Haustiere

Seit meiner frühesten Kindheit bin ich daran gewöhnt, mit Haustieren zu leben. Mein Vater hat gerne deutsche Schäfer gehabt. „Zum Schutz“. Ursprünglich waren sie ständig in unserer Etagenwohnung in meiner Geburtsstadt, später nur noch im Garten der Villa, die er selber Jahre lang an Wochenenden gebaut hat. Daher weiß ich, dass ich keine große Hunde mag. In Erinnerung habe ich die stinckende Stelle im Garten behalten, wo die Hunde ihre Exkremente hinterlassen haben, und die Gelegenheiten, als sie sich agressiv verhalten haben. Das regelmäßige Bellen hat mich auch gestört, sowie der Eigengeruch von Hunden. Ich habe mich immer möglichst fern von ihnen gehalten. Eine kleine Hündin mit grauen Haaren hatten wir auch. Sie war nicht größer als eine Katze. Mit ihr bin ich im Sommer häufig in den Voralpenbergen um das Dorf gejoggt und gewandert.

Bei Katzen ist es anders. Wir haben immer mehrere gehabt. Die allererste Katze war eine Haustiegerin namens Daisy. Wir hatten sie von einer Freundin meiner Mami bekommen, weil sie sie in ihrer neuen Wohnung nicht behalten durfte (ich erinnere mich an einen Tag, als meine Mami mit geöffneten Fesntern die Wohnung geputzt hat, eine große Fliege herein gekommen und aus dem Fenster weg geflogen ist, und wie Daisy hinterher gesprungen und ganz überrascht in den Feigenbaum im Innenhof gelandet ist). Mein Vater hat sich immer als Katzenfeind angegeben, aber er ist es gewesen, der die meisten Kätzchen gerettet und nach Hause gebracht hat. Deswegen habe ich morgens regelmäßig die Blutspuren von kleinen Tieren vor der Haustür gewischt. Der Kater meiner Schwester hatte uns einmal sogar eine sauber geschnittene kleine Leber vor der Tür gelassen. Ich habe sie direkt zum Mülleimer gebracht.

Ich habe nie die Absicht gehabt, selber eine Katze zu haben. Zum einen habe ich immer nur in Stadtwohnungen gelebt. Eine Katze könnte nie raus gehen, weil die Gefahr so groß ist, dass sie überfahren wird. Genau diesen Schicksal hatte unsere Hündin, als sie eines Tages aus dem ausnahmsweise geöffneten Tor entlaufen ist (mit ihrer Haarfarbe war sie kaum aus dem Asphalt zu unterscheiden). Zum anderen hätte ich nicht mehr die Freiheit, einfach so Ausflüge am Wochenende zu machen, weil ich mich jedesmal um die Versorgung der Katze kümmern müsste.

Als ich vor meiner Rückkehr nach Deutschland in der Villa meiner Eltern gelebt habe, waren sie gerade dabei, sich zu trennen. Eine Scheidung war geplant und die Villa musste verkauft werden. Ich habe häufig Zeit im Dorf verbracht, weil wir keine Internetverbindung zu Hause hatten, was meine Arbeitssuche besonders erschwerte. Als ich endlich einen neuen Vertrag bekommen habe, in dem Institut, in dem ich meine Doktorarbeit gemacht hatte, war ich eines Tages im Internetcafé, als meine Mutter anrief. Sie musste gleich zurück zu Arbeit und jemand wäre zu Hause zu Besuch. Um die Villa zu kaufen, dachte ich. Aber nein, „jemand“ war ein sechs Wochen alter Haarball, der ganz leise vor sich hin miaute. Meine Katze. Meine Mami meinte, da ich in Kürze nach Deutschland umziehen würde, wollte sie mir eine Katze geben, damit ich mich nicht zu sehr alleine fühle. Ich fand die Idee am Anfang komisch. Ein paar Tage lang ist sie ohne Name geblieben, bis ich mich für „Chipie“ entschieden habe. Ich habe später enttäuscht festgestellt, dass dieser Name bei weiblichen Katzen sehr häufig in Frankreich verwendet wird.

Ich wollte ursprünglich Grenzen ziehen und ihr zum Beispiel nicht erlauben, bei mir im Bett zu schlafen. Als sie es aber nach mühsamen Versuchen endlich geschafft hatte, aufs Bett zu kommen, und so stolz anfing, vor sich hin laut zu schnurren, habe ich es nicht übers Herz gebracht, sie wieder herunter zu bringen. Sie war so leicht, dass ich immer Angst hatte sie zu verletzen, wenn sie neben mir gelegen hat. Seitdem verbraucht sie nachtsüber einen erheblichen Teil meines Bettes, und ich darf selber gucken, wie ich gemütlich schlafen kann. Und wehe, ich wage es, mich zu bewegen! Sofort fängt sie an zu fauchen und meine Füße durch die Decke zu beißen. Was ich natürlich nicht einsehe, deswegen schmeiße ich sie runter vom Bett. Seitdem Martin bei mir schläft, hat sie sich beruhigt. Sie traut sich noch nicht ganz, sich mit ihm frech zu verhalten. Süß ist sie aber auch. Schmusattacken sind bei ihr üblich. Morgens holt sie mich aus dem Bett, wenn ich nach dem Wecker zu lange brauche, um aufzustehen (mir ist klar, dass sie auf ihr Frühstück wartet). Ich darf nicht duschen, ohne die Tür vom Badezimmer offen zu lassen, weil sie sonst an der Tür kratzt und miaut (wie kleine Kinder, wenn sie plötzlich merken, dass Mami nicht mehr im Raum ist). Und wenn ich zu lange abwesend bin, wie letzte Woche, beschwert sie sich bei meiner Rückkehr deutlich, obwohl ich immer dafür sorge, dass jemand auf sie aufpasst.

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