Eine neue Zickengeschichte

Gestern Abend, um die 21:00, in der S42, kurz vor Südkreuz gesehen.

Die Bahn ist voll. Zwischen zwei Türen, nicht weit von mir, stehen zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, um die zwanzig oder weniger. Mit ihnen reist ein Mädchen, bestimmt unter zehn Jahre alt, und ein kleiner Hund mit schwarzer Rückenjacke an der Leine. Sie fallen mir plötzlich auf, weil die junge Frau, mager mit langen schwarzen Haaren und Piercing, in einem geekelten Ton laut von sich gibt, dass sie hier nicht mehr bleiben könnte und bei der nächsten Station aussteigen müsste. Aus meinem Sitzplatz schaue ich in ihre Richtung. Die Leute um sie herum starren den Boden an und gehen ohne Wort einige Schritte zurück. Dort, vom Hund aus, verläuft eine gelbe Flüssigkeit, mit Gras gemischt. Offensichtlich hat sich der Hund gerade übergeben. Der Zug bremst, wir sind fast am Südkreuz. Die Frauen ziehen an der Leine vom Hund und gehen mit dem Mädchen zur Tür.

Auf der anderen Seite der Tür steht ein Paar. Er ist kahl und hellhäutig, vielleicht Mitte vierzig, sie ist braun mit lockigen Haaren, bildhübsch, und hält eine Rolle Papier in der Hand. Der Mann sagt den Frauen in einem höflichen Ton, sie können doch nicht einfach aussteigen und das Erbrechen da liegen lassen. Die Frauen wirken irgendwie beleidigt, dass jemand es gewagt hat, sie anzusprechen und ihnen Vorwürfe zu machen. „Was sollen wir denn machen?“ fragt die ältere Frau. Er sagt, sie könnten wenigstens mit einem Taschentuch die Flüssigkeit entfernen, die sich immer noch im ganzen Gang im Bremssrichtung verbreitet. Die junge Frau kichert. Die ältere Frau zuckt arrogant mit den Achseln, sagt, sie haben kein Taschentuch, und beide Frauen steigen mit geradem Rücken mit dem Hund aus, ohne um sich herum zu schauen. Das Mädchen schaut besorgt zurück, wird aber mitgeschleppt. Am Bahnsteig angekommen, fragt die alte Frau, ob sie denn das Erbrechen vom Hund hätte lecken sollen. Eine tolle Idee, denke ich, das würde ich gerne sehen, dafür, dass sie nicht mal auf die Idee gekommen ist, sich bei den anderen Gästen überhaupt zu entschuldigen (wäre es nicht das Minimum?).

Die Tür geht wieder zu, wir fahren gleich weiter. Erst jetzt wagt es die junge Frau, dem im Zug gebliebenen Paar anzuschimpfen. Sie ruft „Fickt euch!“ nach ihnen, indem sie den mittleren Finger hoch hebt (und bringt damit wunderbar ihr Niveau zum Ausdruck). „Assis“, denke ich. Ich weiß nicht, ob das Paar die Rufe der Frau gehört haben. Durch die geschlossene Tür habe ich es kaum wahrgenommen, so leise es war, wenngleich die Schimpfworte deutlich waren (ich habe ja feine Ohren). Andere Leute am Bahnsteig haben sie schon komisch geschaut. Der Mann, der einzige, der die Frauen angesprochen hat (alle andere Gäste haben sich vom Anfang an verhalten, als ob plötzlich in die andere Richtung etwas super spannendes statt finden würde), hat auf jeden Fall nichts gemerkt, er stand die ganze Zeit mit dem Rücken zur Tür. Die Frau, die mit ihm reiste, hat gelacht und dem Mann gesagt, „das ist dein Volk“. Das alles sagt schon, was für ein Eindruck Ausländer von Deutschen bekommen.

Eigentlich hätte man die Frauen wegen Beleidigung anzeigen lassen sollen. Ich hatte Zeit, ich hätte mich sogar als Zeugin bereit gestellt. Vom Verhalten und Aussehen der Frauen her glaube ich kaum, dass sie viel verdienen. Es würde ihnen nicht schaden, als Erziehungsmaßnahme Strafgeld für ihr Benehmen zu bezahlen. Schließlich hat mein Vater selber schon auf dieser Weise von einem verbalen Angreifer Geld bekommen. Leider fuhr der Zug schon weg, und wenn die Betroffenen von der Beleidigung nichts merken, kann ich auch nichts für sie machen.

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