Vorstellungsgespräche

Mal aus der anderen Seite erlebt.

Ich hatte schon in meiner früheren Uni als Gleichstellungsbeauftragte an Berufungskommissionen teilgenommen. Ich hatte dabei nicht viel zu tun. Ich musste vor allem darauf achten, dass alle Kandidaten fair behandelt werden und keine Diskriminierung statt findet. In unserer Uni hieß „Gleichstellungsbeauftragte“ für viele noch „Frauenbeauftragte“, und ich hatte als Vorgabe, mich für Frauen zu engagieren. Bei meiner ersten Berufungskommission wurde keine Frau eingeladen. Es gab ziemlich genau einen Kandidat. Es handelte sich um eine „Leer-Professur“, die zusammen mit einem Forschungszentrum laufen sollte. Das Forschungszentrum stellte das Geld zur Verfügung, die Uni war nur involviert, um das mit dem „Professor“ zu begründen. Dem Forschungszentrum ging es darum, einen bestimmten Forscher zu behalten, der schon woanders eine neue Stelle gefunden hatte. Es war gar nicht vorgesehen, dass andere Kandidaten sich bewerben. Als Gleichstellungsbeauftragte begann mein Job erst bei den Vorstellungsgesprächen an, ich hatte also wirklich nichts zu tun in diesem Fall. Bei meiner zweiten Berufungskommission wurden eine Frau und vier Männer eingeladen. Ich muss sagen, dass ich die Frau nicht empfehlen konnte. Ich weiß nicht mehr genau, welche Argumente die Mitglieder der Kommission gegen sie gefunden hatten. Meine Bemerkung hat den Ausschlag gegeben: Die Frau hatte einfach kein Forschungsprogramm vorbereitet und hatte während der Diskussion ihren potentiellen Kollegen gefragt, ihr zu sagen, worüber sie denn forschen sollte. Schlecht, wenn man sich auf einer Professur bewirbt. Es wird doch erwartet, dass man selbst eine eigene Forschungsrichtung entwickelt.

Heute war ich nur als zukünftige Kollegin bei den Gesprächen. Wir haben gerade zwei neuen befristeten Postdoc-Stellen mit Kooperationspartnern, und die ausgewählten Kandidaten haben sich heute bei uns vorgestellt und Vorträge gehalten. Unser Chef hatte uns vor zwei Wochen das Programm geschickt; es war mir heute Morgen schon völlig aus dem Kopf gegangen. Gut, dass meine Kollegen darüber gesprochen haben. Die Vorträge selbst habe ich nicht verstanden. Es ist nicht meine Fachrichtung. Vier Kandidaten haben sich vorgestellt, aber ich habe nur drei gesehen, die vierte Person hat den Vortrag über Internet gehalten, ich war nicht dabei. Eine Kandidatin fand ich spontan sehr sympathisch. Ihr Vortrag hat mir gar nicht gefallen. Fachlich kann ich nicht beurteilen, aber sie hatte auf einmal eine sehr unangenehme Stimme, eine arrogante Körperhaltung, und es war sehr mühsam, ihr zu folgen. Als die Fragen kamen, wirkte sie plötzlich wieder ganz anders. Ich habe erst dann gemerkt, dass sie nur extrem nervös beim Vortrag war. Unser Chef meinte danach, er hätte selber nichts verstanden. Und es ist sein Fach. Über den zweiten Kandidaten habe ich gar keine Meinung entwickelt. Zu fade. Der dritte Kandidat hat von weitem den besten Vortrag geliefert. Er gab den Eindruck, fachlich sehr gut zu sein. Er hat auch mehr Erfahrung als die anderen, die gerade ihre Doktorarbeiten abgeschlossen haben. Beim persönlichen Gespräch war er sehr entspannt. Mit Mieke hatten wir auf ihn gesetzt. Martin meinte, dass er zu entspannt wirkte. Er scheint sehr gut über die Mitarbeiter recherchiert zu haben, da er wusste, dass ich erst seit Juli hier arbeite (jetzt weiß ich, wer sich vor kurzem meinen Profil auf LinkedIn angeschaut hat). Über das Projekt für die Stelle wirkte er aber nicht so gut informiert zu sein, oder nicht sehr interessiert. Wir haben Martin gefragt, für wenn er sich am Ende entscheiden würde, und er konnte keine Antwort geben. Ich war kurz darauf, zu sagen, dass es so typisch wäre, da Martin mir unfähig erscheint, irgendwelche Entscheidungen zu treffen (sein schwankendes Verhalten mit mir zeigt, dass er nicht weißt, was er will – er hat auch, seitdem ich ihn kenne, schon drei mal seine Meinung darüber geändert, ob er sich eine Wohnung kaufen will oder nicht). Ich habe meine Bemerkung mit Mühe unterdrückt. Am Ende ist es unser Chef, der die Entscheidung trifft. Seine Beurteilung über die Kandidaten fand ich interessant. Den dritten Kandidat will er nicht unbedingt haben. Er meint, mit seiner Erfahrung müsste er mehr drauf haben, sein Vortrag war zu oberflächlich. Außerdem wäre die Gefahr vorhanden, dass er aufgrund seiner Erfahrung nicht unbedingt alles umsetzen würde, was sich unser Chef wünscht. Genau das Problem hätte er mit meinem Vorgänger erlebt. Andererseits wünscht er sich Leute, die nicht mit der Hand geführt werden müssen, die selbstständig arbeiten und ihre eigene Ideen mitbringen, damit er mit ihnen diskutieren kann – wofür man Erfahrung braucht. Das typische „frisch-aus-der-Uni-mit-zehn-Jahren-Erfahrung“-Profil.

Ich habe heute so gut wie gar nicht arbeiten können. Und am Donnerstag machen wir das gleiche Spielchen wieder, für die zweite Stelle.

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