Geschichte einer Homepage

Dass die Homepage mal aufgefrischt werden sollte, wussten wir am Institut schon lange. Sie wurde vor etwa fünfzehn Jahren erstellt und viele Informationen drin sind längst nicht mehr aktuell. Damals hatten sich zwei Studenten, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter und unsere Sekretärin um das neue Design gekümmert, es war die Zeit, als es so cool war, Frames zu benutzen – heute wirkt es wie die Vorgeschichte von Internetseiten. Für die Aktualisierung des Inhaltes ist unsere Sekretärin zuständig. Ankündigungen für Vorträge waren immer aktuell, wir haben aber jede Menge Lehrveranstaltungen für Studenten noch drin behalten, die wir längst nicht mehr anbieten, oder bei denen die zuständigen Dozenten entweder nicht mehr bei uns arbeiten, oder sogar in einem Fall seit einigen Jahren gestorben ist. Und das obwohl wir es bei unserer Sekretärin mehrmals bemängelt haben.

Vor einigen Jahren hat unsere Universität ein neues Design für ihren Internetauftritt bekommen. Es hieß, man sollte sich dem „Corporate Design“ anpassen und Institute wurden dazu eingeladen (aber nicht gezwungen), mit Hilfe des neu entwickelten CMS und des Webteams ihre Webseiten neu zu gestalten. Wir hatten uns damals also an das Webteam gewandt und uns wurde versichert, dass sie eine neue Webseitenstruktur für uns sobald wie möglich bereit stellen würden, bei der wir uns nur noch um den Inhalt kümmern sollten. Jahre vergingen. Mit meinen Lehrpflichten und Forschungsarbeit hatte ich die Folgen dieses Treffen mit dem Webteam nicht mitbekommen. Es war auch nicht meine Aufgabe und ich hatte gedacht, wenn sich etwas tut, würde sich unsere Sekretärin melden. Ich hätte auch jeden Fall mitgemacht, um neue IT-Kompetenzen zu erwerben und mich bei späteren Bewerbungen besser zu verkaufen. Ich habe ab und zu nachgefragt, ob vom Webteam etwas Neues zu hören gewesen war und habe vorgeschlagen, sich dort zu informieren, wie der Stand war – das wollte unsere Sekretärin aber nicht machen, da sie uns schon gesagt hatten, dass sie an unsere Homepage arbeiten würden. Zwischendurch habe ich neben meiner Tätigkeit eine beratende Funktion an der Uni angenommen und habe selber dafür eine Homepage mit dem gleichen CMS gestaltet. Als ich nach dieser Tätigkeit wieder Vollzeit zum Institut kam, waren schon zwei Jahre vergangen. Da sich für unsere Homepage nichts geändert hatte, habe ich selber die Initiative ergriffen und eine Email an unseren damaligen Gesprächspartner beim Webteam geschrieben, mit dem Leiter des Teams im CC, wo ich fragte, wie weit sie seit den mehr als zwei Jahren mit unserer Homepage fortgeschritten waren. Da kam die Antwort, dass sie bedauerlicherweise unseren Fall völlig vergessen hatten und sich entschuldigten. Wir haben zu viert, die Sekretärin, die adipöse Assistentin, ein Doktorand und ich, einen neuen Termin mit einer frisch diplomierten Frau beim Webteam vereinbart. Die Struktur für die Homepage wurde dann schnell bereit gestellt und wir konnten daran offline arbeiten.

Wir haben uns also zu viert die Arbeit geteilt. Mein Teil wurde schnell erledigt, der vom Doktoranden auch. Bei den zwei anderen haben wir sehr lange gewartet. Als sich nach ein paar Monaten nichts geändert hatte und ich arbeitslos wurde, habe ich selber den Teil der Sekretärin und der Assistentin übernommen. Die Assistentin: „Mir war nicht klar, dass ich etwas machen musste“, ich denke, sie hat sich vom Institut aus noch nie ins CMS eingeloggt. Die Sekretärin: „Toll, dass du die ganze Arbeit gemacht hast“. Immerhin. Ich habe dann alle darum gebeten, dass sie den Inhalt genau prüfen und gegeben falls korrigieren. Ich weiß, dass ich den Teil über die Geschichte des Instituts aktualisiert hatte, und mich genervt nicht nett gegenüber unserer Fakultät geäußert hatte, weil sie uns vor kurzem eine Professur weg genommen hatten, als der Institutsleiter in Rente ging, und noch vor hatten, andere Stellen bei uns abzukassieren. Bearbeitungsbedarf im Text war also da. Nachdem alle letzten Korrekturen gemacht wurden, habe ich mich im Dezember an das Webteam erneut gewandt und geschrieben, dass sie die Homepage online umschalten konnten, nachdem einige Probleme beseitigt wären – z.B. Zugriffsverweigerung auf Beispielseiten, die die Frau für uns erstellt hatte, bei denen sie aber die Rechte nicht richtig gesetzt hatte, oder die Veröffentlichungsliste, die doch eine andere Struktur bekommen sollte.

