Spät

Ich wollte eigentlich die Arbeit früh verlassen. Eins hatte ich vernachlässigt: Mich über das Programm der Veranstaltung zu informieren.

Es ging den ganzen Tag relativ entspannt. Die Vorträge vormittags hätten mich interessiert, es war thematisch sehr stark mit meiner früheren wissenschaftlichen Beschäftigung verwandt, hatte aber gar nichts mit meiner aktuellen Arbeit zu tun. Uschi hat uns dafür einen Termin mit einem regelmäßigen Nutzer aus einer hessischen Uni organisiert, mit dem wir eine Zusammenarbeit anfangen wollen. Ursprünglich war der Termin für eine knappe Stunde geplant. Als das Ende der Besprechung näherte und wir uns schon mit knurrendem Magen innerlich fragten, wohin wir heute denn zum Mittagessen gehen würden, hat unser neue Partner sein Notebook hochgefahren und angefangen, uns einen Vortrag zu halten, um einen aus meiner Sicht unwichtigen Punkt aus der Diskussion zu klären. Uschi sagte ein wenig irritiert, die Zeit für die Besprechung wäre schon um, aber man könnte sich noch ausnahmsweise den Vortrag anhören. Unser Gast hat seine Reaktion anscheinend nicht gemerkt. Sein Vortrag hat noch eine gute halbe Stunde in Anspruch genommen. Ich bin nicht gut gelaunt, wenn meine Mittagspause sich aus externen Gründen verzögert. Ich habe mich trotzdem bemüht, zuzuhören und eine interessierte Frage zu stellen.

Nachmittags konnte ich ein bisschen an meinem Programm arbeiten. Nicht viel, weil eine Wissenschaftlerin aus unseren Nutzergruppen einen Preis erhalten hat und einen Vortrag dafür halten durfte, den ich mir anhören wollte. Danach blieb mir eine Stunde, um endlich erfolgreich pop-up Fenster mit einer Fehlermeldung im GUI im Fall von schweren Abstürzen einzubauen, dann fing schon die Postersession an. Ich habe eine Posternummer direkt nebem Martin bekommen. Unser Gast vom Vormittag war auch bei uns, sowie Boris, ein Kollege aus der Uni, der vor meiner Zeit in unserer Gruppe gearbeitet hat und den wir häufig noch sehen. Wo wir waren, auf der ersten Etage, gab es nicht viele Leute. Ich habe gerade mit einer Person über mein Poster diskutieren können. Es hat sich gelohnt, er hat interessante Anregungen gebracht. Als wir um 20:00 nach der Postersession zum Foyer heruntergegangen sind, war es mir zu spät, um einkaufen zu gehen. Ich bin geblieben und habe mit den Kollegen am Abendessen der Veranstaltung teilgenommen. Dort habe ich festgestellt, dass viele Teilnehmer einfach nicht wussten, dass es außerhalb vom Erdgeschoss auch Posters gab. Kein Wunder, dass so wenige Leute zu uns gekommen sind.

Es gab beim Abendessen viel Bier. Als wir zusammen gestoßen haben, war ich sehr darüber konzentriert, nichts zu versauen, und habe dabei vergessen, den Blickkontakt aufrecht zu erhalten. Das musste mir Martin deutlich signalisieren. Stimmt, ich hatte diesen deutschen Brauch schon mal von Horst erklärt bekommen (in Frankreich hatte ich nie davon gehört, daher nehme ich an, es sei deutsch). Ich hab’s resigniert angenommen und gesagt, es würde eh nichts ändern. „Stimmt,“ meinte Martin. Der kann so was von frech sein. Irgendwann sind zwei Männer an mir vorbei gegangen. Martin hat mich gefragt, ob ich sie kenne. Als ich dies verneinte, meinte er betont, sie hätten mich angelächelt. Vielleicht meinte er, ich könnte mit ihnen flirten. Es hat noch vier Biere gedauert, bis wir das Gebäude verlassen haben. Um festzustellen, dass die nächste Straßenbahn in knapp dreißig Minuten ankommen würde. Den Weg zur S-Bahn-Station haben wir also zu Fuß gemacht, mit Martin und Boris. Es war schon heftig mit dem Wind, und es regnete stark. Ich habe meinen kleinen Regenschirm die ganze Zeit mit Boris geteilt, der sonst mit freiem Kopf rum gelaufen wäre. Ich muss sagen, es hat mit dem Sturm nicht viel geholfen. Mit meinem kurzen Kleid wurde ich schnell eisig naß. Martin hat auf meinem Regenschirm geschaut und festgestellt, dass es nicht regnete sondern schneite, mit schnell schmelzenden Flocken. Wir haben uns vor der S-Bahn getrennt. Ich habe mich völlig blamiert und habe Martin zum Abschied eng umarmt. Es muss am Bier liegen. Ich habe nach zehn Minuten in der Kälte endlich einen Bus kommen gesehen, der mich nach Hause gebracht hat.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.