Meine erste Wohnung

Vor fünfzehn Jahren habe ich meine Gegend in Südfrankreich verlassen, um eine Diplomarbeit in meiner Wunschfachrichtung zu machen, da sie in meiner Uni nicht vertreten war. Ich hatte mich bei drei Unis beworben. Zwei hatten mich abgelehnt, mit der Begründung, dass ich mit meinem reinen Physikstudium zu viele Chemiekenntnisse nachholen müsste; die dritte hat mich angenommen. Ich habe deswegen Anfang September meine Sachen gepackt und bin über Nacht mit meinem Vater nach Nancy gefahren. Eigentlich wäre ich gerne alleine mit dem Zug gefahren, aber mein Vater wollte davon nichts hören. Wir sind am frühen Morgen angekommen. Der Anblick von der noch beleuchteten prachtvollen Place Stanislas hat mich völlig den Atem beraubt. Mein Betreuer in meiner früheren Uni hatte mich gewarnt, dass es die kälteste Gegend Frankreichs wäre, und ich musste ihm Recht geben: Kaum angekommen, musste ich meine „Winterkleider“ anziehen (Pullis in September waren für mich bis dahin völlig undenkbar gewesen).

Ich hätte mich gerne umgeschaut und Anzeigen für Wohnungen in der lokalen Zeitung durchgelesen. Mein Vater ist aber nicht gerade für seine Geduld bekannt. Wir sind zufällig an einer Immobilienagentur vorbei gegangen, und er ist sofort rein gegangen und hat für damals 600F (ohne Inflation umgerechnet: fast 90€) eine Liste mit Anzeigen gekauft. In der Zeitung wären die Anzeigen viel billiger gewesen. Ohne Kenntnisse über die Stadt, hat er angefangen, von einer Kneipe aus alle Vermieter anzurufen, um Besichtigungstermine auszumachen (zur Erinnerung: Damals, Ende 90′, war Internet von weitem nicht so verbreitet wie heute, und Handys waren relativ selten zu sehen – sehr groß und schwer waren sie auch noch, mit einer Antenne und Tasten, die größer als Fingerspitzen waren). Wir haben an dem Tag sofort einen Termin bekommen, und die erste möblierte Wohnung, die wir besucht haben, musste ich gleich mieten, weil mein Vater keine Lust hatte, so lange noch durch die ganze Stadt Wohnungen zu besichtigen. Als er meine Sachen aus dem Auto zur Wohnung gebracht hat, hat er den Eindruck bekommen, seine Pflicht getan zu haben, und ist wieder weg nach Südfrankreich zurück gefahren.

Dass es mit der Wohnung ein großer Fehler war, habe ich schnell bemerkt. Den Vermieter hatte ich sofort unsympathisch gefunden, er kam mir sehr hinterlistig vor. Und ich denke, ich hätte mir in der ganzen Stadt nur mit großer Mühe einen schlimmeren Viertel aussuchen können. Meine neuen Kommilitonen haben mir später alle gesagt, sie würden dort nicht mal gegen Geld wohnen wollen. Place des Vosges. Meine Wohnung war im Erdgeschoss. Angeblich wohnte auf der dritten Etage ein Student. Ich habe ihn nie gesehen. Auf der zweiten Etage war ein Mann, der vielleicht 45 Jahre alt war, und schwer Alkoholiker war. Er hatte schon viele Rehabilitationen durchgemacht, alle ohne Erfolg. Eigentlich ganz nett, aber nachtsüber nicht auszuhalten. Wenn er zu viel getrunken hatte, fing er immer an, bei lauter Musik seine Möbel durch die Wohnung um sich herum zu schmeißen. Der Lärm war unglaublich. Die einzigen Momente, wo er leise wurde, waren als meine Nachbarin aus der ersten Etage mit ihren Kunden ankam – sie war Prostituierte und ging die ganze Nacht die Treppe rauf und runter. Mit ihr hatte ich kein Problem, sie war sehr freundlich, ich fand es nur unheimlich, dass so viele Unbekannte sich im Haus herumtrieben. Im Haus gegenüber von mir auf der anderen Straßenseite wohnte ein Drogendealer. Der Alkoholiker meinte, sein Handy hätte in seinem Haus kein Empfang, und er müsste immer auf der Straße seine Geschäfte telefonisch abwickeln. Das stimmte, ich habe es selber mitbekommen, wenn ich zum Lüften das Fenster geöffnet habe. Er hat mir auch erzählt, wie das Loch in meiner Wohnungstür zustande gekommen war. Von der Außenseite zum Treppenhaus war meine Tür total beschädigt, das Loch ging aber nicht ganz durch. Es war eine Woche vor meiner Ankunft passiert. Vor mir hatte dort ein Kunde von dem Drogendealer gewohnt.  Er hatte kein Geld mehr gehabt, um seinen Stoff zu kaufen, und dachte, er würde einfach in die Wohnung einbrechen, um Geld dafür zu bekommen. Dass noch niemand drin wohnte wusste er anscheinend nicht.

Ich habe es in der Wohnung gerade drei Monate ausgehalten. Vor allem konnte ich den Alkoholiker nicht ertragen. Ich hatte den ganzen Tag im Wintersemester noch Vorlesungen zu hören und konnte es mir nicht leisten, so häufig an Schlafmangel zu leiden. Die Wohnung hat auch schnell einen muffigen Geruch entwickelt. Ein Freund, der zu Besuch gekommen war, meinte, es würde stark nach Pilzen riechen. Meine persönlichen Gegenstände haben teilweise Schaden bekommen. Dem Rat dieses Freundes folgend, habe ich es dem Vermieter mitgeteilt. Er hat mir schriftlich in herabwertender Weise geantwortet, dass ich es in Lothringen nicht erwarten könnte, ein Wetter wie in „meiner sonnigen Heimatland Südfrankreich“ zu haben, und dass es auch etwas wie Regen gäbe. Ich war zu froh, aus der Bude wieder raus zu sein, um groß Ärger zu suchen, aber er hätte es schon verdient, dass ich gegen ihn klage. Nur, wenn macht das schon als Student?


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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