Zurück zu Hause

Die erste Arbeitswoche ist vorbei, ich fahre zurück zu meiner Katze. Ich lasse hinter mir die mit Spinnen infizierte Wohnung. Ich glaube, eine hat mich über Nacht gestochen. Ich habe diese Woche viele Mückenstiche bekommen, auch am Hals, aber ich habe in der Wohnung selbst gar keine Mücke wahr genommen, und der Stich hat, im Gegenteil zu den anderen herum, eine starke allergische Reaktion verursacht. Könnte es schlimmer in dieser Wohnung werden? Ja, wenn die Glühbirnen ausfallen. Ich bin nicht mal eine Woche da gewesen, und schon zwei sind kaputt gegangen. Die Hauptbirne im Schlafzimmer und eine der drei Birnen im Eingangsflur. Beide beim Einschalten des Lichtes. Jetzt lasse ich die anderen Lichter ständig an. Sonst geht auch noch eine andere kaputt, und ich will nicht im Dunkel mit den Spinnen sein.

Ich hoffe sehr, bald eine Wohnung zu finden, um umzuziehen und nicht mehr so lange hin und her mit dem Zug zu fahren. Die letzte Wohnung, die ich diese Woche besichtigt habe, gefällt mir sehr. Sie ist groß genug, ruhig gelegen, und bietet auch im Erdgeschoss Zugang zu einem gechlossenen Innenhof, so dass meine Katze ins Grüne gehen könnte und trotzdem von den Gefahren der Straße geschützt bleibt. Ich habe schon einige der verlangten Nachweise zum Makler geschickt und hoffe auf eine positive Rückmeldung. Selbst wenn ich am Anfang nur ein Bett habe, ziehe ich sofort hin. Und obwohl ich für diese Wohnung eine Maklerprovision bezahlen müsste, wäre die Wohnung auf zwei Jahre gerechnet immer noch billiger, als die erste, die ich am Dienstag besucht habe. Diese war dunkel, hatte so hohe Decken, dass ich viel heizen müsste, hatte auf der Anzeige mit einem Balkon geworben, den ich eher als Fensterdekoration bezeichnen würde, so klein und unbenutzbar ist er, und die Einbauküche war in einem sehr schlechten Zustand, ich hätte sie sowieso entfernt und eine neue eingebaut.

Diese Zugreise kommt mir jetzt wie eine Ewigkeit vor. Wir sind mit Verspätung aus Berlin los gefahren, so dass ich meinen Anschlusszug schon mal nicht erreichen werde. Ich habe es aber geahnt, deswegen habe ich die Arbeit heute Nachmittag früh verlassen, um eventuell noch einen späteren Anschlusszug zu bekommen. Die Antwort meines Chefs, als ich fragte, ob es ging: „Klar, kein Problem“. Cool. Ich habe Fachliteratur im Rucksack eingepackt, aber nach einigen Stunden ist Schluss mit Lesen.

Gegenüber von mir am Tisch sitzt ein junger ausländisch aussehender Mann, ein Spanier, glaube ich, der irgendwie komisch wirkt. Nicht nur, dass er die Nutzung eines Taschentuches anscheinend nicht kennt und die ganze Zeit geschnieft und ungeniert in seiner Nase gebohrt hat. Seit einiger Zeit hantiert er nur noch mit seinen Handys. Ich habe schon ausgeflippt, als er anfing, einen elektrischen Kabel aus einem Aufladegerät nackt zu legen und beide Kupferdrähte schön zu vorbereiten und gerade zu drehen. Als er ein Handy genommen hat und die Batterie raus geholt hat, ging’s mir ganz schlecht, mein Herz schlug ganz wild, und ich musste ihn fragen, was er da trieb. Auf Englisch, weil er kein Deutsch spricht. Worauf er antwortete, dass er seine Batterie aufladen wollte, da er nicht das richtige Gerät dabei hätte. Es scheint auch zu stimmen, wie er dann beide Drähte an der Batterie mit seinem Daum fest gehalten hat und keine weitere Sachen damit verbunden hat, aber irgendwie habe ich Geschichte im Kopf von Terroranschlägen, die mit Batterien von Handys gestartet wurden. Wobei, jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte ich eigentlich keinen konkreten Beispiel nennen. Trotzdem werde ich sehr froh sein, wenn ich endlich aus diesem Zug aussteige. Dadurch, dass ich den jungen Mann angesprochen habe, hat er mich auch Fragen gestellt, und sehr schnell, ob ich verheiratet oder Single wäre. Ich hasse es, wenn fremde Männer sich erlauben, solche persönliche Fragen zu stellen. Ich habe die Frage ausgeweicht, bin aber noch freundlich geblieben, falls er doch vor hätte, den Wagen in die Luft zu sprengen. Ha, ich mache mir bestimmt Sorgen umsonst. Ich habe den Laptop aus der Tasche geholt und angefangen zu tippen, dabei glotzt er mich so ab und zu, als ob er noch das Gespräch suchen möchte, was ich schon nicht mehr will. Das mit dem Anbaggern hat er aber gelassen, als ich ihm nebenbei mein Alter gesagt habe. Ich sehe halt nicht so alt aus. Ich glaube, er steigt in Duisburg aus, dann bin ich alleine am Tisch.

