Noch ein geiler Bock

Ich war gestern früher als sonst zu Hause. Ich habe beschlossen, in die Stadt spazieren zu gehen. Da meine Schmuckständer im Umzug zerbrochen wurden, wollte ich neue kaufen. Ich habe in meinem Stadtteil keine gefunden, dafür habe ich ein sehr schönes rotes Kleid in einer kleinen Boutique bei mir um die Ecke gefunden. Ich ziehe es heute an. Martin fährt morgen wieder in den Urlaub, wir wollten noch diese Woche Eis essen gehen, er hat es selbst am Montag vorgeschlagen, das heißt, uns bleibt nur noch heute Abend Zeit. Hoffentlich hat das Kleid den gewünschten Effekt. Hoffentlich sagt er nicht doch ab. Hoffentlich macht das Wetter mit. Hoffentlich bin ich nicht so nervös.

Ich finde es immer so schwierig, Männer anzuziehen, die mir wirklich gefallen – und das ich schon selten, wenn ich mich verliebe. Dafür kriege ich jede Menge blöde Typen am Hals, die sich für unwiderstehlich halten. Ich habe einen Knack, in einer neuen Stadt schnell geile Böcke anzuziehen, wobei ich es mir gerne sparen möchte. Beispiel gestern. Nach dem Shopping hatte ich Hunger bekommen. Ich habe noch keine Küche in meiner Wohnung und habe kurz vor 19:00 in einem Lokal an der Terrasse gesessen. Das Wetter war nicht so toll, der Himmel war grau bedeckt mit dicken Wolken, aber es war nicht kalt. An dem Tisch vor mir saßen zwei anderen Frauen. Plötzlich haben sie beschlossen, rein zu gehen, statt auf der Terrasse zu bleiben. Ich dachte, es fängt gerade an zu regnen, aber nein. Kurz darauf ist ein Mann über die Straße zum Lokal gegangen.

Stellt euch einen jungen Mann vor, der sich wie ein Rapper anzieht, wie man sie es sich vorstellt, mit Affengang, tief offenem Hemd und jede Menge Goldketten gut sichtbar um den Hals. Ich fand’s immer lächerlich, auch bei den Promis im Fernseher. Stellt euch noch vor, der Mann verhält sich, als ob durch sein Ansehen allein alle Frauen ihm zu Füßen liegen müssten (schließlich trägt er so viel Gold um sich herum, und Frauen sind ja bekanntlich nur mit Geld zu beeindrucken). Jetzt packt dem jungen Mann noch erratisch kurze graue Haare auf dem Kopf, gut 50 Jahren und wenigstens 50kg drauf. Das war mein Belästiger von gestern Abend.

Da ich alleine saß, ist er direkt zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob es nicht langweilig wäre, da zu sitzen. Was ich verneinte, und auch nicht gerade dabei lächelnd, da ich so viel mit dieser Art von Anmachen zu tun hatte und weiß, dass diese Typen nur bösartige Ablehnungen verstehen, und das auch nicht immer sofort. Ein junges Paar ist an uns vorbei gegangen und hat sich die Szene kurz angeschaut, als ich ihm sagte, dass es mir gerade allein gut ging und ich ihn definitiv nicht brauchte. Da meinte er, ich würde es mir doch bestimmt wünschen, wenn er bei mir am Tisch sitzen würde, worauf ich kategorisch „Nein“ geantwortet habe (außer mir saß zu diesem Zeitpunkt niemand auf der Terrasse, alle anderen Tische waren frei). „Aber doch –“… „Kommt nicht in Frage“. Nach dem ich gut zum zehnten Mal seine Näherungsversuche abgelehnt hatte und die Geduld verlor, ist er endlich abgehauen. Mit einem ganz langsamen Schritt ist er an mir entlang der Metall-Kette vorbei gegangen, die an Blumentöpfen verbunden die Terrasse von der Straße trennt, und ist aus meinem Sichtfeld verschwunden. So schwer ist es manchmal, ein Glas Bier in Ruhe zu genießen.

Gerade in diesem Zeitpunkt kamen zwei kleine Kinder angerannt, gleichzeitig mit zwei älteren Frauen. Als die Kinder in der Nähe der Kette ankamen, hat der alte Mann plötzlich aus einem Wutanfall an der Kette heftig gezogen und einen riesen Blumentopf hinter mir auf dem Bürgersteig fallen lassen. Die Mütter der beiden Kinder sind zu uns gerannt gekommen, weil sie dachten, die Kleinen hätten den Unfall verursacht. Die älteren Frauen haben sie beruhigt, weil sie gesehen haben, dass der alte Mann dafür verantwortlich war, der sich gerade davon gemacht hatte, ohne sich zu entschuldigen oder überhaupt sich umzudrehen. Die Kinder hatten die Kette vorne kaum berührt, und hätten eh nicht die Kraft gehabt, ein so schweres Topf fallen zu lassen. Vor allem, weil zwischendurch andere Töpfe an der Kette verbunden waren, die eher gefallen wären. Die Kellnerin ist sofort raus gekommen, hat das Ergebnis mit Entsetzen gesehen und den Bürgersteig sofort geputzt. Die älteren Frauen haben den alten Mann verpetzt, was ich nur bestätigen konnte, ohne jedoch die Vorgeschichte zu erzählen. Tja, am Ende hat die Kellnerin noch mehr Trinkgeld als sonst von mir bekommen, auch wenn ich nicht selber dran schuld war.

Ich könnte noch viele Geschichte dieser Art erzählen… So ganz asozial bin ich eigentlich nicht, wenn ich irgendwo an einer dicht besuchten Terrasse alleine sitze und Leute höflich fragen, ob sie bei mir sitzen dürfen, habe ich kein Problem damit. Ich habe mich sogar schon mal mit unbekannten Männern einfach so gerne unterhalten. Die haben mich auch nicht mit einem blöden „Was treibt so ein Fräulein hier alleine“ oder ähnliches angesprochen, mit dem offensichtlichen Ziel, mich anzubaggern.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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