Meine Oma

Ich meine hier die Mutter meines Vaters. Als kleines Kind habe ich immer Angst vor ihr gehabt. Sie hat immer sehr laut geredet, ganz typisch die italienische Mama, selbst wenn sie nicht aus Italien kommt sondern aus Malta – mit meinem Opa hat sie häufig auf Italienisch geredet. Was mich immer gestört hatte war, wie sie mich begrüßt hatte. In Frankreich ist man es gewöhnt, sich zur Begrüßung auf die Wange zu küssen; sie musste aber immer „nasse Küsschen“ machen, was ich sehr eklig fand. Sie hat, wie meine zweite Oma, sieben Kinder zur Welt gebracht. Bei ihr zu Hause herrschte häufig Chaos, wenn viele anwesend waren. Es war immer laut, es hat immer Streitereien gegeben, die Leute haben sich häufig beschimpft und geschlagen… Mir hat es nie gefallen, dort zu Besuch zu sein, ich bin viel zu ruhig im Verhalten. Und die Kakerlaken haben mich geekelt, es war dort eine Plage. Das alles erklärt sicherlich, warum ich als junge Erwachsene nie alleine zu Besuch zu ihr gegangen bin. Ich habe sie während der Uni nur gesehen, wenn meine Eltern sie bei ihren häufigen Aufenthalten in Krankenhäusern besucht haben. Sie musste immer häufiger hin, weil sie mit Diabetes erkrankt war, sich aber nie um ihre Diät gekümmert hatte. Bei unseren letzten Besuchen, nach dem Tod ihres Mannes, ging es ihr so schlecht, dass sie sehr leise gesprochen hatte und meinen Vater nicht mehr erkannt hatte. Sie tat mir dann wirklich leid. Wenn wir in das Zimmer gekommen sind, hat sie immer gefragt, wer die ganzen Leute waren, und mein Vater musste sie zuerst beruhigen, ihr sagen, „ich bin dein Sohn“, und musste uns ihr neu vorstellen. Das ist bestimmt sehr hart für ihn gewesen. Danach bin ich nach Deutschland gekommen, und habe sie so gut wie gar nicht mehr gesehen, so häufig bin ich nicht heim gefahren. Es ging auch so schnell…

Ich war schon seit einem Jahr in Deutschland, als ich ein seltsamer Traum nachtsüber hatte. Ich hatte mich am Tag davor mit meinem Freund Stefan gestritten.

Wir waren abends bei Stefans Freunden in Düsseldorf zu Besuch. Mitten im Abendessen habe ich mich plötzlich nervös gefühlt und das starke Bedürfnis gespürt, meine Oma zu besuchen, weil sie mich dringend gerufen hatte. Ich habe meinen Freunden gesagt, ich müsste gleich weg. Ich war verwirrt, weil ich den Weg nicht kannte, ich bin in der dunklen Stadt blind rumgelaufen und habe Passanten nach dem Weg nach Tunesien gefragt, und plötzlich bin ich zu ihrem früheren Haus in Tunesien transportiert worden. Es war tagsüber, die Sonne schien sehr stark und um das Haus sah ich nur Sand. Als ich reingekommen bin hat mich meine Oma begrüßt; einige Onkel waren auch dabei, sowie die Schwester meiner Oma. Meine Oma hatte wieder ihre ganz laute Stimme und nasse Küsschen, so dass ich mich wieder wie ein kleines Kind gefühlt hatte und verängstigt war. Das hat sie geärgert, sie hat mich gefragt, warum ich ihr nicht auf Wiedersehen sagen wollte. Ich bin aus dem Haus raus gegangen und habe im Garten an einem Baum gesehen, wie die Leiche meines Opas an einem Seil baumelte. Das Bild fand ich gruselig. Ich wollte zurück nach Deutschland und bin in diesem Moment aufgewacht.

Es war drei Uhr morgens. Dieser Traum hat mir ein komisches Gefühl hinter gelassen. Zum einen war es nie vorgekommen, dass ich von meiner Oma träumte, und der Traum war wirklich komisch. Von Tunesien hatte ich auch nie geträumt, wenigstens nie, dass es mir in Erinnerung geblieben ist, ich war nie in Tunesien, aber mein Vater ist dort geboren. Zum anderen hatte ich beim Aufwachen nur vor Kälte gezittert, weil meine Arme nicht mehr unter der Decke waren, obwohl ich sonst immer schön eingekuschelt im Bett liege. Ich habe lange gebraucht, um wieder einzuschlafen.

Am nächsten Tag, ein Samstag, musste ich mit Stefan genau zu den Freunden aus meinem Traum fahren. Kurz bevor er mich bei meiner Wohnung abgeholt hat, hat mein Telefon geklingelt. Als ich dran ging, war mein Vater am Telefon, und er erzählte mir, dass meine Oma um die drei Uhr morgens im Krankenhaus gestorben war. Das war ein Schock, vor allem, weil ich den Traum noch im Kopf hatte, und ich konnte nur noch am Telefon weinen. Ich habe mich mies gefühlt, weil ich dachte, ich hätte mich nicht richtig von meiner Oma verabschiedet. Ich weiß, dass Skeptiker sagen, dass man häufiger als man denkt träumt, dass man sich von Leuten verabschiedet, blablabla… Aber ich hatte mit meiner Oma so wenig zu tun, dass ich sonst nie von ihr geträumt hatte. Und das mit der Uhrzeit ist eine zu große Koinzidenz gewesen. Also denke ich, dass meine Oma beim Sterben wirklich versucht hatte, sich von ihrer ganzen Familie zu verabschieden, und ich im Geist tatsächlich zu ihr gegangen bin. Egal was anderen denken. Und obwohl ich das vor dem Traum für unsinnig gehalten hätte.

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3 Gedanken zu “Meine Oma

  1. […] Ich war gestorben. Wie spielte keine Rolle mehr. Meine Mutter war mit mir. Wir waren in einem Raum. Ein Wohnzimmer mit vielen Möbeln und Dekorationen. Dunkel rot. Es war nachts, eine schwache Glühbirne erhellte ein wenig den Raum. Eine Atmosphäre, in der ich mich unwohl fühle. Es erinnerte mich am Wohnzimmer meiner Oma. […]

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