Stefan

Stefan ist mein vorletzter Freund gewesen. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen bin. Er war damals ebenfalls Doktorand in meinem Institut, obwohl er über dreißig war und zehn Jahre älter als ich ist. Am Anfang war ich noch mit David zusammen, aber unsere Beziehung hat die Pendelei nicht überlebt. Nachdem er Schluss mit mir gemacht hat, hat es nicht lange gedauert, bis ich mich für Stefan interessiert habe.

Ich kann nicht genau sagen, was mich an ihm angezogen hatte. Er sah anders aus als die anderen. So gut sah er eigentlich nicht aus. Er hatte angefangen, einen „Bierbauch“ zu entwickeln. Ich weiß sogar noch, wie mich seine Hände ein wenig angeekelt hatten, weil ich dabei immer an Frösche denken musste. Seine dicken Lippen mochte ich nicht. Er schien aber nett zu sein und war lustig. Ich denke jetzt, es lag vor allem daran, dass er sich für mich interessierte, und ich wollte nach der Pleite mit David nicht alleine bleiben. Ich hatte mich trotzdem in Stefan verliebt. Aus welchen Gründen auch immer.

Im Frühling 2000 habe ich einen Freund von ihm gefragt, ob Stefan eine Freundin hätte. Da er nein antwortete, habe ich einige Dates mit ihm arrangiert, und eines Abends haben wir uns nach einem Besuch in einer irischen Kneipe geküsst, als er mich nach Hause begleitet hatte. Ich erinnere mich, wie er dabei meine Hüfte mit beiden Händen fest angefasst hatte, als ob er prüfen wollte, wie die Ware sich anfühlt. Es schien, ihn zufrieden zu stellen. Ich fand’s sehr frech von ihm, vor allem mit seiner Figur. Außerdem konnte er nicht so gut küssen, ich musste es ihm beibringen. Er hat dabei einen hoch gekriegt und mich Hexe genannt. Wir haben uns vor meiner Haustür verabschiedet. Am nächsten Tag musste ich früh zu meinen Eltern fliegen.

Nach meinem Urlaub haben wir uns wieder getroffen und Sex gehabt. Eine frustrierende Erfahrung, die sich mit der Zeit nicht verbessert hat. Trotz Erektion war seine Länge zu kurz, er konnte mich gar nicht befriedigen. Jedes Mal, wenn er danach im Badezimmer verschwunden war, musste ich die Arbeit selber fertig machen. Ich denke, es hatte mit seinem Bauchumfang zu tun. Ich hatte es mit Gilles schon gemerkt. Meine Theorie: Männer mit Bauch haben einen winzigen Penis, weil der Bauch die Haut schon zu sehr spannt. Ich dachte, es ist mir egal, wie ein Mann aussieht, aber das will ich nicht mehr mitmachen. Vor allem nach meiner Erfahrung mit David war es sehr enttäuschend. Dazu hat Stefan noch schnell darauf bestanden, den hinteren Eingang zu benutzen, was ich gar nicht wollte. Er meinte, es wäre für ihn ein großes Bedürfnis, er hätte es wirklich nötig. Ich dachte, super, schlecht im Bett, und mit schwulen Tendenzen. Seine früheren Freundinnen hätten ihn sexuell besser erziehen können.

Eine Woche nach dem Anfang unserer Beziehung habe ich schon gemerkt, dass es nicht gut gehen konnte. Er hatte doch eine andere Freundin gehabt, sein Freund hatte mich angelogen. Er hat mit ihr Schluss gemacht, nachdem er mit mir zum ersten Mal Sex hatte. So richtig Vertrauen konnte ich in ihm nicht mehr haben. Ich habe mich schlecht gefühlt. Das hatte ich nicht gewollt. Hätte ich die Wahrheit gewusst, dann hätte ich nie zugelassen, dass etwas zwischen uns passiert. Es war schon zu spät. Ich habe gedacht, dass ich verliebt war und er sich im Bett verbessern würde. Ich hätte mir die Frust sparen können.

