Innerer Kampf

Ich bin wegen gestern schon schlecht gelaunt zur Arbeit angekommen. Meine Kollegen durften sich meine Verbindungsprobleme und mein Ärger mit der Telekom anhören. Die Armen. Ich sitze momentan bei ihnen im Büro auf der ersten Etage, da mein IT-Kollege auf Reise ist und ich keine Lust habe, alleine oben zu sitzen. Als Martin ankam, habe ich ihn gleich gewarnt: „Ich bin stink sauer.“ Seine Reaktion war interessant: „Immer noch?“ Wahrscheinlich meinte er meine Reaktion von gestern, als er sagte, dass er einen neuen Besichtigungstermin hatte, und ich ihm seine Unentschlossenheit vorgeworfen habe. Obwohl „stink sauer“ dafür recht übertrieben wäre. Es ist mir im Grunde egal, ob er sich eine Wohnung kauft oder nicht. Ich meinte vor allem damit, dass er sich mit mir auch nicht entscheiden kann. Es dürfte an ihm vorbei gegangen sein. Ich glaube nicht, dass er gemerkt hat, dass ich ihm für Montag sauer bin. Ich habe trotzdem „Ja“ zu seiner Gegenfrage geantwortet, weil es eine andere gute Portion Ärger für mich ist.

Wir hatten heute wieder Vorstellungsgespräche, für die zweite Stelle. Vormittags gab es vier Vorträge zu hören. Auf Englisch, da alle Kandidaten Ausländer sind. Wie der Zufall es will, saß ich neben Martin. Wenn ich ihm ab und zu meine Meinungen zu den Kandidaten ganz nah ins Ohr geflüstert habe, dann, weil ich sehr leise und von den anderen ungehört sein wollte. Sicherlich nicht, um ihn zu erregen. Ich will nichts mehr von ihm. Ich weiß, dass ich nichts von ihm erwarten kann. Die Nachricht scheint an meinen Hormonen nicht angekommen zu sein. Der Eisprung ist nah. Als wir mittags mit den Kandidaten essen gegangen sind, hat eine Frau uns gefragt, was die zehn besten Sehenswürdigkeiten in Berlin wären. Eine klare Frage für ihn, da er von hier stammt. Er konnte am Anfang keine Antwort geben. Es wäre eine schwierige Frage, er könnte keine Auswahl treffen. Ich musste ihn perfide explizit zu einer Entscheidung auffordern. Am Ende hat er von einem Viertel erzählt, in dem ich noch nie war. Er meinte, ich müsste mal hin. Mit ihm zusammen. Ich bilde mir da nichts ein. Wer weiß, wen er dazu noch einlädt…

Ich bin nachmittags in meiner Arbeit zu nichts gekommen. Wir haben mit jedem Kandidaten persönliche Gespräche geführt. Ich wollte danach früh weg, um zum O2-Shop zu fahren. Unser Chef ist gekommen und wollte unsere Meinungen zu den Kandidaten hören. Gar keine einfache Entscheidung, anscheinend sind sie alle vom gleichen Niveau. Martin hat noch von seinem Abstract für einen Meeting erzählt, und mir fiel ein, dass ich auch etwas einreichen musste, und dass die Frist morgen ist. Ich habe also die Arbeit zu spät verlassen. Morgen gehe ich definitiv in der Mittagspause zum O2-Shop. Ich habe immer noch keine Verbindung mehr zu Hause. Die Sache mit dem Vertragsbeginn am 17.09.2015 muss ich unbedingt klären. Wenn es stimmt, muss ich sofort den Vertrag widerrufen. Ich hätte noch bis Samstag Zeit.

Ich habe kurz nach Martin die Arbeit verlassen. Er musste schnell zur Straßenbahn; ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Es war völlig zufällig, dass ich ausnahmsweise der Straßenbahn gefolgt bin, statt die hintere Straße zu benutzen (wer glaubt’s…). Ich habe die Straßenbahn sogar überholt. Ich stand an der roten Ampel vor der S-Bahn-Station, als Martin von der Straßenbahn wieder ausstieg. Ich wollte so tun, als ob ich ihn gar nicht gemerkt hätte. Er hat mich aber so angestarrt, dass ich ihn doch nicht ignorieren konnte. Breites Lächeln. Wir haben noch ein bisschen gequatscht, bevor er zu seiner Bahn hoch gestiegen ist. Ich habe mich innerlich beschimpft und bin mit Kopfschmerz nach Hause angekommen. Es ist recht anstrengend, wenn der Verstand den ganzen Tag versucht, gegen Gefühle zu kämpfen.

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