Ich vermisse ihn

Schon seit unserem letzten Treffen. Ich bereue, dass ich an dem Abend nichts gewagt habe. Ich glaube, was mich davon abgehalten hatte war, dass ich nichts Ernstes im betrunkenen Zustand machen will.

Am Tag danach hat es mich zu sehr beschäftigt. Ich wusste, dass er sich den Nachmittag frei genommen hatte. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mein Handy holen wollte, um ihn anzurufen. Aber er hatte gesagt, dass er den Nachmittag brauchte, um sein Gepäck fürs Urlaub zu packen. Er hatte auch gesagt, er würde sich bei mir im Januar melden, sobald er wieder in Berlin ist. Ich habe ihn nicht angerufen.

Am Freitag fand ich es immer noch schwer. Ich hätte ihn so gerne vor seiner Reise am Flughafen getroffen. Ich habe ihm doch nur eine „gute Reise“ SMS geschickt. Die hat er erst zwei Stunden später beantwortet. Er hat sich bedankt. Er hat noch mal geschrieben, dass wir uns im Januar sehen. Und er hat „liebe Grüße“ geschrieben. Ich bin noch am Rätseln.

Ich weiß, dass wir uns im Januar sehen. Im schlimmsten Fall erst bei der Arbeit. Warum nimmt er sich die Mühe, dass trotzdem zu schreiben? Es könnte ein Trost sein. Eine Art zu sagen, „ich melde mich wieder, wenn ich da bin, ich hab’s dir ja versprochen“. Es könnte auch heißen, „bis dahin brauchst du mich nicht anzurufen, nerv mich nicht“. Es wirkt irgendwie verbietend. Vor allem, weil er mir schon zwei mal erzählt hat, dass ein Freund von ihm eine Ex-Freundin hatte, die sich in seinem Leben derart eingedrungen hatte, dass er alle Kontakte mit Freunden und Familie abgebrochen hatte. Vielleicht hat er Angst, dass das gleiche ihm passieren könnte. Er hat von vielem Angst. Vielleicht interpretiere ich zu viel aus diesem einfachen Satz.

Ich weiß nicht, ob ich mich über sein „liebe Grüße“ freuen soll. Es ist eine so verbreitete Grußformel, auch wenn er eigentlich bis jetzt keine bei mir benutzt hatte, weder in Emails noch in SMS… Es hat wahrscheinlich nichts besonderes zu bedeuten. Ich warte einfach nur, dass er sich meldet. Bestimmt frühestens ab Freitag. Dann ist es schon in Ordnung, ihn zu fragen, ob er heil zurück gekommen ist.

EasyJet: Geiz ist nicht geil

Ich habe gestern meine Mami am Flughafen abgeholt. Ich hatte ihr den Flug vor einem Monat gebucht. Damit sie es am einfachsten hat, wollte ich nur nach Direktflügen suchen. Das Ergebnis war enttäuschend: Es gibt nur eine Gesellschaft, die Direktflüge zwischen Berlin und Nizza anbietet. Und gar keine von Toulon oder Marseille aus, die auch in Frage gekommen wären. Damit war klar: Es musste easyJet sein, ich hatte keine Wahl.

Der Flug selbst war nicht günstig. Da sie nur eine Urlaubswoche hat, konnte ich mit den Daten nicht so flexibel sein. Als ich beim Buchen die Konditionen gesehen habe, habe ich geschluckt. 55€ zusätzlich pro Flug, wenn man mehr als ein Gepäck hat. Ich hatte gleichzeitig mit meiner Mami telefoniert und ihr gut drei mal gesagt, sie darf nur ein Gepäckstück dabei haben, mit den maximalen Längen. Sie sollte genug Platz in ihrem Koffer für die Handtasche behalten. Die Nachricht ist wohl nicht angekommen. Die 55€ musste sie in Nizza bezahlen. Sie war nicht die einzige. Ein Paar hatte eine große Kamera dabei, die nicht in den Gepäcken passte. 55€. Eine Frau war nett genug, um einer anderen Frau anzubieten, ihre Handtasche in ihrem Koffer zu packen, weil sie noch genug Platz hatte (Franzoser halt…), die Frau am Schalter war stinkig. Aber dagegen konnte sie nichts tun.