Ich habe ihn am Wochenende zu Hause besucht. Ich weiß noch, wie ich eines Tages bei ihm geklingelt hatte, und er nicht dran gegangen war, obwohl sein Telefon ständig besetzt klang, als ich ihn vorher anrufen wollte. Irgendwann habe ich nicht gemerkt, wie ich am falschen Knopf gedrückt hatte, und sein Nachbar hat die Tür aufgemacht. Ich habe drin bei Stefan geklopft. Es gab Geräusche aus seiner Wohnung, aber er hat die Tür nie aufgemacht. Ich habe eine Nachricht vor seiner Tür gelassen und bin nach Hause gegangen. Am folgenden Montag hat er sich entschuldigt und meinte, er hätte am Rechner online gespielt und gar nichts mitbekommen. Ich war nicht begeistert. Es ist danach nicht mehr vorgekommen.

Wir sind am Anfang viel gereist. Vor allem nach England. Er hat mich seiner Familie vorgestellt. Wir haben mit seinen Freunden in Düsseldorf jede Woche zusammen gekocht. Mit seinem ehemaligen Kommilitonen Thomas, dem buddhistischen Salsa-Lehrer, haben wir uns ab und zu getroffen. Ich mochte ihn nicht besonders, er wirkte zu kalt. Auch zu seiner Frau, mit der er schon vier Kinder hatte. Drei Jungs und ein Mädchen. Ich erinnere mich an eine Party bei Thomas, bei der das Mädchen mit seinen Brüdern beim Essen gespielt hatte, und wie übertrieben wütend er dabei reagiert hatte. Ich hatte gedacht, dass er echt einen Knall hatte und habe richtig Mitleid für das Mädchen gehabt.

Stefan hat sich irgendwann eine neue, größere Mietwohnung ausgesucht und ist umgezogen. Er hat mich um Hilfe gefragt, um seine neue Möbel auszusuchen. Ich fand’s komisch, da ich nicht mit ihm lebte und meine eigene Mietwohnung hatte, aber ich habe es mitgemacht. Ich war doch häufig genug bei ihm. Wir wirkten bei seinen Freunden wie ein ernstes Paar. Dabei ging’s mir nicht so gut. Ich habe mich mehrmals gefragt, warum ich mit ihm noch blieb, weil er sich offensichtlich nicht für mich interessierte. Ich hatte den Eindruck, nur ein Schmuckstück zu sein. Und meine Diskussionen mit Brigitte, einer spanischen Freundin aus meinem Deutschkurs, hatten mich überzeugt, dass Stefan kein Einzelfall war, sie hatte mit anderen deutschen Männern genau die gleichen Erfahrungen gemacht.

Ich fühlte mich sehr von Stefan vernachlässigt, und hatte am Ende den Verdacht, dass er sich von seinem Freund Thomas beraten lassen hatte, mich zu verlassen (Thomas hat es mir nie verziehen, dass ich ihn einmal ausgelacht hatte, weil er einen Gacker von sich raus gelassen hatte. Ich hatte unwillkürlich zu seiner Tochter geschaut, weil ich plötzlich den Eindruck hatte, den Grund für Stefans Vorliebe im Bett, die ich ihm nie erlaubt habe, gefunden zu haben). Selbst Volker hatte mir gesagt, dass Stefan sich mit mir unverschämt schlecht verhalten würde, aber Eigenmotive konnte ich bei Volker nicht ausschließen. Nach mehr als einem Jahr, nachdem er im Sommer mit seinen Eltern zwei Wochen Urlaub an der Nordsee gemacht hatte und mich kein einziges Mal angerufen hatte, habe ich endlich Schluss gemacht. Ich bin nach seiner Rückkehr zu ihm gegangen, habe meine restlichen Sachen aus seiner Wohnung geholt und habe ihm seine Schlüssel zurück gegeben. Mit dem festen Entschluss, mich nie wieder in einem Deutschen zu verlieben.

Es ist schon dreizehn Jahre her. Ich habe mich seitdem nicht mehr verliebt. „Lieber alleine als in schlechter Begleitung“. Bis ich nach Berlin umgezogen bin. Jetzt weiß ich, dass es doch deutsche Männer gibt, die mich im Bett befriedigen können und die sich nicht so kalt verhalten.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

7 Gedanken zu “Stefan

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