Promovierte Wissenschaftlerin, gut verdienend, obdachlos

Die Beschreibung könnte ab morgen gut passen. Ich habe immer noch keine Wohnung gefunden. Bei meiner temporären Unterkunft gibt’s in August keinen freien Platz. Morgen muss ich den Schlüssel zurück bringen. Ich habe heute den frisch erworbenen Staubsauger zu meinem Büro gebracht, damit ich dann nur noch den Rucksack schleppen muss. Eventuell kann ich im Büro übernachten. Auf Dauer ist es keine Lösung. Auf eine WG habe ich keine Lust. Ach nee, als Obdachlose kann ich nicht gelten, ich habe ja meine noch gemietete Wohnung, die gerade 600km von meinem neuen Arbeitsort liegt…

Bei einer Wohnung hatte ich bloss gefragt, ob die für mich eine SCHUFA-Auskunft besorgen können, da ich keinen deutschen Pass habe und die Prozedur dadurch deutlich komplizierter ist. Andere Mieter hatten mich ja schon gefragt, ob ich die SCHUFA-Klausel zur Mieter-Selbstauskunft unterscheiben könnte, damit sie das selber beantragen. Seit zwei Wochen warte ich auf die Antwort, sie hätten so was noch nie gemacht. Ich habe letzte Woche wieder nachgefragt, die Wohnung war auf jeden Fall noch frei, scheinbar hat sich der andere Kandidat anderweitig entschieden. Die Frau hatte es aber verpennt, sich um meine Frage zu kümmern („Ihr Name sagt mir noch was… Ach stimmt, das wollte ich bei meiner Chefin nachfragen…“). Heute Morgen hieß es, die Frau wäre nicht im Haus, sie würde mich heute Nachmittag zurückrufen. Ich gebe ihr noch eine halbe Stunde Zeit, dann weiß ich, dass sie im Büro ist, weil es die Uhrzeit ist, an der sie meistens die Empfangsbestätigungen zu meinen Emails schickt. Hat sie denn kein Interesse daran, die Wohnung zu vermieten? Sie steht schon seit Juni leer, ich hatte mich damals erkundigen wollen, aber der angebotene Besichtigungstermin war gerade während meines Aufenthalts bei meinen Eltern in Frankreich.

Eine andere gute Wohnung habe ich letzte Woche besucht. Ich hatte auch alles mitgebracht, um direkt nach der Besichtigung meine Unterlagen zu geben. Die SCHUFA-Klausel habe ich nachgereicht. Am Samstag schrieb mich der Makler per Email an, dass meine Bewerbung sehr gut aussieht, und er mir am Montag die offizielle Entscheidung des Eigentümers mitteilen würde. Heute ist Dienstag. Natürlich habe ich mich erkundigen wollen. Ich bin um „etwas Geduld“ gebetet worden, der Vermieter würde sich „in Kürze“ bei ihm melden. Ach ja, wir haben noch Zeit, August kommt erst in zwei Tage…

Bei der kleineren Dachgeschosswohnung kann ich nicht mehr fragen, die Anzeige wurde gelöscht. Jemand muss sie zwischendurch gemietet haben. Ein kleiner Trost ist da: Die Wohnung, die ich am Anfang des Monates sofort genommen hätte, bei der der Makler aber eine Woche später eine Bürgschaft von meiner Mutter verlangte, und danach noch immer mehr und mehr Einkommensnachweise, wurde gerade neu ausgeschrieben. Blöde Typen. Jetzt haben sie mich so genervt, dass ich mit ihnen nichts mehr zu tun haben will.

Ich hätte nicht gedacht, dass es in Berlin so schwierig wäre, eine Wohnung zu bekommen. Ich weiß noch, wie einfach es gewesen war, als ich damals als möchte-gerne-Doktorandin in Deutschland angekommen war. Ich hatte noch keinen Arbeitsvertrag unterschrieben, ich hatte lediglich das Versprechen auf einer Promotionsstelle. Ich hatte in einem Hotel drei Nächte verbracht, bis ich eine Wohnung besucht hatte, und am gleichen Tag noch den Mietvertrag bekommen. Bei meiner aktuellen Wohnung hatte ich auch am Tag der Besichtigung den Mietvertrag unterschrieben.

Traum am frühen Sonntagmorgen

Ich bin kurz vor 06:00 aufgewacht. Da meinte meine Katze, ich müsste aufstehen und sie füttern, es war mir aber zu früh. Sie hat sich nach einiger Zeit im Bett neben mir querr gelegt, hat geschnurrt und ist eingeschlafen. Irgendwann hat sie im Schlaf ihren Unterkörper umgedreht, mit dem Bauch nach oben und eine hintere Pfote auf meiner Hüfte. Total süß 😀

Ich war in unserem früheren Familienhaus, meine Mami war in einem Nachbarzimmer. Ich lag im Bett, rechts von mir war keine Wand sondern eine Öffnung zu einem helleren Raum. An der Wand gegenüber von mir hing etwas komisches… Zwei Spinnen? Ich kreischte. Meine Mami fragte, was los war, und meinte dann, sie würde bald kommen, um die Spinnen zu entfernen. Beim genaueren Betrachten sahen sie eher wie zwei Kalamare aus, eine lag auf der anderen, wie beim Fortpflanzen (wobei ich eigentlich gar nicht weiß, wie Kalamare das anstellen). Als meine Mami kam war nichts mehr auf der Wand zu sehen. Die Öffnung rechts von mir war verschwunden, es war eine normale Wand. Sie fragte, wo die Spinnen waren, und ich sagte, es war bloss ein Traum gewesen. Ich war es mir sicher, weil der Raum im Traum nicht sein normales Aussehen hatte[1]. Meine Mami sagte, sie fände es gruselig, wenn Orte im Traum deformiert werden.