Als ich mit Germanwings geflogen war, war der Zuschlag pro Gepäckstück 10€. Das war kein Thema, die habe ich jedesmal gerne gebucht. Bei 55€ ist es klar, dass die Leute es nicht mitmachen wollen und sauer sind, wenn sie gezwungen werden, den Zuschlag zu bezahlen. Germanwings fliegt leider nicht direkt nach Berlin. Ich frage mich, wozu lebe ich in einer Hauptstadt? In Nordrhein-Westfalen war das nie ein Problem, es gab eine große Auswahl an Direktflügen, egal ob nach Köln-Bonn oder Düsseldorf, und das nur von Nizza aus. Beim nächsten Mal werde ich schauen, ob ich über Köln fliegen kann. Das dauert länger, Tegel ist mir viel weiter weg als Schönefeld, aber sie sind selbst mit dem SMART-Tarif billiger auf der gesamten Strecke, und eine solche Abzockerei habe ich bei denen nie erlebt.

Fazit: easyJet, nie wieder.

Geschichte eines alten DVD-Laufwerkes

Letztes Jahr hat mich mein Rechner im Stich gelassen. Genauer gesagt war es die Graphikkarte, die sich eines Morgens verabschiedet hatte. Seit einigen Monaten war der Rechner sowieso sehr langsam geworden. Die Textbearbeitung mit Word dauerte ewig, mit einigen Sekunden Totzeit, wenn ich etwas mit der Maus im Menü suchen musste. Da ich wegen Arbeitslosigkeit viele Bewerbungen zu schreiben hatte, war es mir ein großes Problem. Ich habe beschlossen, mir einen neuen Rechner zu kaufen, statt nur die Graphikkarte zu wechseln.

Ich hatte meinen alten Rechner seit sieben Jahren. Ich weiß es noch ganz genau, weil damals Neverwinter Nights 2 rausgekommen war, und mein früherer, allererster Rechner wäre überfordert gewesen. Als er den Geist aufgegeben hat, habe ich mich bei einem lokalen Laden umgeschaut. Sie hatten einige ganz gute komplette Rechner im Angebot. Ich habe mich für einen sehr leisen entschieden, mit einigen Wunschänderungen, was Arbeitsspeicher und Graphikkarte betrifft. Ich hatte mir die Meinung von Jan geholt, einem Kollegen, der sich mit Hardware gut auskennt. Ich habe Windows 7 als Betriebssystem gewählt. Es ging schnell, eine Woche später konnte ich den Rechner schon abholen, kurz vor meinem Weihnachtsurlaub bei meinen Eltern. Mein Ex-Chef, mit dem ich immer noch in Kontakt bin, hatte sich sogar angeboten, um mich mit seinem Auto dahin und nach Hause zu fahren. Es war gut, weil sich herausstellte, dass der Rechner mir zu schwer gewesen wäre.

Ich habe die wesentlichen Programme installiert, die ich für meine Bewerbungen brauchte, sowie einige wissenschaftliche Software. Nach dem Urlaub habe ich beschlossen, meine Spiele neu zu installieren. Auch die ganz alten. Bei einigen war ich überrascht, wie gut es noch ging. Baldur’s Gate hatte ich gekauft, als ich meinen allererster Rechner mit Windows 98 hatte. Ich musste lediglich den Kompatibilitätsmodus für Windows XP aktivieren, und es funktionierte einwandfrei.

