Gestorben

Ein diffuser Traum.

Ich war gestorben. Wie spielte keine Rolle mehr. Meine Mutter war mit mir. Wir waren in einem Raum. Ein Wohnzimmer mit vielen Möbeln und Dekorationen. Dunkel rot. Es war nachts, eine schwache Glühbirne erhellte ein wenig den Raum. Eine Atmosphäre, in der ich mich unwohl fühle. Es erinnerte mich am Wohnzimmer meiner Oma.

Ich habe gedacht, ich sollte zurück zu den Lebenden gehen, um Bescheid zu sagen, dass ich gestorben bin. Meine Mutter hat mir einen Nebenraum gezeigt, der als Verbindung zwischen beiden Welten funktionierte. Drin war es hell weiß. Das echte Weiß. Es wäre unerträglich blendend gewesen, wenn ich noch Augen gehabt hätte. Ich wusste, dass der Raum etwas wie dunklere Ecken zwischen Wänden und Boden haben musste, aber es leuchtete so hell weiß, dass man gar keine Umrisse sehen konnte. Wir sind herein gegangen.

Ich war plötzlich im Wohnzimmer meines Doktorvaters. Es war auch nachts und dunkel. Er schaute gerade den Fernseher. Ich war neben ihm auf der Couch, eine neblige Gestalt. Ich habe es trotzdem geschafft, mit ihm den Kontakt aufzubauen. Ich habe ihm gesagt: „Ich bin gestorben. Und weißt du, ich habe noch nicht verstanden, was das alles soll. Den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht gefunden.“

Und dann lag ich wach im Bett.

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Angriff am Nordpol

Ich war am Alex. Nein, am Kaufhof am Alexanderplatz. Irgendwie sage ich immer das eine, wenn ich das andere meine. Das wäre mir wieder beinahe passiert, als ich Martin eine Nachricht aus meinem tollen neuen Handy schrieb. Ein bisschen Shopping wollte ich machen. Nichts konkretes.

Nach dem Versenden der Nachricht habe ich die News-App geschaut. Wie häufig in letzter Zeit ging es um Anschläge. Ich habe stattdessen die Navi-App aufgemacht. Im Südpol sah ich etwas merkwürdiges. Da war ein Taucher, der unglaublich schnell in Kreise schwamm. Auch aufs Land. Es war ein Taucher, weil ich seinen Schnorchel sehen konnte. Irgendwann ist er unter das Land verschwunden, in Richtung Ende der Karte ganz am Süden. Gleichzeitig sind viele Flugzeuge aufgetaucht und ihm gefolgt. Ich dachte, ich hätte sie verloren, aber ich habe sie wieder auf der anderen Seite der Karte gefunden, am Nordpol. Irgendwie logisch, man braucht nur die Karte in einem Zylinder parallel zum Äquator zu formen und kann ganz schnell vom Südpol zum Nordpol gehen. Dort haben sie angefangen, eine wissenschaftliche Station anzugreifen. Es war ein Reaktor. Ich habe gesehen, immer noch auf meiner Navi-App, wie sie viele Bomben warfen. Der Reaktor schien durchzuhalten, er war umhüllt mit einer Art Schutzschield, als grüne Linie sichtbar.

Ich habe aus dem Fenster von Kaufhof nach draußen geschaut. Ich war auf der sechsten Etage. Ich habe festgestellt, dass ich von hier aus den Angriff auf die vereiste Station sehen konnte. Ich musste ganz schnell weg von hier. Sollte der Reaktor explodieren, würde ich durch die direkte Strahlung Schaden bekommen, da ich ihn sehen konnte, selbst wenn wir in Berlin weit weg vom Nordpol sind. Ich bin die Etagen herunter gegangen und in irgendeine dunkle Bahn eingestiegen.

Ich habe nicht aufgepasst, in welche Richtung ich gefahren bin. Ich habe plötzlich auf den Fenstern der S-Bahn geschaut und die Umgebung nicht erkannt. Es sah sehr ländlich aus. Wir waren auf einer langen Straße. Das Wetter war toll, der Himmel blau. Links von der Straße erstreckte sich eine rote Wüste. Bevor die Straße nach rechts bog, konnte man einen wunderschönen dunklen braunen Berg mit einer interessanten Form sehen. Ich habe entschieden, hier auszusteigen. Als die S-Bahn hielt, habe ich festgestellt, dass ich barfuß war. Ich hatte keine Zeit, meine Schuhe anzuziehen, und bin einfach so mit den Schuhen in der Hand und dem Rucksack auf dem Rücken zur Tür gerannt. Wir hielten aber nur, weil wir an einer Ampel standen. Die Haltestelle war einige Meter danach.