Ich war im Bahnhof mit meiner chinesischen Freundin Mei. Wir haben etwas zum essen dort gekauft und auf die Hand mitgenommen. Ich hatte einen Kartoffelauflauf mit ganz viel Käse drauf. Wir haben beim Gehen ein wenig gegessen, bis Mei einen Laden gesehen hat, wo man dieses Spiel wie auf dem Bend spielen kann, mit einer Kugel, die man auf einer steilen Bahn zu einem Loch werfen muss, um Kamele wie bei einem Rennen vorwärts zu bringen. Das wollte sie unbedingt spielen und hatte schon bei dem Mann an der Kasse bezahlt, bevor ich den Laden überhaupt merken konnte. Ich habe dann dem Mann gesagt, ich möchte das gleiche wie Mei kaufen, um mit zu spielen.

Hier habe ich ein Bild gefunden, falls ihr nicht wisst, was ich meine:

Das Spiel war komisch. Es gab keine Kamele, ich habe mich gefragt, was der Sinn des Spieles sein sollte. Die Löcher waren ganz anders als sonst, statt drei Reihen gab es oben rechts und links zwei kleine Löcher auf Hügelchen. Man bekam nicht eine Kugel, sondern ganz viele Perlen, die alle in die Löcher gebracht werden mussten. Ich habe versucht, sie zu werfen, aber sie rollten nicht so gut, sie waren zu leicht. Irgendwann habe ich es wie der Mann neben mir nachgemacht und zwei Hände voll mit Perlen auf den Hügelchen verteilt. Ich kam mir vor, als ob ich Brüste massieren würde. Das Spiel fand ich albern. Ab und zu habe ich bei meinem Nachbar einen Stück von seinem Kartoffelauflauf geklaut und gegessen, als er nicht aufpasste, obwohl ich noch meinen vollen Teller neben mir hatte.

[1] Hier sei erwähnt, dass in unserem früheren Haus dieser Raum auch gar nicht existierte.

Längeres Wochenende

Dadurch, dass ich am Freitag mit einem früheren Zug gefahren bin und einen Liegeplatz im Nachtzug für die Nacht von Sonntag auf Montag reservieren konnte, konnte ich am Wochenende viel mehr machen als bei den letzten zwei.

Die Fahrt am Freitag ging schnell. Weil ich so müde war, dass ich fast nur geschlafen habe. Blöd nur, dass ich meine Wachskugel nicht mehr finden konnte. Wie sich später herausgestellt hat, waren sie ganz unten in meinem Rucksack statt in meiner Handtasche. Das Paar neben mir war ganz schön laut am Anfang. Einschlafen im Zug ist manchmal interessant. Man baut die verschiedenen Gespräche deformiert in den Halluzinationen vor dem Schlaf ein, es kann sehr irre werden. Ich hatte am Tisch reserviert, wie immer. Ich verstehe nicht, warum nicht mehr Leute bei einer so überlasteten Verbindung einen Sitzplatz reservieren. Am Ostbahnhof geht es, da steigen ganz wenige Leute ein. Am Hauptbahnhof wird es plötzlich extrem hektisch, mit genervten Leuten, die sich immer beschweren, dass es so voll ist… Dabei ist die S-Bahn-Fahrt bis zum Ostbahnhof gar nicht so lang. Vielleicht denken die meisten Leute gar nicht daran, von einer Haltestelle aus früher zu starten; die Suche nach einem freien Platz wäre viel entspannter.

Ich möchte sonst noch meinen potentiellen Mitfahrern etwas für mich Wichtiges mitteilen, dass ich so häufig erlebt habe: Wenn ihr für die lange Reise etwas zum Essen packt, ist es ganz vernünftig. Aber muss es unbedingt Brot mit der billigen deutschen Salamisorte sein, die so fürchterlich im ganzen Wagen stinkt, oder mit Leberpastete? Was für ein Spaß, wenn die Dose mit dem Brot nach einigen Stunden Hitze geöffnet wird! Frischkäse tät’s genau so gut und wäre dabei nicht so fett. Dagegen riecht die italienische Salami sehr angenehm, sie liegt Welten von der deutschen entfernt. Allerdings gilt’s auch für Kollegen die im Büro essen (den Fall habe ich zum Glück bei meiner neuen Arbeit nicht gehabt, wir essen in der Mensa).

Am Freitagabend bin ich vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen. Meine Katze hat mir wieder Vorwürfe für die lange Abwesenheit gemacht. Meine Vermieterin meinte, sie hätte sich diese Woche schlecht gelaunt verhalten, als sie kam, um sie zu füttern. Es kann aber auch an der Hitze liegen, bei Außentemperaturen über 30°C liegt sie am Boden und meckert. Wir wohnen unter dem Dach. Das ist ein anderer Grund, warum ich die Dachwohnung mit der so hohen Maklerprovision lieber nicht nehmen möchte. Zur Not ist sie besser als nichts. Bei der schönen Erdgeschosswohnung habe ich noch nichts gehört, und die Frau wollte mir am Ende letzter Woche Bescheid gesagt haben. Es gab plötzlich einen anderen Kandidaten, als ich am Mittwoch angerufen habe. Am Montag sagte sie noch, ich würde den Zuschlag bekommen (was auch immer das bedeutet, ich hatte es als positiv gespeichert).

Ich bin früh ins Bett gegangen. Ich wollte vor dem Einschlafen ein bisschen lesen. Ich weiß noch, wie ich unter meinem Kopfkissen nach einem Buch gesucht habe (es gibt häufig ein oder zwei Bücher unter meinem Kopfkissen). Aber plötzlich war es ganz hell im Zimmer und es war kurz nach 07:00. Das Buch lag noch unter dem Kissen, die Nachtleuchte war noch an. Ich habe vom Einschlafen nichts gemerkt.

Das Wochenende habe ich fast nur mit Putzen verbracht. Staubgesaugt, Boden gewaschen, Kleider in die Waschmachine, meine Sachen und kleine Möbel aus der kleineren Wohnung zur größeren gebracht… Beim Staubsaugen habe ich eine Spinne entdeckt. Eine echte Spinne, von dem Typ groß ekelhaft dick braun. Sie war in einer Ecke versteckt. Es kann sein, dass meine Vermieterin, die über meine Phobie informiert ist, versucht hat, sie zu entsorgen. Der Staubsauger lag nicht wie sonst. Vielleicht hat sie sie vor einer Besichtigung gesehen. Wo die Spinne war, sah es nicht sehr gemütlich aus. Es war so eng, zwischen Wand und Leiste am Boden, ich habe nur die Beine zusammengewinkelt gesehen, die raus ragten. Vielleicht war sie schon tot. Ich muss sagen, es ist sehr selten vorgekommen, dass ich in dieser Wohnung Spinnen getroffen habe.

