Fahrradtour am Sonntag

Ich habe heute Nacht wieder extrem wenig geschlafen. Gerade fünf Stunden. Ich bin früh aufgestanden, weil es hätte sein können, dass Martin zum Kaffee vorbei kommt. Gestern am Telefon hatte er nicht nein gesagt. Tja.

Ich habe meine neue Kaffeemaschine ausprobiert. Die Küche geputzt. Essen wollte ich nicht wirklich. Ich habe die halbe Popcorn-Tüte von gestern Abend leer gemacht. Langsam habe ich die Wut in mir steigen gespürt. Vor zwei Wochen hatte mich Martin noch glauben lassen, dass er sich für mich interessierte, und seitdem ist er so kalt und distanziert geworden, und will nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich habe gedacht, Deutsche haben echt einen Knall.

Ich habe angefangen, mich nach Ausländern in Single-Börsen umzuschauen. Aber irgendwie… Nein, nicht mein Ding. Ich habe gedacht, so tief bin ich noch nicht gesunken, dass ich auf solchen Mitteln greifen sollte. Oder? Nein, ich will nicht einen Mann um jeden Preis. Ich kann auf Männer verzichten. Es hat seit über zehn Jahren prima geklappt. Nur, wenn ich jemanden kennen lerne, der mich interessiert, warum nicht… Aber es musste gerade Martin sein, der anscheinend psychisch gestört ist.

Ich bin richtig sauer geworden. Für wen hält sich der Typ, dass er so mit mir gespielt hat? Meine Katze hat mich mit ihrem ständigen Miauen auch genervt. Ich glaube, sie wollte Fisch. Ich habe gedacht, wenn ich jetzt nichts tue, drehe ich durch. Ich habe das Fahrrad geholt und bin abgehauen. Ich hatte keinen Ziel. Ich wollte einfach meine Wut weg radeln. Ich habe entschieden, am Treptower Park vorbei zu schauen, da ich dort häufig mit der S-Bahn vorbei gefahren bin.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich bis dahin gebraucht habe. Laut Google Maps sind es 13km gewesen. Am Anfang hat mir die Wut einen dicken Knoten im Hals gemacht. An einer Kreuzung wollte ich sie plötzlich los brüllen. Das habe ich nicht gemacht. Mit der Zeit hat es sich beim Fahrrad fahren tatsächlich verbessert. Der Park sah schön aus. Ich habe mir dort Zeit genommen und Fotos gemacht. Die wollte ich nachher auf Facebook hochladen. Nicht wirklich, um den Ort zu zeigen. Ich wollte damit vor allem meinen Eltern vortäuschen, dass es mir gut geht, da ich die Wohnung verlasse und schöne Fotos zu zeigen habe.

Überall bin ich Pärchen begegnet. Ich fand’s sehr deprimierend. Ich wollte gerade nach Hause zurück fahren, als zwei Fahrradfahrer mich überholt haben. Sie sprachen auf Italienisch. Echte Männer! Ich bin ihnen gefolgt. Es hat sich aber herausgestellt, dass sie mit zwei Frauen unterwegs waren, zu denen sie gerade fuhren. Ich habe das Interesse verloren. Dafür habe ich den Soviet Memorial besucht. Und Übung im Flirten bekommen, da ich mit unbekannten Männern Blickkontakte aufgebaut habe. Immerhin ein Anfang. Aber ich denke nicht, dass ich mich fit genug dafür fühle.

Beim Verlassen des Parkes habe ich plötzlich den Fernsehturm gemerkt. So weit weg konnte es nicht sein, dachte ich. Es war noch nicht so spät nachmittags. Ich habe beschlossen, bis zum Alexanderplatz zu fahren. Ich konnte mich schwer verfahren, da der Turm gut zu sehen war, dachte ich. So einfach war es doch nicht, es gab Momente, wo ich gar nicht mehr wusste, wo ich war, aber ich habe es geschafft.

Kurz vor dem Alexanderplatz waren zwei betrunkene Fahrradfahrer vor mir. Ich habe Abstand gelassen, während Autos sie angehupt haben, weil sie sie ständig ausweichen mussten. Ein der beiden Fahrradfahrer hat an einer Ampel eine Flasche Bier geöffnet und sie sehr schnell getrunken. Bei der nächsten Ampel hat er einfach seine Flasche zum Bürgersteig geworfen, wo sie am Boden explodiert hat. Ich habe beschlossen, dass ich bei der nächsten Gelegenheit die beiden nicht mehr vor mir haben wollte. So bin ich zum Prenzlauer Berg gefahren, statt zum Alexanderplatz wie ursprünglich gedacht. Da ich keinen Ziel hatte, bin ich zufällig gefahren. Irgendwann habe ich mich entschieden, zum Brandenburger Tor zu fahren, um etwas vom Festival of Lights zu sehen. Es war noch zu früh und ich habe dort an einer Terrasse ein Bier bestellt. 4,50€ für ein Weizenbier! Es gab kein Trinkgeld. Als ich den Verkehr auf der Straße geschaut habe, hätte ich auf ein mal schwören können, dass Martin an mir mit seinem Fahrrad vorbei gerast ist.

Nachdem ich mit meinem Handy ein Paar Fotos gemacht habe (es geht für Bilder bei Nacht viel besser als mit der Kamera), bin ich durch Zufall zum Potsdamer Platz gefahren. Ich habe auf die Uhr nicht geschaut, als ich beschlossen habe, zurück nach Hause zu fahren. Ich habe mich am Anfang ziemlich verfahren, bis ich den richtigen Weg gefunden habe. Ich war um 21:30 wieder zu Hause. Laut Google Maps bin ich insgesamt knapp über 40km gefahren. Mit einer halben Popcorn-Tüte, ein Weizenbier und jede Menge Zorn als Treibstoff.

Die Wut ist noch da, aber ich bin zu müde und schiebe sie zur Seite. Morgen gehe ich spät zur Arbeit. Ich werde mich vorher beim Fitness-Studio entfrustrieren. Mein Chef hat letzte Woche gesagt, ich soll mit Martin bis spät abends Proben messen. Es kann locker bis 23:00 dauern. Anders geht’s nicht, da sonst externe Nutzer die Geräte belegen. Scheiße. Nicht nur wegen der Uhrzeit. Ich bin immer noch sauer auf ihn.

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2 Gedanken zu “Fahrradtour am Sonntag

  1. Das ist echt das beste, was du gegen Liebeskummer machen kannst. Raus an die frische Luft und auspowern. So trostlos es auch klingt: Diese Zeit wird vorüber gehen. Wobei es natürlich nicht hilft, dass du den Typen jeden Tag sehen musst…

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