Erster Tag in Berlin

Ich bin am Montag früh angekommen. Dadurch, dass ich eine Liege im Nachtzug reserviert hatte, konnte ich deutlich besser als letzte Woche im ICE schlafen. Ich habe mein Fahrrad mitgenommen, es wird bei den Wohnungsbesichtigungen viel helfen. In Frankfurt musste ich zweieinhalb Stunden auf den Nachtzug warten – ich war absichtlich zu früh weg gefahren, weil ich noch nie mit Fahrrad und Bahn unterwegs war. Als ich auf einer Bank am Gleis lag und las (Oliver Twist), gut versteckt durch den riesen Rucksack, ist ein Mann mit weißem Shirt und Jeans zu meiner Höhe – und zur Höhe des Fahrrads neben mir – gekommen. Als er gesehen hat, dass ich nicht schlief, sondern lies, hat er sich plötzlich umgedreht und ist schnell vom Gleis wieder verschwunden. Übrigens: In Frankfurt Süd sind weder ein Aufzug noch eine Rolltreppe vorhanden, um zum Gleis für den Nachtzug zu kommen. So begeistert war ich davon nicht, meine Beine tragen noch deutliche Spuren vom Fahrrad. Es ging in der S-Bahn viel besser als befürchtet. Ich bin am Südkreuz statt am Hauptbahnhof wie geplant ausgestiegen, weil die S-Bahn-Verbindungen von dort aus doch besser waren, und es gab jedes Mal sehr wenige Leute, ich konnte problemlos mit dem Fahrrad ein und aussteigen.

Mein erster Arbeitstag verlief ziemlich ruhig. Wir haben einige Formalitäten machen müssen. Ich bin ein wenig frustriert, dass eine wichtige Sache bei der Arbeitssicherheit ziemlich lange dauern wird, weil ich dadurch nicht so schnell alle vorgesehenen Tätigkeiten durchführen kann. Als ich letzte Woche den Arbeitsvertrag unterschrieben habe, hieß es, ich könnte mich nicht vor dem ersten Arbeitstag darum kümmern. Das blöde ist, dass ich gestern die dafür zuständige Person nicht erreichen konnte. Ans Telefon ging sie nicht. Ihre Email-Adresse war nicht zu finden. Ich habe die Email zur Personalabteilung geschickt, mit der Bitte, sie an die richtige Person weiterzuleiten, aber eine Antwort habe ich nicht bekommen. Allerdings aus meiner privaten Email-Adresse, eine berufliche Adresse habe ich noch nicht bekommen. Einen eigenen Arbeitsplatz auch nicht. Nachmittags hatten wir ein Treffen der Arbeitsgruppe. Es hat nicht lange gedauert, weil viele Kollegen zurzeit im Urlaub sind. Es hat mir schon einen guten Einblick in der Arbeitsorganisation gegeben.

Ich habe den Schlüssel zu meiner temporären Erdgeschoss-Wohnung beim internationalen Begegnungszentrum abgeholt. Der Weg mit dem Fahrrad dahin war toll, aber obwohl die Strecke schön flach ist, war es mit dem schweren Rucksack mühsam. Als ich das Haus entdeckt habe, habe ich Bedenken bekommen. Die Außenwände sind mit grünem Zeug voll bedeckt, das zieht bestimmt alle Insekten wie verrückt an. Die Lage der Wohnung selbst ist idyllisch. Direkt am Dahme (oder heißt es hier schon Spree?), und der Blick aus dem Wohnzimmer geht zum Garten und zum Wasser, wo so viele Leute mit kleinen Booten hingehen. Dagegen sieht die Wohnung von der Seite der Küche und des Schlafzimmers fast wie ein Keller aus, der Fußweg zum Wasser liegt auf der gleichen Höhe wie die Fenster.

Vor der Wohnung

Ich wollte schon die Tür zum Garten öffnen, aber in diesem Moment ist mir die erste Spinne aufgefallen. Beim nach oben Schauen habe ich eine zweite schnell entdeckt. Ich habe das Licht angemacht. Oberhalb vom Fernseher, zwischen Wand und Decke, waren drei weitere Weberknechte zusammen geschmust. Ich habe meine Sachen vorsichtig aus dem Wohnzimmer zurück geholt, habe beschlossen, dass ich es eigentlich nicht nötig habe, in diesem Zimmer zu sein, und habe die Tür geschlossen. Ich habe zu Hause keinen Fernseher, ich kann hier also weiterhin sehr gut keinen Fernseher schauen. Außerdem sind in dieser kurzen Zeit draußen seltsame Ereignisse vor der Tür geschehen. Als ich nach der Entdeckung der ersten Spinne zum zweiten Mal aus der Tür geschaut hatte, lag plötzlich eine weiße Maus am Boden, wirklich direkt vor meiner Gartentür. Kein Tier, sondern Computerzubehör. Mit Kabel. Als ich meinen Rucksack genommen habe, den ich auf der Couch beim Reinkommen geschmissen hatte, fiel aus einer höheren Etage eine schwarze Haarbürste und landete im Garten neben der Maus. Ein bisschen Geschrei gab es auch. Ab und zu, bis etwa 23:00. Irgendwie hörte es sich aber nicht wie Streit an. Als das heftige Gewitter ausgebrochen ist, wurde es ruhig im Haus.