Die Rückfahrt im Nachtzug war nicht so toll. Ich hatte meinen Wecker um 04:20 gestellt, weil ich so früh in Berlin ankommen sollte. Ich bin aufgestanden, habe mich frisch gemacht, habe den Rucksack auf dem Rücken gepackt, nach draußen geschaut, wir fuhren gerade an einem Bahnhof vorbei… Magdeburg. Mist. Zurück zur Liege. Schlafen konnte ich für die kurze Zeit schon nicht mehr. Wir hatten insgesamt anderthalb Stunde Verspätung. Ich hätte mich blind darauf verlassen sollen, dass die Kontrolleure einen kurz vor Anreise wecken. Wobei eine halbe Stunde davor schon zu viel ist. Aufstehen, aufs Klo gehen, Gepäck sammeln, dafür braucht man doch nicht so lange. Ich hatte ursprünglich vor gehabt, die Nacht im Büro auszuschlafen, aber bei der verspäteten Ankunft lohnt es sich schon nicht mehr. Bald kommt mein dritter Zimmerkollege an.

Weberknechte

En Eintrag, wo mein Unwissen über diese Wesen bestimmt in eklatanter Weise ans Tageslicht kommen wird.

Es gibt Sachen, die ich mir nicht erklären kann. Weberknechte sind laut Leute, die es besser als ich wissen, keine Spinnen. Daher ist der Tag dieses Eintrages schon mal falsch, ich weiß. Sie besitzen weder Spinndrüsen noch Gift. Trotzdem gerate ich in der gleichen Panik in Anwesenheit von Weberknechten wie bei anderen Spinnen. Nun…

  • Andere (echte) Spinnen habe ich in meiner temporären Wohnung gar nicht gesehen. Woher kommen dann die ganzen Netze? Oder der Name? Weberknechte…
  • Selbst wenn sie keinen Gift besitzen, kann ich allergisch auf ihre Stiche reagieren.

Ich bin heute Abend doch zur Wohnung gefahren. Ich wollte duschen, die einzige Dusche bei der Arbeit ist im Erdgeschoss, ich müsste an der Wache an der Tür vorbei gehen, und das möchte ich nicht unbedingt. Außerdem bin ich froh über diese Fahrradtour, die mich in Bewegung bringt. Und heute soll der Hausmeiter in allen Wohnungen für den Filter in der Küche gekommen sein, und ich habe gestern das Versprechen bekommen, dass er die kaputten Glühbirnen bei mir noch wechselt, sowie den Kopf der Dusche. Das alles hat er tatsächlich gemacht. Er hat sogar einen Spinnennetz im Flur entfernt, ich konnte es nicht fassen. Die Spinnen sind aber noch da.

Wie viele sollte es noch sein? Ich hatte zuletzt zwei im Schlafzimmer. Die große, die vom Anfang an da war, und die kleinere, die auf einmal im Flur war und zum Schlafzimmer gegangen ist. Diese liegt jetzt in einer Ecke des Schlafzimmers und ruht für immer, die andere hatte sich unter meinem Bett versteckt, deswegen ich aus der Wohnung abgehauen bin und jetzt bei der Arbeit übernachte. Im Badezimmer waren es ursprünglich zwei, dann drei, jetzt sind es wieder nur zwei, eine kleine und eine große. Heute war eine große oberhalb von der Tür des Schlafzimmers. Mir egal, ich gehe nicht mehr rein. Aber ist es jetzt die, die unter meinem Bett war, oder die dritte aus dem Badezimmer, die wieder aufgetaucht ist?

Über das Verschwinden dieser dritten nicht wirklich Spinne könnte ich eine Idee haben, wenn ich besser über das sexuelle Leben von Weberknechten Bescheid wüsste. Es gibt ja die große Spinne, die an der Decke neben der Dusche hängt. Sie hat sich so lange nicht bewegt, dass ich sie fast für tot gehalten hätte. Seit einigen Tagen habe ich morgens im Waschbecken abgetrennte Spinnenbeine gefunden. Ich dachte, die zerfällt langsam auseinander, aber sie sah immer noch heil aus. Als ich heute duschen wollte, war sie nicht nur immer noch ganz, sondern bewegte sie sich auch noch. Und es gab viele kleine Punkte neben ihr… Nachwuchs. Gut fünfzehn Stücke. Hat sie ihren Paarungspartner gefressen? Tja, ich habe zu viel Angst, auf Bildern zu stolpern, um eine Google-Suche darüber zu machen.

Jetzt möchte ich endlich schlafen. Eine Studentin, die bei mir im Büro sitzt, ist aber gegen 21:30 zurück gekommen und hantiert jetzt im Labor. Ihre Taschen sind noch hier. Mist, wie lange wird sie noch brauchen?

Spinnen 1, Shaarazad 0

Es hat mir gereicht.

Nachdem ich heute Abend in einem italienischen Restaurant gegessen hatte, bin ich gegen 21:00 mit dem Fahrrad zu meiner temporären Wohnung gefahren. Da ein zweites Licht im Flur diese Woche auch ausgegangen ist, hatte ich meine kleine Taschenlampe dabei, die ich mir gestern besorgt hatte. Und als ich zum Schlafzimmer ging, sah ich die große Spinne, die seit einigen Tagen hinter dem Schrank war, unter meinem Bett verschwinden.

Mein Rucksack lag auf dem zweiten Bett. Ich habe den Schrank geleert und meine Sachen drin gepackt. Es hat gerade gepasst. Den Rest aus der Wohnung habe ich in den Fahrradkorb getan. Ich habe noch kurz geduscht, mich wieder angezogen, das Licht auf meinem Helm angeschaltet, den Helm angezogen, den Rucksack auf dem Rücken genommen, und die Wohnung endgültig verlassen. Es war eine harte Fahrt auf dem Fahrrad, mit dem schweren Rucksack, aber ich bin heil zur Arbeit angekommen. Da wir dort tags und nachts Nutzerbetrieb haben, ist es nichts ungewöhnliches, wenn Leute so spät abends ankommen. Ich kann im Büro schlafen. Eine Dusche haben wir auch. Ab heute bleibe ich hier. Wenn ich meinen Rucksack in meinem Schrank tagsüber lasse, wird keiner merken, dass ich hier übernachte.

