Kartons

Ich packe gerade meine Sachen zusammen.

Noch eine Woche, und ich ziehe wieder aus… Endlich endgültig? Solange ich nur befristete Arbeitsverträge finde, ist nichts sicher. Aber in Berlin könnte es einfacher sein, eine neue Arbeit zu finden, wenn ich am Ende nicht von meinem aktuellen Arbeitgeber unbefristet übernommen werde. Ich weiß nicht, was Uschi mit mir vor hat, aber ich bekomme mehr Verantwortung. Das freut mich und motiviert mich auf jeden Fall, egal was danach passiert. Mal schauen.

Diesmal werde ich nicht allein einziehen. Das letzte Mal, dass ich mich auf so was eingelassen habe, ist sehr lange her. Der Unterschied zu damals ist, dass ich nicht bezweifle, dass wir gut zusammen passen. Ich mache mir manchmal Sorgen, aber alles in allem habe ich ein sehr gutes Gefühl. Ich freue mich riesig, dass wir zusammen leben werden.

Zuerst muss gepackt werden. Es gibt noch viel zu tun.

Das Wassermonster

Heute Nacht war ich in die Seychellen. Ich saß am Straßenrand, direkt gegenüber dem Meer, aber hinter der Straße. Es war morgens. Ich saß und machte etwas – ob ein Buch lesen oder die Landschaft malen, ich habe vergessen.

Auf ein Mal kam eine so große Welle aus dem Meer, dass sie die Straße überquert hat und gegen den steilen Straßenrand hinter mir geprallt ist. Ich bin schnell aufgestanden und weggelaufen, und konnte die Welle vermeiden. Kurze Zeit später kam eine neue große Welle auf mich zu. Ich habe beschlossen, die Stelle zu verlassen. Im gleichen Moment kam Martin von seiner Joggingsrunde aus meiner rechten Seite zurück. Die Welle hat ihn nicht erwischt.

Als wir uns gemeinsam auf dem Weg gemacht haben, ist ein großer Arm aus Wasser aus dem Meer heraus gekommen und hat sein Ende weit geöffnet, wie ein Maul, um uns beide zu holen. Wir konnten fliehen. Ich habe gesehen, wie der Rest vom Monster aus dem Meer sich hebte und wie ein Dinosaurier aus Wasser aussah. Wir sind in Richtung Berg gelaufen, möglichst weit vom Strand. Das Monster hat wieder seinen Arm zu uns geschickt. Er kam weiter als beim ersten Mal, aber dafür wurde der Arm schmäller. Ich habe gedacht, dass es logisch wäre, da das Monster das gleiche Volumen auf eine größere Strecke verteilen musste. Aus dem Wasser ist das Monster nicht heraus gekommen.

Wir sind an der Spitze vom Berg angekommen, und das Monster versuchte immer noch, mit seinem immer dünner werdenden Arm nach uns zu greifen. Weiter zu laufen machte keinen Sinn, da unten auf der anderen Seite vom Berg wieder Wasser zu sehen war. Es gab ein Gebäude, eine Art Schule, und wir haben drin nach Schutz gesucht. Die Schule war voll mit Skinheads und gebrochenen Bierflaschen am Boden. Meine Freundin Mei war da und hat uns den Weg nach oben gezeigt. Dort waren Wohnungen. In einer Küche habe ich ein Messer gefunden und konnte gleich ein Stück vom Arm abreißen, der uns, jetzt so dick wie ein Zeigefinger, die Treppe hoch gefolgt war. Der Arm hat sich zurück gezogen.

Wie der Traum zu Ende ging, habe ich vergessen. Es war um die 03:00 und ich bin wieder eingeschlafen.

Auberginen

Bei einem Spaziergang habe ich einen neuen Obst- und Gemüseladen in meinem Viertel gefunden[1].

Es war gegen mittags, die Sonne schien, der Himmel war blau. Auf der Straße vor dem Laden waren keine Regale, aber ich bin aus Neugier herein gegangen. Der Laden war klein und hell, mit weißen Wänden. Zwei Männer arbeiteten drin, beide arabisch aussehend. Die Auswahl war sehr gering. Ich habe beschlossen, drei Auberginen zu kaufen. Der Mann hinter der Theke hat sie gewogen, mit einer Hand auf der Waage, und mir den Preis genannt: 11,50 €. Ich habe bezahlt und bin raus gegangen.