Nicht so bei Neverwinter Nights. Ich habe die DVD ins nagelneue Laufwerk gesteckt. Es hat Geräusche von sich gegeben, aber die Installation wurde nie gestartet und der Inhalt der DVD wurde nicht mal angezeigt. Andere DVDs konnte ich problemlos lesen. Es war blöd, weil ich noch vor zwei Monaten auf meinem alten Rechner mit Windows XP eine neue Installation gemacht hatte. Lag es am Betriebssystem, oder am Laufwerk? Ich habe wieder Jan um Rat gefragt. Sein Vorschlag: DVD-Laufwerk aus meinem alten Rechner holen und in den neuen einbauen. Ich hatte bisher nur sehr selten Rechner aufgemacht, und meistens nur, um Staub zu entfernen. So schwierig konnte es aber nicht sein. Schraubendreher geholt, altes Laufwerk raus, neuer Rechner auf… Mist. Ich konnte nicht erkennen, wie ich das Laufwerk anschließen sollte. Ich konnte es mit Strom versorgen, aber nicht mit dem Rechner kommunizieren lassen. Der Anschluss passte nirgendwo. Wieder Jan angerufen. Er meinte, ich hätte wahrscheinlich einen IDE-Anschluss am alten Laufwerk, während der neue Rechner nur noch SATA-Anschlüsse hätte.

Ein Konverter musste also her. Ich habe mir Preise auf Internet angeschaut, wollte nur nicht zu lange mit einer Bestellung warten. Ich bin zurück zum Laden gegangen, wo ich den Rechner vor einem Monat bestellt hatte. Ich habe dem unmotiviert wirkenden jungen Mann das Problem kurz beschildert und gesagt, ich bräuchte einen Konverter. Seine Antwort: Es würde sich nicht lohnen, das alte Laufwerk anschließen zu wollen, ich sollte doch lieber ein neues Laufwerk kaufen, solche Konverter würden mehr Probleme verursachen als lösen, aber, seufz, wenn ich es unbedingt will, könnte er mir einen Konverter für 21€ bestellen. Ich habe geschluckt. Es war drei mal so teuer wie die Teile, die ich mir auf Internet angeschaut hatte. Sein Vorschlag, ein neues Laufwerk zu kaufen, war für mich nichts, da ich im neuen Rechner schon ein neues Laufwerk hatte, mit dem ich die DVD nicht lesen konnte. Außerdem wirkte der junge Mann die ganze Zeit, als ob er mich für eine blöde Kuh halten würde. Ich bin ohne Bestellung raus gegangen. Auf der anderen Straßenseite war ein anderer Laden. Ich bin hingegangen und habe wieder mein Problem erklärt. Der Verkäufer: Kein Problem, Konverter bestellt, 7€, morgen zur Abholung bereit. Und: Es hat wunderbar geklappt. Mit meinem alten Laufwerk konnte ich Neverwinter Nights installieren. Vom Konverter verursachte Probleme: Keine gesehen.

Henri Broch

Ich bin heute Abend durch Zufall über seine Seite gestolpert.

Ich habe auf Youtube ein Video aus einer Sendung für TF1 von Mitte ’80 über den Sarkophag einer Abtei von Arles-sur-Tech gesehen. Für die, die wie ich bis heute die Geschichte nicht kennen: Es handelt sich um einen Sarkophag, der im Mittelalter gebaut wurde, ursprünglich Reste von Heiligen enthielt und immer noch regelmäßig ohne erkennbaren Grund mit klarem Wasser gefüllt wird. Dem Wasser werden heilende Kräfte zugewiesen; jedes Jahr organisiert die Kirche eine Prozession und verteilt das heilige Wasser an ihre Anhänger. Ende ’50 hatten sich Wissenschaftler mit dem Phänomen beschäftigt. Was gefunden wurde: Eine signifikante zeitliche Korrelation zwischen Regenfällen und Befüllung des Sarkophags, der immer unter freiem Himmel gestanden hatte. Aber wie die Reportage berichtet: Die Wissenschaftler haben „laut der Bevölkerung des Dorfes“ nie die Lösung des Rätsels gefunden. Außerdem hatte ein ehemaliger Militär in Rente Gegenargumente einzuwenden, die meiner Meinung nach ziemlich wackelig wirkten.

