Gemischte Gefühle

Es sieht so aus, als ob ich auf dem guten Weg wäre, Martin aus meinem Herzen zu bannen. Sein widersprüchliches Verhalten mit mir hat mir so gereicht, dass ich keinen Bock mehr habe, mit zu machen. Ob es mir immer noch so geht, wenn meine Tage vorbei sind, bleibt zu sehen.

Seit gestern habe ich mich mit ihm wie mit den anderen Kollegen verhalten. Freundlich, sonst nichts. Es war gar nicht überlegt, es ist einfach spontan passiert. Ich habe mich nicht mal in seiner Anwesenheit nervös gefühlt. Dabei hat er mir wieder Komplimente gemacht und mich strahlend angelächelt. Als wir nur zu zweit beim Café waren, hat er sich noch demonstrativ gedehnt, wobei ich noch eine Woche vorher bestimmt von Hormonen überströmt geworden wäre. Ich habe weiter mit ihm diskutiert und so getan, als ob nichts wäre. Es ist auch plötzlich nichts mehr da, habe ich den Eindruck. Ich sehne mich nicht mehr nach ihm. Die Schmetterlinge sind verschwunden. Was bleibt ist ein Gefühl der Leere. Irgendwie traurig, ich finde es Schade, aber ich bin nicht mehr deprimiert, dass es mit ihm nicht klappt.

Gestern habe ich bei unserem Gruppenmeeting Winfried gefragt, wann wir zusammen an Datensätzen arbeiten könnten. Ich muss in Kürze ein Praktikum leiten und bin mit den Programmen, die hier benutzt werden und mit denen die Studenten arbeiten sollen, noch nicht vertraut. Winfried meinte, heute ginge es. Da Martin auch früher Interesse angekündigt hatte, habe ich ihm gesagt, er soll sich uns anschließen. Wir haben den ganzen Nachmittag bei mir im Büro verbracht. Und ich habe mich wirklich nur um unsere Aufgabe gekümmert. Als Martin am Ende mein Zimmer verlassen hat, habe ich an meinem Programm weiter gearbeitet. Ich habe später erstaunt festgestellt, dass ich dabei nicht ein einziges Mal an ihn gedacht habe.

Ich habe heute sonst eine Überraschung bekommen. Ich hatte seit fast fünf Jahren gar nichts mehr von ihm gehört, aber heute kam eine Email von David an. Wir sind zu der selben Mailing-List angemeldet, und Winfried hatte heute dort eine Nachricht geschickt, um die Leute über einen Workshop bei uns zu informieren. Da er ihn seit längerer Zeit kennt, hat er sich die Homepage seiner Forschungsgruppe angeschaut, und dabei meinen Namen entdeckt. Daher die Email an mich. Irgendwie lustig. Martin hat gesagt, dass er bald einige Tage in Grenoble für seinen Projekt verbringen muss. Ich habe den starken Verdacht, dass er mit der Arbeitsgruppe von David zu tun hat. Sollte es stimmen, werde ich ihn fragen, ihn für mich zu grüßen.

Ich habe heute den Eindruck bekommen, dass er frisch verliebt ist. Beim Verlassen der Arbeit bin ich kurz zu seinem Zimmer gegangen, um einen schönen Feierabend zu wünschen – wie ich es häufig tue, egal, wer gerade im Zimmer ist. Er saß alleine an seinem Tisch. Er hielt sein Handy in der Hand und sah irgendwie glücklich aus. Er hat mich kaum beachtet. Es hat mir nicht weh getan. Keinen Dolch im Herzen gespürt.

Geheilt.

Den Knoten im Hals, den ich heute Abend doch ein bisschen spüre, kann ich mir jetzt also nicht erklären. Wahrscheinlich Hormonenreste. Oder vielleicht ist mein Puls gerade durcheinander, weil ich heute Abend wieder über zwei Stunden beim Fitness-Studio war und mich überanstrengt habe. Der Weg nach Hause mit dem Fahrrad war schwierig, ich bin von drei Personen überholt worden. Das ist bestimmt der Grund, warum ich einen Druck im Brustkorb beim Atmen fühle. Das hat nichts mit Martin zu tun.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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