Ich habe gewartet, vielleicht war die Frau schon im Urlaub, und habe mich weiter um meine Bewerbungen gekümmert. Einen Beitrag für eine Fachtagung wollte ich auch vorbereiten, um den Kontakt mit anderen Kollegen wieder aufzufrischen. Es hat sich auch gelohnt, ich habe spontan durch einen früheren Kollegen ein Vorstellungsgespräch bei der Tagung gemacht, wobei ich mich frage, ob es wirklich etwas bringen wird. Der erste Verantwortlicher für die Stelle wirkte sehr interessiert, aber ich fand den zweiten Mann sehr hochnäsig und unangenehm – wie er sich verhalten hat, immer stur geradeaus über meinem Kopf zu schauen (so groß ist er) und zu reden, ohne mich überhaupt anzuschauen, habe ich eher den Eindruck bekommen, dass er eine spontane starke Antipathie gegen mich entwickelt hat. Ich habe meinen Lebenslauf trotzdem geschickt, aber ich erwarte da nichts. Nach der Tagung habe ich mich gefragt, wie es mit der Homepage ging, es waren schon über drei Monate vergangen. Da die Frau an meiner Email gar nicht geantwortet hatte, habe ich sie angerufen. Mit der Frage, ob sie meine Email bearbeitet hatte. „Welche Email?“ „Die vom 6. Dezember.“ „Ach so, am Nikolaustag! Nein, ich habe an dem Tag keine Email von Ihnen bekommen.“ Wie konnte sie das so schnell sagen, ohne sich die Zeit zu nehmen, in ihrem Postfach zu schauen? Es riecht nach verschlampter Arbeit. Ich habe ihr also noch mal den Inhalt der Email erläutert, die ich vor den Augen hatte. Sie sagte, sie würde es gerne machen, aber die Uni würde in Kürze ein neues CMS anbieten, für die paar Monate würde es sich nicht mehr lohnen. Nachdem ich sie daran erinnert hatte, dass wir nun schon über drei Jahren den Antrag auf die neue Homepage gestellt hatten und sie frech implizierte, dass wir schuld daran gewesen wären, so lange gewartet zu haben, hat sie doch zugestimmt, die Homepage online bereit zu stellen. Dabei ist sie auf Kleinigkeiten gestoßen und hat mich darum gebeten, die Probleme zu beseitigen – ich wiederhole, ich bin arbeitslos und mache das nur noch ehrenamtlich, weil ich bei Vorstellungsgesprächen in der Lage sein will zu sagen, dass ich an der Homepage gearbeitet habe. Ich habe nach der Bearbeitung der Kleinigkeiten der Frau gesagt, dass sie meine Email-Adresse am Institut nicht mehr benutzen soll, da ich dort nicht mehr arbeite, sondern die webmaster@…, die wir extra für die Homepage eingerichtet haben und die auf jeder Seite in der Fußzeile steht. Tja, heute hat sie mich wieder persönlich angeschrieben, weil sie nicht mehr wusste, wie die Veröffentlichungsliste behandelt werden sollte. Allerdings knapp und so formuliert, als ob es mein Fehler gewesen wäre: „ich habe gerade gesehen, dass die Publikationen noch doppelt vorhanden sind“, und das war’s schon. Ja, blöde Kuh, die zweite Seite mit der neuen Struktur hat sie doch selber angelegt, damit ich den Inhalt der alten Seite drauf kopieren kann bevor sie sie löscht. Sie hat anscheinend große Schwierigkeiten damit, sich den Inhalt von Telefongesprächen zu merken. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauern wird, bis die neue Homepage endlich online zugänglich ist.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.

Werbeanzeigen

Meine Oma

Ich meine hier die Mutter meines Vaters. Als kleines Kind habe ich immer Angst vor ihr gehabt. Sie hat immer sehr laut geredet, ganz typisch die italienische Mama, selbst wenn sie nicht aus Italien kommt sondern aus Malta – mit meinem Opa hat sie häufig auf Italienisch geredet. Was mich immer gestört hatte war, wie sie mich begrüßt hatte. In Frankreich ist man es gewöhnt, sich zur Begrüßung auf die Wange zu küssen; sie musste aber immer „nasse Küsschen“ machen, was ich sehr eklig fand.

Sie hat, wie meine zweite Oma, sieben Kinder zur Welt gebracht. Bei ihr zu Hause herrschte häufig Chaos, wenn viele anwesend waren. Es war immer laut, es hat immer Streitereien gegeben, die Leute haben sich häufig beschimpft und geschlagen… Mir hat es nie gefallen, dort zu Besuch zu sein, ich bin viel zu ruhig im Verhalten. Und die Kakerlaken haben mich angeekelt, es war dort eine Plage. Das alles erklärt sicherlich, warum ich als junge Erwachsene nie alleine zu Besuch zu ihr gegangen bin.

