Spinnen

Was ich heute auf jeden Fall machen muss: Staubsaugen. Das heißt, zuerst den vollen Beutel aus dem Staubsauger raus nehmen, einen neuen rein tun, und dann staubsaugen. Wenn ich motiviert bin, kann ich auch sogar den Boden waschen. Aber stimmt, dafür brauche ich einen neuen Besenstiel, ich muss heute beim Einkaufen daran denken.

Ich habe wie jeden Morgen beim Aufstehen meiner Mieze den Futternapf voll gemacht. Ihr Napf steht in der Küche neben der Wand und der Tür. Heute sieht das Wetter traumhaft aus. Die Küche ist um 08:00 von der Sonne gebadet. So wie die Tür. Als ich mich beugte, um den Napf zu füllen, habe ich gesehen, dass viele Katzenhaare zwischen der Wand und der Tür, die immer breit offen bleibt, hingen. Sie hat sehr lange Haare, die merkt man sofort. Warum hingen sie? Weil sie von einem Spinnennetz gehalten wurden. Ich habe hinter der Tür geschaut, ohne sie zu berühren, und ich habe einen Weberknecht[1] entdeckt. Genau dort, wo sich seit Wochen eine ganz kleine Spinne versteckt, und die ich mit meinem Staubsauger bis jetzt nicht entsorgen konnte, weil sie es schafft, sich jedes Mal in einem kleinen Loch zu verkriechen. Wahrscheinlich weil der Beutel voll ist, vielleicht habe ich mit dem neuen Beutel mehr Saugkraft. Die kleine Spinne habe ich am Spalt der Tür heute Morgen auch gesehen, sie lebt noch, beide scheinen, eine WG gebildet zu haben.

Ihr ahnt es hier schon, ich mag Spinnen nicht. Das ist ein Euphemismus. Ich leide unter einer starken Arachnophobie, seit meinen früheren Jahren, ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann es angefangen haben soll. Das ist auch der Grund, warum ich einen neuen Besenstiel kaufen muss. Als ich mich das letzte Mal um den Kater meiner Vermieterin gekümmert habe, wollte ich ihn morgens nach dem Frühstück in den Garten raus lassen. Die Hand war fast auf dem Griff der Tür, als ich direkt nebenan an der Wand einen Weberknecht gemerkt habe. Starrwettbewerb, bis eine sich bewegt. Die Spinne hat gewonnen, ich bin erstmal die vier Etagen zu meiner Wohnung hoch geflüchtet, ohne den Kater raus zu lassen. Ich habe meinen Waschbesen demontiert und bin mit dem Besenstiel bewaffnet zurück in die Praxis gekommen. Dabei hatte ich das Schraubloch des Stiels beschädigt, der war aber schon so alt, dass es nicht schlimm war. Die Spinne hatte sich in der Zeit zur Decke weg bewegt, ich habe den Kater raus gelassen, und den Besenstiel für die Abwesenheitsdauer meiner Vermieterin in der Praxis gelassen. Er ist aber doch nicht zum Einsatz gekommen.

Ich könnte auch die Spinne in der Küche lassen? Nein, kommt nicht in Frage. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich es nicht machen sollte. Als ich für mein Diplom-Jahr in Lothringen war, hatte ich eine kleine Dachwohnung in der Nähe der Uni gemietet. Und eines Abends gab es neben dem Becken in der Küche einen Weberknecht. Ich habe die Stelle vermieden und bin ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen war meine Nase unten am linken Nasenloch plötzlich stark angeschwollen, schmerzte und fühlte sich ganz warm an. Man merkte es nicht sofort, aber wenn ich den Kopf stark nach oben gedreht hatte, sah man eine rote ausgedehnte Stelle. Und der Weberknecht war tatsächlich über Nacht von der Küche zum Schlafzimmer gewandert. Er muss dabei auf meinem Gesicht gegangen sein. Meine Mami hatte mir erzählt, Spinnen machen beim Gehen Stichproben, um zu wissen, wo sie sich befinden, und ich muss an dieser Stelle eine allergische Reaktion gemacht haben.

Meine Kindheit enthält deswegen viele kleine Horrorgeschichten mit Spinnen, weil wir außerhalb eines kleinen Dorfes in einem Haus mit Garten wohnten. Trotz mehreren Katzen hat es immer Spinnen zu Hause gegeben. Und nicht nur die Weberknechte, auch die dicken schwarzen Spinnen mit haarigen Beinen, und auch welche, die ich in Deutschland nie gesehen habe, aber im warmen Südfrankreich wohl, große dünne Spinnen mit gelben oder orangenen Streifen am Körper und an den Beinen[2]. Als mein kleines Brüderchen um die 16 Jahre alt war, ist er von einer diesen farbigen Spinnen am Bein gestochen[3] worden. Mein Bruder war damals schon ein großer starker Bursche, mit 1m80 der größter von uns, und er ist eine Woche lang mit Fieber und mit einem im Volumen verdoppelten Bein im Bett geblieben. Aber das hat mit meiner Phobie nichts zu tun, ich habe schon Angst vor Spinnen gehabt, bevor meine beiden Geschwister zur Welt kamen. Das gruseligste, das ich je erfahren habe, war bei meinem allerersten Freund. Eines Sommermorgens bin ich aufgestanden und habe meine weiße Bluse, die am Boden lag, angezogen, während mein Freund schon mit seinen Eltern am Frühstücken war. Unmittelbar danach habe ich ein breitflächiges sanftes Streichgefühl am rechten Arm gespürt. Ich habe sofort als instinktive Reaktion mit der linken Hand den Arm entlang gefegt, und etwas Großes und Schwarzes ist buchstäblich geflogen und auf dem Bett gelandet. Eine dieser großen ekelhaften schwarzen Spinnen. Es war gut 18 Jahre her, ich kann aber immer noch nicht daran denken, ohne Gänsehaut und Schauder zu bekommen.