[…] Tja, jetzt, wo er ausgestiegen ist, habe ich mir wirklich umsonst Sorgen gemacht. Wir haben doch weiter gesprochen, er hat erzählt, er ist unterwegs, um einen Freund zu besuchen. Irgendwann hat er seine Handys wieder eingesteckt. Er hat die ganze Zeit versucht, seinen Freund anzurufen, hat aber anscheinend nicht die richtige Nummer gehabt, obwohl der Freund ihn vorher angerufen hatte. Ich denke, weil sein Handy nicht deutsch ist. Meine Mami hatte auch früher das Problem, dass sie meine Nummer nie vollständig auf ihrem Display gesehen hatte, wenn ich sie aus dem Ausland angerufen hatte. Wir haben mit meinem Handy probiert, seinen Freund anzurufen, und es ging nicht. Er hat erzählt, dass er diesen Freund erst morgen besuchen wollte und für gerade 30€, die er noch in der Tasche hatte, irgendwo übernachten wollte. Ich habe ihm viel Glück gewünscht, weil ich nicht weiß, wo man so billig schlafen kann. Ich habe ihm vorgeschlagen, nach Jugendherbergen zu suchen. Ich kenne mich in Duisburg aber gar nicht aus.

Ich bin sonst diese Woche nach einigen Wochen Stille wieder von Hülya angerufen worden. Diesmal hatte sie ihre Nummer nicht versteckt, was mich verunsichert hat. Ich hatte sie auf dem Handy nicht mehr gespeichert gehabt, er waren zu viele Jahre her, als sie sich jedes Wochenende bei mir eingeladen hatte. Ich dachte, es wäre jemand, der für eine Wohnungsbesichtigung anruft, und habe nach dem verpassten Anruf zurück gerufen. So ein Mist, sie war’s. Da ich abends in der Stadt unterwegs war und gerade viel Verkehr vorhanden war, habe ich so getan, als ob ich nicht hören könnte, wer dran war. Nach mehrmaligen „Allo?“ und „Ich höre Sie ganz schlecht“ habe ich wieder aufgelegt. Sie hat mich seitdem drei/vier Male am Tag versucht, anzurufen, aber jetzt, wo ich ihre Nummer kenne, gehe ich nicht mehr dran, das Handy habe ich auf leise gestellt. Sobald ich eine Wohnung in Berlin habe, ändere ich meine Handynummer. Vorher kann ich nicht, da ich diese Nummer für Wohnungsbesichtigungen angegeben habe. Sie hatte damals eine Freundin erwähnt, die bei O2 arbeitet. Ich lasse mich zwar nie in Telefonbüchern eintragen, aber vielleicht sollte ich sogar den Anbieter wechseln, falls sie auf die Idee kommt, diese Freundin nach meiner Nummer zu fragen.

[…] Endlich zu Hause. Die Glühbirne im Flur hat sich hier auch beim Einschalten verabschiedet, es ist wirklich nicht meine Woche mit Lampen. Rucksack auf dem Boden, Katze in den Armen, sie hat sich wieder über meine längere Abwesenheit beschwert, die Arme, ich habe sie auch vermisst, dann konnte ich nicht länger warten, ich bin trotz später Stunde in die Dusche gegangen und habe meine Haare gewaschen. Nächste Woche sind meine Tage vorbei, ich werde dann dafür zu einem Schwimmbad in der Nähe der Arbeit gehen – und dabei noch Sport treiben.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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