Henri Broch

Ich bin heute Abend durch Zufall über seine Seite gestolpert.

Ich habe auf Youtube ein Video aus einer Sendung für TF1 von Mitte ’80 über den Sarkophag einer Abtei von Arles-sur-Tech gesehen. Für die, die wie ich bis heute die Geschichte nicht kannten: Es handelt sich um einen Sarkophag, der im Mittelalter gebaut wurde, ursprünglich Reste von Heiligen enthielt und immer noch regelmäßig ohne erkennbaren Grund mit klarem Wasser gefüllt wird. Dem Wasser werden heilende Kräfte zugewiesen; jedes Jahr organisiert die Kirche eine Prozession und verteilt das heilige Wasser an ihre Anhänger. Ende ’50 hatten sich Wissenschaftler mit dem Phänomen beschäftigt. Was gefunden wurde: Eine signifikante zeitliche Korrelation zwischen Regenfällen und Befüllung des Sarkophags, der immer unter freiem Himmel gestanden hatte. Aber wie die Reportage berichtet: Die Wissenschaftler haben „laut der Bevölkerung des Dorfes“ nie die Lösung des Rätsels gefunden. Außerdem hatte ein ehemaliger Militär in Rente Gegenargumente einzuwenden, die meiner Meinung nach ziemlich wackelig wirkten.

Nun, Massenmedien und abergläubige Dorfbewohner sind für mich keine zuverlässige Quelle, was Wissenschaft betrifft. Ich habe gegoogelt. Und die Seite von Henri Broch gefunden. Es hätte mich nicht überraschen sollen. Henri Broch ist Zetetik-Professor. Was das bedeutet habe ich in meinem letzten Jahr an der Uni Nizza gelernt, als ich seinen frisch entstandenen Institut besucht hatte. Wir waren dazu aufgemuntert worden, uns in Labors umzuschauen, und ich hatte mir alle auf dem Campus durchgearbeitet. Sein Institut stand auf meiner Liste. Ich war mit zwei Kommilitonen hingegangen. Er erklärte uns, dass seine Beschäftigung darin bestand, unerklärte Phänomene zu erklären, und Mythos und Aberglaube zu bekämpfen. In Frankreich ist er ein Pionier in dem Gebiet. Eine interessante Tätigkeit, wo man eine breite Palette an Wissen anwenden muss. Das Problem: Eine unsichere Finanzierungsquelle (auf seiner Homepage erwähnt er die Unterstützung eines Wissenschaftlers in Belgien), und die Antwort zur Frage, ob man in dem Bereich eine gute Arbeit finden kann, hatte meine Erwartung nicht erfüllt. Ich habe in dem Sommer stattdessen an die optischen Eigenschaften von Nanoteilchen gearbeitet.

Zurück zum ursprünglichen Thema: Henri Broch hat mehrere Seiten verfasst, die sich ausschließlich mit dem Mysterium des Sarkophags befassen. Selber hat er keine Untersuchung durchgeführt, die vorhandene Literatur war genug. Was in der Reportage als großes unerklärtes Wunder verkauft wurde, ist eigentlich schon seit der Arbeit von 1958 geklärt. Es ist tatsächlich Regenwasser, das durch den porösen Deckel des Sarkophags sickert. Gleichzeitig nimmt das Wasser Sedimente vom Deckel mit, die am inneren Boden des Sarkophags deponiert werden und diesen dicht machen – das Wasser braucht zwischen vier und fünf Tage, um durch den Deckel zu kommen (was auch sicherlich erklären kann, dass die Zusammensetzungen des Wassers im Sarkophag und des Regens unterschiedlich sind). 1950 wurden schon 2kg schwarzes Schlamms aus dem Boden entfernt. So passiert es, dass mit geschlossenen Deckel Regenwasser den Sarkophag füllen kann. Diese Erklärung hat den „Journalisten“ der Reportage anscheinend nicht gefallen. Einer hatte sogar Henri Broch kontaktiert, als die Reportage gedreht wurde, und offensichtlich seine Meinung als Expert nicht wahrnehmen wollen, weil sie nicht mit dem gewollten esoterischen Charakter der Sendung passte.

Die Homepage von Henri Broch enthält viel mehr als diese eine Geschichte. Leider ist sie nur auf Französisch. Drin erfährt man zum Beispiel, dass es einen Preis von 200000€ gab, für Leute, die ein paranormales Phänomen vorführen können. Der Preis wurde 15 Jahre lang angeboten. Es gab 264 Bewerbungen. Alle ohne Erfolg. Ein Mann hatte sogar versucht, gegen das Institut zu klagen, um ohne Vorführung den Preis zu bekommen, und musste am Ende 40000€ Strafgeld bezahlen. Henri Broch bietet auch seit den ’80 eine Vorlesung an der Uni zum Thema „wissenschaftliche Arbeitsweise“ an. Ich frage mich, warum ich es während meiner ganzen Zeit dort nie erfahren habe. Schade.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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