Nun, Massenmedien und abergläubige Dorfbewohner sind für mich keine zuverlässige Quelle, was Wissenschaft betrifft. Ich habe gegoogelt. Und die Seite von Henri Broch gefunden. Es hätte mich nicht überraschen sollen. Henri Broch ist Zetetik-Professor. Was das bedeutet habe ich in meinem letzten Jahr an der Uni Nizza gelernt, als ich seinen frisch entstandenen Institut besucht hatte. Wir waren dazu aufgemuntert worden, uns in Labors umzuschauen, und ich hatte mir alle auf dem Campus durchgearbeitet. Sein Institut stand auf meiner Liste. Ich war mit zwei Kommilitonen hingegangen. Er erklärte uns, dass seine Beschäftigung darin bestand, unerklärte Phänomene zu erklären, und Mythos und Aberglaube zu bekämpfen. In Frankreich ist er ein Pionier in dem Gebiet. Eine interessante Tätigkeit, wo man eine breite Palette an Wissen anwenden muss. Das Problem: Eine unsichere Finanzierungsquelle (auf seiner Homepage erwähnt er die Unterstüzung eines Wissenschaftlers in Belgien), und die Antwort zur Frage, ob man in dem Bereich eine gute Arbeit finden kann, hatte meine Erwartung nicht erfüllt. Ich habe in dem Sommer stattdessen an die optischen Eigenschaften von Nanoteilchen gearbeitet.

Zurück zum ursprünglichen Thema: Henri Broch hat mehrere Seiten verfasst, die sich ausschließlich mit dem Mysterium des Sarkophags befassen. Selber hat er keine Untersuchung durchgeführt, die vorhandene Literatur war genug. Was in der Reportage als großes unerklärtes Wunder verkauft wurde, ist eigentlich schon seit der Arbeit von 1958 geklärt. Es ist tatsächlich Regenwasser, das durch den porösen Deckel des Sarkophags sickert. Gleichzeitig nimmt das Wasser Sedimente vom Deckel mit, die am inneren Boden des Sarkophags deponiert werden und diesen dicht machen – das Wasser braucht zwischen vier und fünf Tage, um durch den Deckel zu kommen (was auch sicherlich erklären kann, dass die Zusammensetzungen des Wassers im Sarkophag und des Regens unterschiedlich sind). 1950 wurden schon 2kg schwarzes Schlamms aus dem Boden entfernt. So passiert es, dass mit geschlossenen Deckel Regenwasser den Sarkophag füllen kann. Diese Erklärung hat den „Journalisten“ der Reportage anscheinend nicht gefallen. Einer hatte sogar Henri Broch kontaktiert, als die Reportage gedreht wurde, und offensichtlich seine Meinung als Expert nicht wahrnehmen wollen, weil sie nicht mit dem gewollten esoterischen Charakter der Sendung passte.

Die Homepage von Henri Broch enthält viel mehr als diese eine Geschichte. Leider ist sie nur auf Französisch. Drin erfährt man zum Beispiel, dass es einen Preis von 200000€ gab, für Leute, die ein paranormales Phänomen vorführen können. Der Preis wurde 15 Jahre lang angeboten. Es gab 264 Bewerbungen. Alle ohne Erfolg. Ein Mann hatte sogar versucht, gegen das Institut zu klagen, um ohne Vorführung den Preis zu bekommen, und musste am Ende 40000€ Strafgeld bezahlen. Henri Broch bietet auch seit den ’80 eine Vorlesung an der Uni zum Thema „wissenschaftliche Arbeitsweise“ an. Ich frage mich, warum ich es während meiner ganzen Zeit dort nie gewusst habe. Schade.

Ein Weihnachtsgeschenk

Nicht irgendein Geschenk, sondern das allererste Geschenk, an das ich mich erinnern kann. Ich denke, ich war drei. Wir wohnten noch nicht aufs Land, und meine Schwester, die vier Jahre jünger ist, war noch nicht geboren. Jünger konnte ich nicht sein, weil ich schon zur Maternelle ging.

