Der Marokkaner

Ich habe seinen Namen völlig vergessen.

Ich habe ihn vor zehn Jahren kennen gelernt. Ich war nach meiner Doktorarbeit zurück nach Frankreich gegangen und hatte eine Arbeit in der Nähe von Paris gefunden (die Gegend habe ich gehasst, nie wieder will ich im Großraum Paris leben). Ich war noch nicht lange dort, als ich eines Tages aus irgendeinem Grund alleine zur Kantine des Forschungszentrums essen gegangen bin. In Gedanken versunken, habe ich in der Schlange zwei jungen ausländisch aussehenden Männern gemerkt, und habe bei einem den starken Eindruck bekommen, dass ich ihn schon kannte. Nach einer oder zwei Minuten fiel es mir wieder ein: Es konnte nur Majid sein, ein Tunesier, der während meiner Diplomarbeit Doktorand im selben Institut war und den ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich bin also mit breitem Lächeln zu ihnen gegangen und habe „Hallo“ gesagt. Die Beiden haben zurück breit gelächelt und mich gegrüßt. Als ich anfing, Majid zu fragen, wie es ihm nach all der Zeit ging, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Er sah verwirrt aus und fragte mich, woher wir uns denn kennen würden. Ach je. Es war doch gar nicht Majid, sondern ein völlig unbekannter Postdoc aus Marokko. Wir haben trotzdem zusammen gegessen und uns kennen gelernt. Beim Essen wurde mir klar, dass ich sie nicht unbedingt wieder sehen wollte. Beim Marokkaner ging es; das Verhalten seines Freundes hat mich sehr gestört. Ständig hatte er sein Essen zurück in den Teller gespuckt und weiter gegessen. „Es ist kulturbedingt“, habe ich mir eingeredet. Es hat mich trotzdem so angeekelt, dass es mir den Appetit verdorben hat.

Es sollte einfach sein, keinen Kontakt mehr zu haben. Er arbeitete in einer ganz anderen Abteilung in einem anderen Gebäude. Außerdem war ich sonst immer mit meinen Kollegen essen gegangen. An einem Wintertag stand er plötzlich vor meiner Bürotür. Sie war wie immer geöffnet, wie bei meinen Kollegen auf dem Flur. Ich habe mich gefragt, woher er wusste, wo ich arbeitete. Ich hatte es ihm nicht explizit gesagt. Wir haben ganz kurz geredet. Er wollte mir vorschlagen, am Wochenende in Paris spazieren zu gehen, da er selber neu in der Gegend war. Von seinem Freund war keine Rede, und es sah aus, als ob ernsthaft nur Lust darauf hatte, die Stadt zu entdecken, also dachte ich, „Warum nicht“, nachdem ich das Fenster wegen plötzlich muffiges Geruches öffnen musste. Besser, als das Wochenende zu Hause zu verbringen. Wir haben die Katakomben besucht. Die Stille dort unten war beeindruckend. Wir sind zu einem Museum gegangen. Der Marokkaner hatte sich so natürlich verhalten, dass ich dachte, es wäre genial, endlich einen Mann kennen zu lernen, der nicht sofort mit mir eine Beziehung haben wollte und nur ein kumpelhaftes Interesse zeigte. Nicht wie zum Beispiel das Balg, das ich seit der Strahlenschutzbelehrung kannte.

Ich habe schnell gemerkt, dass es mir aus einem wichtigen Grund unangenehm war, mit dem Marokkaner zu lange zu sein. An seinem Verhalten war nichts zu meckern, aber es entwickelte sich immer innerhalb von fünf Minuten ein komischer Geruch, sobald er ein Zimmer betrat. Deswegen musste ich selbst im tiefsten Winter das Fenster öffnen, wenn er in der Nähe war. Ich denke, es war sein Mundgeruch. Ich habe mich nicht getraut, ihm etwas zu sagen. Er konnte nichts dafür. Wahrscheinlich Magenprobleme. Als er mich bei sich zu Hause zum Essen einlud, war ich geteilter Meinung. Nett war er, marokkanisches Essen mag ich, aber ich fragte mich sofort, wie ich so lange die Luft anhalten könnte. Ich hätte eigentlich glatt ablehnen sollen. Ich habe nicht gemerkt, dass er dabei war, sich zu verlieben. Und fürs Essen hätte es sich eh nicht gelohnt. Im Gegenteil zu Mahmoud konnte er wirklich nicht kochen. Er hat einfach Butternudel mit Hackfleisch-Steaks vorbereitet. Die waren noch nicht mal komplett aufgetaut. Ich habe mich bedankt, um seine Gefühle nicht zu verletzen. Er hatte sich Mühe gegeben. Und ich habe beschlossen, nie wieder eine solche Einladung anzunehmen. Außerdem habe ich an dem Abend den Verdacht bekommen, dass er doch Interesse anderer Natur entwickelte. Ich habe mich also von ihm distanziert und ihn einige Wochen lang nicht mehr getroffen.

Es ging gut, bis er überraschenderweise eines Tages am Wochenende bei mir klingelte. Er musste mir seine Liebe gestehen. Ich war geniert, aber ich musste ihm erklären, dass ich gar nicht in ihm verliebt war und ihn nur als Kumpel sah. Seine Reaktion war nicht schön. Ich habe sie mehrmals bei Männern beobachtet, wenn ich sie abgelehnt habe. Immer das gleiche Muster. Auch wenn ich mit Takt vorgehe. Sie fangen damit an, es nicht zu fassen. Ach, stimmt… Ich müsste bei ihnen meine echten Gefühle nicht aus Scheu verstecken, ich könnte schon ruhig zugeben, dass ich sie liebe… Also, wiederholt abgelehnt, ich bin wirklich nicht verliebt. Kann es sein? Wie kann es eine Frau wagen, ihnen zu widerstehen? Der Ärger kommt. Der Marokkaner hat seine Wut gut im Griff behalten, als er mit kalter Stimme sagte, ich müsste es mir gut überlegen, ein solches Angebot würde ich nicht jeden Tag bekommen. Nicht so viele Männer würden sich für mich interessieren, es wäre schon sehr großzügig von ihm gewesen. Wie oft habe ich diesen Satz bei abgelehnten Männern gehört? Glauben sie wirklich, dass sie durch solche Beleidigungen ihr Ziel besser erreichen? Für mich bedeutet das nur, dass die Person versucht, zurück zu stechen. Was daneben läuft, da ich in solchen Situationen sowieso keine Gefühle für sie empfinde, sonst gäbe es keine Ablehnung. Ich habe ihn erstmal weiter reden lassen. Als er nicht aufhören wollte und mich anfassen wollte, musste ich ihm sagen, er soll mich jetzt zu Hause in Ruhe lassen und weg gehen, ehe ich die Polizei anrufe. Er hat später häufig bei mir geklingelt, und ich habe es ignoriert. Genau wie seine Anrufe. Es war sehr stressig, ich fühlte mich zu Hause nicht mehr in Ruhe. Ich musste mit anderen Freunden einen Klingelcode entwickeln, um zu wissen, wann ich an der Sprechanlage antworten konnte. Bei der Arbeit hat er sich nicht getraut, sich wieder zu zeigen. Es muss ihm also bewusst gewesen sein, dass sein Verhalten nicht in Ordnung war. Was seinem Stalkern wirklich ein Ende setzte, war, als mein Vertrag zwei Monate später zu Ende ging, und ich aus der Gegend auszog.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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