Vorstellungsgespräch in Berlin

Das Kostüm für morgen ist gebügelt, das Butterbrot ist geschmiert. Ich wollte noch vor dem Gespräch von morgen in Holland über den Verlauf des gestrigen Tages berichten.

Das Institut lag gerade zehn Minuten vom Hotel entfernt. Als ich zum Gebäude ankam, habe ich einen jungen Mann mit schwarzem Anzug ankommen gesehen. Ich habe vermutet, dass er Mitkandidat #1 wäre, und hatte recht. Wir haben uns gegenseitig vorgestellt und auf den bequemen Sesseln im Eingang ein wenig diskutiert. Kurz danach kam mein zweiter Mitkandidat #2 an. Wir haben da gewartet, bis unsere Gesprächspartner angekommen sind. Sie sind zum Hörsaal für die Vorträge gegangen und wir konnten unsere Präsentationen auf dem Laptop kopieren.

Ich war von der Ausstattung vom Hörsaal enttäuscht. Es gab kein Pult, der Laptop wurde einfach auf einem Stuhl der ersten Reihe gestellt, und wir haben einen einfachen Laserpointer bekommen, der keine Fernbedienung fürs Laptop hatte. Irgendwie hat mich der starke Eindruck nicht verlassen, dass ich schon mal in dem Hörsaal gesessen hatte. Bei einer früheren Fachtagung? Es kann sehr gut sein, ich komme nur nicht mehr drauf. Kurz danach ist die dritte Mitkandidatin angekommen, sie sprach kein Deutsch und hatte sich auf dem Weg verlaufen. Hätte ich doch allen angeboten, zusammen am Abend vorher essen zu gehen, wie ich am Wochenende gedacht hatte, hätten wir gemeinsam zum Vorstellungsgespräch gehen können. Wir waren sowieso noch nicht so weit und wurden mehrfach so insistent über den Kaffeeraum im ersten Geschoss informiert, dass wir auch dorthin unseren „Prüfern“ gefolgt sind. Ein der beide Männer, #1, meinte, es wäre bestimmt dazu gedacht, damit wir uns vor den Vorträgen entspannen können, es war für ihn aber das allererste Vorstellungsgespräch, weil er gerade im Schreiben seiner Doktorarbeit steckt, und er meinte, er würde sich nicht trauen, noch irgendwas zu schlucken, das Frühstück war ihm schon schwierig genug gewesen. Gutmütig wie ich bin, habe ich auch noch versucht, ihn aufzumuntern. So eine blöde Kuh kann ich manchmal sein.

Die Vorträge selbst kamen mir danach sehr schnell vor. Ich war als zweite dran und war als Physikerin die einzige, die nichts mit Biologie zu tun hat. Wir teilen nur eine gemeinsame Messmethode. Ich habe den anderen zugehört und war dabei froh, wenn ich irgendwas von ihren Ergebnissen verstanden habe. Sie haben mir aber gesagt, bei meinem Vortrag ging es ihnen genauso. Und ich dachte, ich hätte extra versucht, didaktisch zu sein… Der Vorteil war, dass ich am Schluss gar keine fiese Frage bekommen habe. Bei meinen Mitkandidaten sind teilweise solche Fragen gestellt worden, bei denen ich dachte, es war offensichtlich, dass die „Prüfer“ sie durchbohren wollten. Bei Mitkandidat #1 waren die Fragen sogar auf einem solchen Grundniveau, dass ich es als beleidigend für ihn empfunden hatte. Aber offensichtlich konnte er mit der Frage nichts anfangen.

Nach den Vorträgen wurde es schon Zeit für die Mittagspause. Wir sind zu viert alleine geblieben und haben beschlossen, zur Mensa zu gehen – was uns nach ein bisschen Verlaufen tatsächlich gelungen ist. Nachmittags hatten wir individuelle Gespräche. In der ersten halben Stunde hatte ich frei, zusammen mit der anderen Mitkandidatin, und wir haben auf den Sesseln auf der zweiten Etage geplaudert. Sie sagte, sie wollte vor allem in Deutschland arbeiten, weil ihr Freund auch hier ist. Ich habe ihr über meine Erfahrungen in Deutschland erzählt. Sie hat mir gesagt, unsere zwei Mitkandidaten würden ihr Angst machen. Wahrscheinlich würden sie eher die Stelle bekommen. Ich fand es frech, dass sie mich nicht als ernste Mitkandidatin betrachtet hat. Danach habe ich eine Gruppenbesprechung gehabt, die meiner Meinung nach gar nicht schlecht lief, und nach der Besprechung sollte ich eine halbe Stunde mit dem aktuellen Inhaber der Stelle sprechen.

