Das Wochenende geht zu Ende

Nur einige Stunden, und dann muss ich mit dem Zug nach Berlin. Dahin fliegen ist momentan viel zu teuer. Es wird schon wieder eine sehr lange Fahrt, ich werde kurz vor zwölf in der Wohnung ankommen. Ich denke, ich werde heute Abend beim Ankommen das Fahrrad bei der Arbeit lassen und mit dem Bus fahren. Sonst dauert es noch länger, und morgen muss ich arbeiten. Mit der Bahncard kann ich ja anschließend mit Bus fahren. Und wie üblich werde ich zuerst „meine“ Spinnen durchzählen, bzw. ihre neuen Lagen herausfinden. Die drei an der Decke im Badezimmer verhalten sich schon lustig. Eine große ist seit zwei Wochen immer am gleichen Ort zwischen Dusche und Waschbecken geblieben. Die zwei anderen waren am Anfang oberhalb von der Tür. Letzte Woche ist die kleinere von den zwei zur Lüftung oberhalb von der Dusche gewandert. Am Freitag kam sie mir plötzlich sehr groß vor. Sie hatte aber einfach ihren Platz mit der größeren exakt getauscht. Die Spinne im Schlafzimmer war letzte Woche wirklich zwischen Schrank und Wand gegangen und ist bis Freitag dort geblieben.

Ich werde im Zug ein wenig schlafen. Ich habe noch Ohropax in meiner Tasche. Es war am Freitag sehr praktisch. Ich hatte einen Sitzplatz umgeben von Familien mit Kleinkindern reserviert bekommen. Geheul, Geschrei… Ich war froh, die Wachskugeln dabei zu haben. Ich trage sie sehr ungern, aber es ist mir noch lieber als Kopfschmerze. Die kleine Familie, die an meinem Tisch reserviert hatte, ging noch. Der Junge war geschätzt zwölf und las ein Buch. Sein Vater kam mir komisch vor, wie er sich mit ihm wegen Kleinigkeiten gestritten hatte und ihn ein wenig gehänselt hatte. Es hat zum Glück nicht zu lange gedauert, aber immer wieder im Laufe der langen Fahrt. Die Mutter war hochschwanger und las ganz ruhig neben mir. Ich war ihnen innerlich dankbar, dass sie das ältere Paar vertrieben haben, das sich zuerst gegenüber von mir hingesessen hatte. Der Mann war mir von hinten angekommen und hatte mit Schwung seine Rolltasche knapp über meinen Kopf zum Fach oben geworfen, mit der gleichzeitigen Warnung „Vorsicht, Kopf weg!“ Was sind das denn für Manieren? Er hat sich stark aufgeregt, als die Familie angekommen ist, weil keine der Plätze als reserviert markiert war. Weg mussten sie trotzdem. Mein Sitzplatz war auch nicht markiert. Die Deutsche Bahn ist nicht in der Lage, reservierte Sitzplätze in außerplanmäßigen Zügen als solche kennzuzeichnen. Ich war müde und konnte ein bisschen schlafen. Es war nicht so erholsam, weil mein Ischias schmerzte und ich häufig meine Position wechseln musste. Ich hätte gehofft, heute Nacht eine Liege im City Night Line reservieren zu können, aber es war schon wieder ausgebucht, und ich musste eine frühere Verbindung nehmen. Ich werde schon wieder einen schönen sonnigen Sonntagnachmittag im Zug verbringen müssen.

Es gab am Freitag aber auch sonst eine schöne Überraschung. Als ich für meinen Anschlusszug in Düsseldorf umgestiegen bin, habe ich auf dem Gleis Lutz, einen ehemaligen Studenten, getroffen, den ich für eine Bachelorarbeit am Institut betreut hatte. Wir haben uns während der ganzen Restfahrt unterhalten. Ach ja, Studenten… Einzel genommen geht’s gut, aber ich habe keine Lust mehr auf frontale Lehrveranstaltungen. Ich bin froh, dass ich das in meiner neuen Arbeit nicht mehr machen muss. Höchstens werde ich bei Praktika die Betreuung an den Geräten übernehmen. Die werde ich noch diese Woche kennen lernen. Vorher brauchte ich eine Sicherheitsgenehmigung, die ich erst am Freitag bekommen habe. Ab morgen wird die Arbeit richtig spannend.