Die Frau aus dem internationalen Begegnungszentrum hat mir heute noch versichert, dass meine Wohnung am Tag vor meiner Anreise gründlich gereinigt wurde und die Spinnennetze entfernt wurden. Ich habe da meine Zweifeln. Ich hoffe sehr, dass es mit der Wohnung neben der S-Bahn klappt. Ich habe bei der Immobilienfirma heute angerufen. Die Frau sagte, meine Bewerbung würde ihr sehr gut gefallen, aber es gäbe einen anderen Kandidaten, und ich werde erst am Ende der Woche Bescheid wissen.

Das Wochenende geht zu Ende

Nur einige Stunden, und dann muss ich mit dem Zug nach Berlin. Dahin fliegen ist momentan viel zu teuer. Es wird schon wieder eine sehr lange Fahrt, ich werde kurz vor zwölf in der Wohnung ankommen. Ich denke, ich werde heute Abend beim Ankommen das Fahrrad bei der Arbeit lassen und mit dem Bus fahren. Sonst dauert es noch länger, und morgen muss ich arbeiten. Mit der Bahncard kann ich ja anschließend mit Bus fahhren. Und wie üblich werde ich zuerst „meine“ Spinnen durchzählen, bzw. ihre neuen Lagen herausfinden. Die drei an der Decke im Badezimmer verhalten sich schon lustig. Eine große ist seit zwei Wochen immer am gleichen Ort zwischen Dusche und Waschbecken geblieben. Die zwei anderen waren am Anfang oberhalb von der Tür. Letzte Woche ist die kleinere von den zwei zur Lüftung oberhalb von der Dusche gewandert. Am Freitag kam sie mir plötzlich sehr groß vor. Sie hatte aber einfach ihren Platz mit der größeren exakt getauscht. Die Spinne im Schlafzimmer war letzte Woche wirklich zwischen Schrank und Wand gegangen und ist bis Freitag dort geblieben.

Ich werde im Zug ein wenig schlafen. Ich habe noch Ohropax in meiner Tasche. Es war am Freitag sehr praktisch. Ich hatte einen Sitzplatz umgeben von Familien mit Kleinkindern reserviert bekommen. Geheul, Geschrei… Ich war froh, die Wachskugeln dabei zu haben. Ich trage sie sehr ungerne, aber es ist mir noch lieber als Kopfschmerze. Die kleine Familie, die an meinem Tisch reserviert hatte, ging noch. Der Junge war geschätzt zwölf und las ein Buch. Sein Vater kam mir komisch vor, wie er sich mit ihm wegen Kleinigkeiten gestritten hatte und ihn ein wenig gehänselt hatte. Es hat zum Glück nicht zu lange gedauert, aber immer wieder im Laufe der langen Fahrt. Die Mutter war hochschwanger und las ganz ruhig neben mir. Ich war ihnen innerlich dankbar, dass sie das ältere Paar vertrieben haben, das sich zuerst gegenüber von mir hingesessen hatte. Der Mann war mir von hinten angekommen und hatte mit Schwung seine Rolltasche knapp über meinen Kopf zum Fach oben geworfen, mit der gleichzeitigen Warnung „Vorsicht, Kopf weg!“ Was sind das denn für Manieren? Er hat sich stark aufgeregt, als die Familie angekommen ist, weil keine der Plätze als reserviert markiert war. Weg mussten sie trotzdem. Mein Sitzplatz war auch nicht markiert. Die Deutsche Bahn ist nicht in der Lage, reservierte Sitzplätze in außerplanmäßigen Zügen als solche kennzuzeichnen. Ich war müde und konnte ein bisschen schlafen. Es war nicht so erholsam, weil mein Ischias schmerzte und ich häufig meine Position wechseln musste. Ich hätte gehofft, heute Nacht eine Liege im City Night Line reservieren zu können, aber es war schon wieder ausgebucht, und ich musste eine frühere Verbindung nehmen. Ich werde schon wieder einen schönen sonnigen Sonntagnachmittag im Zug verbringen müssen.

Es gab am Freitag aber auch sonst eine schöne Überraschung. Als ich für meinen Anschlusszug in Düsseldorf umgestiegen bin, habe ich auf dem Gleis Lutz, einen ehemaligen Studenten, getroffen, den ich für eine Bachelorarbeit am Institut betreut hatte. Wir haben uns während der ganzen Restfahrt unterhalten. Ach ja, Studenten… Einzel genommen geht’s gut, aber ich habe keine Lust mehr auf frontale Lehrveranstaltungen. Ich bin froh, dass ich das in meiner neuen Arbeit nicht mehr machen muss. Höchstens werde ich bei Praktika die Betreuung an den Geräten übernehmen. Die werde ich noch diese Woche kennen lernen. Vorher brauchte ich eine Sicherheitsgenehmigung, die ich erst am Freitag bekommen habe. Ab morgen wird die Arbeit richtig spannend.

Heute Morgen ist meine Vermieterin gekommen und hat erzählt, dass sie einen sehr interessierten Bewerber für die Wohnung auf der Straßenseite hat. Er will ab August einziehen, die Verbindungstür zwischen beiden Wohnungen wird wieder zu gemacht. Ich muss bis dahin alle meine Sachen zur hinteren Wohnung bringen. Den kleinen Tisch und die Kommode hatte ich von dort hin gebracht, es ist also kein Problem, aber für die Couch muss ich sehen, wie es klappt. Die Pflanzen und viele Kleider habe ich schon genommen. Ich hatte erst für Oktober gekündigt, aber wenn jemand die kleinere Wohnung früher haben will, kann ich wieder weniger Miete bezahlen. Selbst mit der Bahncard ist das Pendeln am Wochenende sehr teuer.

One-Night-Stand…

… ist wahrscheinlich ein falscher Titel für diesen Eintrag, der von einer kurzen Begegnung mit David vor sieben Jahren handelt.

