Die Weihnachtsfeier

Gestern war sehr entspannt. Da ich es diese Woche wieder geschafft habe, Überstunden zu sammeln (den Abendessen habe ich nicht als Arbeitszeit angerechnet, es war ja eine freiwillige Entscheidung von mir), und die Überstunden vom letzten Monat noch nicht ausgleichen konnte, habe ich mir den Vormittag frei genommen. Ich brauchte Zeit, um Geschenke zum Wichteln in der Arbeitsgruppe zu finden. Zuerst habe ich richtig ausgeschlafen. Es wurde nicht so spät vormittags, weil oberhalb von meiner Wohnung eine Familie mit Kleinkind wohnt; wenn alle aufstehen, ist es immer der Zeitpunkt, an dem ich mich aus dem Bett zwinge. Sonst bekomme ich den Eindruck, meine Zeit zu vergeuden.

Ich bin mit der Tram zum Forum Köpenick gefahren. Ich habe so gefroren auf dem kurzen Weg zur Haltestelle! Starkes Wind, das mir ständig Schnee ins Gesicht geworfen hat und mich aus meiner Bahn weg gepustet hat, meine Hose, die sich schnell eisig angefühlt hat, obwohl ich darunter noch eine Strumpfhose trug… Das Einkaufszentrum selbst gefällt mir. Es ist nicht zu weit weg und enthält so viele Geschäfte, ich war mir sicher, dort etwas passendes zu finden. Ich habe beim schlechten Wetter einen anderen Eingang zum Forum als sonst benutzt. Schräg gegenüber von dem Telekom-Shop ist ein Teehaus, in dem ich noch nie war. Ich bin gestern auch zum letzten Mal dort gewesen. So eine unfreundliche Bedienung habe ich selten erlebt. Ich war nicht mal fünf Minuten in dem Laden gewesen, um mir die verschiedenen Teesorten anzuschauen, dass die ältere Tante hinter der Theke mir sagte, ich würde lange da stehen, so viel Zeit hätte man doch nicht. Nachdem sie mich schon als Begrüßung trocken gefragt hatte, was ich denn hier suchte. Ich habe beschlossen, dass meine Kollegen keinen Tee bekommen würden und habe den Laden auf der Stelle verlassen.

Mein Kollege Winfried hatte mir erklärt, das Geschenk sollte nicht teurer als 10€ werden. Ich hatte selber noch nie gewichtelt, das hatten wir in meinem früheren Institut nicht gemacht. Meine ursprüngliche Idee war eigentlich, entweder ein Buch oder Pralinen zu kaufen. Beim Wichteln sollte man aber nicht wissen, wer welche Geschenke gebracht hat, meinte Winfried. Als Buch hätte ich sehr gerne Der Herzausreißer von Boris Vian geschenkt, wegen eines Gespräches mit Martin, in dem er von dem übervorsichtigen Verhalten seiner Mutter mit ihm als Kind gesprochen hatte, und hätte mich dabei natürlich sofort selbst verraten. Ich habe bis jetzt nur von sehr wenigen deutschen Kollegen erfahren, dass sie diesen Schriftsteller kennen. Ich habe mich für die Pralinen entschieden. Die Idee war, ein Geschenk zu kaufen, das ich selber gerne bekommen würde, da wir beim Wichteln um die Geschenke würfeln würden. Was ich super cool gefunden hätte, ist eine gelbe Badeente. Aber ich dachte, es würde für die Kollegen zu billig vorkommen, und sie würden den Sinn wahrscheinlich nicht erkennen. Außer mein IT-Kollege programmiert sonst keiner.

Ein bisschen habe ich gearbeitet, bis kurz vor vier. Die Pralinen habe ich, genau wie die anderen Kollegen bei ihren Geschenken, mit Zeitungspapier verpackt und heimlich in den Jutesack getan. Wir haben Glühwein vorbereitet und eine erste Runde getrunken. Wir haben gewürfelt, um zu entscheiden, wer sich Geschenke in welcher Reihenfolge im Sack aussuchen darf. Als sie ausgepackt wurden und nach der zweiten Glühweinrunde haben wir weiter gewürfelt, um die Geschenke zu tauschen. Es hat mir Spaß gemacht. Ich habe festgestellt, dass meine Pralinen sehr begehrt waren. Es war doch eine gute Idee, ich war mir am Vormittag nicht so sicher gewesen. Winfried hat sie am Ende behalten dürfen, und den Inhalt der Tüte gleich unter uns geteilt.

