Das Leben nach dem Tod

Erklärt von einem vierjährigen Mädchen. Diese Geschichte ist also 32 Jahre alt.

Es war im Sommer. Wir waren mit meinen Eltern gerade aus der Stadt ausgezogen und wohnten in einem kleinen Dorf. Unsere Mietwohnung war in einer engen Gasse, die ganz steil war, wie man in der Provence häufig sehen kann. Ich kann mich nicht mehr genau an die Umstände erinnern, aber ich weiß noch, dass kurz nach unserem Umzug ein Bruder meiner Mutter gestorben ist. Mir hat es niemand so richtig gesagt, ich habe es verstanden, weil ich alles zugehört hatte, was die Erwachsenen um mich herum erzählten (sie verhielten sich immer, als ob ich nichts verstehen würde), und weil meine Mami traurig war. Ich musste erstmal genauer fragen, was der Tod wirklich bedeutet. Ich weiß eigentlich nicht mal, ob ich diesen Onkel überhaupt kannte. Eines Sommertages waren viele Geschwister meiner Mami (also noch fünf) und unbekannte Personen zu Hause und hatten auf einem Paperboard viel geschrieben und diskutiert. Mich hatte es nicht interessiert, ich konnte sowieso noch nicht mal lesen. Ich nehme jetzt an, es gab damals nach dem Tod meines Onkels finanzielle Fragen zu klären.

Sein Tod hat mir viel zum Grübeln gegeben. Vor allem, weil meine Mami traurig war. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich abends alleine in meinem Bett über den Tod nachgedacht hatte und versuchte, mir vorzustellen, wie es war, nicht mehr zu leben. Na ja, nach gerade vier Jahren ist das mit dem Denken noch nicht so entwickelt, aber ich hatte mir eine Geschichte im Kopf gebastelt. Für mich war es so, dass die Leute nach dem Tod weiterhin mitbekommen würden, was die Lebenden machen, aber von weit weg, deswegen wir sie nicht mehr sehen können. Die Verstorbenen würden unter sich bleiben und das Leben ihrer Verwandten auf einem riesen Fernseher schauen. In meinen inneren Bildern konnte ich es mir genau vorstellen, und sah einen Raum, der sehr ähnlich wie die Räume in meiner früheren Vorschule in der Stadt aussah, mit hohen breiten Fenstern, vielen kleine Banken zum sitzen und einen großen Fernseher, wo die Verstorbenen alles, was wir hier machen, schauen würden.

Stolz auf mich, eine tröstende Darstellung über den Tod gefunden zu haben, habe ich beschlossen, das Ergebnis meines Nachdenkens meiner Mami vorzutragen. Wir hatten an einem heißen Tag die Wohnung gerade verlassen und gingen die steile Straße hoch, als ich mit meiner Erklärung anfing. So richtig geschickt im Erklären war ich allerdings noch nicht. So fing ich an: „Weißt du, Mami, es gibt Leute, die uns zuschauen“. Meine Mami hat sich umgeschaut und gesagt, sie würde niemanden sehen. Da konnte ich weiter erklären, da es mit meiner Geschichte so gut passte: „Das ist normal, wir können sie nicht sehen, aber sie schauen uns versteckt“. Und da hat meine Mami etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe: „Du bist paranoid“. Also musste ich fragen, was paranoid bedeutet. Meine Mami sagte, es ist, wenn man glaubt, dass alle Leute, wie die Nachbarn oder Unbekannte, uns hinten ihrer Jalousien versteckt aus dem Fenster ihrer Wohnungen beobachten würden. Ich habe mich total missverstanden gefühlt und war frustriert, dass ich meine Gedanken nicht richtig ausdrucken konnte. Aufgegeben habe ich aber nicht, und ich habe gesagt, „Nein, du verstehst nicht, das hatte ich nicht gemeint“. Also hatte meine Mami nachgefragt, was ich wohl erzählen wollte. Neuer Versuch: „Weißt du, manchmal sind Leute da, und danach sieht man sie nicht mehr. Sie verschwinden und sind nicht mehr hier. Aber sie sehen uns trotzdem.“ Kurze Pause, dann hat meine Mami auf einmal verstanden. „Ach so, du meinst, die Leute im Himmel?“ Von Religion hatte ich noch nie was gehört. „Im Himmel?“ „Ja, die Leute, die gestorben sind, gehen zum Himmel“. Ich habe den knallblauen Himmel genauer betrachtet und war ein bisschen skeptisch darüber. Aber warum nicht. Das mit meinem früheren Klassenzimmer konnte nicht wirklich der Realität entsprechen. Wenigstens meinte meine Mami jetzt das gleiche wie ich. „Vielleicht, es ist möglich“, habe ich eingeräumt, und beschlossen, darüber nachzudenken (später konnte ich abends im Bett aus den Fenstern meines Klassenzimmers weiße Wolken vor dem blauen Himmel ziehen sehen). Ich weiß nicht, ob meine Geschichte den gewünschten Effekt hatte, und zwar, meine Mami zu trösten. Ich habe das Thema nicht mehr versucht, so richtig zu diskutieren. Diese Geschichte meiner Kindheit hatte ich sogar völlig verdrängt, bis meine Oma gestorben ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

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