Als ich, weiterhin barfuß, aus der S-Bahn auf die Straße gesprungen bin, wusste ich immer noch nicht, wo ich war. Ich habe überrascht festgestellt, dass ich doch nicht mit einer S-Bahn sondern mit einem Bus gereist war. Ich habe schnell die Nummer gelesen, um wieder nach Berlin fahren zu können. Es war die M45?, weil die dritte Zahl aus meinem Blinkwinkel nicht mehr ganz zu sehen war. Ich habe mich auf eine Bank hingesessen, um meine Schuhe anzuziehen. Als ich fertig war, habe ich gemerkt, dass ich am rechten Fuß meinen üblichen schwarzen Schuh truh, aber am linken Fuß meine Adidas-Latsche hatte. Zwei Jungen sind zum weißen Tisch neben meiner Bank gekommen. Sie wohnten im Haus hinter mir. Sie hatten zwei Katzen, die sehr merkürdig aussahen. Sie waren ganz dunkel rot. Ich habe zuerst gedacht, dass sie gefärbt wurden, aber selbst ihre Augen waren rot. Die Jungen haben sie in ihre Arme geschmust und ins Haus getragen.

Vorübergehend vorbei

Der Urlaub war sehr anstrengend. Wir sind ständig unterwegs gewesen. Über Weihnachten waren wir bei seinen Verwandten in Frankfurt. Ich hatte schon kurz davor angefangen, Bauchschmerze zu spüren, vor allem abends. Ich hatte Angst, dass es sich um eine extrauterine Schwangerschaft handeln könnte. Außer Martin und meiner Mutter hatte ich niemandem davon erzählt, weil ich es noch für zu früh hielt. Ich konnte also die Cousinen von Martin nicht nach Rat fragen, obwohl beide mehrfach Mütter sind. Häufig habe ich auch Kopfschmerze bekommen. Die Kinder waren laut. Ich fürchte, die Familienmitglieder haben mich jetzt als ungewöhnlich empfindlich eingeordnet, obwohl ich normalerweise einiges durchhalten kann.

Am Samstag nach Weihnachten habe ich plötzlich keine Schmerze mehr gehabt. Ich habe mich kurz gefreut, dann kamen wieder Zweifel. Ich hatte mir Sorgen wegen der Schmerzen gemacht; jetzt, ohne Schmerze, machte ich mir neue Sorgen. Am nächsten Tag habe ich einen Test gemacht, der wieder positiv war. Gleichzeitig habe ich Blutungen bekommen. Es soll nicht ungewöhnlich sein, bis zu einem gewissen Grad. Am Montag, als wir zu meiner Familie nach Südfrankreich geflogen sind, waren die Blutungen genau so stark wie während der Periode, wenn ich am meisten Blut verliere. An solchen Tagen habe ich den Eindruck, dass ich einen voll geöffneten Hahn im Inneren habe. Es dauert meistens ein bis zwei Tage. Diesmal habe ich fünf Tage lang extrem viel Blut verloren. Der Test danach war eindeutig negativ. Ich bin nicht mehr schwanger. Es hat gerade vier Wochen gedauert. Martin war sehr enttäuscht. Ich weniger, auch wenn es komisch klingt.