Ich war eines Tages mit meiner Mami in Auchan einkaufen. Ich erinnere mich, dass wir wie immer einen großen Einkaufswagen dabei hatten. Ich durfte ausnahmsweise gehen, statt im Wagen zu sitzen. Meine Mami hatte uns zum Regal mit den Kinderspielzeugen gebracht, wo ich sonst sehr selten war. Was für eine Aufregung! Sie hatte mir erklärt, ich sollte mir ein Spielzeug  aussuchen, damit sie dem Weihnachtsmann sagen könnte, was er mir bringen soll. Ich habe mich auf die Stelle in eine riesige graue Pflüschmaus verliebt. Ich konnte sie nur mit beiden Armen tragen. Wir haben sie im Supermarkt gelassen, mit dem Versprechen, dass ich sie bald bekommen würde.

An Weihnachten selbst habe ich keine Erinnerung mehr. Die Maus habe ich tatsächlich bekommen. Natürlich war es für mich klar, dass der Weihnachtsmann sie gebracht hatte. Ich habe die Maus Alexandre genannt. Alexandre war ein Junge, der auch zur Maternelle ging. Meine erste große Liebe. Ich hatte es eines Tages sogar meiner Mami anvertraut. Sie hatte mich aber verraten und es meinem Vater weiter erzählt, der sich darüber lustig gemacht hatte. Das war’s, ich habe ihr seitdem nie wieder etwas von Jungs erzählt. Die Maus habe ich bis zum Gymnasium behalten, bis meine Mami meinte, sie sollte Platz zu Hause schaffen und alle unsere Kindheitssachen entsorgen.

Im Kino

Ich war mit meiner Mami in der Stadt. Wir haben beschlossen, ins Kino zu gehen. Unsere Reihe war nicht groß, gerade fünf Sessel breit. Meine Mami saß am linken Rand, ich habe den Platz rechts von ihr genommen. Die Sessel sahen genau wie im IMAX aus. Überraschenderweise ist Martin zu uns gekommen. Wir hatten uns nicht verabredet. Er hat seinen Rucksack auf dem Sessel ganz rechts gestellt und wollte sich in der hinteren Reihe hinsetzen. Ich habe ihm gesagt, er soll doch direkt neben mir sitzen, und habe den Sessel neben mir mit der Hand geklopft. Das hat er gemacht. Er meinte, er wollte sich doch an die Regel vom minimalen Abstand von zwei Sesseln zwischen Unbekannten behalten. Wir sind doch keine Unbekannte[1].

Als der Film zu Ende ging, sind wir an einem anderen Kino vorbei gegangen. Es war nachts. Die Fassade des Gebäudes hatte die Punktsymmetrie m. Genauer gesagt sah es aus, als ob es zwei Gebäude wären, die Spiegelsymmetrisch zu einander wären und aneinander gelehnt wären. Ganz oben war das Gebäude mit starken weißen Lampen beleuchtet. Daniel und seine Frau Céline wollten doch an dem Abend zu diesem Kino gehen. Ihr Film war noch nicht zu Ende. Ich habe die breiten Fenster auf der letzten Etage geschaut. Man sah die großen schwarzen Sessel vom Kino. Sie waren alle weit von einander getrennt[2].

Szenenwechsel. Wir waren vor einem einsamen Haus. Es war wieder nachts. Mein Freund[3] hatte sich hereingeschlichen und wurde von der Wache gejagt. Er hatte sich ganz schlimm am Knie verletzt und konnte nicht mehr richtig laufen. Trotzdem schaffte er es einmal, eine spektakuläre Kaskade als Ausweichmanöver zu machen. Teilweise war ich es selber, die am Laufen war, und nicht mein Freund. Jedesmal, wenn ich das linke Bein benutzte, lösten sich aus dem Knie furchtbare Schmerze aus. Gerade als er dachte, er hätte sich endlich in Sicherheit versteckt, kam ihm ein Panzer entgegen. Er ist ihm über das verletzte Bein gefahren. Mein Freund hat geschrien[4].