Kaum hatte ich den Laden verlassen, dass ich mir dachte, „Moment mal, für drei Auberginen sind 11,50 € viel zu teuer“. Ich bin wieder zum Laden gegangen und habe nach einer Prüfung der Rechnung gefragt. Auf meinem Zettel, halb verwischt, konnte man noch den Preis pro Kilo erkennen, 0,88 €. Ich habe die Auberginen selber gewogen und einen Notizblock mit Kugelschreiber aus meiner Tasche geholt, um den Preis zu rechnen. Ich hatte den Dreisatz gerade aufgeschrieben, als der zweite Mann sich neben mir gestellt hat und angefangen hat, jeden Schritt erklärt bekommen zu wollen. Das war mühsam, weil ich auf Deutsch nicht so schnell wie in meiner Muttersprache rechnen kann und anfälliger für Fehler bin. Als ich auf Französisch gewechselt bin, um meine Rechnung sicherer durchzuführen, hat er sich aufgeregt und mich auf Arabisch angeschrien. Es wurde plötzlich sehr stressig, viele laute Stimmen sind dazu gekommen, was mich ziemlich schnell geweckt hat.

Es war kurz nach 06:00.

[1] Eigentlich war es gar nicht mein Viertel, sondern eine kleine Kreuzung in der Nähe meines ehemaligen Arbeitsplatzes, bevor ich nach Berlin gekommen bin.

Der Alltag kehrt wieder ein

Eine Woche Arbeit ist schon fast vorbei. Ich hatte wieder einen Vortrag zu halten, trotz frischer Erkältung und heiserer Stimme. Wenigstens hat es diesmal geklappt. Die Erkältung ist nicht so schlimm wie befürchtet, und meine Verdauung hat sich endlich normalisiert. Meiner Katze geht’s super, sie ist von meinem Nachfolger sehr gut versorgt worden. Sie haben sogar gemeinsam Fliegen gefangen, und sie hat es gewagt, mit ihm nachtsüber zu schlafen. Ich muss mich jetzt um meinen Umzug in zwei Wochen kümmern.

Ich bin noch müde. Die Zeitverschiebung habe ich körperlich kaum gemerkt, aber der lange Rückflug war nicht sehr erholsam. Meine Haut verliert schon wegen Trockenheit an Bräune. Es fühlt sich bald fast so an, als ob der Urlaub nur ein Traum gewesen wäre.

Es war richtig schön, selbst wenn ich die Hälfte der Zeit krank war. An die konstant hohe Temperatur und feuchte Luft habe ich mich schnell gewöhnt. Die Landschaft ist traumhaft, die Granitfelsen beeindruckend, die Fauna wunderschön (ach ja, die Spinnen sind auch beeindruckend, zum Glück nur im Wald zu sehen und nicht im Haus). Überall hängt der Geruch von verfaulten Mangos, die von den Bäumen nicht gesammelt werden können, so viele es sind. Wir haben am Strand aus Kokosnüssen getrunken.

Bei einer Wanderung zur Anse Major haben wir Batman, den zahmen Flughund (flying fox auf Englisch), besucht. Sein „Herrchen“ Richard, der am Oberkörper gelähmt ist und sehr schöne Stofftücher verkäuft, träumt davon, eine europäische oder russische junge Frau um die 25 mit etwa 200.000€ zu heiraten. Er ist nicht der Einzige, meinen Gesprächen mit den lokalen Bootfahrern nach zu beurteilen… Eine Flasche Cognac würde er sonst gerne geschenkt bekommen. Alkohol kann auf der Insel sehr teuer sein.

Und es gab auch Sonnenuntergänge zu zweit…

Von einem Extrem zum anderen

Bis gestern fühlte ich mich gut. Ich war einige Male mit den anderen Mitgliedern meiner Gruppe aufs Boot, um zu schnorcheln, während sie alle unter Wasser sind. Jetzt geht’s mir körperlich wieder schlecht.

Seit dem letzten Durchfall am Mittwoch hatte ich mich gewundert, keinen Stuhlgang mehr zu haben. Gestern kam es endlich, mühsam, aber es schien mir in Ordnung zu sein. Seit heute Morgen nach dem Frühstück bin ich leider völlig verstopft. Ich habe den Vormittag im Badezimmer verbracht, mit Bauchschmerzen und in Schweiß gebadet, und konnte nichts heraus zwingen, statt wie geplant mit Martin wandern zu gehen. Er ist jetzt ganz lieb zur nächsten Apotheke gefahren.

So hatte ich mir den Urlaub nicht vorgestellt.

Auszeit

Ich habe beim Aufwachen darüber nachgedacht, und mein negatives Gefühl seit dem gestrigen Tauchgang hat sich nur verstärkt. Es hat nichts mit meiner üblichen hormonalen Tiefe wegen meiner Periode zu tun. Ich habe wirklich keine Lust mehr, weiter zu tauchen. Das Schwindelgefühl beim Auftauchen, und wie ich mich wegtreten gespürt habe, bevor ich die Oberfläche erreicht habe, haben mich genug erschreckt. Dass wir danach eine sanftere, einfachere Strecke mit vielen Sehenwürdigkeiten gemacht haben, hat mich nicht genug begeistert, um diese Angst zu überwinden.