Ich könnte von zahlreichen Alpträumen erzählen, in denen ich mich umrandet von Spinnen befinde und nur versuche, die Flucht zu ergreifen. Zum Glück träume ich seit langem nicht mehr so häufig davon. Ich glaube, weil ich so wenig in Kontakt mit Spinnen komme, und das ist gut so. Ich habe während meiner Doktorarbeit einige Monate in einem Haus gewohnt, nachdem ich meine Wohnung am Kaiserplatz gekündigt hatte. Eine Freundin aus dem Deutschkurs bei der Volkshochschule musste umziehen und suchte gerade in dem Moment einen Nachfolger. Ich habe ihr also geholfen und bin hin gezogen. Es war ein Fehler. Das Haus war gerade am Rand des Waldes. Ich brauchte 40mn zu Fuß bis zum Institut, was ich als Gelegenheit für meine tägliche sportliche Bewegung betrachtet hatte. Leider war diese Wohnung von Spinnen infiziert. Es war eigentlich ursprünglich ein großer Keller, der in eine Wohnung umgewandelt wurde[4]. Auf der Höhe meiner Fensterbänke waren die Blumenbette des Gartens. Nicht ein Tag ohne Spinne. Die waren überall. Es war nicht selten, gleich zwei oder drei Weberknechte an der Wand im Flur zu finden, wenn ich abends nach der Arbeit zurück kam. Ich habe schon mal morgens nicht geduscht, weil eine große dicke schwarze Spinne aus dem Abfluss wieder hoch kam. Ich habe mich danach daran gewöhnt, jeden Morgen einen Topf mit heißem Wasser in den Abfluss zu gießen, bevor ich duschen gehe. Ich bin sehr schnell wieder ausgezogen.

Meine nächste Wohnung war im Erdgeschoss in einem sehr großen Wohngebäude in der Stadt. Es gab dort auch Spinnen, nur von weitem nicht so viele. Eine hat aber dafür gesorgt, dass ich am Tag vor meiner Doktorprüfung mir fast ein Bein hätte brechen können. Ich kam wie jeden Morgen aus der Dusche raus. Mit nassen Füßen auf dem glatten Kachelboden habe ich mein Handtuch genommen und mich hinein gehüllt. Plötzlich habe ich eine Bewegung auf dem Tuch auf meiner Schulter wahr genommen. Ein Weberknecht. Schrei, Tuch weg geworfen, Gleichgewicht verloren, auf dem Boden gerutscht und auf dem Po brutal gelandet, den Waschbecken mit dem Kopf gerade nicht getroffen, zum Glück nichts passiert, aber es war knapp. Mein Doktorvater dachte, er könnte mir helfen, meine Angst von Spinnen zu bewältigen. Nach der Prüfung hat er mir ein großes Bilderbuch über Spinnen geschenkt, mit der Idee, dass ich nicht mehr Angst hätte, wenn ich mehr über sie erfahre und ihre Schönheit sehen würde. Alles vergebens. Das habe ich als Kind schon alles probiert. Ich hatte mich gezwungen, Spinnen beim Einweben von ihren Beuten oder beim Bauen von Netzen zu beobachten. Interessant, wenn man das Ganze emotionslos betrachten kann, aber die lahm legende panische Angst ist nicht verschwunden. Das Buch ist seit zehn Jahren in zwei dicken Stofftüten in einer Schublade versteckt, ich habe nie drin geblättert.

[1] Linguee ist cool. Ich habe in Google einfach nach „linguee“ und „opilion“ gesucht, und so konnte ich gewährleisten, dass keine Bilder im Ergebnis angezeigt werden. Brrr.
[2] Interessanterweise haben wir in Südfrankreich auch viele kleine schwarze Skorpione. Die haben sich ab und zu ins Haus geschlichen. Ich habe aber nie Angst vor Skorpione gehabt, und habe sie für meine Mami weg in den Garten gebracht, weil sie große Angst vor Skorpione hat. Einmal hatte ein Skorpion sogar Babys im Haus bekommen. Die waren so süüüß!
[3] Gestochen? Gebissen? Mir egal. Auf jeden Fall nicht angenehm.
[4] Die Besitzer wohnten oben, ein älteres Paar von Architekten in Rente, die die Einnahme aus der Wohnung bei der Steuererklärung wahrscheinlich nicht angegeben hatten, weil sie immer darauf bestanden hatten, dass ich die Miete bar bezahle.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

6 Gedanken zu “Spinnen

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