Denn David kannte ich eigentlich schon lange, und zwar sehr gut. Wir hatten uns vor vierzehn Jahren während meines Diplom-Jahres kennengelernt, er war damals Doktorand am gleichen Institut. Und es hatte nicht lange gedauert, bis wir ein Paar geworden sind. Ich kann mich nicht mehr so gut an die Vorgeschichte erinnern. Ich war eines Abends für eine Feier bei einem Kommilitonen eingeladen worden. Davor hatte ich mit David, mit dem ich seit einigen Tagen geflirtet hatte, in einem kleinen Restaurant gegessen. Ich hatte ihn überredet, zur Feier mitzukommen, und ihm eindeutige Annäherungen gemacht, was für mich eher untypisch ist, ich bin sonst scheuer Natur. Nach der Feier hatten wir die Nacht bei ihm verbracht. Geschlafen hatten wir kaum. Der Sex mit ihm war unvergesslich. Ich hatte mich noch nie im Bett mit einem Mann so frei gefühlt wie mit ihm. Es hätte eine Geschichte von einer Nacht bleiben können. Mir war gar nicht klar, was er wollte, und es wäre für mich am Anfang nicht schlimm gewesen, wenn es nur beim Sex blieb, aber nach einigen Zögerungen seinerseits, wo er viel von seiner Ex-Freundin erzählt hatte, haben wir doch eine ernstere Beziehung angefangen. Lange hat sie nicht gedauert, gerade sechs Monaten. Ich bin für meine Doktorarbeit nach Deutschland gekommen[1]. Das mit dem Pendeln haben wir zwei Monaten lang gemacht, aber es wurde ihm zu lästig, und er hat Schluss gemacht. Am Telefon. Mit der Ausrede, dass ich ihn ja angemacht hatte, daher wäre ich selber Schuld, dass wir überhaupt zusammen gekommen wären. Es hat richtig weh getan. Ich war total süchtig nach ihm geworden, nach seinem Geruch, seinem Körper, mit seinem dicht behaarten Bauch[2] und sehr beeindruckenden… äh, ihr wisst schon. Ich habe nach der Trennung wirklich Entzugserscheinungen bekommen und gezittert. Seine feige Ausrede hatte mich gleichzeitig sehr sauer gemacht. Er hätte einfach sagen können, dass er keine Lust auf Fernbeziehung hatte, statt mir so eine Frechheit zu servieren. Ich habe mich danach mit Stefan getröstet. Tja… Vielleicht erzähle ich diese Geschichte irgendwann.

Vor sieben Jahren also… Ich war zu einer Fachtagung in Belgien gefahren. Als Eröffnung der Tagung gab es einen Plenarvortrag. Ich bin gerade pünktlich zum Hörsaal angekommen. Ich trug Schuhe mit hohen Absätzen. Normalerweise konnte ich ohne Problem damit laufen. Im Dunkel im Hörsaal bin ich auf der Seitentreppe auf dem Weg zu einem Sitzplatz gestolpert und buchstäblich in den Armen von einem großen Mann gefallen, der mir entgegen kam – es war David. Nach dem Vortrag gab es abends eine Art „Get together“ Party. Ich hatte vor, mit meinen deutschen Kollegen den Abend zu verbringen. David hat sich zu uns kurz gesellt, hat mir Getränke gebracht, und meinte, wir könnten auch in der Stadt in einer Kneipe plaudern, statt am Tagungsort zu bleiben. Tja, warum nicht… Belgien hat so viele tolle Biersorte… Es wurde sehr spät, wir haben über vieles diskutiert. Irgendwann haben wir uns plötzlich geküsst. David hat angefangen, mir völlig unglaubwürdige Sachen zu erzählen, wie er all die Jahre nur an mich gedacht hätte, auch wenn er mit anderen Frauen zusammen war, mit übertriebenen Seufzen; ich wäre die einzige Frau, mit der er ohne Problem Sex haben könnte, die anderen würden sich über seine Größe beschweren; er hätte solche Angst gehabt, dass ich vielleicht einen neuen Freund hätte… Ich musste einfach lachen. Er hat nach dem Grund für meine Heiterkeit gefragt. Ich wollte ihm sagen, dass er es gar nicht nötig hätte, so ein Quatsch zu erzählen, das hätte ich von ihm gar nicht erwartet und es klang so falsch. Ich wusste aber noch, wie toll wir damals Sex zusammen hatten, seine Berührungen hatten mich ganz schön aufgeregt, ich hatte sehr lange keinen Freund gehabt, mit dem zu vielen Alkohol wollte ich nicht zu lange reden, und habe deshalb beschlossen, ihm nur zu antworten, dass ich es nicht fassen konnte. Man konnte es ja so oder so verstehen. Mit seinem überdimensionierten Ego hat er wirklich gedacht, ich hätte seinem blöden Gerede Glauben geschenkt und hätte vor Freude gelacht. Wir sind zu meinem Zimmer gegangen. Ich könnte jetzt erzählen, was wir für eine wundervolle Nacht verbracht haben, aber es würde der Wahrheit nicht entsprechen. Zu viel Bier vor dem Sex sollte man vermeiden. Es ging schnell, ich habe Schmerze bekommen[3]. Er wollte auf meinem Bauch kommen. Danach ist er zu seinem Zimmer gegangen, wir waren zufällig im gleichen Hotel unterbracht. Ich habe geduscht und geschlafen. Und das war’s. Fast. Wir haben später in der Woche einen Abend in der Stadt verbracht. Er meinte, ich sollte meine Arbeit verlassen und zu ihm in Frankreich kommen. Im Ernst. Ich habe es abgelehnt. Er sah betroffen aus.

Das letzte Mal habe ich ihn zufällig in der Mensa eines großen Forschungszentrums vor vier Jahren in Frankreich getroffen. Ich hatte dort an einem Workshop teilgenommen, er hatte Messzeit an einer Beamline bekommen. Wir haben kurz gesprochen, Banalitäten ausgetauscht, und ich bin mit meiner Gruppe essen gegangen.

