Plündertag – Fahrrad – Berlin

Da ich in Kürze umziehe und vieles nicht mehr brauche oder nicht mitnehmen möchte, will ich möglichst viele Sachen vor dem Umzug entsorgen. Ich habe schon letzte Woche angefangen und zwei großen Mülltüten voll mit noch guten aber lange nicht mehr getragenen Klamotten zu den Sammelcontainern gebracht – was mir Muskelkater verursacht hat, da ich Fußgängerin bin. Zwei weiteren Mülltüten mit nicht mehr zu rettendem Kram wurden entsorgt. Dinge, von denen ich mich schon lange hätte trennen sollen.

Aber es gab andere Sachen, bei denen es zu schade gewesen wäre, sie einfach weg zu werfen. Meinen alten Rechner, der im Dezember kaputt ging (eigentlich war es nur die Grafikkarte, aber er war mir eh zu langsam geworden), habe ich schon gestern einem früheren Kollegen für seinen Verein gespendet. Ich habe zusätzlich bei meinem ehemaligen Institut einige Kolleginnen informiert und einen Plündertag bei mir heute organisiert. Natürlich habe ich vorher auch etwas zum gemeinsamen Mittagessen gekocht. Yong Jin hat meine Tischstaffelei bekommen, die aus der Zeit stammt, als ich in meinem Viertel Malkurse bei einer damals neu eröffneten Galerie genommen hatte. Jetzt, wo ich meine tolle Wacom-Tablet habe, benutze ich die Staffelei gar nicht mehr, und ich wusste, dass sie seit längerer Zeit schon eine haben wollte. Ich habe auch jede Menge Bücher verschenkt, die ich nicht behalten wollte. Meine Freundin Mei ist noch mit zwei alten abgenutzten Mänteln nach Hause gegangen, sie wollte daraus etwas für ihre Katze basteln. Meine Katze war ein bisschen aufgeregt, so viele Leute auf einmal zu Hause zu sehen. Mei und Yong Jin kannte sie ja schon. Sie hat Antje heute zum ersten Mal gesehen und sie durfte sie schon hoch in den Armen tragen. Mei fand das so unfair, weil sie häufiger bei mir war und es gerade ab und zu durfte, sie zu streicheln. Ich war selber überrascht, dass sie sich so schnell von einer fremden Person anfassen lässt.

Ich habe meine Kolleginnen anschließend zum Institut begleitet. Ich wollte mein Fahrrad holen, das dort in einem Zimmer im Keller steht, um es reparieren zu lassen, weil ich es so lange wegen Ischias nicht benutzt habe, und es nach Berlin mitnehmen möchte. Ich habe doch eine große Überraschung bekommen, weil mein Fahrrad nirgendwo zu finden war. Ich hatte es früher in einer Garage behalten, aber sie grenzte an einem schon seit gut zwanzig Jahren ausgeschalteten kleinen Reaktor, der vor meiner Zeit für Physikstudenten bei Praktika benutzt wurde, und die Strahlenschutzabteilung hat uns vor zwei Jahren verboten, in der Garage persönliche Gegenstände zu behalten – obwohl die gemessene Strahlung in dem Raum quasi dem normalen Untergrund der natürlichen Radioaktivität entspricht. Ich hatte mit einem Kollegen einen anderen Platz fürs Fahrrad gefunden, und vor etwa einem Jahr hat er mich überredet, das Fahrrad zu diesem Raum zu bringen. Nur heute war es weg. Ich habe mit der Sekretärin überall auf dem Gelände gesucht, aber es war nicht zu finden. Sie wird morgen meine anderen Kollegen danach fragen. Hmm, jetzt, wo ich noch mal daran denke, erinnere ich mich ganz dunkel, dass eine chinesische Doktorandin bei einem Betriebsausflug letztes Jahr es benutzt hatte.

Ich habe sonst meine Fahrkarte für Sonntag nach Berlin gekauft. Diesmal reise ich mit reservierter Liege. Selbst wenn es laute Durchsage die ganze Nacht wie am letzten Sonntag gibt, werde ich wenigstens keine Schmerze wegen ungünstigen Schlafpositionen haben. So komme ich gegen 09:00 bei meiner Arbeit am Montag an. Ich werde einfach mit meinem Rucksack kommen. Den hatte ich vor sechs Jahren für einen Urlaub in Finnland gekauft (mich hatte es plötzlich gepackt, ich war im Sommer zwei Wochen lang alleine um die Seen gefahren). Er ist super bequem, ich konnte damit Stundenlang ohne Problem gehen. Ich habe heute Abend weiter nach Wohnungen gesucht. Berlin mag zwar groß sein, aber wo ich arbeiten werde sieht es eher wie ein Dorf aus. Es ist durchaus möglich, dort eine ruhige Lage zu finden. Da ich jetzt weiß, dass ich auf die Straßenbahn achten muss, habe ich neue Termine für Besichtigungen beantragen können. Ich hoffe, ich finde bald etwas, was mir gefällt. Dann muss ich neue Möbel kaufen (meine aktuelle Wohnung war möbliert), den Umzug organisieren, und meine Katze mitnehmen. Und die aktuelle Wohnung renovieren lassen, es gibt viel zu tun. Meine Vermieterin kommt erst am Wochenende vom Urlaub zurück, aber sie hat schon zugestimmt, so lange auf meine Katze aufzupassen, bis ich eine Wohnung in Berlin habe. Sie hat sich all die Jahre so freundlich verhalten, es tut mir schon leid, ausziehen zu müssen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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Bewerbungsstatistik