Wir haben einen Kaffee geholt und auf der Terrasse draußen diskutiert. Es wurde eine ganze Stunde. Mir ist danach aufgefallen, weil wir den Tagesablauf per Email bekommen hatten, dass es vorgesehen war, dass er nur mit mir spricht und nur eine halbe Stunde, meine Mitkandidaten waren mit anderen Mitarbeitern beschäftigt. Ein gutes Zeichen? Wir haben über vieles diskutiert. Ich fand ihn sehr sympathisch. Er hat auch eine Katze, die er leider nicht nach Berlin mitnehmen konnte. Berlin mag er sowieso nicht. Er hat mir erzählt, dass er es müde war, so viele befristete Verträge in der Wissenschaft durch zu machen, und dass er sich endlich mal niederlassen möchte. Er ist zu dem Schluss gekommen, dass es als Wissenschaftler nicht möglich ist, und hat jetzt ein neues Studium fürs Lehramt begonnen. Diese verbitterte Erkenntnis ist mir leider allzu oft zu den Ohren gekommen. Wissenschaftler im öffentlichen Dienst in Deutschland haben es schwer. Und es ist kein Leben, ständig für einen zwei oder drei Jahren langen Vertrag umziehen zu müssen. Dabei kann man keine Pläne für die Zukunft machen. Kein Haus kaufen. Keine ernste Beziehung aufbauen, zum Beispiel, das habe ich bei jedem meiner Umzüge bis jetzt festgestellt. Es ist kein Zufall, wenn ich jetzt lieber ledig bleibe. Ich habe selber häufig genug feststellen müssen, dass es keinen Zweck hat. Genau das hat mir ein anderer Wissenschaftler aus meiner Uni letztes Jahr auch erzählt, der Mitte vierzig ist. Auf einen Punkt waren wir uns gestern einig: Es ist eine Schande, wie wenig Geld Wissenschaftler an Großforschungseinrichtungen in England verdienen. Zwischendurch haben wir uns auch daran erinnert, über die Stelle sachlich zu sprechen. Am Ende hat er mir angeboten, im Büro über die Webcam die wissenschaftlichen Geräte zu schauen. Genau dort haben wir Mitkandidatin #3 im Gespräch mit den anderen Mitarbeitern gefunden. Danach hat sie mir mehrmals gesagt, „Wow, du warst eine ganze Stunde mit ihm?“ Worauf ich geschlossen habe, dass es doch möglich ist, dass ich für diese Stelle tatsächlich in Frage komme, obwohl meine Biologiekenntnisse aus dem Gymnasium stammen. Wichtig für die Stelle ist ja, dass man gut programmieren kann, und ich konnte aus meinen Mitkandidaten nicht erkennen, dass sie jemals programmiert hätten.

Als wir alle durch waren, haben wir im Kaffeebereich gewartet, weil wir noch die Formulare für die Reisekosten bekommen sollten. Mitkandidat #1 hat erzählt, dass es ihm während des Gruppengespräches empfohlen wurde, sich auf eine andere Stelle bei denen zu bewerben. Es klang, als ob sie ihn nicht für diese Stelle haben wollten. Ich fand’s hart, dass er auf dieser Art bei einem ersten Vorstellungsgespräch inoffiziell aber direkt eine Absage am gleichen Tag bekommt. Die zwei anderen haben nichts Besonderes über ihr Gespräch erzählt. In meinem Gespräch haben sie mir ausdrücklich gesagt, was ich alles nachzuholen hätte, wobei ich geantwortet hatte, dass es mir bewusst ist, ich aber über eine schnelle und gute Auffassungsgabe verfüge und es als kein Problem betrachte. Ich bin es allerdings nicht gewöhnt, mich selbst so affirmativ zu loben, aber es stimmt, lernen kann ich gut und schnell, meine (wenige) neidische Kommilitonen haben es während meines Studiums hinterlistig häufig zum Ausdruck gebracht – haben mich deswegen gemobbt, was mir aber egal war, ich habe es nicht als eine schlechte Erfahrung eingestuft und hatte eher Mitleid für sie. Winfried, ein der drei „Prüfer“, mit dem ich bei der Tagung in März zuerst geredet hatte, hat mit mir gesprochen und sich mit mir so verhalten, als ob er mich schon als eine seiner Mitarbeiter betrachten würde. Aufgrund meiner vielen Pleiten nach Vorstellungsgesprächen will ich mir keine Hoffnung machen, aber irgendwie ist die Hoffnung doch da. Ich hoffe sehr, dass ich nicht wieder enttäuscht werde.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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4 Gedanken zu “Vorstellungsgespräch in Berlin

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