Heute Morgen ist meine Vermieterin gekommen und hat erzählt, dass sie einen sehr interessierten Bewerber für die Wohnung auf der Straßenseite hat. Er will ab August einziehen, die Verbindungstür zwischen beiden Wohnungen wird wieder zu gemacht. Ich muss bis dahin alle meine Sachen zur hinteren Wohnung bringen. Den kleinen Tisch und die Kommode hatte ich von dort hin gebracht, es ist also kein Problem, aber für die Couch muss ich sehen, wie es klappt. Die Pflanzen und viele Kleider habe ich schon genommen. Ich hatte erst für Oktober gekündigt, aber wenn jemand die kleinere Wohnung früher haben will, kann ich wieder weniger Miete bezahlen. Selbst mit der Bahncard ist das Pendeln am Wochenende sehr teuer.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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One-Night-Stand…

… ist wahrscheinlich ein falscher Titel für diesen Eintrag, der von einer kurzen Begegnung mit David vor sieben Jahren handelt.

Denn David kannte ich eigentlich schon lange, und zwar sehr gut. Wir hatten uns vor vierzehn Jahren während meines Diplom-Jahres kennengelernt, er war damals Doktorand am gleichen Institut. Und es hatte nicht lange gedauert, bis wir ein Paar geworden sind. Ich kann mich nicht mehr so gut an die Vorgeschichte erinnern. Ich war eines Abends für eine Feier bei einem Kommilitonen eingeladen worden. Davor hatte ich mit David, mit dem ich seit einigen Tagen geflirtet hatte, in einem kleinen Restaurant gegessen. Ich hatte ihn überredet, zur Feier mitzukommen, und ihm eindeutige Annäherungen gemacht, was für mich eher untypisch ist, ich bin sonst scheuer Natur. Nach der Feier hatten wir die Nacht bei ihm verbracht. Geschlafen hatten wir kaum. Der Sex mit ihm war unvergesslich. Ich hatte mich noch nie im Bett mit einem Mann so frei gefühlt wie mit ihm. Es hätte eine Geschichte von einer Nacht bleiben können. Mir war gar nicht klar, was er wollte, und es wäre für mich am Anfang nicht schlimm gewesen, wenn es nur beim Sex blieb, aber nach einigen Zögerungen seinerseits, wo er viel von seiner Ex-Freundin erzählt hatte, haben wir doch eine ernstere Beziehung angefangen. Lange hat sie nicht gedauert, gerade sechs Monaten. Ich bin für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen[1]. Das mit dem Pendeln haben wir zwei Monaten lang gemacht, aber es wurde ihm zu lästig, und er hat Schluss gemacht. Am Telefon. Mit der Ausrede, dass ich ihn ja angemacht hatte, daher wäre ich selber Schuld, dass wir überhaupt zusammen gekommen wären. Es hat richtig weh getan. Ich war total süchtig nach ihm geworden, nach seinem Geruch, seinem Körper, mit seinem dicht behaarten Bauch[2] und sehr beeindruckenden… äh, ihr wisst schon. Ich habe nach der Trennung wirklich Entzugserscheinungen bekommen und gezittert. Seine feige Ausrede hatte mich gleichzeitig sehr sauer gemacht. Er hätte einfach sagen können, dass er keine Lust auf Fernbeziehung hatte, statt mir so eine Frechheit zu servieren. Ich habe mich danach mit Stefan getröstet. Tja… Vielleicht erzähle ich diese Geschichte irgendwann.

