Benjamin

In der Serie „Herzen, die ich gebrochen habe“. Ich hatte es gar nicht kommen gesehen. Er war doch viel zu jung. Und gar nicht mein Typ. Ich stehe nicht auf Blonden.

Ich habe Benjamin vor etwa vier Jahren auf einer Fachtagung kennen gelernt. Er war Doktorand bei einer Gruppe in einer Uni nicht weit weg von meiner. Ich war schon längst promoviert. Seine Doktormutter hatten wir häufig in meinem Institut zu Besuch gehabt, sowie ihren Mann, der ihre Arbeitsgruppe leitete. Die beiden mochte ich sehr. Ich habe also nichts besonderes gedacht, als ich mit ihm über sein Poster diskutiert habe, wobei ich vom Anfang an Probleme hatte, ihn zu verstehen, da er aus Holland kommt und einen sehr starken Akzent hat.

Wir haben während der Tagung am Gesellschaftsabend zusammen mit einem anderen Kollegen gegessen. Er wirkte sehr deprimiert. Er hatte große Schwierigkeiten mit dem präparativen Teil seiner Arbeit, was zu Stress mit seiner Doktormutter geführt hatte. Das Singlesein fiel ihm auch schwer. Irgendwie tat er mir Leid. Und da ich am Wochenende einen Bauchtanzauftritt in einer Nachbarstadt in Holland hatte, habe ich ihm spontan vorgeschlagen, hin zu gehen. Wie blöd von mir. Weil mich schon die Musik alleine immer aufgemuntert hatte, und ich großes Spaß daran hatte, Lebensfreude durch Tanz dem Publikum mitzuteilen. Ich hatte sogar gedacht, ich könnte ihm die Studentinnen vorstellen, die in meiner Gruppen waren, vielleicht würde er sich in eine verlieben und glücklicher werden. Er hat sie alle aber kaum beachtet.

Einige Wochen später hat er sich wieder gemeldet. Er hat mir vorgeschlagen, an einem Samstag einen Museum in Köln zu besuchen. Da ich gerne Museen besuche, habe ich sofort ja gesagt. Wir haben in dem Nachmittag gerade den Erdgeschoss geschafft, der eine Sammlung von Gemälden aus dem Mittelalter enthielt. Wenn ich alte Gemälde betrachte, versinke ich häufig in kleinen Details und kann nicht mehr weiter gehen. Das fand er anscheinend sehr lustig. Und da er selber gerne gezeichnet und gemalt hat, hat er angefangen, mir per Email Kopien seiner Skizzen zu schicken. Ich habe ihn später zu einer Ausstellung in meiner Stadt eingeladen, da er sich so sehr für Kunst interessiert. So haben wir angefangen, mehr oder weniger regelmäßig in Kontakt zu sein.

Es hat einen gruseligen Charakter bekommen, als ich meinen Geburtstag hatte. Ich war abends von der Arbeit nach Hause gekommen und hatte etwas im Briefkasten. Ein Gemälde von Benjamin mit einer Nachricht zum Geburtstag. Einfach so, ohne Briefumschlag. Er musste heimlich selber vorbei gekommen sein. Ich habe gerätselt, woher er wusste, dass es mein Geburtstag war, und dass ich dort wohnte. Er hat dann angefangen, mich jedesmal anzurufen oder mir eine SMS zu schicken, wenn er zufällig in der Nähe war, oder wenn er nur mit dem Zug an meiner Stadt vorbei fuhr. Zufällig war eigentlich sehr häufig. Kleine Skizzen ohne Briefumschlag habe ich mehrmals in meinem Briefkasten gefunden. Ich habe mich sehr schnell gestalked gefühlt.

Eines Tages habe ich einen Vorwurfbrief von ihm bekommen. Er war anscheinend in meiner Stadt gewesen und hatte mich auf der Straße gesehen. Ich hätte in seiner Richtung geschaut, hätte ihn völlig ignoriert und wäre sofort in die andere Richtung gegangen. Ich hätte ihn dabei sehr verletzt. Fakt ist, ich konnte mich gar nicht daran erinnern und muss ihn total übersehen haben. Als er mir gnädigerweise vergab (was ich nicht nötig hatte), schlug er mir einen Termin in der Stadt vor. Ich wollte mich schon nicht mehr mit ihm treffen. Meine jüngere Freundin Sabrina war noch Single und suchte nach einem Mann, ich habe sie also gefragt, ob sie mitkommen wollte. Ich habe auch die chinesische Doktorandin eingeladen, mit dem Argument, dass es für sie gut wäre, andere Doktoranden in ihrem Fach kennen zu lernen. Im letzten Moment hat mich Sabrina im Stich gelassen. Sie hatte sich mit ihrer Mutter gestritten und fühlte sich nicht gut. Die Doktorandin war zum Glück dabei und hat mit ihm viel geredet. Es hat alles nicht geholfen. Eine Woche später bekam ich eine richtige Liebeserklärung in meinem Briefkasten. Mit einem Ölgemälde auf Papier. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich habe es mir so lange überlegt, dass es zu spät wurde. Wir haben sehr lange keinen Kontakt mehr gehabt.

Seit einigen Monaten hat er mich wieder angeschrieben. Er hat erzählt, dass er einen neuen Job in Holland bekommen hat und mit seiner Freundin dahin umgezogen ist. Es hat mich gefreut, dass er endlich eine Freundin hat. Andererseits finde ich es komisch, dass er nie ihren Namen erwähnt hat. Es fühlt sich nicht echt an.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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