Freitag

J-1. Oder auf Deutsch: Der Tag vor dem Tag. Schön wär’s.

Heute fing trotz Regen gut an. Ich habe mich später als sonst auf dem Weg zur Arbeit gemacht. Uschi hatte eine lange Messung für den Nachmittag geplant, zu der ich teilnehmen wollte, und ich wusste, dass wir bestimmt bis 20:00 arbeiten würden. Ich war noch nicht aus dem Kiez raus, als ich hinter einer Gruppe von Rentnerinnen ankam. Mit meinen Pumps ging ich sowieso nicht schnell, und ich hatte sie schon vorgestern getragen. Gleichzeitig kam ein älterer Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig von hinten an. Er ist langsamer geworden und hinter den Frauen geblieben. Eine hat es jedoch gemerkt und ihn vorbei gelassen, mit der Bemerkung, dass er hätte klingeln können. Seine Antwort: „Ich wollte doch nicht stören“. Als er die Gruppe überholt hatte, meinte eine der Frauen, es gäbe doch nette Männer. Die anderen haben ihr heftig zugestimmt. Ich musste einfach lächeln, so süß die Szene mir vorkam.

Bei der Arbeit war ich nicht so erfolgreich. Es wird Zeit, dass mein IT-Kollege aus dem Urlaub zurück kommt. Uschi hat sich im letzten Moment krank gemeldet, so dass die Messung ausgefallen ist. Ich war dafür wieder mit Martin wegen Probenvorbereitung im Labor. Wir haben uns für morgen verabredet. Heute Abend hatte er seinen üblichen Sport-Termin. Irgendeine Tätigkeit wird uns einfallen, so lautet der Plan. Ich hätte schon eine Idee und werde mir auf jeden Fall eine Packung Pariser besorgen. Obwohl, so vorsichtig wie er sich verhält, wird es wahrscheinlich noch nicht dazu kommen. Als wir uns heute Abend verabschiedet haben, hat er mich wieder geküsst. Diesmal richtig, nicht mehr so schüchtern wirkend (ich habe dabei gespürt, wie sich mein Unterleib gefreut hat). Die These der Unsicherheit scheint zu stimmen. Ich habe ihm gestern durch meinen Kuss gezeigt, dass ich Interesse an ihn habe. Ich hätte gedacht, dass er das früher verstanden hätte. Schließlich haben es alle anderen Mitglieder der Arbeitsgruppe seit längerer Zeit gemerkt, mit Ausnahme meiner Kollegin Mieke, aber das ist bei ihr normal.

Mein Sinn für Richtigkeit muss mich noch dazu bringen, einen Fehler im gestrigen Text zu korrigieren. Wegen Männer küssen und so. Als ich vor fünfzehn Jahren ein Uni-Jahr in Lothringen verbracht habe, habe ich natürlich Partys besucht. Eine davon war eine Mediziner-Party. Egal in welcher Stadt werden Partys von den Medizin-Studenten in Frankreich als die wildesten angesehen. Es war im Frühling. Ich war noch nicht mit David zusammen. Mit meiner Kommilitonin Sophie hatten wir angefangen, eine Party nach der anderen zu besuchen. Jeden Abend. An dieser hatte ich wohl zu viel getrunken. Mirabelle ist ein übles Zeug. Ich erinnere mich dunkel, wie ich einen zufälligen Typ angesprochen habe. Ich muss mich an ihn eng gelehnt haben und ihn gegen die Wand geschubst haben. Ich weiß noch, wie ich ihm gesagt habe, er sollte mich küssen, er würde es nicht bereuen. Als er zögerte, habe ich ihm die Zunge in den Mund gesteckt. Ich weiß nicht, wie lange ich mit ihm beschäftigt war, bevor eine völlig schockierte Sophie ankam und mich mit einer anderen Freundin weg marschiert hat. Ich habe sonst keine Erinnerung mehr. Es war mir im Nachhinein peinlich genug. Als Sophie mir am nächsten Tag die Geschichte nach erzählte, konnte ich ihr am Anfang nicht glauben, bis die Szene mir langsam vor den Augen zurück gekommen ist. Ich hatte sein Aussehen schon völlig vergessen. Aber ich habe ihn eines Tages in der Stadt getroffen. Besser gesagt, er hat mich getroffen. Er ist sogar die Straße überquert, um sich für den Kuss bei mir zu bedanken, es wäre so schön gewesen. Ich konnte mich nur entschuldigen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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