Somit war er aus. Ich war alleine, um ins Haus einzudringen. Ich wurde noch nicht entdeckt. Aber Pech, eine Frau hat mich sofort beim reingehen erwischt. Ich habe mich hinter dem Sofa neben der Tür versteckt. Sie stand weiter weg und hatte eine große Schüssel mit Kartoffelpüree vor sich auf dem Tisch. Sie hat drin mit beiden Händen gegriffen und Püreebälle in meine Richtung geworfen. Sie wollte meine Haare damit zusammen kleben, um meine Flucht zu verhindern. Die Bälle sind alle daneben oberhalb von meinem Kopf gelandet. Vom Winkel her konnte es gar nicht klappen, ich war zu dicht am Sofa. Ich habe sie dazu aufgemuntert, weiter zu machen, damit sie ihre Schüssel leer bekommt und keine Munitionen mehr hat. Sie hat meine Absicht durchschaut und sich auf dem Weg zum Sofa gemacht. Ich bin aufgestanden. Es war dunkel, ich konnte nicht viel sehen, außer einer rauen Gestalt ohne erkennbare Form. Es konnte doch keine Frau sein. Ein Geist vielleicht? Ich habe den Schalter betätigt, aber kein Licht kam.

In dem Moment bin ich aufgewacht. Sieben Uhr morgens. Meine Nachbarn oben hatten offenbar gebadet, ich hörte gerade, wie das Wasser entsorgt wurde.

[1] Und was ist das denn für eine Regel?

[2] Sie waren auch alle leer, aber im Traum war das mir nicht augefallen.

[3] Wer auch immer das war, er trug einen Bart, der etwa ein Zentimeter lang war.

[4] Diese neue Rechtschreibung ergibt für mich keinen Sinn. Die alte kam mir doch viel logischer vor. Und ich habe Deutsch erst nach der Reform gelernt.

Deichkind

Ich bin enttäuscht.

Die Gruppe kannte ich nicht, bis Martin mir davon erzählte. Ich hatte gleich am Abend danach gegoogelt und mir Videos auf Youtube angeschaut. Mein erster Eindruck war, „na ja, nicht mein Stil“. Auch wenn ich gleichzeitig erleichtert war zu sehen, dass es in diesem Lande noch Männer gibt, die sich nicht aktiv enthaaren. Bis ich Stücke von „Bitte Ziehen Sie Durch“ gehört habe. Das Album ist einfach genial. Ich habe mir gedacht, bei der nächsten Gelegenheit sollte ich mir die CD besorgen.

Heute war ich in der Nähe vom Saturn und habe wieder daran gedacht. Ich bin mit der CD aus dem Laden raus gegangen. Zu Hause angekommen, habe ich sie ins Laufwerk reingesteckt. Der Windows Media Player hat sich automatisch geöffnet. Es hat ewig gedauert, bis die CD angefangen hat zu spielen. Und der Sound war furchtbar, mit Knirschen ohne Ende. Komisch. Ich habe das zweite, ältere Laufwerk probiert: Die CD wurde nicht mal erkannt. Zweiter Versuch im ersten Laufwerk: Genau so schlecht. Mist. Die CD ist bestimmt beschädigt, dachte ich.

Zurück zum Saturn. Ich habe der Frau in der Musik-Abteilung das Problem erklärt. Ihre Antwort: Die CD hätte einen Kopierschutz, deswegen würde sie auf meinem Rechner natürlich nicht funktionieren. Vielleicht sollte ich meine Treiber aktualisieren. Sie hat die CD in ihre Anlage gesteckt und es ging wunderbar. Ich bin entsetzt. Ich habe zu Hause nur meinen Rechner, ich werde mir bestimmt nicht für eine einzige CD eine Anlage besorgen. Bei allen, die ich bisher gekauft habe, ist es das erste Mal, dass ich ein solches Problem habe. Selbst CDs von Metallica, die bekanntlich gegen Napster gekämpft haben, konnten alle einwandfrei auf meinem Rechner gespielt werden. Ich habe die CD zurück gegeben und das Geld wieder erstattet bekommen.