[1] Ich war, und bin immer noch, der Meinung, dass meine Arbeit wichtiger als irgendwelche Liebesbeziehung ist. Ich bin halt lieber Single als arbeitslos. Ich glaube, meine Mami hat mir als Kind zu oft erzählt, ich sollte einen reichen Mann heiraten. Ich habe früh beschlossen, dass ich lieber mein eigenes Geld verdienen möchte.
[2] Wenn ich heutzutage sehe, wie sich Männer enthaaren, bin ich völlig entsetzt. Echt ein Liebeskiller. Sorry, mich macht es gar nicht an.
[3] Und ich habe mich gefragt, wie ich vorher seine ungewöhnliche Größe genießen konnte. Gefühle müssen wirklich dabei eine Rolle spielen, ich war nach so vielen Jahren nicht mehr verliebt.

Wohnungen

Es ist noch nicht vorbei mit der Suche. Nachdem ich vorgestern meine Mami im Antrag eintragen lassen habe, fragte mich der Makler heute nach weiteren Nachweisen und Kopien von ihr. Ich habe die Schnauze voll. Die Provision wird eh nur bei erfolgreichen Mietverträgen fällig. Ich mache jetzt nicht mehr mit. Wie mein Chef heute Morgen sagte, bei meinem Gehalt müsste ich mir eigentlich so eine misstrauische Behandlung nicht gefallen lassen. Na ja, er hat auch generell etwas gegen Makler „und andere Arten von Blutsaugern“.

Eine etwa kleinere Wohnung habe ich am Dienstag besucht. Sie war ganz nett, ich könnte mir vorstellen, dort zu wohnen, aber irgendwie wäre sie nicht meine erste Wahl. Die Provision für den Makler liegt gut über zwei Kaltmieten, es gibt mir schon Magenschmerze, nur für einen Mietvertrag um die 1400€ zu bezahlen. Das erklärt sicherlich, warum sie seit mindestens einem Monat frei geblieben ist. Ich verteile die Provision auf die Dauer meines Arbeitsvertrages und komme nach zwei Jahren mit Nebenkosten gerade auf meine aktuelle Miete, finanziell gesehen würde sich nichts ändern, aber trotzdem, psychologisch ist mir der Betrag sehr hoch. Und ja, wie mein Chef sagt, wenn zu viele Mieter anfangen, sich die Wünsche der Makler gefallen zu lassen, können diese in Zukunft nur mehr und mehr verlangen. Schade, der hatte immerhin kein Problem damit, dass ich erst seit zwei Wochen wieder arbeite, er hatte gesagt, der Arbeitsvertrag würde ihm dann reichen (und außerdem sah er sooo gut aus, den möchte frau schon wieder sehen). Aber die Wohnung ist wieder unter einem Dach, es ist da oben sehr warm im Sommer, ich habe es sofort gemerkt, ohne Aufzug wird der Umzug dementsprechend teurer und es ist nicht so toll, den Katzenstreu über vier Etagen zu schleppen – das habe ich bis jetzt ja immer gemacht.

Ich habe heute Abend eine andere Wohnung besucht. Diesmal ohne Provision, und im Erdgeschoss. Sie sieht toll aus. Der kleiner Vorraum mit großen Fenstern zur Strasse, der in der Beschreibung der Wohnung vergessen wurde, wäre perfekt geeignet für meine Pflanzen. Die Wohnung liegt ganz nah an die S-Bahn, auch wenn nicht direkt neben den Linien, aber es ist mir beim längeren Warten vor der Wohnung nicht sonderlich aufgefallen. Der Mann sagte, wenn der Wind aus der anderen Richtung kommt, könnte es mit der S-Bahn schon lauter werden. Den Schlafzimmer kann man trotzdem in einem leisen Raum einrichten. Dafür, dass er das so ehrlich und spontan sagte, kriegt die Wohnung einen Plus-Punkt. Jetzt kann man noch nicht einziehen, es ginge erst ab August. Die Wohnung ist laut Anzeige seit Juni frei, aber die Renovierungsarbeiten wurden noch nicht mal angefangen. Ich habe die Unterlagen für den Antrag auf Mietvertrag bekommen und dachte, ich würde sie sehr gerne ausfüllen und schicken. Wegen meiner neuen Arbeit und den verlangten Gehaltsabrechnungen müsste ich mich bei der Immobilienfirma erst am Montag erkundigen, der Hausmeister, der die Besichtigung führte, wusste nicht Bescheid. Die Firma sitzt gar nicht in Berlin. Ich hoffe, ich werde dort nicht den gleichen bürokratischen Ärger wie bei der Wohnung von letzter Woche bekommen. Als ich zurück zu meinem Büro gegangen bin und mir die Formulare angeschaut habe, habe ich ein unangenehmes Gefühl bekommen. Es gibt da mitgeheftet eine „Ermächtigung zum Einzug von Forderungen durch Lastschrift“. Zum Einem habe ich bis jetzt meine Mieten immer selber bezahlt und mit dem Dauerauftrag ging es problemlos. Ich möchte nicht, dass fremde Personen nach Lust und Laune auf meinen Konto zugreifen. Zum Anderen sehe ich nicht ein, dass ich dieses Formular ausfüllen muss, wenn es noch keinen Mietvertrag gibt. Aber es steht auf der letzten Seite geschrieben, man müsste die „vollständig ausgefüllten Bewerbungsunterlagen“ zurück senden. Das werde ich also am Montag am Telefon auch klären müssen, bevor ich irgendwelche Unterlagen schicke.

