Schlechter Tag

Das hat man ab und zu. Heute zum Beispiel. Wir hatten ein eintagiges Fachtreffen für alle Forschungsgruppen meiner Fachrichtung in der Stadt. Mein Chef hatte schon lange einen Vortrag von mir angekündigt, den ich heute halten musste. Als Probevortrag für die nächste Tagung übermorgen in Österreich passte es gut – zu dieser Tagung hatte er mich Ende Juni mit Vortrag angemeldet, bevor ich überhaupt meinen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte.

Ich habe mich schon heute Morgen auf dem Weg zur Uni verspätet, obwohl ich trotz sehr kurzer Nacht pünktlich aufgestanden bin – ich war noch nie dahin gefahren. Als ich zur ersten S-Bahn-Station auf meinem Plan ankam, war die Linie nicht angezeigt, die ich hätte nehmen sollen, die spätere Linie war schon angekündigt. Ich habe gedacht, ich hätte sie gleich verpasst und habe nicht besonders aufgepasst, als eine Minute später eine S-Bahn ankam. Es war doch die, die ich nehmen wollte, aber die Anzeige hat mich verwirrt, und ich habe sie deswegen verpasst, obwohl ich am Gleis stand. Ich habe es gemerkt, als der Fahrer die Ankündigung mündlich machte, gerade als die Bahn wieder weg fuhr. Recht blöd gelaufen.

Das Gebäude habe ich nicht sofort gefunden. Ich hatte mir die Adresse aufgeschrieben und bin nach einer Stunde in der S-Bahn zur richtigen Straße angekommen. Die richtige Nummer habe ich nicht gefunden. Ich bin nur deswegen doch angekommen, weil ich zwei Frauen zufällig getroffen habe, die ebenfalls dahin wollten. Ich bin ihnen einfach gefolgt, sie kannten anscheinend schon den Weg. Man musste auch wissen, dass man durch Hausnummer 110 zur Hausnummer 17 gelangen kann. Wir hatten zehn Minuten Verspätung und gerade die Begrüßungsrede verpasst (ich glaube, deswegen gibt es überhaupt Begrüßungsreden am Anfang von Tagungen).

Mein Vortrag war in der zweiten Session des Vormittages geplant, direkt nach dem Vortrag von meinem Gruppenleiter. Ich habe seit letzter Woche daran gearbeitet, habe mich trotzdem nicht gut genug vorbereitet gefühlt. Meine erste Folie hatte ich aus einem früheren Vortrag von meinem Chef übernommen und bearbeitet, aber ich komme damit gar nicht klar. Bei meiner Vorbereitung gestern Abend zu Hause habe ich große Schwierigkeiten gehabt, die Einleitung klar darzustellen, und habe ein schlechtes Gefühl bekommen. Es ging heute Morgen nicht viel besser. Ich fand meinen Vortrag insgesamt schlecht und konnte der Frau vorne nicht böse sein, die neben Martin saß und es trotzdem schaffte, ständig beim Einnicken den Kopf zu senken. Als ich mich am Ende bei den Zuhörern für ihre Aufmerksamkeit bedankt habe, habe ich gedanklich hinzugefügt „und dafür, dass Sie nicht laut geschnarcht haben“. Umso überraschter war ich, als Mieke danach meinte, der Vortrag wäre gut gelaufen. Ich habe gedacht, sie wollte nett sein und mich trösten, aber Martin hat es mir auch gesagt. Ich dachte, wenigstens mein Chef würde auf mich sauer sein und hatte mich auf seine spöttischen Bemerkungen vorbereitet – im Gegensatz dazu hat er mich gelobt, nachdem er meinte, ich hätte am Anfang nervös gewirkt – so war es nicht, Schuld ist diese blöde erste Folie, die ich nicht mag und die ich jetzt für die Tagung in Österreich komplett ändern werde. Ich habe später gemerkt, dass die Frau vorne bei den anderen Vorträgen auch eingenickt ist.

Danach habe ich mich noch schlecht gefühlt, weil ich den ganzen Tag so nah an Martin war, und trotzdem so weit entfernt, weil ich unheimlich gerne seine Freundin wäre und er anscheinend kein Interesse zeigt. Ich sehe, dass er sich einfach mit allen Frauen gleich süß verhält, sein Benehmen mit mir hat nichts besonderes zu bedeuten. Ich hätte abends bei der Rückfahrt nach Hause in der S-Bahn heulen können, wenn ich alleine gewesen wäre.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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