Mein erster Freund

Wenn ich an ihn zurück denke, habe ich manchmal den Eindruck, dass es sich gar nicht um mein Leben handelt. Es ist so lange her. Ich habe vor ihm andere Freunde gehabt, aber es war immer schnell vorbei und nicht von Bedeutung.

Ich war fast sechzehn, als ich Marc kennen gelernt habe. Es war im Sommer. Wie jeden Tag in den Ferien war ich mit Freunden zum Freibad gegangen – dank meines Mini-Jobs auf dem Markt konnte ich es mir leisten. Daniel, der Bruder meiner Freundin Nathalie, war mit uns. Er hatte einen Freund mitgebracht, Marc, der vier Jahre älter als ich war und gerade zurück aus seiner Pflicht bei der Bundeswehr war. Ich kann nicht sagen, dass er einen großen Eindruck auf mich gemacht hatte. Ich hatte mir nicht mal seinen Namen gemerkt. Am gleichen Abend habe ich mich auf eine Beziehung mit Patrice eingelassen, die gerade eine Woche dauerte. Ich habe Schluss gemacht. Wir hatten nicht viel Gemeinsames. Er wollte vor allem vögeln, und ich war noch jungfräulich. Eines Tages rief mich Nathalie zu Hause an. Ihr Bruder wäre hier mit seinem Freund, ob ich nicht mit ihnen im Dorf herumhängen möchte. Ich wusste nicht, von wem sie sprach. Sie musste mir erklären, dass er mit uns im Freibad gewesen war. Von dem Tag hatte ich kaum Erinnerungen behalten. Da es mir zu Hause zu langweilig war, bin ich zu ihnen gegangen. Ich habe vergessen, was wir gemacht haben. Abends musste ich zu meinem Job. Marc hat mich dahin begleitet, während Nathalie und ihr Bruder sich davon machten. Beim Abschied fragte mich Marc, ob er einen Kuss haben durfte. Warum nicht, dachte ich, obwohl er nicht gerade mein Typ war. Der Tag war langweilig gewesen. Ich habe ihn geküsst und bin zur Arbeit gegangen.

Die ersten Tage unserer Beziehung waren schon komisch. Ich hatte es schwer, mich daran zu erinnern, dass ich mit ihm zusammen war. So ist es zum Beispiel passiert, dass ich ihn eines Tages auf dem Marktplatz mit Freunden getroffen hatte, und ihn spontan auf die Wange geküsst hatte, wie bei den anderen, und glatt vergessen hatte, dass ich seine Freundin war. Er hat beleidigt reagiert. Als ich prompt meinen Fehler merkte, habe ich gelacht, ihn geküsst und getan, als ob ich ihn nur ärgern wollte. Verliebt war ich also nicht. Wie konnte ich nur zulassen, dass wir so viele Jahren zusammen blieben? Ach ja, die Erklärung kenne ich doch. Obwohl, so im klaren mit meinen Gefühlen war ich damals nicht. Ich habe ernsthaft versucht, mich zu verlieben, weil ich dachte, es wäre normal. Es war auch nicht unschön, mit ihm zu sein, er war nett zu mir und schien wirklich mich zu lieben, ich hatte nichts gegen ihn einzuwenden, also müsste ich mich nur ein bisschen bemühen. Genau wie meine Oma, die Mutter meiner Mutter, es mir erklärt hatte. (Sie hatte nicht so viel Glück wie ich gehabt und ihren Mann erst vor dem Altar kennen gelernt. Und sieben Kinder zur Welt gebracht.)

Nach einigen Wochen hat Marc mich seiner Familie vorgestellt. Ich habe ihn also eines Tages nach Hause zu meinen Eltern gebracht. Mit der Zeit habe ich den Eindruck bekommen, dass ich verliebt war. Ab und zu habe ich immer Zweifel bekommen und mich gefragt, ob ich ihn wirklich liebte. Wie häufig habe ich mir wiederholt, dass es frech wäre, ihn zu verlassen, weil ich ihm keine ernsthafte Vorwürfe machen konnte! Nach vier Monaten haben wir während den Ferien über Weihnachten Sex gehabt. Es war für uns beide das erste Mal, auch wenn er mir schon vorher an die Wäsche gegangen war. Ich fand’s immer komisch und fragte mich, warum er mir unbedingt seinen Finger reinstecken wollte. Bei Gesprächen mit Freundinnen habe ich erfahren, dass es wohl normal war. Eigentlich hatte ich keine Lust, so früh mit ihm Sex zu haben. Es ging zum Glück schnell. Das Problem war aber, dass er ab diesem Moment erwartete, dass wir jeder Zeit wieder Sex haben könnten. Ich hab’s resigniert mitgemacht. Mir hat es keinen Spaß gemacht. Irgendwann hat er es bemerkt und mich beleidigt gefragt, warum ich ruhig beim Sex bleiben würde. So habe ich gelernt zu simulieren. Es schien Wunder zu wirken, er hat sich danach nicht mehr beschwert.

Ich hatte noch nicht die Abitur geschrieben, als wir zusammen umgezogen sind. Im Elternhaus wollte ich nicht mehr bleiben. Mit knapp achtzehn habe ich dann mein Physik-Studium angefangen. Ich war die ganze Woche an der Uni und kam erst am Wochenende nach Hause. In dieser Zeit ist mir bewusst geworden, dass ich nicht mit Marc zusammen passte. Er hatte nicht studiert und kam mir manchmal mit seinen Bemerkungen ziemlich blöd vor. Ich hätte mich geschämt, ihn meinen Kommilitonen vorzustellen. Im vierten Uni-Jahr habe ich plötzlich mehr zu tun gehabt. Ich habe viel gelernt und bin nicht mehr jedes Wochenende nach Hause gefahren. Ich habe früh im Herbst angefangen, mich zu fragen, wie ich mich von Marc lösen könnte. Ich habe erst kurz vor dem Frühling Schluss gemacht. Trotz Vorbereitungen und Andeutungen meinerseits hat es ihn völlig überraschend getroffen. Er hat mehrmals versucht, mich zu überzeugen, zu ihm zurück zu kommen. Es war doch die richtige Entscheidung, da ich ein halbes Jahr später für die Diploma die Uni gewechselt habe und nach Lothringen umgezogen bin.

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6 Gedanken zu “Mein erster Freund

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