Großen Mist gebaut

Seit Wochen arbeite ich daran, das von mir weiterentwickelte Programm zu prüfen und auf verschiedenen Betriebssystemen zu testen. Ich bin endlich so weit, dass es veröffentlicht werden kann. Die Webseite habe ich intern neu bearbeitet, ich warte darauf, dass Uschi die Freischaltung des Inhaltes erlaubt. Dann lade ich diese Woche die neue tar-Datei zum herunterladen hoch und schreibe eine Email an unserer internationalen Fach-Mailingliste. So war der Plan.

Groß war also meine Überraschung, als ich heute Morgen um 09:00 zur Arbeit ankam und meine Emails las. In der Mailingliste lag eine Nachricht von meinem Vorgänger, um 01:32 geschickt, wo er das Programm vorstellt, zusammen mit einem Download-Link auf seiner privaten Webseite. Das Programm dort ist ziemlich genau das, woran ich seit Juli arbeite, mit der Ausnahme, das der Inhalt eines Tabs woanders liegt und der Name des Programms geändert wurde. Die Diffs zeigen, dass es sich kaum von der Version unterscheidet, die er uns hier gelassen hat, bevor ich angefangen habe. Ich habe gedacht, wenn es eine Reaktion geben soll, wird sie von meinen Chefs kommen. Wir haben alle die Mailingliste abonniert. Ich wollte Uschi nach seiner Meinung fragen, aber er war gerade nicht in seinem Büro. Winfried sagte, sie hätten schon darüber diskutiert. Die Rechtsabteilung meines Arbeitgebers wird sich damit beschäftigen. Und wir sollten nichts dem Rest der Arbeitsgruppe mitteilen. Winfried hat dabei meine Kollegin ausdrücklich namentlich erwähnt, die bekanntlich mit meinem Vorgänger sehr eng befreundet ist. Er will nicht, dass sie ihn über unsere nächsten Aktionen informiert.

Einen ähnlichen Fall hatten wir schon in meiner früheren Uni. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der der Meinung war, dass das Ergebnis seiner Arbeit dort vollständig sein Eigentum war und seine Unterlagen bei seinem Austritt nicht rausrücken wollte. Hier ist es anders, das Programm war noch da, als ich angekommen bin, und ich konnte sofort damit arbeiten. Trotzdem gehört das Programm dem Arbeitgeber, und es hat keine Abstimmung gegeben, dass mein Vorgänger es auf seiner privaten Webseite frei gibt. Ich finde sein Vorgehen sehr merkwürdig. Er hat die Arbeitsgruppe schon seit Juni verlassen. Er wollte nicht mehr mitmachen, obwohl sein Vertrag nicht abgeschlossen war. Er wollte für das Lehramt studieren und nichts mehr mit Forschung zu tun haben. Das war seine Aussage, und das haben mir alle meine anderen Kollegen bestätigt. Warum macht er auf einmal so was, was bringt es ihm, und ist es ein Zufall, dass es ausgerechnet jetzt statt finden soll?

Was er sich davon erhofft weiß ich nicht. Für eine Karriere als Lehrer sehe ich nicht, warum es relevant sein sollte. Die gleiche Frage haben sich auch Uschi und mein IT-Kollege gestellt, ohne eine Antwort zu finden. Eine Veröffentlichung über die erste Version hat er schon als erster Autor geschrieben. Unsere Nutzer kennen ihn gut, er hat mehrmals Vorträge darüber gehalten. Er ist eindeutig als Autor des Programms bekannt. Ich hätte gedacht, es müsste doch als Anerkennung reichen. Warum jetzt, wenn er seit über einem halben Jahr nicht mehr bei uns ist? Es ist so zeitnah zu unserem geplanten Release, dass ich nicht an einem Zufall glauben kann. Und nur meine Kollegen wissen Bescheid, da wir regelmäßig im Gruppenmeeting darüber diskutiert haben. Gut, einige Nutzer waren auch informiert. Die Email um 01:32 ist kein gutes Zeichen. Man kann ziemlich viel Blödsinn um die Uhrzeit machen, wenn man deprimiert ist. Ich weiß. Aber das hier wird rechtliche Konsequenzen haben. Und ich finde es schade, weil er mir doch einen sehr netten Eindruck gemacht hatte. Andererseits habe ich ihn seit meinem Vorstellungsgespräch nie wieder gesehen, da er so früh wie möglich Berlin verlassen wollte. Ich kenne ihn kaum.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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