Die Kakaobohne

Ich bin heute sehr spät von der Arbeit zurück gekommen. In der Tram habe ich mit Mei telefoniert, bis ich zu Hause war, und noch länger. Es hat über Dreiviertelstunde gedauert. Es gab wie immer viel zum Plaudern. Als ich nach Hause kam, hatte ich Hunger. Das Gefühl war am Ende des Telefonats wieder verschwunden. Ich habe beschlossen, mir eine heiße Schokolade zu vorbereiten. Es war kalt heute Abend, als ich aus der Tram ausgestiegen bin. Und als ich die Milch in meine Tasse gegossen habe, musste ich an die Kakaobohne wieder denken.

Es war an einem naßen Herbsttag vor einigen Jahren. Ich war mittags mit meinen Kollegen essen gegangen. Nach dem Kaffee habe ich mich mit Sebastian in seinem Büro unterhalten. Er war vor kurzem mit seiner Frau in Kamerun zwecks Urlaub bei der Familie gewesen und hatte Kakaobohnen zurückgebracht, die er selber in der Pfanne geröstet hatte. Die geöffnete Dose hat er mir gereicht. Ich habe eine geschält und ausprobiert. Eine einzige kleine Kakaobohne. Unvergesslich.

Sie war nicht wirklich bitter, nur ein wenig. Ich habe sie gebissen. Die volle Essenz von der Bohne hat sich schnell entfaltet und hätte mich fast umgehauen. Ich habe sie ganz langsam genossen. Als ich sie am Ende samt Splitter geschluckt habe, war sie noch lange nicht verschwunden. Der Geschmack hat mich den ganzen Nachmittag begleitet. Es war himmlisch. Ich brauchte nur die Augen zu schließen und mich auf meiner Zunge gegen den Gaumen zu konzentrieren, um die Aromen der Bohne zurück zum Leben zu bringen. Ich wollte nichts mehr essen oder trinken. Rauchen kam nicht in Frage (und ich war damals noch Kettenraucherin). Nein, ich wollte gar nichts tun, um diesen Geschmack zu verlieren. Als ich abends wieder in meiner Wohnung war und nichts mehr von der Bohne spürte, wurde ich traurig darüber.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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