Ich hätte heute Morgen mit dem Rest der Gruppe zur Tauchbasis gehen sollen, um meine weiteren Übungstauchgänge zu machen. Der lokale Tauchführer hatte gestern angekündigt, dass ich heute drei Tauchgänge machen sollte, natürlich viel tiefer, bis 18 Meter. Es hat mich schon wieder gestresst. Ich fühle mich gezwungen. Dass mein rechtes Ohr dazu einen Schaden bekommen hat, schien keinen zu interessieren. Mara wollte nichts hören und hat versucht, mich zu überreden und meine Beschwerde klein zu reden, um weiter zu machen.

Als Martin heute Morgen aufgewacht ist, habe ich ihm gesagt, dass ich genug habe. Er hat zum Glück sofort Verständnis gezeigt. Sonia hat dagegen versucht, mit mir zu reden, aber sie hat schnell eingesehen, dass es keinen Zweck hat. Außerdem ist mein rechtes Ohr immer noch stark von gestern belastet, obwohl ich Nasenspray zur Linderung von den Beschwerden benutzt habe. Natürlich geht es nicht so schnell weg. Beim letzten Mal hatte ich fast eine Woche gebraucht, um mich normal zu fühlen.

Heute entspanne ich mich. Mit der Behandlung meiner vielen Mückenstichen bin ich erstmals genug beschäftigt. Ich habe ja ein tolles Gerät, um Stiche einige Sekunden lang zu erhitzen und damit die Allergene zu denaturieren. Es wirkt unglaublich gut, danach juckt gar nichts mehr. Ich reagiere trotzdem manchmal allergisch. Ich habe gerade einen Stich unter dem Knie, der fünf Zentimeter im Durchmesser geworden ist, ganz rot und angeschwollen. Ein anderer Stich auf dem Knöchel ist durch mein Tauchfüßling zur riesen Blase geworden. Ich habe gestern Abend einen Pflaster drauf getan, sie ist noch nicht geplatzt. Es ist nicht so, als ob ich kein Mückenspray benutzt hätte. Autan scheint bei mir nicht zu wirken. Wir haben eine Glühspirale auf der Terrasse benutzt, die nach Rauchstäbchen stinkt, sie hat nicht geholfen. Ich rieche zu gut für die Mücken, offensichtlich.

Erster Tauchgang

Ich dachte fast, dass ich nicht dazu kommen würde.

Am Samstagabend sind wir weg geflogen. Es ging mir gut. Der erste Flug mit Air Berlin nach Abu Dhabi war kein Spaß. Wir hatten uns bequemere Sitzplätze am Notausgang „für mehr Beinfreiheit“ extra gebucht, aber ich bin nicht überzeugt, dass es sich lohnt. Zum Einen hatte ich den Platz am Fenster: Als alle eingestiegen waren, ist die Tür geriegelt worden und ich konnte die Beine doch nicht mehr strecken. Zum Anderen hat man auf diesen Plätzen keinen Netz vor sich, um Gegenstände aufzuräumen. Der Flug selbst war sehr laut. Die Flugbegleiter waren nur am Laufen, weil die Besatzung für die Anzahl der Passagiere nicht ausreichend war. Ich habe zuerst einen Film schauen wollen, aber die verteilten Kopfhörer waren so schlechter Qualität, dass ich trotz hoher Lautstärke kaum etwas verstehen konnte. Ich habe aufgegeben und versucht zu schlafen, was mir nicht gelungen ist. Die Flugbegleiter haben ständig im Raum neben uns gequatscht und gelacht. Als wir gegen 06:00 gelandet sind, hatte ich maximal eine Stunde Schlaf hinter mir. Der zweite Flug mit Air Seychelles war deutlich angenehmer. Auch A330, trotzdem viel leiser, und die freundliche Besatzung verleiht gleich eine ganz andere Atmosphäre. Ich habe bis zum Ziel schlafen können.