Wir haben uns anschließend auf dem Weg zur größeren Weihnachtsfeier vom Forschungszentrum gemacht. Es waren dort viele Leute, die ich nicht kannte. Wir waren die einzige Wissenschaftler, die sich zur Feier angemeldet hatten. Es waren sonst Leute aus der Verwaltung und aus der Werkstatt da. Mein gelegentlicher Flirt aus der Verwaltung war nicht da, obwohl er auf der Liste gestanden hatte. Seine Kollegin erklärte uns, er hätte in letzter Zeit zu viel gearbeitet und ihm ginge es nicht gut. Es hörte sich wie ein Burn-Out an. Hoffentlich nicht. Ich habe drei Männer an dem Abend kennen gelernt. Der erste Mann war so eigenartig, dass er einen ganzen Eintrag für sich bräuchte. Nach fünf Minuten Aufmerksamkeit habe ich mich einer anderen Gruppe angeschlossen. Mit dem zweiten habe ich länger geredet, obwohl ich schnell das Interesse verloren habe. Ich will keinen Mann, der zehn Jahre jünger als ich bin (er hat sein Abiturjahr verraten). Zwei, drei Jahre, ok, aber mehr nicht. Ich glaube, er hat mich für jünger gehalten, wie viele es häufig machen. Außerdem raucht er. Ich hatte früher am Nachmittag Mieke nach draußen zum Rauchen begleitet. Ich wollte einfach in die frische Luft. Vor der Tür waren schon zwei Männer am Rauchen. Er war einer davon gewesen, sagte er (ich hatte ihm kaum Aufmerksamkeit geschenkt und konnte mich nicht mehr daran erinnern). Sein Gespräch hat mich an manchen Stellen gestört. Irgendwie unbedacht, unreif, protzig… Zum Glück ist Martin zu uns am Tisch gekommen und hat mit ihm geredet. Ich habe Martin irgendwann gefragt, mir ein Bier zu holen. Der junge Mann ist ihm zur Theke gefolgt und war frech genug, über Martin wegen Langsamkeit zu lästern, weil er früher als ihn zum Tisch zurück gekommen ist. Ich glaube, er wollte sich einfach besser als Martin darstellen. Kleiner Balg. Nach dem zuvieltem Bier habe ich Martin gefragt, ob er nicht mit mir zurück zur S-Bahn gehen wollte. Der Balg sagte, er würde auch jetzt gehen wollen, und es wäre so toll, dass er in die gleiche Richtung wie ich müsste, wir könnten gemeinsam Bus fahren. Und ist dann ohne Wort in Richtung Toilette verschwunden. Martin hat zu mir geschaut und, ich bilde mir ein, mich ein bisschen irritiert gefragt, ob wir auf ihn warten sollten. Wir sind zu zweit gegangen. Ach ja, der dritte Mann… Irgendwie hat er lange neben mir gesessen und mit Winfried geredet. Ich habe mich ab und zu nach links gedreht und ihn neben mir gesehen. Also, „kennen gelernt“ ist übertrieben. Aber er ist jetzt jemand, den ich im Gebäude wieder erkennen würde.

Ich bin mit Tram nach Hause gefahren. Glaube ich. Ich erinnere mich, dass ich an den Balg gedacht habe und mir sagte, es wäre gut, dass er Bus fahren wollte. Ich hätte kein gutes Gefühl gehabt, mit ihm zu fahren. Zu Hause angekommen, habe ich meine Hose ausgezogen, bevor ich merkte, dass ich die Rollos runter bringen sollte. Bei meiner Rückkehr im Flur habe ich mein Handy aus der Tasche geholt. Ich habe mich weiter ausgezogen und bin ins Bett gefallen. Stimmt, Martin fragt mich am nächsten Morgen häufig, ob ich gut nach Hause angekommen bin… Kleine SMS geschickt. Ich war schon am Einschlafen, als er geantwortet hat. Mist. Ich habe ihm eine „gute Nacht SMS“ geschickt. Ach, das hat er bestimmt nicht so verstanden.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Von zu Hause und zurück

Ich stand vor dem Kleiderschrank in meinem Schlafzimmer bei meinen Eltern.