Ich habe sie während der Uni nur gesehen, wenn meine Eltern sie bei ihren häufigen Aufenthalten in Krankenhäusern besucht haben. Sie musste immer häufiger hin, weil sie mit Diabetes erkrankt war, sich aber nie um ihre Diät gekümmert hatte. Bei unseren letzten Besuchen, nach dem Tod ihres Mannes, ging es ihr so schlecht, dass sie sehr leise gesprochen hatte und meinen Vater nicht mehr erkannt hatte. Sie tat mir dann wirklich leid. Wenn wir in das Zimmer gekommen sind, hat sie immer gefragt, wer die ganzen Leute waren, und mein Vater musste sie zuerst beruhigen, ihr sagen, „ich bin dein Sohn“, und musste uns ihr neu vorstellen. Das ist bestimmt sehr hart für ihn gewesen. Danach bin ich nach Deutschland gekommen, und habe sie so gut wie gar nicht mehr gesehen, so häufig bin ich nicht heim gefahren. Es ging auch so schnell…

Ich war schon seit einem Jahr in Deutschland, als ich ein seltsamer Traum nachtsüber hatte. Ich hatte mich am Tag davor mit meinem Freund Stefan gestritten.

Wir waren abends bei Stefans Freunden in Düsseldorf zu Besuch. Mitten im Abendessen habe ich mich plötzlich nervös gefühlt und das starke Bedürfnis gespürt, meine Oma zu besuchen, weil sie mich dringend gerufen hatte. Ich habe meinen Freunden gesagt, ich müsste gleich weg. Ich war verwirrt, weil ich den Weg nicht kannte. Ich bin in der dunklen Stadt blind rumgelaufen und habe Passanten nach dem Weg nach Tunesien gefragt, und plötzlich bin ich zu ihrem früheren Haus in Tunesien transportiert worden. Es war tagsüber, die Sonne schien sehr stark und um das Haus sah ich nur Sand. Als ich reingekommen bin hat mich meine Oma begrüßt; einige Onkel waren auch dabei, sowie die Schwester meiner Oma. Meine Oma hatte wieder ihre ganz laute Stimme und nasse Küsschen, so dass ich mich wieder wie ein kleines Kind gefühlt hatte und verängstigt war. Das hat sie geärgert, sie hat mich gefragt, warum ich ihr nicht auf Wiedersehen sagen wollte. Ich bin aus dem Haus raus gegangen und habe im Garten an einem Baum gesehen, wie die Leiche meines Opas, der Jahre zuvor verstorben war, an einem Seil baumelte. Das Bild fand ich gruselig. Ich wollte zurück nach Deutschland und bin in diesem Moment aufgewacht.

Es war drei Uhr morgens. Dieser Traum hat mir ein komisches Gefühl hinter gelassen. Zum einen war es nie vorgekommen, dass ich von meiner Oma träumte, und der Traum war wirklich komisch. Von Tunesien hatte ich auch nie geträumt, wenigstens nie, dass es mir in Erinnerung geblieben ist, ich war nie in Tunesien, aber mein Vater ist dort geboren. Zum anderen hatte ich beim Aufwachen nur vor Kälte gezittert, weil meine Arme nicht mehr unter der Decke waren, obwohl ich sonst immer schön eingekuschelt im Bett liege. Ich habe lange gebraucht, um wieder einzuschlafen.

Am nächsten Tag, ein Samstag, musste ich mit Stefan genau zu den Freunden aus meinem Traum fahren. Kurz bevor er mich bei meiner Wohnung abgeholt hat, hat mein Telefon geklingelt. Als ich dran ging, war mein Vater am Telefon, und er erzählte mir, dass meine Oma um die drei Uhr morgens im Krankenhaus gestorben war. Das war ein Schock, vor allem, weil ich den Traum noch im Kopf hatte, und ich konnte nur noch am Telefon weinen. Ich habe mich mies gefühlt, weil ich dachte, ich hätte mich nicht richtig von meiner Oma verabschiedet. Ich weiß, dass Skeptiker sagen, dass man häufiger als man denkt träumt, dass man sich von Leuten verabschiedet, und so weiter… Aber ich hatte mit meiner Oma so wenig zu tun, dass ich sonst nie von ihr geträumt hatte. Und das mit der Uhrzeit ist eine zu große Koinzidenz gewesen. Also denke ich, dass meine Oma beim Sterben wirklich versucht hatte, sich von ihrer ganzen Familie zu verabschieden, und ich im Geist tatsächlich zu ihr gegangen bin. Egal was anderen denken. Und obwohl ich das vor dem Traum für unsinnig gehalten hätte.


Dieser Beitrag ist ursprünglich auf Meckereien & Co. erschienen.