Außerdem sind alle Stücke minus eins auf Youtube zu finden. Ich habe sie jetzt als MP3 gespeichert. Mit der richtigen Freeware geht’s ohne Problem (man muss nur mit den Werbe-Links im Programm aufpassen). Meine Treiber sind übrigens alle auf dem neuesten Stand, daran lag es nicht. Wie kann man CDs mit Kopierschutz verkaufen und gleichzeitig so was produzieren? So konsequent ist es nicht.

Angebaggert

Ich weiß nicht, was heute anders als sonst war. Eigentlich nichts.

Ich bin nicht zum Fitness-Studio gegangen. Ich habe gestern eine große Garderobe aus Metall bei IKEA geholt und nach Hause geschleppt, meine Schultermuskeln schreien noch. Stattdessen bin ich zum Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt gegangen. Ich würde gerne alle Weihnachtsmärkte Berlins besuchen, aber das geht zeitlich nicht. Ich bin eine Stunde geblieben. Den Glühwein fand ich mäßig (den besten habe ich mit Martin am Prenzlauer Berg probiert). Danach bin ich ganz oben im Französischen Dom gestiegen und habe Fotos aufgenommen. Mir ging’s super, ich habe die vielen Treppenstufen kaum gemerkt.

Es war noch früh nachmittags als ich wieder runter kam. Südkreuz lag fast auf meinem Rückweg, und wir hatten heute verkaufsoffener Sonntag. Ich habe beschlossen, weitere kleinere Möbelstücke bei IKEA zu kaufen (meine Mami kommt bald zu Besuch, ich beeile mich, um die Wohnung endlich fertig zu bekommen). Also zuerst mit U6 zum Tempelhof. Ich habe mich bequem gegen die Fensterscheibe gelehnt und vor mich hin geträumt. Ich habe mich gefragt, wie es Martin geht. Er ist gerade bei Freunden zu Besuch. Danach Familienbesuch, und wieder bei Freunden… Ich werde ihn wohl erst in Januar wieder sehen. Er sagte, er würde sich bei mir melden, sobald er wieder hier ist. Hätte ich am Mittwoch bloß den Mut gehabt, ihn zu küssen…

Einige Stationen weiter ist ein junger Mann eingestiegen und hat einen Platz gegenüber von mir genommen. Ich habe ihn nicht beachtet und mich meiner Träumerei weiter gewidmet. Er hat mich angesprochen. Ich habe zuerst nichts verstanden. Er sprach zu leise. Die Wörter ergaben keinen Sinn. Da ich meine „Häh?“-Miene aufgesetzt habe, fragte er mich, ob ich Türkin wäre. Nein, bin ich nicht. Ich habe das Gespräch für beendet gehalten und mich wieder zurück gezogen. Einladend konnte es wirklich nicht wirken. Aber er hat weiter mit mir reden wollen. Ob ich Kopfschmerze hätte? Ich saß mit Ellbogen gegen das Fenster und mit der Stirn in der Hand. Es war mir bequem so. Ich hatte keine Lust, mit ihm darüber zu diskutieren. Wenn er glauben will, dass ich Kopfschmerze habe, von mir aus. Vielleicht gibt er dann Ruhe. „Ja“, habe ich geantwortet, und mich zurück zum Fenster gewandt. „Warum?“, wollte er noch wissen. Ich habe die Frage ignoriert. Er hat meine Beine deutlich geglotzt (ich trug eine enge Hose). „Wo fährst du hin?“ Notlüge… „Zu meinem Freund“. Geärgerte Reaktion. Kurz danach ist er aufgestanden und hat sich einen neuen Platz auf der anderen Seite des Ganges ausgesucht.

Zwei Stunden später saß ich am Gleis mit meinen Kartons aus IKEA und wartete auf die S-Bahn. Ich habe nicht besonders aufgepasst. Plötzlich stand ein unbekannter Mann unweit von mir und lächelte mich intensiv an. Was, zwei mal am gleichen Tag? Als die S-Bahn ankam, hat er einige Schritte in meiner Richtung gemacht. Ich war schneller. Im Handumdrehen habe ich alle meine Kartons gesammelt und bin sehr schnell zu einem Wagen ganz weit weg gegangen. Er ist mir nicht gefolgt.

