilweise musste ich mich sogar hinlegen, bis es ausgebrochen war. Seitdem ich vor einigen Jahren mit Sport angefangen habe, ist es viel besser geworden. Trotzdem kriege ich noch ab und zu heftige Kopfschmerze.

Mit Facebook habe ich Ärger bekommen. Eigentlich habe ich meine Einstellungen ausgewählt, um nicht suchbar zu sein. Ich gehöre anscheinend zu den ganz wenigen Leuten, die nur Verwandte oder gute Freunde als Kontakte bei Facebook haben. Trotzdem hat es jemand ohne gemeinsame Kontakte geschafft, mir eine „Freundschaft“-Einladung zu schicken. Die Person betreibt eine Seite von einem wissenschaftlichen Verein in meinem Arbeitsviertel. Eigentlich hätte sich der Verein eine Seite erstellen lassen, statt ein Profil. Aber ich habe schon mit diesen Leuten zu tun gehabt und habe gedacht, warum nicht. So weiß ich doch am besten Bescheid, wann sie Veranstaltungen organisieren. Der Hacken: Dadurch hätten sie Zugang zu allen meinen privaten Posts bekommen. Ich habe also angefangen, die Sichtbarkeit von alten Posts zu ändern. Dabei wurde ich wohl zu schnell, nach der Einschätzung von Facebook. Nach einiger Zeit habe ich angefangen, bei jeder Änderung ein Captcha lösen zu müssen, das auch noch sehr schwer zu erkennen war. Ich muss mich zu sehr vertippt haben, weil auf ein mal hieß es, ich wäre für die Benutzung einer Facebook-Funktion blockiert, weil ich sie missbraucht hätte. Das Einschränken von eigenen Post-Sichtbarkeiten darf man laut Facebook also nicht zu oft machen. Das hat mich richtig geärgert. Das bedeutet ja, dass man auf den eigenen Inhalten nicht frei verfügen darf. Tja, und dann habe ich festgestellt, dass man einige Kontakte in eine spezielle Liste stecken kann, damit sie nur Updates sehen können, die man öffentlich freigegeben hat. Problem gelöst. Es wäre viel sinnvoller gewesen, wenn die Facebook-Software meine Absicht erkannt hätte, und ein Hinweis auf die Liste angezeigt hätte. So schwer dürfte es nicht sein.

Der Clou war aber heute Mittag. Ich bin mit Kate zur Bio-Mensa gegangen, die ich erst vor kurzer Zeit durch einen neuen Kollegen kennen gelernt habe. Ursprünglich fand ich das Steak interessant, aber sie sahen alle so durch aus, dass ich mich für das vegetarische Menü entschieden habe. Ich wollte gerade mit dem Salat anfangen, als ich drin eine mittelgroße breitbeinige Spinne entdeckt habe. Sie war tot. Ich weiß nicht, wie die Mädels beim vorbereiten vom Teller sie übersehen konnten. Es war genug, um mir den Appetit zu verderben.

Zum Krieg

Oder: „Vielleicht sollte ich aufhören, die Nachrichten spät abends zu lesen.“

Wir standen draußen mit meinem Vater und Martin vor einem großen Tor. Die Sonne schien, der Himmel war blau und wolkenlos. Wir unterhielten uns über alte Geschichten von der Bundeswehr. Martin erzählte, dass er dazu aufgefordert wurde, als Soldat an einem Krieg teilzunehmen, aber zum Glück hatte sich seine Uniform aus dem Dienst[1] nach all den Jahren derart umgeformt, dass er nicht mehr hin gehen konnte. Kurz danach eröffnete sich das Tor und ein Panzerwagen ging über die staubige Straße, voll mit jungen Soldaten. Ich war erleichtert, dass Martin nicht mit musste. Ich wollte ihn nicht verlieren.

Hinter dem noch geöffneten Tor war eine riesige Leinwand, auf der die Nachrichten zu sehen waren. Sie zeigte eine große Publikumsmenge in einem Stadion, wahrscheinlich beim Fußballspiel. Plötzlich explodierte eine Bombe inmitten von den dicht gepackten Zuschauern. Ich sah mit Entsetzen, wie abgetrennte Köpfe wie ein Feuerwerk in Richtung Spielfeld beschleunigt wurden. Kurz danach sagte eine Journalistin, dass der IS hinter dem Angriff am Stadion stecken würde. Dann ging es um ein fünfjähriges Mädchen, das von bewaffneten IS-Kämpfern entführt wurde. Ich war wütend, dass die Journalisten die Szene gefilmt hatten, in der man sah, wie zwei Männer das Kind an beiden Armen packten, und dem Mädchen nicht stattdessen zur Hilfe geeilt waren. Vermutlich würde es wie die anderen bis zur Pubertät gefangen gehalten, um danach den Nachschub an Kämpfern zu produzieren.

Ich habe mich plötzlich über mein Egoismus geschämt. Wie konnte ich mich darüber freuen, Martin für mich zu behalten, während so viel Elend in der Welt von blutdürstigen Fanatikern verursacht wird? Ich habe gedacht, da Martin nicht hin gehen konnte, würde ich selber die Waffen greifen und gegen Terroristen kämpfen.

In dem Moment wachte ich auf.

[1] Den hat er in Wirklichkeit nie gemacht.

Unsere Küche ist da!

