Festival – Tag 4

Auszug aus meinem Reisetagesbuch.

Letzter Tag auf dem Camping. Er hat relativ trocken angefangen, wie die Wettervorschau-App angekündigt hatte. Lediglich einige weiße Wölkchen hingen im Himmel. Meine Schuhen sind noch ein bisschen feucht vom gestrigen Regen gewesen. Wir haben mit Küchenpapier Kondensationsreste auf der inneren Stoffwand entfernt und das Zelt zusammen gefaltet. Es hat eine Stunde gedauert. Die Rucksäcke wurden wieder gepackt. Gefrühstückt haben wir im Bus nach Leuven. Kleiner Spaziergang unter leichtem Regen. Mittags haben wir in einem der Cafés am Bahnhof gegessen.

Um 14:00 sind wir zur Ferienwohnung mit Bus gefahren. Sie sollte erst ab 16:00 frei werden, aber die vorherigen Mieter waren schon weg. Wir hatten uns die Wohnung noch gar nicht angeschaut, gestern waren wir nur beim Verwalter gewesen. Sie ist wirklich klein. Direkt nach der Eingangstür rechts vom Flur ist das Badezimmer. Am Ende des Flures befindet sich das Wohnzimmer, mit Fenster zur Straße. Die Straße ist nah an einer Hauptstraße, wird aber kaum befahren. Es ist sehr ruhig. Es fühlt sich wie Luxus an, nach vier Nächten im Camping. Eine Kitchenette ist im Wohnzimmer an der Wand zum Badezimmer eingebaut. Die Möbel im Wohnzimmer wirken nicht stabil. Ein leerer hoher Regal steht neben der rechten Wand, in dem ich mich nicht trauen würde, etwas rein zu stellen. Er sieht aus, als ob er gleich zerbrechen könnte. Am Anfang des Wohnzimmers führt eine Holzleiter zum Mezzanin, wo das Schlafzimmer eingerichtet ist. Da oben kann man sich nur gebeugt fortbewegen. Wir haben unser Gepäck auf der Couch im Wohnzimmer gelassen. In der Wohnung bleiben konnten wir nicht, da sie noch geputzt werden sollte. Um die Zeit tot zu schlagen, haben wir wieder im Domus am Rathaus gesessen. Kaffee getrunken. Emails gelesen. Es regnete leicht.

Gegen halb fünf haben wir beschlossen, trotz andauerndes Regens zum Festival zu fahren. Mit „wir“ meine ich vor allem Martin. Ich war nicht begeistert. Gähnende Reisenden im Bus. Die Fenster waren wieder mit Feuchtigkeit beschlagen. Der Bus war so gebaut, dass kein Fenster geöffnet werden konnte, und ohne Klimaanlage. Ich war froh, wieder auszusteigen. Auf dem Weg zum Festivaleingang, rückwärts durch die Menschenmenge gehend, bat ein deprimiert aussehender junger Mann nach Kuscheln mit Hilfe eines selbst beschrifteten weißen Plakates („bless me with a hug„), wie man in den letzten Tagen im Publikum viel sehen konnte. Mangel an Selbstbewusstsein. So gut wie er aussieht, braunhäutig, schlank, vermutlich aus einem für mich undefinierten Südland, sollte er doch kein Problem haben, eine willige Frau zu finden. Aber nicht, wenn er sich derart wie ein geschlagener Hund verhält.

Auf dem Festivalgelände angekommen, stellen wir fest, dass die Wolken noch dichter und dunkler geworden sind. Es fängt an, richtig stark zu gießen. Die Bäume bieten keinen Schutz mehr an. Innerhalb einer Stunde bei diesem Mistwetter werde ich so naß, dass sich selbst in meinen Schuhen eine Pfütze gebildet hat. So schlimm war es in den letzten Tagen noch nicht. Mir ist kalt, meine Hose durchnäßt. Meine Stimmung ist extrem mies. Ich weiß nicht, warum wir heute überhaupt zum Festival kommen wollten. Keiner der angekündigten Konzerten spricht mich an. Den Abschluß mit Stromae fand ich eh vom Anfang an komisch. Was hat er in einem Rockfestival zu suchen? So spät ist es sowieso noch nicht. Schnauze voll vom Wetter, entscheiden wir endlich, nach Leuven zurück zu fahren. Wieder ein lange Strecke, um zur Bushaltestelle zu kommen. Zum letzten Mal. Ich versuche, nicht in die breiten Pfützen oder auf den zerdrückten Essensreste zu treten. Auf dem Weg hält uns eine junge Frau an, die versuchen will, sich Eingang ins Festival zu schaffen. Sie will unsere Armbänder mit den elektronischen Schlüsseln haben. Kommt nicht in Frage. Zum Glück bekommen wir noch rechtzeitig einen Bus, der gerade weg fährt. Ich ziehe meine Schuhe aus und versuche, meine Füße zu erwärmen. Meine schlechte Laune hält an. In Leuven angekommen, muss ich die Schuhe wieder anziehen. Igitt, so kalt und naß.

Werchter-Tag4

Wir beschließen, im Kinepolis Maleficent zu schauen. Da es noch zu früh dafür ist, trinken wir ein Bier in einer kleinen Kneipe hinter dem Kino, die für mich eher wie eine echte Kneipe aussieht, ähnlicher zu den vertrauten PMU-Bars aus Frankreich. Martin meint, es sieht ungemütlich aus, aber wir setzen uns hin. Jetzt entscheide ich. Es sind ganz wenige Leute da, die alle an der Theke auf den hohen Hockern sitzen. Anscheinend alle Stammkunden. Sie unterhalten sich auf Flämisch, keine Ahnung, worüber. Ich vermute, über Politik und die Welt, wie man es aus den Thekendiskussionen kennt. Ab und zu gerne ein bisschen lauter. Diese Stimmung gefällt mir, ich nehme die Geräusche mit meiner Kamera auf. Zwei älteren Nordafrikaner (vermute ich) kommen rein. Sie wirken lustig. Einer gibt mir ein Zeichen, ich soll so tun, als ob ich ihn nicht gemerkt hätte. Er winkt mir zu, geht übertrieben langsam mit hohen Schritten auf die Spitzen, mit Finger auf den Lippen, bis er zum Spiel in der Mitte der Raumes kommt (eine Art Kegelspiel mit Goals auf beiden Seiten des Tisches) und plötzlich laut gegen den Holz klopft. Der Wirt lacht. Beide Männer gehen trotz Regen wieder raus und setzen sich an einem Tisch der Terrasse, um ihr Kaffee zu trinken. Martin ist die ganze Zeit mit seinem Handy beschäftigt. Emails gelesen. Jetzt prüft er das Wetter für morgen in Südspanien: Sonne, 36°C. Ich kann kaum warten.

Als wir das Kino verlassen, sind alle Wolken weg. Freier Himmel. Verflucht.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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