Langsam könnte es was werden

Ich habe mir gestern vieles vorgenommen. Ich wollte zur Botschaft gehen, weil ich meinen Ausweis erneuern musste und letzte Woche vergessen wurde, mir etwas zum unterschreiben zu geben. Da ich seit Anfang der Woche ein bisschen zu viel gegessen hatte und gerade Urlaub habe, bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Knapp 33km hin und zurück. Ich hatte mich ganz warm angezogen. Strumpfhosen aus Wolle, dicke Socken, Regenhose und dichte Sportschuhe, trotzdem haben meine Füße sehr schnell gefroren. Der Oberkörper war dagegen schön warm. Als ich auf der Rückfahrt in einem italienischen Lokal Pause gemacht habe, um mich zu erwärmen, habe ich gemerkt, wie naß meine Jacke von innen war. Auf dem Rückweg nach Hause lag mein Fitness-Studio. Ich habe beschlossen, dorthin zu gehen, um meinen Oberkörper auch zu trainieren. Zwei Stunden später war ich dann wieder zu Hause. Geduscht. Waschmaschine gestartet. Schön angezogen, parfümiert. Und fertig, um mich mit Martin in der Stadt zu treffen. Er hatte am Montag vorgeschlagen, zu einem Weihnachtsmarkt zu gehen. Ich habe ihn abends angerufen, er war noch bei der Arbeit. Wir haben uns am Prenzlauer Berg verabredet. Ich habe dabei gemerkt, wie sich mein Fitness-Zustand seit Oktober deutlich verbessert hat. Ich wäre damals zu erledigt gewesen, und die Strecke war um ein Drittel kürzer gewesen.

Wir haben uns am Steig vom U-Bahnhof getroffen. Begrüßungsküsschen auf die Wange. Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt haben wir uns auf Französisch unterhalten. Er musste feststellen, dass ich viel besser Deutsch rede als er Französisch. Aber ich denke, wenn ich wieder nach Frankreich umziehen würde, würde ich bestimmt nach einiger Zeit meinen Deutsch vergessen. Ich hatte nach meiner Promotion gemerkt, wie schnell es gehen kann. Bei ihm passiert das gleiche, er ist seit fast einem Jahr wieder im Lande. Ich weiß nicht mehr, wieviele Glühweine wir getrunken haben. Wir haben den Rest des Abendes in der Jurte verbracht. Es war schön kuschelig warm, es hat mich schläfrig gemacht. Weg wollte ich nicht mehr, und wir saßen ganz dicht zu einander. Natürlich musste ich mich häufig gegen ihn lehnen. Um halb elf meinte Martin, wir sollten uns doch auf dem Weg nach Hause machen. Er hat noch nicht frei bei der Arbeit. Wir sind zurück zur U-Bahn gegangen. Auf dem Weg bin ich ein wenig gestolpert. Der Bürgersteig war an der Stelle ziemlich beschädigt. Die Glühweine haben dabei nicht geholfen. Er hat mich einfach fest umarmt und wir sind weiter gegangen. Schön. Man hätte uns für ein Paar halten können. Leider gingen wir nur so lange eng zusammen, bis der Boden wieder eben wurde. Danach hat er sein Handy geholt und angefangen, nach der besten Fahrt nach Hause für mich zu suchen. Wir sind noch ein Stück zusammen bis zum Alexanderplatz gefahren. Zum Abschied gab es wieder Küsschen auf der Wange. Irgendwie anders, wobei ich nicht weiß, wie ich seinen Blick interpretieren soll. Ich habe mich schwer von ihm gelöst, und nur, weil meine Bahn in dem Moment kam. Ich war fast zu Hause, als er mir eine “gute Nacht SMS” schickte.

Heute: Kater und Muskelkater. Ausgeschlafen. Kaffee getrunken, mit Mei gechattet. Ich muss schauen, dass ich meinen Bücherregal endlich zusammen baue. Danach kann ich etliche Kartons entsorgen.