Dass ich unter Arachnophobie leide, ist mein eigenes Problem. Jemand, dem es nicht stört, könnte wunderbar hier wohnen. Ich will schon nur noch möglichst schnell wieder weg. Egal, ob ich dadurch diesen Monat drei Mieten zahlen muss: Die erste Wohnung, die passt, wird genommen. Heute Nachmittag habe ich schon einen Termin für eine Besichtigung. Die Wohnung hier ist übrigens schon teuer: Fast 800€ für nicht ganz 60m2, und hinzu kommen 50€ für die Endreinigung, wenn ich wieder raus bin. Ich zahle das gleiche in meiner aktuellen Wohnung, aber dafür habe ich 100m2, und dort gehört zur Wohnung immerhin eine Waschmaschine, hier nicht. Und für ein Zentrum, das in der Unterkunft von Wissenschaftlern spezialisiert ist, ist es für mich sehr enttäuschend, dass nicht mal Eduroam vorhanden ist.

Ich frage mich allerdings, was mit „Endreinigung“ gemeint wird. Und wann wurde hier zum letzten Mal gereinigt? Ich hätte nicht so viele Spinnen erwartet, wenn es gründlich vor kurzem geputzt worden wäre. Allein im Wohnzimmer sind fünf Weberknechte. Ich habe nicht in jeder Ecke geschaut, nur die gut sichtbaren habe ich gemerkt. Deutliche Spinnennetze hängen von der Decke in den Ecken. In der Küche waren zwei weitere Spinnen, so wie im Badezimmer – wo es auch noch schlecht aus der Kanalisation riecht und eine deutliche Staubschicht auf der Ablage hinter dem Klo lag. Stimmt, an der gekachelten Wand hinter dem Klo klebte noch etwas, was wie Schamhaar aussah. Im Schlafzimmer hängt eine Spinne an der Decke neben dem Fenster (ja, den Spruch kenne ich). Sie ist noch weit weg vom Bett (der selbst mir viel zu weich ist und bei jeder Bewegung quietscht). Ein großer, aber leerer Netz, ist zwischen Nachttisch und Wand gespannt und mit Staub geschmückt. Beim Gehen klebte der Boden an meinen Schuhen. Außerdem hängt überall ganz leicht herum der charakteristische süßliche Geruch von Cannabis. Das einzige, was wirklich sauber aussieht, ist der Kleiderschrank im Schlafzimmer. Kein Staub drin, und gut gewaschene Bettwäsche und Handtücher, wie im Hotel. Auf dem ersten Blick. An den Bettwäschen hingen Haare und es klebt an einem Ende etwas schwarzes, keine Ahnung, was es sein könnte. Es sieht aus, als ob es beim Waschen nicht weg gegangen ist.

Ich habe abends geduscht, um den Schweiß des ganzen Tages und des Vortages endlich los zu werden. Meine Haut hat danach gejuckt. Die Dusche ist wirklich in einem schlechten Zustand. Die Dichtung des Brausekopfes ist zerbröselt, Wasser fließt aus unerwarteten Stellen, und es kommt so wenig Druck raus, dass ich mich frage, ob ich mir die Haare vernünftig waschen kann. Es würde beim Spülen so lange dauern, dass ich dadurch den Boden komplett unter Wasser setzen würde. Der Rand von der Dusche ist sehr niedrig und bei den schon vielen entdeckten Spinnen traue ich mich nicht, den Vorhang zu schließen. Vielleicht ist bei der Arbeit eine Dusche vorhanden, wie in meinem früheren Institut. Dann könnte ich mir dort die Haare waschen.

Ich bin heute Morgen gegen 03:30 aufgewacht. Das Bett ist mir wirklich zu weich. Mein Rücken schmerzt. Ich wollte wieder einschlafen, aber es hat nicht geklappt. Als ich zum Badezimmer gegangen bin, habe ich gesehen, dass alle drei Spinnen, mit denen ich mir den nicht gesperrten Teil der Wohnung noch teile, ganz brav an ihren Stellen geblieben sind. Vielleicht ist eine friedliche Kohabitation doch möglich. Ich fühle mich trotzdem unwohl und flippe gleich aus, sobald ein aus meinem Zopf entlaufenes Haar meine Haut berührt.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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7 Gedanken zu “Erster Tag in Berlin

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