Endlich. Wir haben uns Zeit gelassen, um sie zu bestellen. Da ich die Küche selber bezahlen wollte[1], musste sie mir gefallen. Wir haben viele Läden besucht, bei denen ich nie wirklich zufrieden war: Das Material für die Fronttüre, mit Rändern, die wie Schmutzfallen aussehen, oder die innere Gestaltung der Schubladen, die immer billig wirkte, egal, wie schön der Rest war…

Uns wurde schnell klar, dass wir am liebsten Möbel aus Massivholz haben wollten. Mit einem Budget von maximal 20.000€ nicht einfach. Wir hatten in Berlin eine tolle heruntergesetzte Einbauküche als Ausstellungsstück von TEAM7 gesehen, die für mich fast bezahlbar gewesen wäre und die ich gerne sofort in die Wohnung gehabt hätte, aber die Maße unserer Küche hatten leider nicht ganz gepasst.

Am Ende haben wir uns für die Firma annex entschieden, die wir gar nicht kannten und übers Internet gefunden haben. Ich hatte Bedenken, eine Küche nur online zu kaufen, aber es hat sich gelohnt. Es ist keine Einbauküche, sie verkaufen nur getrennte Möbelstücke. Es hat den Vorteil, dass wir sie im unwahrscheinlichen Fall eines neues Umzuges[2] leichter mitnehmen können. Wir haben viel mit einer Mitarbeiterin telefoniert, um die Küche zu gestalten. Mit dem Grundriss konnte sie uns gute Ratschläge geben und Möbelstücke so anfertigen lassen, dass sie schön mit den Fenstern übereinstimmen. Daher haben wir erst spät die Bestellung geschickt.

Heute sind zwei Jungs gekommen, um die Küche zu liefern und zu montieren. Es ging ganz schnell. Am Ende habe ich, inklusiv aller Kosten, knapp die Hälfte von meinem maximalen Budget ausgegeben. Ich bin froh, dass ich dafür keinen Kredit aufnehmen musste. Und ich freue mich total über die Küche. Sie sieht toll aus. Einige Sachen müssen wir aber selber machen. Aus irdendeinem Grund konnten sie das Spülbecken und die Spülmaschine nicht ans Wasserrohr anbringen. Und für das Herd hat ein Kabel gefehlt. Ein Kabel, das man leicht im Handel finden kann. Das hätte uns die Mitarbeiterin am Telefon sagen können. Da wir sowieso nächste Woche kleine Arbeiten in der Küche machen lassen wollen, passt es noch gut.

[1] Mein Nachfolger ist ja auch mein Nachmieter geworden und hatte meine Einbauküche bei meinem Auszug übernommen, die ich von einer ehemaligen Nachbarin gekauft hatte und die exakt für die Küche gebaut wurde…

[2] „Spätestens beim zweiten Kind“, sagt Martin. Ich sage, warte erstmal ab, dass ich eins bekomme.

Ersatz-Chefin

Die bin ich, diese Woche!

Da unsere beiden Chefs dienstlich unterwegs sind, haben sie mich damit beauftragt, die Führung unseres wöchentlichen Gruppenmeetings zu übernehmen. Nicht zum ersten Mal. Die Gruppe ist in letzter Zeit gut gewachsen, obwohl mein Schatz nicht mehr bei uns arbeitet. Es war eine interessante Erfahrung, eine Diskussion bei so vielen Leuten zu leiten. Es gab aber nicht so viel zu besprechen.

Ich dachte, damit wär’s schon. Ich habe jetzt gemerkt, dass die anderen Postdocs mich um Rat fragen. Vielleicht, weil sie nach mir in der Gruppe angekommen sind. Ich war ja bei allen ihren Bewerbungsvorgängen dabei. Oder weil ich schon älter bin und nicht frisch aus der Doktorarbeit komme. Pawel und Kate haben mich heute sogar gefragt, wie sie bei einem Vorhaben mit Projektpartnern vorgehen sollen. Eigentlich hätten sie selber drauf kommen können, wenn sie nur kurz nachgedacht hätten. Aber hey, nicht gleich den Spaß verderben. Ich werde für meine Meinung geschätzt. Ein kleiner Schub für die Seele.

Abwehrkräfte im Einsatz

Am Freitagabend hatte ich ein bisschen Kopfschmerz und ein komisches Gefühl im Hals. Da wir mit einigen Kollegen nach der Arbeit Bier getrunken hatten, dachte ich, deswegen ginge es mir nicht so gut. Ich bin später nach einer heißen Milch mit Honig ins Bett gegangen.

Gestern bin ich mit geschwollenen, schmerzhaften Zungenmandeln aufgewacht. Ich habe zuerst an eine Angine gedacht, aber mein Rachen ist nicht entzündet und hat keine unnormale Farbe angenommen. Kein Fieber, kein Schnupfen. Wahrscheinlich sind die Mandeln dabei, Antikörper zu produzieren. Vielleicht habe ich von jemandem in der Bahn Grippenviren bekommen, und merke jetzt, dass die Impfung erfolgreich war.

Ich habe den ganzen Tag mit Schal um den Hals zu Hause verbracht. Staubgesaugt, geputzt, wie alle Samstage. Heiße Zitrone und grünen Tee getrunken. Ich habe Martin kurz geholfen, einen Gegenstand zum Keller zu tragen. Abends fühlte ich mich deutlich besser. Wir sind früh zum Kino gegangen und haben danach in einem Thai Restaurant gegessen. Den Rückweg nach Hause haben wir zu Fuß gemacht. Es war nicht so kalt. Ohne uns zu beeilen haben wir keine halbe Stunde gebraucht. Es war ein gemütlicher Tag.

Warum habe ich heute also solche Muskelkater in den Beinen? Meine Oberschenkelmuskel fühlen sich an, als ob ich 40km Fahrrad gefahren wäre. Ich besuche seit einem Monat wieder das Fitness-Studio regelmäßig und habe seit dem dritten Besuch schon kein Problem mehr mit Muskelkater. Ich vermute, mein Körper ist so sehr damit beschäftigt, Viren zu bekämpfen, dass selbst die wenige Aktivität von gestern zu viel war.