Bei einer so frühen Fehlgeburt muss ich mir wahrscheinlich keine Sorge machen, aber es heißt, man soll immer sofort untersucht werden. In Frankreich schwierig, vor allem bei meiner Mutter. Nicht unbedingt, weil ich nicht in Frankreich versichert bin. Zwei Frauenärzte sind dort gestorben und es gibt keine Vertretung. Was soll’s, ich könnte auf meine Rückkehr nach Deutschland eine Woche später warten. Ich bin gerade umgezogen und wollte mir sowieso in meinem neuen Viertel eine Praxis suchen. Nahezu unmöglich, wie es aussieht. Am Telefon bekomme ich Termine erst in einem Monat. Als ich nach Sprechstunden fragte, antwortete mir eine Sekretärin, dass die Ärzte sowieso kaum hinter ihren Terminen kämen. Es gibt mir keine besondere Lust, dort Patientin zu werden, wenn die Untersuchungen aus Zeitmangel verschlampt werden. Bestimmt wäre es nicht so schwierig, wenn ich Privatpatientin wäre. Ich könnte es tun. Ich bin nur aus Prinzip dagegen. Es ist eine Unverschämtheit, dass Ärzte sogar dedizierte Sprechstunden für Privatpatienten ankündigen. Martin meinte, wenn man mit akuten Beschwerden zur Praxis geht, dürfen Ärzte niemanden zurückweisen. Eine Fehlgeburt sollte schon berechtigen, untersucht zu werden. Weggeschickt wird man trotzdem, wie ich heute Morgen erfahren durfte. Ich bin zu einer Praxis während der Sprechstunde gegangen, um mir erzählen zu lassen, dass sie keine neue Patientin aufnehmen wollen. Ich sollte doch bei der Praxis auf der anderen Seite der Straße probieren: Die mit den überforderten Ärzten. Nein, danke. Ich bin zur Praxis gegangen, die ich letztes Jahr besucht hatte. Neben der Arbeit. Ich brauche eine Stunde mit der Bahn, um dahin zu fahren. Untersucht bin ich noch nicht geworden. Eine Frauenärztin hatte vor kurzem einen Unfall, eine Vertretung wird noch gesucht. Ich sollte am Freitag vorbei kommen. Immerhin meinte die Sekretärin, dass ich natürlich kommen dürfte, falls ich wieder schwanger werden sollte. Es ist nicht ausgeschlossen.

Erster Traum des Jahres

Ich war mit Martin in einem Konzentrationslager gefangen. In Deutschland waren wir nicht. Der Himmel war blau, und außerhalb vom Lager konnte man viele Olivenbäume sehen. Eins wusste ich auf jeden Fall: Wir mussten fliehen. Der Krieg war fast verloren für die Nazis, und mir war klar, dass sie uns alle erschiessen würden, bevor sie den Ort verlassen.

Eines Abends habe ich mich in einer Grube verkrochen, während meine Mitgefangenen zum Abendessen gingen. Ich habe mir überlegt, wie man sich in den Olivenbäumen verstecken könnte, um auf die siegende Truppe zu warten. Leider trug ich hell weiße Turnschuhe, die mich in den Bäumen sofort verraten würden, sollten die Nazis die Gegend durchsuchen. Ich bin zum Abendessen gegangen.

Auf dem Weg dahin habe ich einen isolierten Wächter getroffen und ihn bewusstlos geschlagen, um seinen Anzug zu klauen. Ich bin als Offizier verkleidet zum Essraum gegangen. Martin saß an einem Tisch. Ich habe ihm ein Zeichen gegeben, damit er sich für die Flucht vorbereitet. Bevor musste ich zur Toilette gehen. Ich habe noch im letzten Moment daran gedacht, die Männertoilette zu besuchen, da ich als Wächter verkleidet war. Ich habe mich breitbeinig vor einem Klo gestellt und versucht, wie ein Mann zu pinkeln, was ohne Penis nicht so einfach war. Es ist keinem aufgefallen. Neben mir war ein Mann unter der Dusche, und die durchsichtige Trennwand war vom Dampf derart beschlagen, dass er mich nicht sehen konnte. Beim Verlassen der Toilette hat mich Martin in eine Ecke gezogen und wir haben ein letztes Mal wild Sex gehabt, falls wir bei der Flucht nicht überleben würden.

An die Flucht selbst kann ich mich nicht erinnern, der Traum ging zu einer anderen Szene.

Wir sind in einem gelben, alten Auto zu einem kleinen Dorf angekommen. Ich habe gedacht, dass wir noch als Flüchtlinge aus dem Konzentrationslager aussehen würden und bin zu einem Bauernhof gefahren, um uns in der Scheune zu verstecken. Dort stand aber eine Gruppe italienischer Männer neben einer Steinmauer, die uns gesehen haben und verraten wollten.

Ich bin aufgewacht.