Unheimlich

Wir haben gestern Abend in einem türkischen Restaurant in meinem Viertel gegessen. Das Wetter war bedeckt, wie häufig in letzter Zeit. Der Sommer ist vorbei. Wir haben drin gesessen. Einige Gäste sind zur Terrasse gegangen, und sofort wieder rein gestürzt, als die starken Windböen angefangen haben. Geregnet hat es kaum.

Wir sind nicht lange geblieben. Oder besser gesagt, wir waren ungewöhnlich früh da. Um 21:00 haben wir, satt und zufrieden, das Restaurant wieder verlassen und sind zu Fuß zu mir gegangen. Es wurde schon dunkel. Martin hat mein Fahrrad geschoben. Kurz vor meiner Wohnung war die Nacht eingebrochen. Wir haben uns über Pläne fürs Wochenende unterhalten. Ich habe gesagt, dass ich am Sonntag bei mir sein muss, weil ich am Bürgerentscheid teilnehmen will. Ich habe bemerkt, dass ich jede Berechtigung zur Stimmenabgabe wahr nehmen will, wobei ich es noch nicht mal geschafft habe, mich um einen Termin für den Einbürgerungstest zu kümmern. Dabei hat mein Besuch beim Standesamt schon vor zwei Monaten statt gefunden.

Zeitgleich waren zwei Jugendliche auf dem Bürgersteig vor uns. Beide in Sportklamotten; einer war am Rauchen. Ich bin nicht sicher, dass sie volljährig waren. Oder vielleicht knapp Anfang zwanzig. Als ich den Einbürgerungstest erwähnt habe, hat der Rauchende plötzlich angehalten, sich umgedreht und mich hasserfüllt angeschaut. Es war nachts und dunkel. Gesichtszüge konnte man nicht erkennen. Trotzdem habe ich seine Ausländerfeindlichkeit voll ins Gesicht gespürt. Er hat nichts gesagt, sich uns lediglich einige Sekunden lang angestarrt, und ist seinem Kumpel gefolgt, der weiter am Spielplatz entlang gegangen war. Martin hat gar nichts bemerkt, aber ich glaube, ich habe schon einen Sinn für Gefahr entwickelt.

Mein Bezirk ist dafür bekannt, dass viele Rechtsextremisten dort wohnen. Die NPD hat sogar ihre Zentrale hier. Mein Vorgänger war aus diesem Grund aus dem Viertel ausgezogen, als er noch hier arbeitete. Letztes Jahr war ich einfach froh, überhaupt eine Wohnung zu bekommen. Ich merke trotzdem, jedesmal, wenn ich in meinem Viertel alleine unterwegs bin, dass ich mit den Leuten hier möglichst wenig zu tun haben will. Sie verhalten sich so unfreundlich, wobei man es allgemein in Berlin behaupten kann. Ich habe jedoch eine auffällig starke Konzentration an scheinbar ungebildeten und arroganten Zicken gemerkt, die ich sonst woanders nicht mitbekommen hatte. Alle gleich aussehend, dürr, mit langen glatten Haaren in einem hochgezogenen Pferdeschwanz, voll tätowiert und meistens in Begleitung von kräftig gebauten Männern mit rasiertem Schädel. Keine Verallgemeinerung machen, klar, aber jedesmal schauen sie sich mich feindlich an, wenn sich unsere Blicke zum Beispiel an der Kasse am Supermarkt treffen. Ich weiß, dass ich nicht wie eine Deutsche aussehe. Ich sehe nicht mal wie eine Französin aus. Ich habe gedacht, der Jugendlicher, der uns so angestarrt hat, müsste von seiner ganzen Umgebung angesteckt worden sein. Und ich habe blöderweise auf der Straße von einem Einbürgerungstest erzählt.

Wir sind wie immer durch den hinteren Eingang zum Haus weiter gegangen. Der Weg ist kürzer. Da ich mein Fahrrad nicht mehr im Durchgang übernachten lassen kann, habe ich es an meine Parkplatzsperre angeschlossen. Martin hatte sein Motorrad auf meinem Parkplatz gelassen. Wir haben uns weiterhin unterhalten. Plötzlich kam aus der anderen Seite vom Spielplatz der Rauchende auf uns zu, wobei er kurz gezögert hat. Stimmt. Der Spielplatz ist auf beiden Seiten vor dem Haus zugänglich. Er muss uns reden gehört haben. Ich habe nicht gewartet, habe Martin gehetzt, der noch unbesorgt vor dem Haus stand und ausschließlich mit seinem Handy beschäftigt war, und habe die Tür zum Durchgang wieder abgeriegelt. Ich habe mich ganz schlecht gefüllt.

In die Wohnung angekommen, habe ich kein Licht angemacht und bin direkt zum Fenster gegangen. Erst dann hat Martin gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Ich habe gesehen, wie die beiden Jungs das Haus beobachteten. Sie haben sich zuerst im Dunkel vor der Durchgangstür versteckt. Wenn der Rauchende nicht weiter an seiner Kippe gezogen hätte, hätte ich sie vielleicht nicht gemerkt, aber der rote Punkt war nicht zu übersehen. Sie sind hin und her zwischen Tür und Parkplatz gegangen. Ich habe gedacht, dass sie gesehen haben, wie wir das Fahrrad geschoben haben, und etwas Blödes damit anstellen wollten. Martin meinte, sie würden sich nur verstecken, um heimlich zu rauchen und hätten nichts Böses vor. Ich bin nicht überzeugt. Der Spielplatz ist um die Uhrzeit viel geeigneter dafür. Und ich weiß noch, wie sich die ungebildeten jungen Männer in meinem Dorf damals verhalten hatten, als ich zum Gymnasium ging. Stolz darauf zu erzählen, dass sie jemanden geprügelt hatten, oder wieder eine Nacht bei der Polizei verbracht hatten. Wie ein Wettbewerb. Vielleicht dachten sie, dadurch die Mädels beeindrucken zu können. Die gleichen Trottel findet man leider überall wieder.

Ein Auto kam mit Scheinwerfern an, und sie haben sich hinter der Hecke vor der Tür verkrochen. Die Passagiere sind zu einem Nachbarhaus gegangen. Erst als sie weg waren, sind die Beiden aus ihrem Versteck gekommen und haben wieder das Haus beobachtet. Nicht lange, kurz danach kamen zwei weitere Autos an. Als die Leute ausgestiegen sind, sind die beiden Jungs mit gebücktem Rücken in Richtung Spielplatz wieder verschwunden. Anscheinend endgültig.

Es hat lange gedauert, bis ich einschlafen konnte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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