Kurz vor der Landung habe ich Gewitter im Bauch gespürt und dachte, ich würde gleich explodieren. Als alle Passagiere noch im Gang warteten, ist eine Lampe zur Toilette grün geworden und ich habe mir den Weg bis dahin gebannt. Wieder Durchfall. Bestimmt vom zu fetten Abendessen bei Air Berlin, dachte ich. Es würde gleich wieder gehen. Eine Viertelstunde später musste ich die Schlange zur sanitären und Pass-Kontrolle verlassen, um die Toilette zu besuchen. Zum Glück war Martin noch am stehen, sonst hätte ich wieder von hinten aus warten müssen. Nach der Kontrolle, als ich mein Gepäck bekommen habe, musste ich wieder hin. Es ist hier auch so warm und schwül, selbst das Atmen fand ich anstrengend. Wir sind mit Auto vom Vermieter des Hauses abgeholt worden. Ich habe zwei Loperamid-Tabletten geschluckt, die mir der Arzt empfohlen hatte, und nicht mal fünf Minuten später ging es wieder gut.

Der Ort, wo wir unterbracht sind, ist einfach traumhaft. Fotos werden erst nach meiner Rückkehr hochgeladen. Wir haben uns das Haus mit sechs anderen Personen geteilt, alle aus Berlin. Vier davon sind Freunde von Martin (Sonia, Michael, Mara und Anton), das andere Paar ist durch Mara, meine Tauchlehrerin, dabei. Eva, die Frau, ist ganz nett, auch wenn ein wenig zu esoterisch; ihren Mann mag ich nicht, aber wir unternehmen nicht viel miteinander. Das liegt daran, dass ich bis heute an keinem Tauchgang teilnehmen konnte. Ich musste noch einige Übungen im freien Wasser machen, bevor ich mitmachen darf.

Am Montag wollte ich mich von der Reise erholen. Mit dem Durchfall am Tag davor fand ich es ein bisschen früh. Außerdem waren die Wetterbedingungen nicht gut genug. Ich habe den Tag auf der Terrasse verbracht und die Vogel und Flughunde beobachtet. Am Abend haben wir den Markt besucht. Es gab einen leckeren Mangosalat und salzige Bananenchips. Am Dienstagmorgen sind alle beim Tauchen gewesen, außer Eva, die es gar nicht mitmacht, und ich war wieder im Haus. Das Wetter ließ keine gute Möglichkeit für die Übungen. Am Mittwoch hätte es endlich geklappt, aber am Dienstagabend hatte ich wieder Durchfall. Die Gespräche am Abend waren so blöd gewesen, es hätte auch davon kommen können. Die anderen Bewohner des Hauses glauben wirklich jeden Blödsinn, den sie auf Internet lesen, und es ging den ganzen Abend um ernsthafte Hoaxdiskussionen, in dem Stil „Und wisst ihr, dass Kamelenmilch der absolute Heilmittel gegen Krebs ist, und dass die Pharmalobby dies unterdrückt“ und blablabla. Jemand hat sogar das Thema freie Energie erwähnt. Vielleicht war das häufige Klobesuchen eine Art Befreiung vom ganzen Quatsch. Ich bin am Mittwoch mit Martin am Strand spazieren gegangen und habe bei unserer Pause in einer Strand-Bar wieder Durchfall bekommen. Gestern hat der lokale Tauchführer abgesagt, weil sein Schüler, mit dem ich mitmachen soll, krank war. Stattdessen haben wir Shopping in Victoria gemacht.

Heute war es endlich so weit. Leider bin ich anscheinend nicht fürs Tauchen gebaut. Wieder meine zu schmalen Ohren, deswegen ich sehr langsam abtauchen muss. Wir waren für die ersten Übungen nicht besonders tief gewesen, gerade vier Meter. DerSchwimmbad war 3,5 Meter tief, der Unterschied ist minimal. Beim Auftauchen ging es mir zu schnell, obwohl wir die normale Aufstiegsgeschwindigkeit gehalten haben. Aber es ist klar, dass ich langamer sein muss, wenn ich in die andere Richtung schon länger brauche. Beim Auftauchen habe ich mich plötzlich schwindelig gefühlt und an Mara festgeklammert, weil ich dachte, ich würde gleich umkippen. Kein schönes Gefühl. Ich war bereit, auf der Stelle aufzugeben und den Rest vom Urlaub nur noch am Strand zu verbringen, und Scheiß auf den gebuchten Tauchpaket und die nicht abgeschlossene Ausbildung. Das haben meine Tauchlehrerin und der lokale Führer nicht eingesehen und mich nachmittags zu einem zweiten Tauchgang gezwungen. Wieder vom Strand aus, diesmal sehr sanft nach unten und zurück, bis 7,5 Meter Tiefe am Korallenrand entlang. Es ging. Es hat sogar Spaß gemacht, die ganze Unterwasserwelt zu sehen. Trotdzem glaube ich nicht, dass es meine Leidenschaft wird. Und mein rechtes Ohr fühlt sich jetzt an, als ob Wasser drin gefangen wäre. Ein kleines Barotrauma.