Jetzt, wo ich meinen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, wollte ich mir die Statistik meiner Bewerbungen seit meiner Anmeldung als Arbeitssuchende[1] genauer anschauen. Ich habe ja für die Arbeitsagentur immer meinen Stand der Bewerbungen mit Excel bearbeitet, es sollte schnell gehen.

Insgesamt habe ich 149 Bewerbungen geschrieben. Für einige mag es sich unglaublich hoch anhören, aber es ist in meiner Branche nicht unüblich. Bei promovierten Akademikern in der Chemie habe ich häufig von 200 oder sogar 300 Bewerbungen gehört. Ich liege damit eher im unteren Bereich, ich hätte mehr Bewerbungen schreiben können. Von diesen 149 Bewerbungen habe ich 77,2% Absagen bekommen und bei 3,4% habe ich nicht mal eine Empfangsbestätigung bekommen. Es hat sich also seit der Zeit meiner Promotion vor zehn Jahren stark verbessert, weil damals aus meiner Erfahrung eine Empfangsbestätigung oder überhaupt eine Antwort eher die Ausnahme war. Bei 10,7% meiner Bewerbungen bin ich zu einem Gespräch eingeladen geworden. Aus den 19,5% übrig gebliebenen Bewerbungen, bei denen ich seit der Empfangsbestätigung nichts mehr gehört habe, wären wahrscheinlich auch Absagen geworden, da diese noch offenen Bewerbungen schon zu lange liegen[2]. Falls ihr euch in diesen Zahlen grob erkennt: Nur nicht aufgeben! Ein Freund hat mir letzte Woche von einem seiner ehemaligen Arbeitskollegen erzählt[3], der gerade nach zwei Jahren Arbeitssuche endlich etwas gefunden hat. Es gibt aber auch Fälle, wo Leute nicht mal 20 Bewerbungen geschickt haben und sofort erfolgreich wurden, siehe meine Kollegin.

Ich muss sagen, ich habe großes Glück mit dieser Stelle gehabt. Hätte sie nicht geklappt, wäre ich immer noch arbeitslos, hätte am Montag eine dreimonatige Weiterbildung in Qualitätsmanagement angefangen[4] und müsste heute an einem Gruppentreffen bei der Arbeitsagentur teilnehmen, um über die Beantragung von Hartz IV informiert zu werden[5]. Ich bin froh, dass es mir erspart wurde. Ich muss mich unbedingt bei Theo, meinem früheren Kollegen, bedanken, der mich meinem neuen Chef bei der Fachtagung in März vorgestellt hat. Es ist die einzige Stelle, bei der ich den Ausschreibungstext nicht gesehen hatte, weil sie nicht in einer Jobbörse stand sondern nur in einer von mir unbekannten Mailing-Liste bekannt gegeben wurde. Ich hätte mir echt gewünscht, dass meine ehemaligen Institutsleiter oder Chef, mit denen ich immerhin über zehn Jahren gearbeitet habe, mich so aktiv unterstützt hätten, wie dieser Kollege, mit dem ich nur kurz während meiner Diplomarbeit vor vierzehn Jahren über Email Kontakt hatte und den ich sonst so selten getroffen habe.

Jetzt bleibt mir nur noch, die Personalbearbeiter bei den noch offenen Bewerbungen zu informieren, dass meine Bewerbungen nicht mehr aktuell sind. Ich habe heute Morgen angefangen, und brauche noch einige Zeit dafür.

[1] Schon ein Jahr! Wie die Zeit vergeht…
[2] Ich habe heute Nachmittag einen Anruf verpasst. In der Nachricht sagte der Mann, er möchte sich mit mir über meinen Lebenslauf unterhalten.
[3] Ja, das berühmte „ein Freund von einem Freund“…
[4] Ohne Erfolgsgarantie bei späteren Bewerbungen in diesem für mich neuen Bereich.
[5] Bei der Stelle in Holland haben sie mich zwar ganz kurz nach dem Gespräch angerufen, aber doch nur um mir auf diesem Wege eine persönlichere Absage zu erteilen.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.