Vor sieben Jahren also… Ich war zu einer Fachtagung in Belgien gefahren. Als Eröffnung der Tagung gab es einen Plenarvortrag. Ich bin gerade pünktlich zum Hörsaal angekommen. Ich trug Schuhe mit hohen Absätzen. Normalerweise konnte ich ohne Problem damit laufen. Im Dunkel im Hörsaal bin ich auf der Seitentreppe auf dem Weg zu einem Sitzplatz gestolpert und buchstäblich in den Armen von einem großen Mann gefallen, der mir entgegen kam – es war David. Nach dem Vortrag gab es abends eine Art „Get together“ Party. Ich hatte vor, mit meinen deutschen Kollegen den Abend zu verbringen. David hat sich zu uns kurz gesellt, hat mir Getränke gebracht, und meinte, wir könnten auch in der Stadt in einer Kneipe plaudern, statt am Tagungsort zu bleiben. Tja, warum nicht… Belgien hat so viele tolle Biersorte… Es wurde sehr spät, wir haben über vieles diskutiert. Irgendwann haben wir uns plötzlich geküsst. David hat angefangen, mir völlig unglaubwürdige Sachen zu erzählen, wie er all die Jahre nur an mich gedacht hätte, auch wenn er mit anderen Frauen zusammen war, mit übertriebenen Seufzen; ich wäre die einzige Frau, mit der er ohne Problem Sex haben könnte, die anderen würden sich über seine Größe beschweren; er hätte solche Angst gehabt, dass ich vielleicht einen neuen Freund hätte… Ich musste einfach lachen. Er hat nach dem Grund für meine Heiterkeit gefragt. Ich wollte ihm sagen, dass er es gar nicht nötig hätte, so ein Quatsch zu erzählen, das hätte ich von ihm gar nicht erwartet und es klang so falsch. Ich wusste aber noch, wie toll wir damals Sex zusammen hatten, seine Berührungen hatten mich ganz schön aufgeregt, ich hatte sehr lange keinen Freund gehabt, mit dem zu vielen Alkohol wollte ich nicht zu lange reden, und habe deshalb beschlossen, ihm nur zu antworten, dass ich es nicht fassen konnte. Man konnte es ja so oder so verstehen. Mit seinem überdimensionierten Ego hat er wirklich gedacht, ich hätte seinem blöden Gerede Glauben geschenkt und hätte vor Freude gelacht. Wir sind zu meinem Zimmer gegangen. Ich könnte jetzt erzählen, was wir für eine wundervolle Nacht verbracht haben, aber es würde der Wahrheit nicht entsprechen. Zu viel Bier vor dem Sex sollte man vermeiden. Es ging schnell, ich habe Schmerze bekommen[3]. Er wollte auf meinem Bauch kommen. Danach ist er zu seinem Zimmer gegangen, wir waren zufällig im gleichen Hotel unterbracht. Ich habe geduscht und geschlafen. Und das war’s. Fast. Wir haben später in der Woche einen Abend in der Stadt verbracht. Er meinte, ich sollte meine Arbeit verlassen und zu ihm in Frankreich kommen. Im Ernst. Ich habe es abgelehnt. Er sah betroffen aus.

Das letzte Mal habe ich ihn zufällig in der Mensa eines großen Forschungszentrums vor vier Jahren in Frankreich getroffen. Ich hatte dort an einem Workshop teilgenommen, er hatte Messzeit an einer Beamline bekommen. Wir haben kurz gesprochen, Banalitäten ausgetauscht, und ich bin mit meiner Gruppe essen gegangen.

[1] Ich war, und bin immer noch, der Meinung, dass meine Arbeit wichtiger als irgendwelche Liebesbeziehung ist. Ich bin halt lieber Single als arbeitslos. Ich glaube, meine Mami hat mir als Kind zu oft erzählt, ich sollte einen reichen Mann heiraten. Ich habe früh beschlossen, dass ich lieber mein eigenes Geld verdienen möchte.
[2] Wenn ich heutzutage sehe, wie sich Männer enthaaren, bin ich völlig entsetzt. Echt ein Liebeskiller. Sorry, mich macht es gar nicht an.
[3] Und ich habe mich gefragt, wie ich vorher seine ungewöhnliche Größe genießen konnte. Gefühle müssen wirklich dabei eine Rolle spielen, ich war nach so vielen Jahren nicht mehr verliebt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.