Hörschaden und Mysoginie

Ich glaube, einen Zusammenhang gefunden zu haben. Und das, mit Hilfe des Kollegen, den ich letzte Woche bei der Weihnachtsfeier kennen gelernt habe.

Wir waren als kleine Gruppe zum Partyraum angekommen. Ich hatte mir gerade ein Bier geholt und war am Diskutieren mit meiner Gruppe, als ein rundlicher Mann mit kariertem Hemd und gut um die fünfzig zu uns kam und sich vorstellte. Mit seiner Art, laut zu reden, grässlich über seine eigenen Witze zu lachen und jedem seine Meinung über alles erzählen zu müssen, habe ich sofort gedacht, er müsste Rheinländer sein. Ich hatte bis vor kurzem nur in Nordrhein-Westfalen gelebt und habe dort viele ähnliche Leute getroffen. Vom Rest Deutschlands habe ich keine Ahnung. Als er da stand und redete, hatte ich ständig den Eindruck, Jürgen vor mir zu haben, der selbst so viel Wert darauf gelegt hatte, Rheinländer zu sein. Ich habe ihn nicht gefragt, woher er kommt. Ich habe nur zugehört. Seinen Namen habe ich schon beim Hören vergessen. Ich weiß nur, dass er in der Werkstatt arbeitet. Er kam mir vor, als ob er endlich neue Personen gefunden hätte, die noch nie das „Glück“ hatten, seine Redekunst zu bewundern. Sein Gespräch wirkte, als ob er seit langem immer wieder die gleichen Sachen erzählt hätte.

Er war keine Minute bei uns, als er schon anfing, über unsere Zentrumsleiterin zu lästern. Ich kenne sie nicht persönlich, habe sie aber schon seit vielen Jahren bei verschiedenen Tagungen gesehen und Vorträge von ihr gehört. Mich beeindruckt sie als Power-Frau sehr. Dazu sieht sie immer perfekt aus. Unser neue Bekannte musste sich abwertend über sie ausdrücken. Er hat zuerst versucht, sich über ihre sehr feminine Garderobe lustig zu machen. Meine Kollegin Mieke war sehr schnell, ihn zu widersprechen. Das hat ihm offensichtlich nicht gefallen. Ein anderer Kritikpunkt musste her. Wie schlecht würde sie bei Vorträgen reden! Ihre Stimme wäre unerträglich und würde nur an seinen Ohren kratzen, man würde sie kaum verstehen. Diesen Kommentar fand ich merkwürdig, weil ich sie schon häufig gehört hatte und mich ihre Stimme nie gestört hatte. Als er merkte, dass wir seine Meinung nicht teilten, musste er dann sagen, seine Antipathie gegen sie läge daran, dass die Frau Physikerin wäre, und man wüsste, was für asoziale Wesen Physiker wären, normale Leute sind es nicht.

An diesem Zeitpunkt war ich eigentlich schon lange nicht mehr an seinem Gespräch interessiert und fragte mich, zu welcher anderen Gruppe ich mich anschließen konnte. Das wurde mir leider nicht gegönnt, weil Mieke in dem Moment erwähnen musste, dass ich selber Physik studiert habe (und sie musste mir dann noch mal erklären, was er gerade gesagt hatte). Da fing er an, sich zu mir zu wenden. Nichts gegen Physiker, aber ich hätte ja noch nichts gesagt, seit dem er bei uns wäre (sein verbaler Durchfall lud nicht gerade dazu ein), er hätte meine Stimme gar nicht gehört, ob ich nicht etwas jetzt sagen könnte, damit er wisse, wie sie klingt? So eine freche Art. Da er anscheinend nur meine Stimme hören wollte, und nicht daran interessiert war, was ich erzählen könnte, habe ich mich nach einer kurzen Überlegung entschieden, ein betont langes „Ääh“ auszusprechen, was meiner Meinung nach genau den Zweck erfüllen würde. Mieke hat gelacht und ihm gesagt, so würde man doch nicht Leute zum sprechen bringen. Er hat später angemerkt, dass mein „Problem“ daran lag, dass ich nicht Deutsch bin. Nein, daran lag’s nicht, mit ihm wollte ich einfach nicht reden. Nicht mit Leuten, die voll mit Vorurteilen gepackt sind und noch stolz darauf sind.

Als ich glücklicherweise als uninteressant eingestuft wurde, fing er an, Ronald anzusprechen. Da er über 1,90 Meter groß ist, fragte er ihn, wie es ihm da oben gehen würde. Gutmütig antwortete Ronald nur „Ganz gut“. Ich habe ihm gesagt, dass eine Freundin von mir, die so groß wie er ist, in solchen Situationen immer antwortet, „Es stinkt nach Zwergen“. Meine Kollegen haben gelacht. Der Mann hat nicht verstanden. Ich habe es wiederholt. Er hat es immer noch nicht verstanden (dabei hat er mich nicht direkt angesprochen, sondern meinen Kollegen gesagt, „Ich verstehe sie nicht“). Mir war’s egal, es war sowieso nicht nett für ihn gemeint gewesen. Und da habe ich es gemerkt: Der Mann ist mysogin, weil er halb taub ist. Frauen kann er aufgrund ihrer höheren Stimmen nicht wahrnehmen, aber da er nicht merken will, dass er einen Hörschaden hat, verhält er sich, als ob man Frauen nicht ernst nehmen soll. Man versteht nicht, was sie sagen, so wichtig kann’s für ihn also nicht sein.

Ein anderer Gedanke des Tages habe ich an dem Abend nach Hause mitgenommen. An Weihnachtsfeiern bekommt man die Gelegenheit, Leute zu treffen, mit denen man sonst nichts zu tun hat. Es ist gut, um sich das ganze restliche Jahr froh darüber zu fühlen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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