Es war wieder ein Haus, das ich in Wirklichkeit gar nicht kenne und mir nur im Traum vertraut war. So einen dunklen Kleiderschrank habe ich nie besessen. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wann ich zum letzten Mal von unserem Familienhaus geträumt habe. Ich glaube, es war einige Monate nach dem meine Eltern sich scheiden lassen haben und es verkauft haben.

Ich befand mich nachts im Dunkel in meinem Schlafzimmer und wollte ins Bett gehen, aber drin war schon ein junges Mädchen. Ich habe mich erschreckt. Sie hat mich gesehen, ebenfalls große Angst bekommen und angefangen, nach ihren Eltern um Hilfe zu schreien. Ich bin aus dem Zimmer verschwunden.

Ich hatte mich damals gefragt, ob ich nicht eine Astralreise gemacht hatte und das Mädchen, das dort mit seinen Eltern wohnte, erschreckt hatte.

Heute Nacht stand ich also vor meinem Schrank und suchte nach Kleidern. Ich habe ein T-Shirt und einen Rock angezogen. Es muss im Sommer gewesen sein. Der Anblick im Spiegel hat mir nicht gefallen. Die Nähte vom T-Shirt und vom Rock waren mit großen glänzenden Pailletten bedeckt. Es war mir zu viel. Vor allem mochte ich nicht, wie der T-Shirt aussah. Er war zu breit, war komisch gebogen und fiel nicht schön auf die Hüfte. Ich habe also den Rock gewechselt und meinen dunklen grünen schiefen Rock gewählt[1]. Leider hatte er auch schwarze Pailletten am Rand bekommen. In dem Moment ist meine Mami mit meiner Tante gekommen. Sie meinten, es würde toll aussehen. Ich bin mit ihnen aus dem Zimmer gegangen und habe andere Leute getroffen. Beim Sitzen habe ich erzählt, dass die Pailletten nicht bequem wären. Ein Mann bemerkte, dass es komisch wäre, dass ich mich so leicht bekleide, schließlich hätten wir gerade Winter. Mir war aber nicht kalt.

Ich musste meinen Koffer packen und zurück nach Deutschland reisen. Meine Mutter und meine Tante warteten schon draußen im Garten neben dem Auto, um mich zum Flughafen zu begleiten. Ich wollte mich noch überall umschauen, um nichts liegen zu lassen oder zu vergessen. Ich habe den Deo und die Parfüm-Flasche auf dem Kühlschrank gesehen, habe mich aber daran erinnert, dass ich sie absichtlich hier lassen wollte, weil ich sonst Probleme beim Sicherheitscheck bekommen würde. Meine Schwester wollte sich noch von mir persönlich verabschieden[2].

Zurück in Deutschland. Ich war mit meiner Arbeitsgruppe beim Spazierengehen neben einem kleinen Fluß in der Stadt. Ich war wieder leicht bekleidet, zum Glück ohne Pailletten. Aus den Bäumen fielen kleine dünne Würmer an Seidenfäden entlang, und ich war damit beschäftigt, sie auszuweichen. Einige sind trotzdem auf meinem T-Shirt gelandet und ich habe versucht, sie herunter zu schütteln. Martin erzählte etwas von einem berühmten Treffpunkt in Berlin, wo Männer so gerne hingehen würden, weil die Chance dort groß wäre, eine amerikanische Freundin zu bekommen. Ich habe ihn gefragt, ob er es denn für so wichtig halten würde, dass seine Freundin aus Amerika kommt. Hinter uns hat Ronald gelacht und gesagt, Martin wäre mit einer Französin auch zufrieden.

[1] Den Rock besitze ich auch im realen Leben.

[2] Es kam mir selbst im Traum seltsam vor, da sie schon seit Jahren jegliche Kontakte abgebrochen hat.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.