Wohnungssuche

Ich habe noch keine anständige Wohnung. Ich will hier raus. Die Spinne im Schlafzimmer, die seit letzter Woche immer oben an der Decke zu sehen war, ist heute Morgen plötzlich verschwunden. Vielleicht ist sie hinter dem Schrank, ich hatte sie bei meiner Rückkehr aus dem Wochenende dort oben gefunden. Oder sie ist in den Flur gegangen. Der Cannabis-Geruch von meinem Vormieter ist stärker geworden, ich kann ihn jetzt schon im Treppenhaus wahrnehmen, bevor ich überhaupt meine Tür geöffnet habe. Ich lüfte ja nicht, ich will nicht mehr Spinnen in die Wohnung rein lassen. Die einzige Belüftung kommt, wenn ich morgens vor der Arbeit oder abends bei meiner Rückkehr die Wohnungstür länger öffne. Und es kann kein Zufall sein, wenn ich heute Nacht zum zweiten Mal zwischen Montag und Dienstag um 03:30 aufgewacht bin, auch wenn ich nicht sagen könnte, aus welchem Grund. Bis 05:00 habe ich versucht, wieder einzuschlafen, es ging nicht. Wie letzte Woche, der Tag war mit einer heftigen Migräne zu Ende gegangen. Ich hoffe, heute nicht. Die Nacht davor war hier kein Problem gewesen. Ich war am Sonntagnachmittag mit dem Zug zurück gefahren, weil alle Liegen in den Nachtzügen ausgebucht waren. Es wäre mir lieber gewesen, im Zug zu schlafen, dann hätte ich eine Nacht weniger mit den Spinnen verbracht.

Für die Wohnung, die mir letzte Woche so sehr gefallen hatte, habe ich viele Formulare bekommen, die ich ausfüllen musste. Ich habe einige schon am Freitag zurück geschickt, ich bin am Wochenende zu meiner aktuellen Wohnung gefahren, nicht nur um meine Katze zu sehen, sondern auch um fehlende Unterlagen zu holen und die Mietschuldenfreiheitbescheinigung von meiner Vermieterin zu bekommen, und habe den Rest gestern geschickt. Plötzlich hieß es, weil ich Arbeitslos war müsste ich eine zweite Person zur Sicherheit auf dem Antrag haben. Obwohl ich letzte Woche schon erwähnt hatte, dass mein letzter Gehaltsnachweis von September ist. Der Makler hat sich hinter der „Verwaltung“ versteckt, die so viel verlangen würde. Was soll das jetzt plötzlich für eine Unterstellung sein? Selbst als Arbeitslose hatte ich genug Geld bekommen, um ohne groß auf irgendetwas zu verzichten mein Lebensunterhalt zu sichern, obwohl meine aktuelle Wohnung teurer als diese ist. Ich verdiene jetzt sogar mehr Geld als in meiner früheren Arbeit. Als ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, meinte die Frau bei der Personalabteilung lachend, dass jeder Vermieter mir bei dem Gehalt die Füße küssen würde – weit gefehlt.

Ich habe die Formulare zu meiner Mami per Email geschickt. Da sie kein Deutsch spricht, werden wir sie heute Nachmittag zusammen am Telefon ausfüllen. Da sie keinen Drucker hat, muss sie die Formulare bei einer Freundin ausdrucken lassen. Da sie kein Scanner hat, wird sie die ergänzten Formulare bei ihrer Arbeit scannen lassen müssen. Und danach wird sie lernen müssen, wie man Dateien im Anhang einer Email hinzufügt. Sollten sie bei der Immobiliengesellschaft danach noch die Frechheit besitzen, mir nur einen Mietvertrag für zwei Jahre anzubieten, weil im Gehaltsnachweis von meinem Arbeitgeber die Information steht, dass der Vertrag für zwei Jahre befristet ist, suche ich mir eine andere Wohnung aus. Und die kriegen dann von mir eine ganz schlechte Bewertung bei Immobilienscout. Ich habe gestern wieder einige Termine für neue Besichtigungen beantragt. Ich will jetzt keine Wohnung nehmen, bei der ich weiß, dass ich gleich beim eventuellen nächsten Eintritt in die Arbeitslosigkeit wieder ausziehen muss – ich werde natürlich alles tun, um eine neue Arbeitslosigkeit zu verhindern. Ich denke, das kommt davon, wenn man nicht bei privaten Personen eine Wohnung mietet, was ich sonst bis jetzt in Deutschland immer gemacht hatte.

Zurück zu Hause

Die erste Arbeitswoche ist vorbei, ich fahre zurück zu meiner Katze. Ich lasse hinter mir die mit Spinnen infizierte Wohnung. Ich glaube, eine hat mich über Nacht gestochen. Ich habe diese Woche viele Mückenstiche bekommen, auch am Hals, aber ich habe in der Wohnung selbst gar keine Mücke wahr genommen, und der Stich hat, im Gegenteil zu den anderen herum, eine starke allergische Reaktion verursacht. Könnte es schlimmer in dieser Wohnung werden? Ja, wenn die Glühbirnen ausfallen. Ich bin nicht mal eine Woche da gewesen, und schon zwei sind kaputt gegangen. Die Hauptbirne im Schlafzimmer und eine der drei Birnen im Eingangsflur. Beide beim Einschalten des Lichtes. Jetzt lasse ich die anderen Lichter ständig an. Sonst geht auch noch eine andere kaputt, und ich will nicht im Dunkel mit den Spinnen sein.

Ich hoffe sehr, bald eine Wohnung zu finden, um umzuziehen und nicht mehr so lange hin und her mit dem Zug zu fahren. Die letzte Wohnung, die ich diese Woche besichtigt habe, gefällt mir sehr. Sie ist groß genug, ruhig gelegen, und bietet auch im Erdgeschoss Zugang zu einem gechlossenen Innenhof, so dass meine Katze ins Grüne gehen könnte und trotzdem von den Gefahren der Straße geschützt bleibt. Ich habe schon einige der verlangten Nachweise zum Makler geschickt und hoffe auf eine positive Rückmeldung. Selbst wenn ich am Anfang nur ein Bett habe, ziehe ich sofort hin. Und obwohl ich für diese Wohnung eine Maklerprovision bezahlen müsste, wäre die Wohnung auf zwei Jahre gerechnet immer noch billiger, als die erste, die ich am Dienstag besucht habe. Diese war dunkel, hatte so hohe Decken, dass ich viel heizen müsste, hatte auf der Anzeige mit einem Balkon geworben, den ich eher als Fensterdekoration bezeichnen würde, so klein und unbenutzbar ist er, und die Einbauküche war in einem sehr schlechten Zustand, ich hätte sie sowieso entfernt und eine neue eingebaut.

