Frust

Gestern war extrem frustrierend. Ich habe die Aufgabe bekommen, ein wissenschaftliches Softwarepacket auf unseren Servern zu aktualisieren. Mit Linux arbeite ich seit zwei Monaten nach einer etwa vierzehnjährigen Pause wieder, genauer gesagt seitdem ich diese neue Stelle bekommen habe. In meinem früheren Institut hatten wir für die tägliche Arbeit Windows benutzt, nicht so typisch bei Wissenschaftlern an der Uni. Seit Juli bin ich also dabei, die einfachsten Befehle aus der Kommandozeile neu zu erlernen, zum Beispiel wie Dateien entpackt werden, oder wie ein ganzer Ordner kopiert oder gelöscht wird. Oder wie man ein Programm aufruft, der nicht im PATH liegt. Dateiname funktioniert nicht, seit heute weiß ich, dass ich ./Dateiname eintippen soll. Ja, man kann auch unter Linux mit Fenstern und Maus arbeiten, aber ich wusste lange nicht, wie man ein solches Explorer-Fenster öffnet, wenn man mit ssh auf einem anderen Rechner unter einem anderen Login arbeitet. Und ich weiß nicht mal, wo meine persönlichen Dateien physisch liegen, da ich egal aus welchem Rechner darauf zugreifen kann. Aber gut, das ist nicht das wichtigste. Ich komme mir ziemlich blöd vor, wenn ich meinen Zimmerkollegen, den IT-Ingenieur der Arbeitsgruppe, wegen solchen Kleinigkeiten um Hilfe fragen muss. Und gestern nachmittags hieß es plötzlich bei unserem wöchentlichen Meeting, dass ich für die wissenschaftlichen Programme hier zuständig bin.

Damit es nicht zu einfach wird, haben wir verschiedene Server, und das Softwarepacket muss auf allen aktualisiert werden. Server1 ist älter und für unsere internen Zwecke gedacht, darauf kann ich nur 32bits-Versionen installieren. Der neuere Server2 wird für den Nutzerbetrieb und für intensive Rechnungen benutzt, auf diesem müssen 64bits-Versionen installiert werden. Das Softwarepacket, das ich aktualisieren musste, steht schon seit einem Jahr zum Herunterladen zur Verfügung – wie viele Programme in meinem Fach handelt es sich um ein kostenloses Programm, das von anderen Wissenschaftlern unter GNU-Lizenz entwickelt wird. Wie ich heute festgestellt habe, wurde die 64bits-Version auf Server2 schon vor einem Jahr installiert. Das ist schon mal gesparte Arbeit. Ich hatte mit Server1 angefangen. Es gibt seit kurzem ein Installer, das man mit einfachem Klick starten kann und das das ganze Packet samt Aktualisierung der Pfade installiert. Toll, wenn es auf Server1 funktionieren würde. Ich wusste gestern noch nicht, wie man aus der Kommandozeile ein Fenster öffnet, um auf dem Installer zu klicken. Ein Fenster kann ich sonst bei mir ohne Problem aus dem Desktop öffnen, aber dann bin ich unter meinem eigenen Login und habe die benötigten Rechte für die Installation nicht. Den Konqueror-Tipp kannte ich noch nicht. Ich habe in der Kommandozeile Dateiname in dem Ordner eingetippt, in dem das Installer lag; ohne ./ vorne ging’s natürlich nicht. Ich habe das Installer gelöscht und die Programmquelle stattdessen heruntergeladen. Es wäre eh mit dem Installer fehlgeschlagen, da ich heute festgestellt habe, dass es zu „core dumped“-Fehlern führt. Mein Zimmerkollege meint, dass Server1 wahrscheinlich zu alt für das Installer ist.

Es hieß also, Programmquelle kompilieren. Auf der Internetseite des Softwarepackets ist eine ausführliche Anweisung zur Installation angegeben. Ich habe die heruntergeladene Datei entpackt. Ich habe wie beschrieben die setup-Datei für unsere Konfiguration geändert. Ich habe source setup-Datei problemlos durchgeführt. Danach musste ich mit ./configure die Installation konfigurieren. Es ging nicht. Fehlermeldung, ./configure kennt mein System nicht. Mein IT-Kollege hatte sich schon zum Feierabend verabschiedet. Mir hat’s gestern Abend gereicht. Ich spürte ein leichtes Kopfschmerz, das drohte, schnell zur Migräne zu wechseln. Ich bin zur ersten Etage herunter gegangen, es war schon nach 18:00, und Martin war überraschenderweise noch im Büro, mit der Diplom-Studentin (ja, es gibt noch welche). Das Wetter war so toll, ich habe den beiden vorgeschlagen, Eis essen zu gehen. Die Studentin hatte zu viel zu tun. Martin hat sich entschuldigt, mit der Ausrede, dass er heute Abend an einem Lauf teilnehmen wollte. Irgendwie komisch, so ganz nachvollziehen konnte ich es nicht. Wir haben ein bisschen geredet und ich bin weg gegangen. Im gleichen Moment ist auch Martin gegangen, aber er hat mit mir kein Wort mehr gewechselt, hat mir den Rücken zugedreht und ist in die entgegengesetzte Richtung gegangen. Es hat mich total verletzt. Ich habe den starken Eindruck bekommen, dass er sich seit letzter Woche auf einmal von mir distanziert hat, und ich habe keine Ahnung warum. Ich hätte wissen sollen, dass es keine gute Idee ist, sich so schnell zu verlieben. Oder sich überhaupt in einem Deutschen zu verlieben. Deutsche Männer sind mir häufig zu kühl und scheinen selber nicht zu wissen, was sie wirklich wollen. Es kann kein Zufall sein, dass ich schon so viele Jahre in Deutschland Single geblieben bin. Ich werde es sicherlich für die kommenden zwei Jahre hier weiter sein. Schließlich bin ich nur für die Arbeit umgezogen. Ich sollte daran gewöhnt sein, alleine zu leben. Warum finde ich es auf einmal so schwer und deprimierend? Mir ging’s gestern Abend richtig mies.

Wie auch immer, ich habe heute mein Installationsproblem gelöst. Ich hatte gestern einfach nicht die ganze Quelle heruntergeladen, also doch nicht die richtige Datei ausgesucht, deswegen kannte das System ./configure nicht. Nach dem make habe ich gesehen, dass einige Teilprogramme aus dem Packet fehlten. Ich habe sie einfach aus der früheren Version kopiert. Danach gab’s Probleme mit dem Pfad für Tcl/Tk. Ich war froh, als ich den Namen des Softwarepackets eingetippt habe und das Fenster tatsächlich erschienen ist. Ich habe meine Kollegen, die mit dem Programm häufig arbeiten, darum gebettet, mich über Probleme zu informieren. Ich hoffe, keiner meldet sich, weil es dann heißen würde, dass ich es endlich richtig installiert habe.

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2 Gedanken zu “Frust

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