Diese Zugreise kommt mir jetzt wie eine Ewigkeit vor. Wir sind mit Verspätung aus Berlin los gefahren, so dass ich meinen Anschlusszug schon mal nicht erreichen werde. Ich habe es aber geahnt, deswegen habe ich die Arbeit heute Nachmittag früh verlassen, um eventuell noch einen späteren Anschlusszug zu bekommen. Die Antwort meines Chefs, als ich fragte, ob es ging: „Klar, kein Problem“. Cool. Ich habe Fachliteratur im Rucksack eingepackt, aber nach einigen Stunden ist Schluss mit Lesen.

Gegenüber von mir am Tisch sitzt ein junger ausländisch aussehender Mann, ein Spanier, glaube ich, der irgendwie komisch wirkt. Nicht nur, dass er die Nutzung eines Taschentuches anscheinend nicht kennt und die ganze Zeit geschnieft und ungeniert in seiner Nase gebohrt hat. Seit einiger Zeit hantiert er nur noch mit seinen Handys. Ich habe schon ausgeflippt, als er anfing, einen elektrischen Kabel aus einem Aufladegerät nackt zu legen und beide Kupferdrähte schön zu vorbereiten und gerade zu drehen. Als er ein Handy genommen hat und die Batterie raus geholt hat, ging’s mir ganz schlecht, mein Herz schlug ganz wild, und ich musste ihn fragen, was er da treibte. Auf Englisch, weil er kein Deutsch spricht. Worauf er antwortete, dass er seine Batterie aufladen wollte, da er nicht das richtige Gerät dabei hätte. Es scheint auch zu stimmen, wie er dann beide Drähte an der Batterie mit seinem Daum fest gehalten hat und keine weitere Sachen damit verbunden hat, aber irgendwie habe ich Geschichte im Kopf von Terroranschlägen, die mit Batterien von Handys gestartet wurden. Wobei, jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte ich eigentlich keinen konkreten Beispiel nennen. Trotzdem werde ich sehr froh sein, wenn ich endlich aus diesem Zug aussteige. Dadurch, dass ich den jungen Mann angesprochen habe, hat er mich auch Fragen gestellt, und sehr schnell, ob ich verheiratet oder single wäre. Ich hasse es, wenn fremde Männer sich erlauben, solche persönliche Fragen zu stellen. Ich habe die Frage ausgeweicht, bin aber noch freundlich geblieben, falls er doch vor hätte, den Wagen in die Luft zu sprengen. Ha, ich mache mir bestimmt Sorgen umsonst. Ich habe den Laptop aus der Tasche geholt und angefangen zu tippen, dabei glotzt er mich so ab und zu, als ob er noch das Gespräch suchen möchte, was ich schon nicht mehr will. Das mit dem Anbaggern hat er aber gelassen, als ich ihm nebenbei mein Alter gesagt habe. Ich sehe halt nicht so alt aus. Ich glaube, er steigt in Duisburg aus, dann bin ich alleine am Tisch.

[…] Tja, jetzt, wo er ausgestiegen ist, habe ich mir wirklich umsonst Sorgen gemacht. Wir haben doch weiter gesprochen, er hat erzählt, er ist unterwegs, um einen Freund zu besuchen. Irgendwann hat er seine Handys wieder eingesteckt. Er hat die ganze Zeit versucht, seinen Freund anzurufen, hat aber anscheinend nicht die richtige Nummer gehabt, obwohl der Freund ihn vorher angerufen hatte. Ich denke, weil sein Handy nicht deutsch ist. Meine Mami hatte auch früher das Problem, dass sie meine Nummer nie vollständig auf ihrem Display gesehen hatte, wenn ich sie aus dem Ausland angerufen hatte. Wir haben mit meinem Handy probiert, seinen Freund anzurufen, und es ging nicht. Er hat erzählt, dass er diesen Freund erst morgen besuchen wollte und für gerade 30€, die er noch in der Tasche hatte, irgendwo übernachten wollte. Ich habe ihm viel Glück gewünscht, weil ich nicht weiß, wo man so billig schlafen kann. Ich habe ihm vorgeschlagen, nach Jugendherbergen zu suchen. Ich kenne mich in Duisburg aber gar nicht aus.

Ich bin sonst diese Woche nach einigen Wochen Stille wieder von Hülya angerufen worden. Diesmal hatte sie ihre Nummer nicht versteckt, was mich verunsichert hat. Ich hatte sie auf dem Handy nicht mehr gespeichert gehabt, er waren zu viele Jahre her, als sie sich jedes Wochenende bei mir eingeladen hatte. Ich dachte, es wäre jemand, der für eine Wohnungsbesichtigung anruft, und habe nach dem verpassten Anruf zurück gerufen. So ein Mist, sie war’s. Da ich abends in der Stadt unterwegs war und gerade viel Verkehr vorhanden war, habe ich so getan, als ob ich nicht hören könnte, wer dran war. Nach mehrmaligen „Allo?“ und „Ich höre Sie ganz schlecht“ habe ich wieder aufgelegt. Sie hat mich seitdem drei/vier Male am Tag versucht, anzurufen, aber jetzt, wo ich ihre Nummer kenne, gehe ich nicht mehr dran, das Handy habe ich auf leise gestellt. Sobald ich eine Wohnung in Berlin habe, ändere ich meine Handynummer. Vorher kann ich nicht, da ich diese Nummer für Wohnungsbesichtigungen angegeben habe. Sie hatte damals eine Freundin erwähnt, die bei O2 arbeitet. Ich lasse mich zwar nie in Telefonbüchern eintragen, aber vielleicht sollte ich sogar den Anbieter wechseln, falls sie auf die Idee kommt, diese Freundin nach meiner Nummer zu fragen.

[…] Endlich zu Hause. Die Glühbirne im Flur hat sich hier auch beim Einschalten verabschiedet, es ist wirklich nicht meine Woche mit Lampen. Rucksack auf dem Boden, Katze in den Armen, sie hat sich wieder über meine längere Abwesenheit beschwert, die Arme, ich habe sie auch vermisst, dann konnte ich nicht länger warten, ich bin trotz später Stunde in die Dusche gegangen und habe meine Haare gewaschen. Nächste Woche sind meine Tage vorbei, ich werde dann dafür zu einem Schwimmbad in der Nähe der Arbeit gehen – und dabei noch Sport treiben.